Aufmerksamkeitsstörungen gehören zu den bedeutendsten psychiatrischen Störungen des Kindes- und Jugendalters. Aufgezeigt wird, wie selbstregulatorische Fähigkeiten helfen, Lernprozesse für Lernende mit einer ADS/ADHS-Diagnose effektiver zu gestalten. Dazu werden selbstregulatorische Fähigkeiten und Funktionen der Selbstregulation thematisiert sowie verschiedene Arten des Lernens, welche mithilfe der Selbstregulation möglich gemacht werden. Die Ergebnisse aus den vorgestellten Fördermaßnahmen lassen eine hohe Effektstärke für das Lernvermögen vermuten. Jedoch sind Rahmenbedingungen für Lernende mit ADS/ADHS zu klären, um eine effektive Förderung, zum Beispiel in Form eines Lerncoachings, zu gewährleisten.
Die Welt hat sich – vor allem durch die Vielfalt an Neuen Medien – verändert. Es ist unumstritten, dass ein Reizüberfluss an Informationen dazu bringt, dass Lernende mit einer Aufmerksamkeitsstörung die durch Medien erhaltenen Verhaltensmuster auf die Schule übertragen. So können im Unterricht Schüler:innen beobachtet werden, die unaufmerksam und unkonzentriert wichtige Informationen verpassen. Kinder und Jugendliche müssen dazu viele Anforderungen gleichzeitig bewältigen. Umso wichtiger ist es, dass Schüler:innen lernen, wie sie sich neues Wissen selbstständig aneignen können.
In integrativen Schulen arbeiten Schulische Heilpädagogen und Schulische Heilpädagoginnen. Diese Förderlehrpersonen sind primär für eine angemessene Förderung von Lernenden mit besonderem Bildungs- und Förderbedarf verantwortlich. Darüber hinaus unterstützen sie die Klasse als Ganzes im Umgang mit heterogenen Lerngruppen und haben eine beratende Rolle. Auch wenn diese Ressourcen bestehen, wird in der Praxis der Fokus viel mehr auf Lernpläne und Leistung gesetzt. So finden sich Lernende mit einer hohen Anzahl an Aufgaben und Themen, die sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bewältigen müssen, allein. Häufig werden in Schulen, Lernstrategien lediglich vorgestellt, ohne weitere Unterstützungsmöglichkeiten anzubieten. Im Zyklus II, vor allem beim Übertritt in die Oberstufe, wird von Lernenden erwartet, dass sie wissen, wie sie zu lernen haben. Häufig zeigen die schulischen Leistungen das Gegenteil: Lernende mit ADS haben Lerndefizite und zeigen Schwierigkeiten im Lernen wie Planlosigkeit, Vergesslichkeit und Flüchtigkeitsfehler.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Relevanz für das Fachgebiet Sonderpädagogik
1.3 Forschungsstand und Fragestellung
1.4 Aufbau der Arbeit
2 Exekutive Funktionen
2.1 Begriffserklärungen und Definitionen
2.2 Funktionen des exekutiven Systems
2.3 Einflussfaktoren und Entwicklung
2.4 Fazit
3 Aufmerksamkeitsstörungen
3.1 Begriffserklärungen und Bezeichnungen
3.1.1 Aufmerksamkeit und Konzentration
3.1.2 ADS und ADHS
3.2 Klassifikation nach DSM und ICD
3.3 Diagnostik
3.4 Neurologische Aspekte
3.4.1 Neuropsychologische und psychologische Grundlagen
3.4.2 Die Bedeutung der exekutiven Funktionen
3.5 Entwicklungsverlauf im Jugendalter
3.6 Fazit
4 Selbstregulation
4.1 Begriffserklärungen und Bezeichnungen
4.2 Modelle der Selbstregulation
4.3 Psychologische Theorien
4.3.1 Selbstregulatorische Fähigkeiten
4.3.2 Funktionen der Selbstregulation
4.4 Einflussfaktoren
4.5 Fazit
5 Lernen
5.1 Begriffserklärungen und Bezeichnungen
5.2 Neurologische Grundlagen
5.3 Pädagogische Aspekte
5.3.1 Lernstrategien
5.3.2 Lernschwierigkeiten und Lernstörungen ADS
5.3.3 Lern- und Leistungsmotivation
5.4 Einflussfaktoren
5.5 Fazit
6 Relevanz für das schulische Lernen
7 Förderung der Selbstregulation
7.1 Spezifische Methoden und Strategien zur Förderung
7.1.1 Lerncoaching
7.1.2 Lernstrategieeinsatz
7.1.3 Förderung von selbstreguliertem Lernen
7.2 Körperliche und kognitive Methoden
7.2.1 Achtsamkeit
7.2.2 Bewegung
7.2.3 Spiel
7.3 Fazit
8 Diskussion der Ergebnisse
9 Ausblick und weiterführende Fragen
10 Handreichung für den Unterricht
10.1 Einsatzmöglichkeiten und Ziele
10.2 Inhalt
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht im Rahmen einer Masterarbeit, wie sich evidenzbasierte Selbstregulationsstrategien auf das Lernvermögen von Kindern mit ADS/ADHS im zweiten Zyklus auswirken. Dabei wird ein besonderer Fokus auf die Bedeutung exekutiver Funktionen und spezifische Fördermöglichkeiten im schulischen Kontext gelegt.
