Verschiedene Teilaspekte und Blickpunkte der Moderne werden in dieser Aufsatzsammlung thematisiert. Mit Eisenstadt wird im ersten Aufsatz auf seinen Begriff der „multiple modernities“ eingegangen und verschiedene Dimensionen der Moderne aufgegriffen. Im zweiten Aufsatz wird mit Heins auf die zunehmende Emotionalisierung der Politik in der Moderne eingegangen, der der eigentlichen Rationalisierungstendenz der Moderne gegenüberzustehen scheint. Mit Foucault wird in einem weiteren Aufsatz die Frage Kants nach dem Wesen der Aufklärung erneut gestellt und in den Kontext der Moderne gesetzt. Im vierten Aufsatz wird über Baumann der Holocaust als brutale und menschenverachtende Schattenseite der Moderne thematisiert, der die Soziologie in Erklärungsnot bringt. Die schnelle funktionale Differenzierung der Gesellschaft und die damit einhergehende Komplexitätszunahme im Zuge der Moderne wird im fünften Aufsatz mit der Ökologie des Nichtwissens von Luhmann aufgenommen. Im sechsten und letzten Aufsatz wird wie zu Beginn der Aufsatzsammlung mit Bröckling erneut für eine multidimensionale Sichtweise auf die Moderne geschlossen. Sie steht damit allen Konzepten gegenüber, die versuchen, die die Moderne als einheitliches Konstrukt zu verstehen versuchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Diagnosen der Moderne
2. Eisenstadt – Die Vielfalt der Moderne: Von multiplen Modernen zum Ende der Moderne?
3. Heins - Politik und Emotion: Trennung oder Partnerschaft?
4. Grenzerfahrungen mit Foucault: Von der Aufklärung zur Haltung der Moderne
5. Baumann – Holocaust: Soziologie in Erklärungsnot
6. Luhmann - Ökologie des Nichtwissens: Ökologie der Unsicherheit?
7. (Selbst-)Regierungskunst: Synthese oder Widerspruch?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht verschiedene soziologische und politikwissenschaftliche Perspektiven auf die Moderne, um zu klären, ob diese als einheitliches Konstrukt verstanden werden kann oder ob sie durch eine Vielzahl an multiplen, sich widersprechenden Entwicklungstendenzen geprägt ist.
- Multiple Modernen und der Wandel der Staatlichkeit
- Das ambivalente Verhältnis von Politik und Emotion
- Foucaults Reflexion über Aufklärung und die Haltung der Moderne
- Die soziologische Auseinandersetzung mit dem Holocaust
- Systemtheoretische Betrachtung der Ökologie des Nichtwissens
- Subjektivierungsprozesse und das Paradox der Selbstregierung
Auszug aus dem Buch
4. Grenzerfahrungen mit Foucault: Von der Aufklärung zur Haltung der Moderne
„Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“27 Kant prägt mit diesem Ausdruck ein nachhaltiges Verständnis der Aufklärung als Befreiung von selbstverschuldeter Unmündigkeit. Befreiung impliziert darüber hinaus, dass Aufklärung mehr ist als nur ein Entwicklungsprozess. Sie ist in erster Linie eine mutige Handlung.28 Schließlich ist Unmündigkeit als ein Zustand zu beschreiben, in dem der eigene Wille durch andere Autoritäten in den Bereichen des Lebens bevormundet wird, in denen der Gebrauch der eigenen Vernunft gefordert ist.29 Dennoch gilt der Leitsatz Sapere Aude nicht bedingungslos. Stattdessen müsse nach Kant zwischen einer privaten und öffentlichen Sphäre getrennt werden, wenn es um den Gebrauch der Vernunft gehe.30 Nach Kant sei der Gebrauch der Vernunft auf das Öffentliche bezogen und sei nicht etwa mit Gewissensfreiheit gleichzusetzen.31
Etwa 200 Jahre später stellt Foucault die Frage erneut: Was ist Aufklärung? Wenngleich Kants Text schon zwei Jahrhunderte zurückliegt, erkennt Foucault in der sogenannten Reflexion auf das Heute einen neuartigen Charakter: So würde sich Kant von anderen Philosophen in der Hinsicht unterscheiden, als das er das typisch Neue seiner Epoche zur Grundlage seiner Analyse macht.32 In diesem Punkt sieht Foucault den Beginn für das, was er nachfolgend mit Baudelaire als Haltung der Moderne beschreibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diagnosen der Moderne: Diese Einleitung führt in die Komplexität der Moderne als Epoche ein und skizziert die verschiedenen theoretischen Blickpunkte, die in der Aufsatzsammlung behandelt werden.
2. Eisenstadt – Die Vielfalt der Moderne: Von multiplen Modernen zum Ende der Moderne?: Shmuel Eisenstadts Konzept der „multiple modernities“ wird analysiert, um aufzuzeigen, wie unterschiedliche kulturelle Ausprägungen das westlich geprägte Modernisierungsverständnis hinterfragen.
