Rostows Stadienmodell

Politische Theorie oder Propaganda?


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Die theoretische Einordnung
Die Modernisierungstheorie
Die Entwicklung der Entwicklungstheorie
Die politische Theorie

Rostows Stadientheorie
Phase 1: Die traditionelle Gesellschaft
Phase 2: Die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufstieg
Phase 3: Der wirtschaftliche Aufstieg
Phase 4: Die Entwicklung zur Reife
Phase 5: Das Zeitalter des Massenkonsums
Rostows Marx-Kritik
Zwischenfazit

Zeitgeschichtliche Einflüsse
Die Phase der Entkolonialisierung
Der menschliche Aspekt
Der sicherheitspolitische Aspekt

Fazit

Literatur

Einleitung

Das Stadienmodell aus „Stadien wirtschaftlichen Wachstums – Eine Alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie“ von Walt W. Rostow aus dem Jahre 1960 wird in der Politikwissenschaft gängigerweise als Grundlage für die Modernisierungstheorie, einer der so genannten Großtheorien innerhalb der Entwicklungstheorien, bezeichnet. Tatsächlich beeinflusste es die praktische Umsetzung von Entwicklungspolitik einer ganzen Dekade. Gleichsam war es nie unumstritten und wurde schließlich auch aufgrund mangelhafter realpolitischer Ergebnisse später wieder verworfen. Obwohl das Modell primär einen wirtschaftlichen Ansatz zur Erklärung und Überwindung von Unterentwicklung wählt, integrierte Rostow vor allem auch politische Aspekte.

Inwieweit genügt sein Modell dem Anspruch, als Grundlage der Modernisierungs- und damit einer politischen Theorie zu dienen? Anhand welcher Indikatoren kann man dies bewerten? Welche Aspekte umfasst die Modernisierungs- bzw. die politische Theorie im Allgemeinen überhaupt? Muss Rostows Werk nicht vielmehr als ein interessengesteuertes, ignorantes, ja sogar arrogantes Zeitprodukt gesehen werden, dass nur aufgrund seiner Schlichtheit einen derartigen Einfluss auf die Realpolitik haben konnte?

In einem ersten Schritt wird in dieser Seminararbeit zunächst den theoretischen Unterbau des Stadienmodells, sowie von Politikwissenschaft im Allgemeinen analysieren, um darauf aufbauend Rostows Beitrag zur Modernisierungstheorie einzuordnen. Dabei wird ersichtlich, dass Theorie innerhalb der politischen Wissenschaft stärker als in anderen soziologischen Disziplinen vor allem dem Anspruch der praktischen Umsetzbarkeit genügen muss. Eine Bewertung von Rostows Stadienmodell als politiktheoretischer Beitrag muss demnach auch eine Bewertung seiner praktischen Umsetzbarkeit sein. Dazu erfolgt eine relevante zeithistorische Betrachtung des Modells und Rostows, um darauf aufbauend die aufgeworfenen Fragen beantworten zu können.

Da aus heutiger Sicht eklatante methodische Mängel bezüglich der wissenschaftlichen Beweisführung in Rostows Stadienmodell zu bemängeln sind, schließt diese Seminararbeit mit dem Fazit, dass es nur bedingt dem Anspruch genügen kann, als entscheidender Beitrag Ansatz einer politischen Theorie zu gelten und es vor allem vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des Kalten Krieges betrachtet werden muss. Dieser machte klare Abgrenzungen vom weltpolitischen Gegner mitunter wichtiger, als fundierte wissenschaftliche Ergebnisse. Insofern hätte der Untertitel „Eine alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie“ besser die Überschrift des Werks bilden sollen.

Die theoretische Einordnung

Die Modernisierungstheorie

Unter dem Begriff Modernisierungstheorie wurde in der Politikwissenschaft ab dem Beginn der 1950er-Jahre erstmals ein theoretischer Beitrag zum Thema Entwicklung formuliert sowie die Entwicklungstheorie vorläufig als eigenständigen Teilbereich der Politikwissenschaft etabliert. Die Modernisierungstheorie gliederte sich in mehrere Teildisziplinen[1] erklärte darauf aufbauend sowohl Gründe für die Unterentwicklung in bestimmten Regionen der Erde, als auch Strategien für ihre Überwindung.

