Thomas Hobbes' Leviathan - Zur Konzeption der Gleichheit und ihrer Konsequenzen für den Adel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thomas Hobbes – Vita, Werk, Methode
2.1. Vita
2.2. Werk
2.3. Methode und Theorie

3. Konzeptionen der Gleichheit
3.1. Politischer Aristotelismus
3.2. Konzeption der Gleichheit im Leviathan

4. Der Adel im Konzept der Gleichheit
4.1. Elisabethanisches Erbe und hierarchische Gesellschaftsstruktur
4.2. Stand und Beurteilung des Adels im Leviathan
4.3. Zur Theorie der Marktgesellschaft

5. Fazit: Herrscher über die Söhne des Stolzes

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bisher habe ich die Natur des Menschen [...] zusammen mit der großen Macht seines Herrschers dargelegt, den ich mit Leviathan verglich, welchen Vergleich ich den zwei letzen Versen des einundvierzigsten Kapitel bei Hiob entnahm, wo Gott, nachdem er die große Macht des Leviathan beschrieb, ihn den König [ über die Söhne] des Stolzes nennt.[1]

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht das zugrundeliegende Konzept der Gleichheit im politischen Werk des Thomas Hobbes, insbesondere im Leviathan. Das Postulat der natürlichen Gleichheit des Menschen, die Hobbes logisch aus dem Naturzustand deduzieren kann, und die auch im Gesellschaftszustand in einer prinzipiellen Gleichheit aller Untertanen resultiert, soll in diesem Sinne vor allem auf diejenige Gesellschaftsschicht hin überprüft werden, der sie am vielleicht wenigsten gelegen kommen kann – dem Adel.

Obwohl Hobbes sich Zeit seines Lebens im Kreise der Aristokratie, maßgeblich der Familie der Cavendishs, bewegt hat und somit eine Adel kennt, der sowohl an dem alten patriarchalem System mit der Verantwortlichkeit für sein Lehen, „seine Leute [...] und seine sozial Schwachen in seinen Dörfern“[2] festhält – ein System sozialer Fürsorge, die auch dem moralischen Hobbes in seinem Idealstaat wichtig ist[3] – und zum anderen für neue geistige Strömungen offen ist[4], fällt Hobbes Bewertung über dessen sozialen Status paradoxerweise außerordentlich negativ aus.

Ziel dieser Hausarbeit ist es nun, Hobbes’ – innerhalb des Leviathan – alternativ zur Statushierarchie des 16. und 17. Jahrhunderts entworfenes System, das er selbst als eine Herrschaft über die Söhne des Stolzes bezeichnet, auf seine Konsequenzen für die Aristokratie und deren Privilegien zu untersuchen. Das städtische Bürgertum, vor allem aufsteigende Kaufleute und Handwerker, und das gemeine Volk werden dabei nicht thematisiert.

In einem ersten Teil werde ich Hobbes’ Biographie, sein politisches Werk und die charakteristische Methode seiner Wissenschaft vorstellen.

Im Weiteren soll Hobbes' revolutionäres Denken in Hinblick auf die vorherrschenden philosophischen Doktrin, namentlich den Aristotelismus, untersucht, und seine Konzeption der Gleichheit in Naturzustand und Gesellschaft im Vergleich zum Postulat des Anthropos zoon politikon physei estin aufgeschlüsselt werden.

In einem dritten Teil werden schließlich die tatsächlichen gesellschaftlichen Strukturen und Veränderungen in England vor Ausbruch des Bürgerkrieges thematisiert – wobei die vor allem durch Macpherson vorangetriebene Interpretation der Marktgesellschaft angerissen werden soll –, sowie Hobbes’ politische Theorie auf seine Konsequenzen für den Adel hin untersucht.

Zitiert wird nach der deutschen Ausgabe des Leviathans, wobei auf das englische Original verwiesen wird, wenn die Übersetzung zu sehr vom englischen Wortlaut abweicht.

