Lange Zeit waren die Regelungen der externen Rechnungslegung in Deutschland von Kontinuität geprägt. In den letzten zehn Jahren kehrte sich dies jedoch um und es kam zu einer Reihe von Überarbeitungen, Neuerungen und vor allem zur Internationalisierung der deutschen Vorschriften. Die IAS-Übernahmeverordnung öffnete die Türen für den Einzug der IFRS in die europäische Bilanzierungspraxis. Beschränkte sich die Anwendung internationaler Normen bis zur Verabschiedung des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) dieses Jahres grundsätzlich auf die Konzernrechnungslegung, hat nun auch im HGB-Einzelabschluss der Wandel hin zur Internationalisierung eingesetzt. Gerade das bleibt insbesondere für die Bilanzierung von Ertragsteuern nicht ohne Folgen. In der Vergangenheit kam es aufgrund der umgekehrten Maßgeblichkeit zu wenigen Unterschieden zwischen der Handels- und Steuerbilanz. Für die deutsche Bilanzierungspraxis bedeutete dies, dass der Abgrenzung latenter Steuern nur eine geringe Bedeutung zukam. Aber nicht nur national sind latente Steuern ein hochaktuelles und brisantes Thema, sondern auch auf internationaler Ebene. In den internationalen Rechnungslegungsstandards sind die Ertragsteuern in IAS 12 geregelt. Schon von Anbeginn wurde IAS 12 als „Herausforderung für die Praxis“ gesehen, da die Bilanzierung und Bewertung latenter Steuern äußerst komplex ist und im Rahmen von IAS 12 viele Unklarheiten bestehen. Neben dem Anpassungsdruck der IFRS-Regelung für Ertragsteuern an die der US-GAAP, war genau dies ein weiterer Grund für die Neufassung des IAS 12. Am 31.03.2009 veröffentlichte das IASB den Exposure Draft zu IAS 12 Income Tax, was die Diskussionen um diesen komplexen Bereich der Rechnungslegung erneut an die Spitze der Tagesordnung drängte. Der Exposure Draft soll hauptsächlich dazu beitragen, die Regelungen zur Bilanzierung latenter Steuern nach IFRS und US-GAAP einander anzugleichen.
Im Fokus stehen die Vorschläge des IASB im Standardentwurf ED/2009/2 Income Tax. Demnach sollen die bedeutenden Neuerungen des Exposure Draft im Bezug auf die Bilanzierung latenter Steuern vorerst dargestellt werden. Diese Neuerungen umfassen einzelne Bereiche des Ansatzes, der Bewertung und des Ausweises latenter Steuern, aber auch geänderte Anforderungen an die Anhangsangaben. Ins Zentrum der Untersuchung rückt hierbei die kritische Auseinandersetzung mit diesen Änderungen, um zu klären, inwieweit diese wirkliche Verbesserungen bringen.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Grundlagen zu latenten Steuern
2.1 Bedeutung latenter Steuern
2.2 Konzeptionelle Unterscheidung: Timing vs. Temporary Konzept
2.3 Abgrenzungsmethoden: Liability vs. Deferred Methode
3 Das Konvergenzprojekt des IASB und FASB
4 Neue Definitionen und Klarstellungen in ED-IAS 12
4.1 Inhaltliche Neufassung der Steuerwertdefinition
4.2 Einbezug einer ausführlichen Definition für temporäre Differenzen
4.3 Übernahme der Begriffe Tax Credit und Investment Tax Credit von US-GAAP
4.4 Würdigung der neuen Begriffsbestimmungen
5 Neuregelungen beim Ansatz latenter Steuern
5.1 Ansatzkriterien für aktive latente Steuern
5.1.1 Darstellung der Änderungen
5.1.2 Würdigung
5.2 Latente Steuerabgrenzung beim erstmaligen Ansatz von Vermögenswerten und Schulden
5.2.1 Überblick über die Neuerung
5.2.2 Würdigung
5.3 Latente Steuern auf Outside Basis Differences
5.3.1 Charakterisierung von Outside Basis Differences
5.3.2 Überblick über die Änderungen
5.3.3 Würdigung
6 Neuerungen bei der Bewertung latenter Steuern
6.1 Berücksichtigung von Steuerrisiken (Uncertain Tax Positions)
6.1.1 Darstellung der Neuerungen
6.1.2 Würdigung
6.2 Anzuwendender Steuersatz
6.2.1 Überblick über die Änderung
6.2.2 Würdigung
7 Änderungen beim Ausweis latenter Steuern und bei Anhangsangaben
7.1 Zuordnung von Steuern auf Bestandteile der Erfolgsrechnung bzw. des Eigenkapitals
7.1.1 Übersicht über die Veränderungen
7.1.2 Würdigung
7.2 Gliederung der latenten Steuern nach Fristigkeit
7.2.1 Überblick über die Neuerung
7.2.2 Würdigung
7.3 Ausweis latenter Steuern bei Tax Groups
7.3.1 Grundlage: Die deutsche ertragsteuerliche Organschaft
7.3.2 Überblick über die Änderungen
7.3.3 Würdigung
7.4 Anhangsangaben
7.4.1 Darstellung der Änderungen
7.4.2 Würdigung
8 Thesenförmige Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert kritisch den Standardentwurf ED-IAS 12 des IASB zur Bilanzierung latenter Steuern. Ziel ist es, die geplanten Neuerungen – insbesondere die Anpassungen an US-GAAP – darzustellen und zu bewerten, ob diese tatsächlich zu einer Verbesserung der Rechnungslegung oder zu einem unverhältnismäßigen Anstieg an Komplexität führen.