Sie geht „von einem Prozess der Nachahmung und der Angleichung unterentwickelter Gesellschaften an die entwickelten Gesellschaften der westlichen Industrieländer aus“ (Nohlen: 2002, S.572). Modernisierung wird also als ein deterministischer, historischer Prozess verstanden, in dem alle Länder einen bestimmten historischen Weg bestreiten müssen. Als Ausgangspunkt wird dabei eine wirtschaftlich rückständige und politische unstrukturierte Gesellschaft benannt, der Endpunkt sei nach Meinung der Vertreter dieser Theorie der Zustand der hoch entwickelten Industriestaaten. Anhand der Modernisierungstheorie sollten Wege aufgezeigt werden wie unterentwickelte Staaten diesen festgelegten Weg in möglichst kurzer Zeit nachholen können. Das Vokabular offenbart dabei ein dichotomes Weltverständnis. Die Tradition steht der Moderne gegenüber, analog dazu ein langsames einem schnellen Entwicklungstempo.

Die Ursachen von Unterentwicklung werden endogen, das heißt innerhalb des jeweiligen Landes, verortet. In diesen so genannten traditionellen Gesellschaften wird Unterentwicklung als Tatbestand, den es schnellstmöglich zu überwinden gilt, wahrgenommen. Da die unterentwickelten Länder dies nicht selbst tun können[2], müssen in Logik der Modernisierungstheorie externe Kräfte den Modernisierungsprozess starten. Die Einbindung in den Weltmarkt und ein damit verbundener wirtschaftlicher Austausch mit bereits entwickelten Staaten ist diesbezüglich ein zentraler Bestandteil des Maßnahmenkatalogs. Darüber hinaus stellen ausländische Direktinvestitionen einen weiteren förderlichen Faktor dar[3]. Bei den Entwicklungsbemühungen wird eine Konzentration auf so genannte wirtschaftliche Zentren, die höhere Renditechancen versprechen als marginalisierte Gebiete, empfohlen. Der Wohlstand, der in den Zentren erwirtschaftet wird, käme mit geringer zeitlicher Verzögerung dann auch der wirtschaftlichen Peripherie des zu entwickelnden Landes zugute[4]. Insgesamt wird diesen so genannten exogenen Kräften ein ausschließlich positiver Einfluss auf die unterentwickelten Länder zugesprochen.

Als Indikator eines Modernisierungserfolges gelten rein wirtschaftliche Faktoren wie beispielsweise die Höhe des Bruttoinlandsproduktes und das Wirtschaftswachstum. Modernisierung wird demnach vornehmlich mit Produktivitätssteigerung sowie Industrialisierung gleichgesetzt. Soziale Komponenten wie Bildung, politische Partizipation, Gleichberechtigung etc. würden sich als Folgeeffekte automatisch einstellen.

Die erkenntnistheoretischen Ursprünge der Modernisierungstheorie lassen sich in der modernen Soziologie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verorten. Ihr zugrunde liegen wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Erfahrungen vor dem Hintergrund der Herausbildung von Nationalstaaten in der frühen Neuzeit der europäischen Geschichte (vgl. Menzel 1992: 72).

Wirtschafthistorisch betrachtet gehen die Grundannahmen der Modernisierungstheorie auf die klassische Wirtschaftsökonomie des späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zurück. Ausgangspunkt ist hier Adam Smith, der mit seinem Modell eines Marktes die Vorteile des Prinzips der Arbeitsteilung aufzeigte. David Ricardo erweiterte Smiths Thesen mit dem Modell der komparativen Kostenvorteile später auf die globale Ebene. Aber auch Vertreter der deutschen Klassik, vor allem Friedrich List, der Modernisierung[5] als nationalstaatliche Aufgabe begriff (vgl. Kößler 1998: 90) waren von Bedeutung.

Methodisch orientierten sich die Modernisierungstheoretiker an der Deutschen Schule, bei der im Erkenntnisgewinn im Gegensatz zur Klassik nicht deduktiv, sondern induktiv erreicht wurde d.h. auf der Basis von Fallstudien wurden allgemeine Aussagen formuliert.

Die Entwicklung der Entwicklungstheorie

Die Entwicklungstheorie wurde erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als eigenständige Disziplin bzw. Politikfeld innerhalb der Sozialwissenschaften etabliert. Zunächst wurde die Entwicklungstheorie von zwei gegensätzlichen Grundannahmen der Modernisierungs- bzw. Dependenztheorie geprägt. Dabei ist die Dependenztheorie als Antwort auf die Paradigmen der Modernisierungstheorie zu verstehen und zeitlich später einzuordnen. Aufgrund ihrer stark normativen Ansätze und ihrem großtheoretischen Anspruch waren die Entwicklungstheorien in dieser Phase vor allem auch ein Spiegel der realpolitischen Auseinadersetzung zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt.