2. Thomas Hobbes – Vita, Werk, Methode

2.1. Vita

Das biographische Material über Thomas Hobbes ist spärlich gesät. Obwohl ein solides Gerüst von äußeren Daten und Ereignissen vorliegt, fehlt es an persönlichem Füllmaterial, das ein reicheres Bild von seinem langen Leben zeichnen könnte. Wichtigste und für Hobbes’ Alltagsleben zumeist einzige Zeugnisse sind die Lebensbeschreibungen John Aubrys. Hobbes selbst „tritt uns fast ausschließlich in seinen Werken entgegen, zu denen nur relativ spätes autobiographisches Material gehört.“[5]

Thomas Hobbes wurde am 5. April 1588 in dem Dorf Westport bei Malmesury als Sohn eines Pfarrers in eher bescheidene Verhältnisse geboren. Nachdem der Vater die Familie früh verlassen hatte, übernahm ein Onkel die Ausbildung und Förderung des begabten Jungen, ließ ihn in den klassischen Sprachen unterrichten und ermöglichte dem 14jährigen das philosophische Studium an der Universität Oxford. 1607 erwarbt Hobbes den Grad eines Baccalaureus Artium ohne höhere Ambitionen[6], und anstatt eine Universitätslaufbahn in Angriff zu nehmen, tratt er in die Dienste der Familie von William Cavendish, Baron of Devonshire in Harwick, einer der führenden und „über den aristokratischen Durchschnitt hinaus gebildeten“[7] adeligen Familien Englands. Als Hauslehrer und Erzieher von zwei Generationen Canendishs[8] und später als bekannter und „in der Familie und ihrer gesellschaftlichen Umgebung geschätzter und gelehrter Philosoph“[9], stellte sich Hobbes hier die Möglichkeit, ein wesentlich weltoffeneres und Neuerungen aufgeschlossenes intellektuelles Leben zu führen, als dies innerhalb einer weitgehend von der Kirche beherrschten Universitätslaufbahn möglich gewesen wäre.[10] Als Tutor seiner adeligen Zöglinge begleitete er diese zudem auf ihrer grand tour über den Kontinent, sodass er Kontakte zu den führenden Denkern seiner Zeit knüpfen konnte: in Paris lernte er den Abbé Marin Mersenne und René Descartes kennen, in Florenz Galileo Galilei, und in England selbst hatte Hobbes mit Francis Bacon und William Harvey engen Kontakt.“[11]

Zu diesen Bildungsreisen nach Europa (vor allem Frankreich und Italien) kommt noch sein 11jähriges Exil (1640 – 1651) am Hofe der ebenfalls im Exil befindlichen Gemahlin Karls II., Maria Henriette von Frankreich, hinzu, nachdem er England – aus Furcht vor politischen Repressionen als Reaktion auf seine erste Veröffentlichung von The Elements – als einer der ersten nach Einberufung des langen Parlaments verlassen hatte. „Hier wurde ihm schließlich auch die ehrenvolle Aufgabe zuteil, dem Thronfolger, dem nachmaligen König Karl II., Unterreicht in Mathematik zu erteilen.“[12]

Der Bürgerkrieg, der 1642 ausgebrochen war und u. a. zu der Hinrichtung Karls I. führte, blieb zeitlebens ein wichtiger Erfahrungseinfluss in Hobbes Werk; speziell in seinem Spätwerk Behemoth, für das er 1668 keine Druckerlaubnis bekam, und das erst nach seinem Tode 1682 veröffentlich werden konnte, widmete er sich einer historischen Aufarbeitung der Geschehnisse. Seiner politischen Ansichten wegen geriet er vor allem in England immer wieder in das Kreuzfeuer der Gelehrten seiner Zeit, und in Konflikt mit der Geistlichkeit, die ihn mehrmals des Atheismus bezichtigte.

Bis zu seinem Tode am 4. Dezember 1679 mit 91 Jahren – seinen Lebensabend verbringt er auf einem Anwesen der Cavendishs – hat Hobbes sich zeitlebens im Umkreis politischer Macht bewegt, allerdings ohne je selber an ihrer Ausübung zu partizipieren[13], er „bekleidete niemals ein öffentliches Amt, auch nicht im Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit, gründete nicht einmal eine eigenen Familie.“[14]

2.2. Werk

Hobbes aktives politisches Wirken ist seine politische Wissenschaft, seine Lehre vom Leviathan, deren Veröffentlichungen sich alle um sein sechstes Lebensjahrzehnt zusammendrängen.

Das System seiner Philosophie, in offensichtlicher Anlehnung an die Elementa des Euklid Elementa Philosophia benannt, war als dreiteilig konzipiert, ausgehend von dem Prinzip der Bewegung der Körper, über den Menschen als Natur- und Vernunftwesen, bis zur Politik als das Werk dieses Menschen, dem Bürger[15]: De Corpore – De Homine – De Cive.

