Während eines Praktikums an einer Schule für Erziehungshilfe in einer 1./2. Klasse, welches ich im Rahmen meines Studiums absolvierte, erlebte ich zum ersten Mal hautnah sogenannte "hyperaktive Kinder". Ich hatte zuvor zwar ein Seminar zur Hyperaktivität belegt und konnte deshalb auf ein Grundwissen zurückgreifen, was es jedoch bedeutet, mit diesen Kindern zu arbeiten und vor allem, was es für diese Kinder bedeutet, mit uns arbeiten zu müssen, wurde mir erst nach und nach im realen Zusammensein mit ihnen bewußt. Da sich das Praktikum insgesamt über einen Zeitraum von mehr als eineinhalb Jahren hinzog, erlebte ich die Schüler innerhalb verschiedener Perioden. Ich bemerkte unter anderem, wie sich die Einnahme von Ritalin auf ihr Verhalten auswirkte.
Besonders bei einem Schüler empfand ich die Wirkung des Medikaments als unglaublich heftig. Der sonst lebhafte und deshalb für Eltern und Lehrer anstrengende Junge war die ersten Stunden des Morgens wie weggetreten, wirkte völlig apathisch und wie paralysiert.
Der Zustand dieses Jungen hat mich sehr entsetzt und ich verstand nicht, was ihm die Einnahme dieses Medikament eigentlich Positives geben sollte?
Aus diesem Grund fing ich an, mich mehr mit dem Hyperkinetischen Syndrom und seinen Therapieformen zu befassen. Durch Zufall stieß ich dabei auf ein Buch der Ergotherapeutin Rega Schaefgen: "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom - Eine Form der sensorischen Integrationsstörung".
Beim Lesen dieses Buches erfuhr ich zum ersten Mal von der Attention-Deficit-Disorder (ADD), wobei Schaefgen hier den Begriff Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) ohne Hyperaktivität benutzt. Bei der Symptombeschreibung fielen mir spontan ein Schüler aus meiner Praktikumklasse und auch zwei Kinder aus dem Bekanntenkreis ein, auf die eine solche Diagnose möglicherweise zutreffen könnte.
Diese Tatsache machte mich sehr nachdenklich.
Ich hatte bisher weder im Rahmen meines Studiums noch anderswo jemals etwas von der ADD gehört und wenn ich mich nicht näher mit Hyperaktivität befaßt hätte, wäre dies so rasch sicherlich auch nicht geschehen- und doch fielen mir spontan drei Kinder ein, die möglicherweise ADD haben könnten?
Die auffälligen, lebhaften Störenfriede und Zappelphilippe waren es, die meine Aufmerksamkeit erregt hatten, ihretwegen hatte ich mich näher mit dem ADS befaßt und über ihre Störung hatte ich mehr erfahren wollen.