- Exekutive Funktionen und deren Einfluss auf Lernprozesse
- Klinische Charakteristika und Diagnostik von Aufmerksamkeitsstörungen
- Theoretische Modelle und psychologische Grundlagen der Selbstregulation
- Konzepte für schulisches Lernen und Lernstrategien
- Methoden der Lernförderung (z. B. Lerncoaching, Achtsamkeit, Bewegung)
Auszug aus dem Buch
2.1 Begriffserklärungen und Definitionen
Der Begriff exekutive Funktionen stammt aus dem Englischen und umfasst Steuerungs- und Leitungsfunktionen eines Gehirns, von vielen Autoren auch als «höhere, geistige Prozesse» definiert (Stuber-Bartmann 2017: 13 f.). Exekutive Funktionen sind kognitive Funktionen, mit denen Menschen ihr Handeln steuern (Hüther 2009: 105). Diese sind für Planung, Sequenzierung (Aufteilung in Schritte) und Inhibition (Hemmung) von Verhalten verantwortlich. Exekutive Funktionen dienen der Handlungsplanung, Handlungsüberwachung und Handlungskontrolle (Brunsting 2011: 12).
In Abbildung 1 sind die Lappen des Grosshirns dargestellt, wobei der Frontallappen eine besondere Rolle spielt, denn die Funktionen werden mit dem Frontallappen und insbesondere mit präfrontalen Hirnbereichen in Verbindung gebracht (Gawrilow 2012: 162). Der präfrontale Kortex wird in Zusammenhang gesetzt mit der Koordination aller Vorgänge im Gehirn (Arnold 2009: 184).
Die exekutiven Funktionen können unterteilt werden in drei Zielfunktionen: Inhibition, kognitive Flexibilität und Arbeitsgedächtnis (Gawrilow 2012: 76).
Weitere Gehirnstrukturen, welche anatomische Verbindungen zum präfrontalen Kortex haben und die Steuerung von Verhalten, Emotionen und Aufmerksamkeit beeinflussen, sind das limbische System, die Basalganglien und der Hippocampus, welcher primär für das Lernen und Gehirnprozesse verantwortlich ist (Kubesch 2016: 76 f.).
Es ist wichtig zu betonen, dass die exekutiven Funktionen im Zusammenspiel das selbstregulierte Verhalten einer Person steuern. Selbstregulierte Verhaltensweisen wie Planung, Flexibilität, Zielverfolgung, Reflexion, Impuls- und Emotionsregulation, Durchhaltevermögen und Aufmerksamkeit werden unterstützt. So tragen diese Zielfunktionen zur Willensbildung und zum disziplinierten Verhalten eines Individuums bei (Kubesch 2016: 15 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Relevanz der Förderung von Selbstregulation bei Kindern mit ADS/ADHS dar und erläutert die Forschungsfrage sowie das methodische Vorgehen.
2 Exekutive Funktionen: Dieses Kapitel definiert exekutive Funktionen als kognitive Steuerungs- und Leitungsfunktionen und beleuchtet deren drei Haupt-Zielfunktionen sowie deren Entwicklung.
3 Aufmerksamkeitsstörungen: Hier werden die medizinischen Klassifikationen (ADS/ADHS), die neurologischen Grundlagen sowie der typische Entwicklungsverlauf dieser Störungen im Jugendalter erläutert.