Die erste Fassung von Hobbes politischer Theorie erschien 1640, der Widmungsepistel zufolge am 9. Mai, also bereits vier Tage nach Auflösung des Kurzen Parlaments. The Elements of Law, Natural and Politic wurden auf Bitten des Earl of Newcastle verfasst und stehen in der Absicht, „die irritierte Aristokratie in dem sich abzeichnenden Bürgerkrieg zur Loyalität gegenüber der bestehenden Herrschaft – also dem König – zu ermutigen.“[16] Hobbes’ engagierter Verteidigung der Monarchie folgte jedoch nicht die gewünschte Reaktion von Seiten der Parlamentspartei. Im Gegenteil, Hobbes hielt es für sicherer England zu verlassen und nach Frankreich zu fliehen, als Karl I. – obwohl gerade erst des Kurzen Parlaments entledigt – infolge der sich verschärfenden Finanzkrise genötigt war, ein neues Parlament einzuberufen.[17]

Im Pariser Exil konnte Hobbes eine zweite Version seiner Lehre fertig stellen. Er veröffentlichte [Elementorum Philosophiae Sectio Tertia] De Cive 1642 bei einem niederländischen Verleger – die endgültige Fassung erschien 1647 in London – dabei wandte sich der in lateinischer Sprache verfasste und handschriftlich verbreitete dritte Teil seiner Gesamtkonzeption noch ausschließlich an Gelehrtenkreise.[18]

Hobbes fühlte sich am Ende für seine Schriften auch in Frankreich von den Royalisten am Pariser Hof Karls II. als Atheist und Verräter verfolgt, und kehrte 1651, in Unterwerfung unter den Staatsrat, zurück nach London, wo neben dem (englischen) Leviathan auch eine englische Übersetzung von De Cive erschien.[19] Auch widmete sich Hobbes nach seiner Rückkehr aus Paris wieder der Vollendung seiner Elementa Philosophie, sodass 1655 der erste Teil, De Corpore und 1658 der zweite Teil, De Homine des Gesamtkonzepts in Druck gingen.[20]

Was die inhaltliche Kohärenz von Hobbes politischer Philosophie und den Status der einzelnen Schriften anbelangt, ist diese kontrovers diskutiert worden[21]. Die frühen Elements enthielten zwar das zwei Jahre später in De Cive und elf Jahre später im Leviathan „ausformulierte politisch-philosophische Programm in nuce[22], Unterschiede bestehen aber u. a. in der Konzeption des Vertrages, der in den Elements „noch nicht als Einheit, sondern als Sukzession von Gesellschafts- und Herrschaftsvertrag“[23] konzipiert ist. Eine weitere auffällige Verschiebung in der Gewichtung der einzelnen Elemente ist die anwachsende Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Politik und Religion.

2.3. Methode und Theorie

„Hobbes hat sich mehrfach und dezidiert von allen Traditionen des politischen Denkens abgesetzt und seine Theorie als revolutionären Neubeginn, ja als Beginn des politischen Denkens überhaupt bezeichnet.“[24]

Das 17. Jahrhundert brachte einen Durchbruch des neuzeitlichen Denkens mit sich, welches sich von dem traditionellen scholastischen Weltbild abgewandt hatte, und den Menschen als schaffendes und autonomes Individuum, welches sich seiner „natürlichen Vernunft“ bediente, in den Mittelpunkt rückte.[25] Hobbes war als Zeitgenosse Galileis, Descartes und anderer herausragender Denker nicht der einzige, aber vielleicht einer der radikalsten Vertreter der neuen Wissenschaften, wenn er ein „radikal diesseitiges“[26] und materialistisches Philosophieren durchsetzen wollte, und dadurch immer wieder in Konflikt mit der scholastisch bestimmten Universitätslehre und der Geistlichkeit geriet. Die Theologie verbannte er aus den Wissenschaften, weil sie nur auf dem Glauben beruhe, ebenso trennte er die natürliche Vernunft radikal von dem Problemfeld der Metaphysik, also von der „prima philosophia“ des Aristoteles.[27] Was übrig blieb, waren die rein physikalischen Grundlagen, aus denen Hobbes nun begann, die Natur aller Dinge und das Wesen des Menschen herzuleiten.