Inhaltsverzeichnis
1.0. Begriffsdefinition und -entwicklung
2.0. Fallbeispiel
2.1. Fazit
3.0. Symptomatik
3.1. DSM-IV : Diagnostic and Statistical Manual of the American Psychiatric Association, 1994
3.2. Impulsivität, Unaufmerksamkeit und Konzentrationsunbeständigkeit
3.3. "Sekundärsymptome"
3.4. Der Verlauf der ADD in den verschiedenen Lebensphasen
3.4.1. ADD im Säuglings-und Kleinkindalter
3.4.2. ADD bei Schulkindern
3.4.3. ADD in der Pubertät
3.4.4. ADD im Erwachsenenalter
4.0. Ursachen
4.1. Ursachen in Familie, Erziehung und Lebenswelt des Kindes
4.1.1. Umweltverschmutzung
4.2. ADS als Folge von Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Ernährungsfehlern und Allergien
4.3. Biologische Ursachen
4.3.1. Neuro-physiologische Grundlagen
4.3.1.1. Nervenzellen
4.3.1.2. Entwicklungs- und Funktionsstörungen des Gehirns
4.3.1.3. Das Zentralnervensystem
4.3.1.4. Funktionsweise des ZNS
4.3.1.5. Bereiche der Sensorischen Integration und ihre neuro-physiologischen Grundlagen
4.3.1.6. Reizfilterung
4.3.1.7. Erregungslevel im ZNS
4.3.2. Biologische Ursachen im Bereich des Gehirns und Nervensystems
4.3.2.1. Neuroanatomische Hypothesen
4.3.2.2. Biochemische Hypothesen
4.3.2.3. Weitere biologische Hypothesen
4.4. Vererbte genetische Merkmale
4.5. Zusammenfassung und Fazit
4.5.1. Das funktionelle Verstehen der Symptomatik
5.0. Diagnostik
5.1. Anamnese der Krankheits- und Lebensgeschichte des Kindes
5.1.1. Leistungen in der Schule
5.1.2. Beobachten des Kindes im Alltag
5.2. Tests, Skalen und Fragebögen
5.3. Psychologische Beurteilung
5.4. Klinische und ärztliche Untersuchung
6.0. Therapieformen
6.1. Medikamentöse Behandlung des ADD
6.1.1. Stimulantien
6.1.2. Antidepressiva
6.1.3. Ausblick
6.2. Ergotherapeutische und mototherapeutische Behandlungskonzepte
6.2.1. Vom Problem zur Therapie
6.2.2. Sensorische Integrationstherapie nach Ayres
6.2.2.1. Beispiel: Verbesserung der Bewegungs- und Körperwahrnehmung
6.2.2.2. Sensorische Integration im Dialog
6.2.3. Alertprogramm nach Sue Williams
6.2.4. Somationstechnik mit Gelenkapproximation nach Zisi
6.2.5. Zusammenfassung und Relativierung
6.3. Umstellen der Ernährung
6.4. Psychotherapeutische Behandlungsverfahren
6.4.1. Verhaltenstherapie
6.4.1.1. Konzentrationstrainingsprogramm (KTP) nach Ettrich
6.4.1.2. Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern nach Lauth /Schlottke
6.4.2. Spieltherapie
6.5. Therapieziele
7.0. Pädagogische Interventionen
7.1. Der Umgang mit dem ADD-Kind zuhause
7.1.1. Verbesserte Eltern-Kind-Interaktion nach THOP
7.2. Der Umgang mit dem ADD-Kind in der Schule
7.3. Sensorische Diät nach Pat Willbarger
7.4. Individuelle Förderung
7.4.1. Die Hunter und Farmer -Theorie nach Thom Hartmann
7.4.2. ADS- Kinder - rechtshemisphärisch?
8.0. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Symptombild der Attention-Deficit-Disorder (ADD) ohne Hyperaktivität bei Kindern, mit dem Ziel, ein tieferes Verständnis für diese oft verkannte Erscheinungsform des ADS zu schaffen und konkrete therapeutische sowie pädagogische Interventionsmöglichkeiten aufzuzeigen.
- Phänomenologische Beschreibung der ADD als Erscheinungsform des ADS.
- Biologische und neurophysiologische Ursachenforschung.
- Diagnostik und differenzierte Therapieformen.
- Pädagogische Interventionsstrategien im Elternhaus und in der Schule.
- Reflektion über gesellschaftliche Normen im Umgang mit ADD-Kindern.
Auszug aus dem Buch
Die Hunter und Farmer -Theorie nach Thom Hartmann
Der amerikanische Psychotherapeut Thom Hartmann vertritt nicht nur die These, daß das ADS erblich bedingt sei (siehe 4.4. Vererbte genetische Merkmale) und genetische Ursachen habe, sondern er geht davon aus, dieses Syndrom könne ein Relikt aus der Zeit von vor 200 000 Jahren sein, in der wir Menschen noch Jäger und Sammler (Hunter) waren. Bei der Suche nach Nahrung mußten Jäger und Sammler sich ständig vor Gefahren schützen und sie rechtzeitig bemerken.