4 Selbstregulation: Das Kapitel beschreibt theoretische psychologische Modelle der Selbstregulation und deren Bedeutung für die bewusste Verhaltenssteuerung des Individuums.
5 Lernen: Es wird analysiert, wie Lernen als konstruktiver Prozess abläuft und welche Rolle Lernstrategien, Motivation und neurologische Voraussetzungen dabei spielen.
6 Relevanz für das schulische Lernen: Hier wird der unmittelbare Zusammenhang zwischen exekutiven Funktionen, Selbstregulation und der schulischen Leistungsfähigkeit im Erziehungsalltag analysiert.
7 Förderung der Selbstregulation: Dieses Kapitel stellt konkrete Förderansätze wie Lerncoaching, Bewegungsangebote und spielbasierte Interventionen für die Schulpraxis vor.
8 Diskussion der Ergebnisse: Die Ergebnisse aus der Literaturrecherche werden zusammengeführt, um die Forschungsfrage zu beantworten und Limitationen der Arbeit zu reflektieren.
9 Ausblick und weiterführende Fragen: Ein kurzer Ausblick adressiert zukünftige Forschungsnotwendigkeiten, insbesondere hinsichtlich neurobiologischer Einflüsse wie dem Dopaminhaushalt.
10 Handreichung für den Unterricht: Hier werden pädagogische Handreichungen und Einsatzmöglichkeiten für Lernende zur Förderung der beschriebenen Kompetenzen skizziert.
Schlüsselwörter
Selbstregulation, ADS, ADHS, Exekutive Funktionen, Lernvermögen, Lernstrategien, Lerncoaching, Schulisches Lernen, Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität, sonderpädagogische Förderung, Metakognition, Verhaltensregulation, Jugendentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Förderung von Selbstregulationsfähigkeiten bei Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen im zweiten Zyklus zu einem verbesserten Lernvermögen beitragen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit deckt die Bereiche exekutive Funktionen, ADS/ADHS-Diagnostik, die psychologischen Theorien der Selbstregulation sowie die praktische Umsetzung von Lernstrategien und Fördermassnahmen im schulischen Umfeld ab.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, wie evidenzbasierte Selbstregulationsmethoden Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen helfen können, Anforderungen des Zyklus II (Oberstufe) effektiver zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine zusammenfassende qualitative Inhaltsanalyse verschiedener fachwissenschaftlicher Quellen, um den aktuellen Stand der Literatur zu vergleichen und zu diskutieren.
Was ist der Inhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen (Exekutive Funktionen, Aufmerksamkeitsstörungen, Selbstregulation, Lernen) sowie einen praktischen Teil, der spezifische Fördermethoden für Lehrpersonen und Lernende vorstellt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit kennzeichnen?
Zentrale Begriffe sind Selbstregulation, ADS/ADHS, exekutive Funktionen, Lernstrategien, Lerncoaching und schulisches Lernen.
Welche Bedeutung kommt dem Lerncoaching in der Arbeit zu?
Das Lerncoaching wird als zentrale Interventionsform vorgestellt, welche in drei Phasen (Planung, Ausführung, Rückschau) dem Kind hilft, Selbstregulationsstrategien aktiv und eigenständig anzuwenden.
Welche Rolle spielen körperliche Aktivitäten für die Förderung?
Körperliche Methoden wie Bewegung, Spiel und gezielte Achtsamkeitsübungen fungieren als wirksame Ergänzung, da sie nachweislich die exekutiven Funktionen fördern und das Belohnungssystem des Gehirns positiv stimulieren.
Warum wird zwischen "heissen" und "kalten" exekutiven Funktionen unterschieden?
Kubesch differenziert so: "Heisse" Funktionen betreffen emotionale und motivierte Situationen, während "kalte" Funktionen in neutralen, abstrakten Lernkontexten gefordert sind.
Was sagt das Modell von Schmitz et al. zum Prozess der Selbstregulation?
Dieses Prozessmodell unterteilt Selbstregulation in drei zeitliche Phasen: eine präaktionale Phase (Planung), eine aktionale Phase (Lernhandlung/Überwachung) und eine postaktionale Phase (Reflexion).
- Citation du texte
- J. Andenmatten (Auteur), 2023, Selbstregulation beim Lernen mit AD(H)S. Fördermaßnahmen mit Blick auf erfolgreiches schulisches Lernen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1417823