Die zweite Reise auf den Kontinent (1629/30) als Tutor eines adeligen Zöglings[28] führte Hobbes, der sich mittlerweile mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Fragen zu beschäftigen begonnen hatte, nach Paris, wo es, wie es Aubry in seinen Lebens-beschreibungen stilisiert, zu einem „Damaskus–Erlebnis“ kam, das richtungsweisend für Hobbes politische Philosophie werden würde: er stieß auf die Elementa des Euklid, eine Abhandlung über die Geometrie, die Hobbes, ob ihrer geschlossenen und zwingenden Beweisführung, als Methode für seine eigenen wissenschaftlichen Ansprüche wie geschaffen erscheinen musste. Die mos geometricus, auch analytische oder resolutiv-kompositive Methode genannt, besteht in der „streng systematischen Ableitung der einzelnen Schritte der Beweisführung auf Prinzipien oder Axiome, die aus sich selbst unbezweifelbar oder evident waren [weil streng definiert], zurückzuführen“[29]. Für die Konstruktion des Naturzustandes bedeutet dies, dass Hobbes die Gesellschaft und das Wesen der Menschen bis auf ihre unbestreitbaren Grundeinheiten auseinander nimmt und nach kausal-logischem Muster wieder zusammensetzt.

[...]


[1] Lev. XXVIII, S. 271. Die englische Bibelübersetzung und somit der Wortlaut des englischen Leviathan weichen hier geringfügig von einander ab.

[2] Willms 1987, S.34.

[3] Hobbes über öffentliche Wohltätigkeit vgl. Lev. XXX, S. 294.

[4] Willms 1970, S.52.

[5] Willms 1987, S.28.

[6] Hobbes war Zeit seines Lebens kein großer Freund von Universitäten und der gelehrten Scholastik.

[7] Willms 1987, S. 30.

[8] Hobbes bleibt bis zu seinem Tode am 4. Dezember 1679 im Familienkreis der Cavendishs.

[9] Willms 1987, S. 30.

[10] Münkler 1993, S. 32.

[11] Ebd., S. 31.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 32.

[14] Willms 1987, S.28.

[15] Willms 1987, S. 41.

[16] Ebd., S. 42.

[17] Münkler, S. 44.

[18] Willms, 1987, S. 42.

[19] Ebd., S. 44.

[20] Münkler 1993, S. 56.

[21] Ludwig verweist in diesem Zusammenhang auf die „publizistische Wucht“, die Hobbes Ankunft in England vorausging: zwischen Februar 1650 und April 1651 erschienen alle drei Abfassungen von Hobbes Theorie in englischer Sprache. Für eine „entwicklungsgeschichtliche Überlegung“ könne die gemeinsame Ausgabe von The Elements und De Cive am Ende der Exilzeit jedoch deshalb nicht von Bedeutung sein, weil Hobbes keinen Einfluss auf die Veröffentlichung gehabt hätte, nicht ausdrücklich als Verleger beteiligt gewesen wäre.[ Ludwig 1998, S. 12 ff. ]

[22] Münkler 1993, S. 44.

[23] Ebd.

[24] Münkler 1993, S. 12. Im Widmungsbrief von De Corpore (1658) stellt Hobbes die Behauptung auf, die politische Wissenschaft im exakten Sinne sein nicht älter als das Buch, welches er selber unter dem Titel De Cive (1642) verfasst habe.

[25] Willms 1987, S. 55.

[26] Ebd., S. 59.

[27] Ebd., S. 57, 59.

[28] Nach dem Tod des 2. Earl of Devonshire 1628 begleitet Hobbes nun den Sohn des schottischen Adeligen Gervase Clifton auf dessen grand tour, bevor er 1631 wieder in den Dienst der Cavenishs tritt.

[29] Willms 1987, S. 62, 63.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Thomas Hobbes' Leviathan - Zur Konzeption der Gleichheit und ihrer Konsequenzen für den Adel
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Europäische Vordenker des Absolutismus? Bodin – Hobbes – Pufendorf 2008
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V141857
ISBN (eBook)
9783640519095
ISBN (Buch)
9783640520626
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Hobbes, Leviathan, Konzeption, Gleichheit, Konsequenzen, Adel
Arbeit zitieren
Student Angela Kunze (Autor), 2008, Thomas Hobbes' Leviathan - Zur Konzeption der Gleichheit und ihrer Konsequenzen für den Adel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141857

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