- Methodische Untersuchung und Konvergenzprojekt von IASB und FASB.
- Neudefinitionen von Steuerwerten (Tax Basis) und temporären Differenzen.
- Ansatzkriterien für aktive latente Steuern und der Übergang zum Two Step Approach.
- Bewertung von Steuerrisiken (Uncertain Tax Positions) und neuen Angabepflichten.
- Ausweis latenter Steuern bei Tax Groups und Berücksichtigung von Fremdwährungs- sowie Fristigkeitsaspekten.
Auszug aus dem Buch
2.1 Bedeutung latenter Steuern
Empirische Studien der letzten Jahre zeigen, dass die Bedeutung latenter Steuern stetig zugenommen hat. Nahm die Abgrenzung latenter Steuern in der angloamerikanischen Bilanzierungspraxis bisher eine wesentlich größere Rolle ein als hierzulande, verstärkt sich nun dieser Trend auch bei uns. Wenngleich die theoretischen Vorschriften zur Abgrenzung latenter Steuern komplex und schwierig erscheinen, so wird die Möglichkeit des Ausweises latenter Steuern in der Praxis immer mehr genutzt. Die latente Steuerabgrenzung ist nicht nur für die zutreffende Darstellung der Vermögens- und Ertragslage, sowie die periodengerechte Erfolgsabgrenzung relevant, ihr wird auch eine wichtige Indikatorfunktion beigemessen. Latente Steuern zeigen nämlich Bilanzierungs- und Bewertungsunterschiede zwischen der Handels- und der Steuerbilanz. Da sich die Ertragsteuerbelastung auf Grundlage des zu versteuernden Einkommens, welches wiederum aus der Steuerbilanz abgeleitet wird, ergibt, lässt sich der Ertragsteueraufwand grundsätzlich nicht anhand des handelsrechtlichen Ergebnisses ermitteln. Deshalb ist das Ziel des Ansatzes latenter Steuern eine Entsprechung zwischen den, aus der Steuerbilanz abgeleiteten, tatsächlichen Ertragsteuern und dem fiktiven, der handelsrechtlichen Erfolgsgröße entsprechenden, Steueraufwand herzustellen.
Hat die Einführung der IFRS für die Aufstellung von Konzernabschlüssen zu einer deutlichen Aufwertung der Thematik der latenten Steuern in Deutschland geführt, erfuhr dieser Themenkomplex einen weiteren Bedeutungsschub mit der Verabschiedung des BilMoG. Dies ist einerseits bedingt durch die Abschaffung der umgekehrten Maßgeblichkeit, was grundsätzlich zu höheren Differenzen zwischen der Handels- und Steuerbilanz führt. Mit der grundlegenden Umstellung der konzeptionellen Ermittlung latenter Steuern vom bisherigen GuV-orientierten auf den bilanzorientierten Ansatz, wie er auch in IAS 12 zur Anwendung kommt, findet andererseits eine Ausweitung auf alle temporären, d.h. auf temporäre und quasi temporäre, Differenzen statt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Einleitung in die Internationalisierung der deutschen Rechnungslegung und die wachsende Bedeutung latenter Steuern im Kontext von IAS 12 und BilMoG.