3. Heins - Politik und Emotion: Trennung oder Partnerschaft?: Dieses Kapitel untersucht das ambivalente Spannungsfeld zwischen rationalen politischen Entscheidungen und der zunehmenden Bedeutung von Emotionen in modernen Wahlkämpfen.
4. Grenzerfahrungen mit Foucault: Von der Aufklärung zur Haltung der Moderne: Anhand von Foucault wird die Aufklärungsfrage in den Kontext einer „Haltung der Moderne“ gesetzt, die nicht als zeitlich fixierte Epoche, sondern als kritisches Ethos verstanden wird.
5. Baumann – Holocaust: Soziologie in Erklärungsnot: Zygmunt Baumanns Kritik an der Soziologie wird erörtert, insbesondere seine These, dass der Holocaust kein Zivilisationsbruch, sondern Teil rationalisierter Bürokratisierungsprozesse war.
6. Luhmann - Ökologie des Nichtwissens: Ökologie der Unsicherheit?: Es wird Luhmanns systemtheoretische Sichtweise auf die moderne, in Funktionssysteme ausdifferenzierte Gesellschaft behandelt, sowie seine Mahnung zum bewussten Umgang mit Nichtwissen.
7. (Selbst-)Regierungskunst: Synthese oder Widerspruch?: Das abschließende Kapitel befasst sich mit Ulrich Bröcklings Theorie der Subjektivierung und arbeitet das Paradoxon zwischen Freiheit und Abhängigkeit in modernen Selbststeuerungsprozessen heraus.
Schlüsselwörter
Moderne, Multiple Modernen, Aufklärung, Soziologie, Rationalisierung, Holocaust, Systemtheorie, Nichtwissen, Subjektivierung, Politik, Emotion, Macht, Haltung der Moderne, Identität, Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema der Arbeit?
Die Arbeit analysiert kritische wissenschaftliche Diagnosen der Moderne aus soziologischer und politikwissenschaftlicher Sicht, insbesondere im Hinblick auf Zivilisationsprozesse und Identitätsbildung.
Welche Autoren werden primär diskutiert?
Im Zentrum stehen Theoretiker wie Shmuel Eisenstadt, Volker Heins, Michel Foucault, Zygmunt Baumann, Niklas Luhmann und Ulrich Bröckling.
Welches wissenschaftliche Ziel verfolgt der Text?
Ziel ist es, die Frage zu erörtern, ob die Moderne als einheitliches Konstrukt greifbar ist oder ob sie zwingend als ein Geflecht aus multiplen, teilweise widersprüchlichen Strukturen begriffen werden muss.
Wie definiert die Arbeit das Verhältnis von Politik und Emotion?
Das Werk zeigt auf, dass Politik und Emotion untrennbar miteinander verbunden sind, wobei Emotionen sowohl als manipulatives Instrument als auch als Basis für gemeinschaftliche Werte dienen können.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in sechs Einzelkapitel, die verschiedene Dimensionen wie die Vielfalt der Moderne, das Verhältnis von Emotion und Politik, Foucaults Ethos, die Holocaust-Problematik, Luhmanns Systemtheorie und Bröcklings Subjektivierungstheorie behandeln.
Welche Keywords fassen die Arbeit zusammen?
Zu den zentralen Begriffen zählen Moderne, Multiple Modernen, Systemtheorie, Subjektivierung, Rationalisierung und die kritische Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Warum spielt der Begriff der „Haltung“ bei Foucault eine so tragende Rolle?
Der Begriff der Haltung ersetzt bei Foucault das Korsett einer starren, zeitlich begrenzten Epoche durch die Anforderung an den Menschen, sich fortdauernd mit den Bedingungen der Gegenwart kritisch auseinanderzusetzen.
Inwiefern kritisiert Baumann die Soziologie?
Baumann wirft der Soziologie ein „Erklärungsvakuum“ vor, da sie den Holocaust lange als bloßen „Betriebsunfall“ der Geschichte missinterpretiert habe, anstatt ihn als direkte Folge rationalisierter bürokratischer Prozesse zu begreifen.
Was versteht man unter dem Paradox der Subjektivierung bei Bröckling?
Das Paradox beschreibt den Zustand des modernen Menschen, der einerseits nach Autonomie und Freiheit strebt, sich aber gleichzeitig in einem Netz aus externen und internen Steuerungsprozessen befindet, aus dem er nie vollständig entkommen kann.
Welche Rolle spielt das „Nichtwissen“ bei Luhmann?
Luhmann argumentiert, dass in einem hochkomplexen System, in dem absolute Sicherheit und vollständige Prognostizierbarkeit unmöglich sind, eine bewusste „Bereitschaft zur Kommunikation von Nichtwissen“ entscheidend für das Überleben der Zivilisation ist.
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- Tobias Hamm (Author), 2018, Diagnosen der Moderne. Ausgewählte Blickpunkte in Politik und Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1416640