"Dafür brauchten sie eine breitgestreute Aufmerksamkeit, schnelles Reaktionsvermögen und die Bereitschaft, sich auf riskante Abenteuer einzulassen. Das waren damals keine Defizite, sondern Talente, die zum Überleben notwendig waren. Mit zunehmender Seßhaftigkeit waren diese Eigenschaften weniger gefragt. Hartmann unterscheidet daher zwischen Jägern und Farmern. ,,Farmer" sind im Gegensatz zu den "Jägern" geduldig, angepaßt vorsichtig, ertragen langfristige Anstrengungen und langweilen sich nicht so leicht."
Zusammenfassung der Kapitel
1.0. Begriffsdefinition und -entwicklung: Erläutert die komplexe Begriffsgeschichte und die verschiedenen medizinischen Einordnungen des ADS/ADD-Spektrums.
2.0. Fallbeispiel: Ein Interview mit der betroffenen Irina verdeutlicht den persönlichen Leidensweg und die Schwierigkeiten vor und nach der Diagnose.
3.0. Symptomatik: Beschreibt die klinischen Merkmale, die DSM-IV Kriterien und den Verlauf der ADD durch verschiedene Lebensphasen.
4.0. Ursachen: Analysiert verschiedene Hypothesen, von Umweltfaktoren über neurophysiologische Grundlagen bis hin zu genetischen Veranlagungen.
5.0. Diagnostik: Detaillierte Darstellung des diagnostischen Prozesses unter Einbeziehung von Anamnese, psychologischer Beurteilung und ärztlicher Untersuchung.
6.0. Therapieformen: Übersicht über medikamentöse Behandlung, ergotherapeutische Konzepte und psychotherapeutische Verfahren.
7.0. Pädagogische Interventionen: Konkrete Handlungsempfehlungen für Erziehende und Lehrer zur Unterstützung von Kindern mit ADD im Alltag und in der Schule.
8.0. Schlußbetrachtung: Reflektiert die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Umdenkens und einer multimodalen Unterstützung für betroffene Kinder.
Schlüsselwörter
ADD, ADS, Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität, Neurophysiologie, Diagnostik, Therapieformen, Ergotherapie, Sensorische Integration, Pädagogische Interventionen, Schulalltag, genetische Merkmale, Hunter und Farmer Theorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der Aufmerksamkeits-Defizit-Disorder (ADD) als eine Erscheinungsform des ADS ohne Hyperaktivität auseinander und beleuchtet deren Phänomenologie, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Begriffsdefinition, Ursachenhypothesen (biologisch/genetisch), Diagnostik, therapeutische Ansätze und pädagogische Handlungsmöglichkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Verständnis für ADD-Kinder zu fördern, die oft unter Stigmatisierung leiden, und Wege aufzuzeigen, wie Betroffene durch multimodale Ansätze besser unterstützt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine Literaturanalyse, verbindet diese mit eigenen Praxiserfahrungen und integriert ein leitfadenorientiertes Fallbeispiel.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Ursachen und Symptomen sowie einen umfangreichen Praxisteil mit diagnostischen und therapeutischen Strategien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen zählen Sensorische Integration, multimodaler Behandlungsansatz, Reizfilterung und die Hunter-und-Farmer-Theorie.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Stimulanzien wie Ritalin?
Die Autorin steht der medikamentösen Behandlung kritisch-abwägend gegenüber; sie erkennt den Nutzen an, warnt aber vor vorschneller Verschreibung und betont die Notwendigkeit therapeutischer Begleitung.
Welche besondere Bedeutung hat die "Hunter und Farmer-Theorie" in der Arbeit?
Sie dient als alternativer Erklärungsansatz, um die vermeintlichen Defizite von ADD-Kindern als natürliche Anpassung an ein "Jäger-Profil" umzudeuten und damit das Selbstbild der Kinder zu stärken.
- Quote paper
- Corinna Uhde (Author), 2000, Attention-Deficit-Disorder (ADD, Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom): Phänomenologie - Diagnostik - Therapie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14143