Da sich aber beide Modelle als ineffektiv zur Überwindung von Unterentwicklung in der so genannten Dritten Welt erwiesen, entstand Ende der 1970er-Jahre eine Phase der Krise der Entwicklungstheorien. Gleichzeitig wurde ihnen generell der Charakter einer Großtheorie abgesprochen, da es nach allgemeinen Erkenntnisstand „solchen Theorien […] grundsätzlich an Differenzierungsvermögen“ (Nohlen 2002: 257) mangele. Der Überzeugung, alle wirtschaftspolitischen sowie sozialen Prozesse durch einen großtheoretischen Ansatz steuern zu können, folgte die Erkenntnis, dass aufgrund heterogener Ausgangsbedingungen in den Entwicklungsländern sowohl im wirtschaftlichen, als auch soziokulturellen Bereich und daraus resultierenden unterschiedlichen Entwicklungsdynamiken ein großer Masterplan zur Entwicklung der Dritten Welt gar nicht existieren könne. Ein Prozess der generellen Umorientierung war die Folge. Fortan wurden länderspezifische und nicht übergreifende Entwicklungsziele formuliert, deren lediglich eine gewisse steuerungstheoretische Bescheidenheit[6] gemein war. Übergreifend rückte die bloße Armutsbekämpfung stärker in den Fokus der Bemühungen. Mitte der 1980er Jahre wurde unter Schirmherrschaft der Weltbank mit dem Washington Consensus ein neoliberaler Entwicklungsansatz formuliert, der u.a. Weltmarktöffnung, Subventionsabbau und Privatisierungen in den Empfängerländern zur Bedingung für die Bewilligung von Hilfsgeldern machte. Nachdem dieser Ansatz aber vor allem die Abhängigkeit des Südens vom Westen intensivierte und damit das Problem der Unterentwicklung eher ver- als entschärfte und es Anfang der 1990er zudem durch den Zusammenbruch des Ostblocks zu einem dramatischen finanziellem Rückgang der Entwicklungshilfe kam, herrschte ein „Klima der Ratlosigkeit“ (Nohlen 2002: 258). Das Ende der Entwicklungstheorie (vgl. Menzel 1995) wurde apostrophiert, den finanziellen Einbußen wurde mit verstärkter self-reliance der Entwicklungsländer, soweit stärkerer Einbindung der Zivilgesellschaft, organisiert in NGO[7], begegnet. Im Allgemeinen sind die Entwicklungsansätze in dieser Phase eher praxis- als theorieorientiert. Innerhalb der Millenium-Goals wurden Ende der 1990er-Jahre Entwicklungsziele definiert, die sich vor allem auf die Beseitigung der Armut, sowie auf die Verbesserung der Lebensbedingung beziehen – ein übergreifen theoretischer Ansatz lässt sich nur noch insofern erkennen, dass bestimmte Paradigmen sowohl aus der Modernisierungs- als auch Dependenztheorie[8] immer noch ihre Gültigkeit besitzen.

[...]


[1] Entwicklungsökonomie, Theorien zur Nationalstaatbildung und Demokratisierung sowie Modernisierungstheorie im engeren Sinne.

[2] Hierfür werden beispielsweise machtpolitische Interessen der jeweiligen Herrscher eines unterentwickelten Landes verantwortlich gemacht.

[3] Eine andere Strömung der Modernisierungstheorie setzte hingegen große Hoffnung in eine binnenorientierte Wachstumsstrategie, ohne eine Weltmarktorientierung grundsätzlich in Frage zu Stellen (vgl. Menzel 1992: 18)

[4] Dieser Effekt wird con den Modernisierungstheoretikern als trickle down effect, deutsch Sickereffekt beschrieben

[5] Die von List propagierten Erziehungszölle, die nichts anderes als heutige Schutzzölle sind, stehen zwar im Widerspruchs zur relativ liberalen Einstellung der Außenhandelspolitik der Modernisierungstheorie, Übereinstimmung findet sich aber in der generellen Annahme, dass Entwicklung sehr aktiv vom Staat gesteuert werden kann.

[6] Entwicklungsprozesse wurden nicht mehr im Ganzen gesehen, sondern auf einzelne Länder, höchstens Ländergruppen heruntergebrochen.

[7] Unter Non Governmental Organsations versteht man im Allgemeinen private Träger für humanitäre, entwicklungsrelevante Aufgaben. Strengt genommen kann man aber auch politische Stiftungen und Krchen hinzurechnen

[8] mittlerweile allerdings weitestgehend befreit von politideologischen Lagerdenken

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Rostows Stadienmodell
Untertitel
Politische Theorie oder Propaganda?
Hochschule
Universität Hamburg  (für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Neuere Diskurse der Entwicklungstheorie I
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V142343
ISBN (eBook)
9783640514724
ISBN (Buch)
9783640512812
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
politische Theorie, Modernisierungstheorie
Arbeit zitieren
Diplom Politologe Gerrit Rohde (Autor:in), 2006, Rostows Stadienmodell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142343

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