2 Grundlagen zu latenten Steuern: Erläuterung der theoretischen Konzepte (Timing vs. Temporary) und Abgrenzungsmethoden zur Ermittlung latenter Steuern.
3 Das Konvergenzprojekt des IASB und FASB: Darstellung der Bemühungen zur Angleichung der Rechnungslegungsstandards IFRS und US-GAAP.
4 Neue Definitionen und Klarstellungen in ED-IAS 12: Analyse der geänderten Begriffe wie Tax Basis und der Einführung von Steuergutschriften.
5 Neuregelungen beim Ansatz latenter Steuern: Diskussion der Änderungen bei Ansatzkriterien, einschließlich der Initial Recognition Exception und Outside Basis Differences.
6 Neuerungen bei der Bewertung latenter Steuern: Untersuchung der Behandlung von Steuerrisiken (Uncertain Tax Positions) und der Bestimmung anzuwendender Steuersätze.
7 Änderungen beim Ausweis latenter Steuern und bei Anhangsangaben: Erörterung der neuen Anforderungen an den Ausweis, insbesondere bei Tax Groups und der erweiterten Offenlegungspflichten.
8 Thesenförmige Zusammenfassung: Kompakte Übersicht der wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung.
Schlüsselwörter
Latente Steuern, IAS 12, ED-IAS 12, Bilanzierung, Temporary-Konzept, Tax Basis, Steuerrisiken, Konvergenzprojekt, IASB, FASB, Outside Basis Differences, Steuergutschriften, Two Step Approach, Anhangsangaben, BilMoG.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Exposure Draft (ED-IAS 12) des IASB zur Bilanzierung latenter Steuern und untersucht die Auswirkungen der vorgeschlagenen Neuregelungen sowie deren Konvergenz mit US-GAAP.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den neuen Definitionen von Steuerwerten, den geänderten Ansatz- und Bewertungskriterien, der Bilanzierung von Steuerrisiken sowie den erweiterten Anhangsangaben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine kritische Würdigung des Standardentwurfs, um zu klären, ob die Neuerungen zu einer sachgerechteren Informationsvermittlung führen oder lediglich die Komplexität der Anwendung erhöhen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Auseinandersetzung, die den Standardentwurf ED-IAS 12 mit den geltenden Standards sowie den US-GAAP vergleicht und die Ansichten verschiedener Fachgremien (wie DRSC oder EFRAG) einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in neue Begriffsdefinitionen, Ansätze für latente Steuern, Bewertungsfragen bei Steuerrisiken und Steuersätzen sowie Neuerungen beim Ausweis und im Anhang.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Latente Steuern, IAS 12, Konvergenz, Tax Basis, Steuerrisiken und der Two Step Approach.
Wie bewertet der Autor den Übergang zum "Two Step Approach" bei der Aktivierung?
Der Autor erkennt zwar an, dass der Two Step Approach die Herleitung des Nettoansatzes nachvollziehbarer macht, kritisiert aber den erhöhten Aufwand und die im Vergleich zur bisherigen Praxis umständlichere Handhabung.
Warum steht die "Verkaufsfiktion" bei der Bestimmung der Tax Basis in der Kritik?
Die Kritik richtet sich dagegen, dass das Abstellen auf einen fiktiven Verkauf am Bilanzstichtag die tatsächliche Absicht des Managements zur Nutzung von Vermögenswerten ignoriert und somit die Informationsqualität des Jahresabschlusses mindern kann.
Welches Problem identifiziert der Autor bei der Bewertung von Steuerrisiken?
Der Autor bemängelt, dass das vorgeschlagene Erwartungswertkalkül für Steuerrisiken ohne eine Mindestwahrscheinlichkeit als Ansatzhürde zu einer hohen Komplexität und realitätsfernen Annahmen führt.
Was bemängelt der Autor an den erweiterten Anhangsangaben?
Er kritisiert, dass durch die detaillierten Informationen über konzerninterne Lieferbeziehungen und Steuerrisiken sensible Unternehmensdaten an die Öffentlichkeit gelangen könnten, was den Wettbewerbsvorteil der Unternehmen gefährden kann.
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- Dennis Schäfer (Author), 2009, Übersicht und Würdigung der geplanten Neuregelung zur Bilanzierung latenter Steuern nach IFRS , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141885