Das Stadienmodell aus „Stadien wirtschaftlichen Wachstums – Eine Alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie“ von Walt W. Rostow aus dem Jahre 1960 wird in der Politikwissenschaft gängigerweise als Grundlage für die Modernisierungstheorie, einer der so genannten Großtheorien innerhalb der Entwicklungstheorien, bezeichnet. Tatsächlich beeinflusste es die praktische Umsetzung von Entwicklungspolitik einer ganzen Dekade. Gleichsam war es nie unumstritten und wurde schließlich auch aufgrund mangelhafter realpolitischer Ergebnisse später wieder verworfen. Obwohl das Modell primär einen wirtschaftlichen Ansatz zur Erklärung und Überwindung von Unterentwicklung wählt, integrierte Rostow vor allem auch politische Aspekte.
Inwieweit genügt sein Modell dem Anspruch, als Grundlage der Modernisierungs- und damit einer politischen Theorie zu dienen? Anhand welcher Indikatoren kann man dies bewerten? Welche Aspekte umfasst die Modernisierungs- bzw. die politische Theorie im Allgemeinen überhaupt? Muss Rostows Werk nicht vielmehr als ein interessengesteuertes, ignorantes, ja sogar arrogantes Zeitprodukt gesehen werden, dass nur aufgrund seiner Schlichtheit einen derartigen Einfluss auf die Realpolitik haben konnte?
Da aus heutiger Sicht eklatante methodische Mängel bezüglich der wissenschaftlichen Beweisführung in Rostows Stadienmodell zu bemängeln sind, schließt diese Seminararbeit mit dem Fazit, dass es nur bedingt dem Anspruch genügen kann, als entscheidender Beitrag Ansatz einer politischen Theorie zu gelten und es vor allem vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des Kalten Krieges betrachtet werden muss. Dieser machte klare Abgrenzungen vom weltpolitischen Gegner mitunter wichtiger, als fundierte wissenschaftliche Ergebnisse. Insofern hätte der Untertitel „Eine alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie“ besser die Überschrift des Werks bilden sollen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Die theoretische Einordnung
Die Modernisierungstheorie
Die Entwicklung der Entwicklungstheorie
Die politische Theorie
Rostows Stadientheorie
Phase 1: Die traditionelle Gesellschaft
Phase 2: Die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufstieg
Phase 3: Der wirtschaftliche Aufstieg
Phase 4: Die Entwicklung zur Reife
Phase 5: Das Zeitalter des Massenkonsums
Rostows Marx-Kritik
Zwischenfazit
Zeitgeschichtliche Einflüsse
Die Phase der Entkolonialisierung
Der menschliche Aspekt
Der sicherheitspolitische Aspekt
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Stadienmodell von Walt W. Rostow auf seine Tauglichkeit als Grundlage für eine politische Theorie. Dabei wird kritisch hinterfragt, inwieweit das Modell wissenschaftlichen Ansprüchen genügt oder primär als machtpolitisches Instrument im Kontext des Kalten Krieges zu verstehen ist.
- Theoretische Verortung der Modernisierungstheorie
- Analyse von Rostows 5-Phasen-Stadienmodell
- Kritische Auseinandersetzung mit Rostows Marx-Kritik
- Untersuchung zeitgeschichtlicher Einflüsse auf die Entwicklungspolitik
- Evaluation des politikwissenschaftlichen Praxisnutzens des Modells
Auszug aus dem Buch
Phase 1: Die traditionelle Gesellschaft
Für Rostow gelten alle Gesellschaften vor dem 17. Jahrhundert als „traditionale Gesellschaft“. Traditionale Gesellschaften sind Agrargesellschaften, in denen das Arbeitsplatzangebot überwiegend durch diesen Sektor gestellt wird. Entwicklung kann zwar stattfinden, beispielsweise können Innovationen die Effektivität der Landwirtschaft erhöhen, all dieser Fortschritt ist jedoch durch eine Limitierung der erreichbaren Produktion pro Kopf begrenzt. Die Investitionsquote der Bevölkerung liegt bei unter 5% des Volkseinkommens. Folglich kann kein permanentes Wirtschaftswachstum einsetzen, die Bevölkerungszahl schwankt analog zum Erfolg der Ernten, Handel ist extrem abhängig vom Grad der politischen Stabilität.
Diese begrenzten Entwicklungsmöglichkeit resultieren aus der Tatsache, dass die Produktionsmöglichkeiten „auf vornewtonscher Wissenschaft und Technik basiert“ (Rostow 1960: 18) an. Der Bezug auf Newton weißt darauf hin, das Rostow die Errungenschaften der industriellen Revolution als eine zentrale Bedingung für eine wirtschaftliche Weiterentwicklung sieht.
Aufgrund ihrer agrarischen Prägung sind traditionale Gesellschaften durch eine hierarchische Gesellschaftsstruktur gekennzeichnet was zur Folge hat, dass das Wertesystem der Bevölkerung durch einen langfristigen Fatalismus geprägt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in Rostows Stadienmodell ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich dessen politiktheoretischer Relevanz.
Die theoretische Einordnung: Dieses Kapitel verortet die Modernisierungstheorie innerhalb der Politikwissenschaft und skizziert die historische Entwicklung der Disziplin.
Rostows Stadientheorie: Eine detaillierte Darstellung der fünf Entwicklungsphasen, von der traditionellen Gesellschaft bis zum Massenkonsum, inklusive einer Auseinandersetzung mit Karl Marx.
Zeitgeschichtliche Einflüsse: Hier werden die externen Faktoren wie Entkolonialisierung, Rostows persönliche politische Haltung und der sicherheitspolitische Kontext des Kalten Krieges beleuchtet.
Fazit: Das Kapitel bewertet Rostows Werk als politisch einflussreiches Zeitdokument, spricht ihm jedoch die wissenschaftliche Stringenz einer fundierten politischen Theorie ab.
Schlüsselwörter
Modernisierungstheorie, Stadienmodell, Walt W. Rostow, Entwicklungstheorie, Kalter Krieg, Investitionsquote, Unterentwicklung, Kapitalismus, Marx-Kritik, Wirtschaftswachstum, Politikwissenschaft, Take-off-Phase, Massenkonsum, Entwicklungspolitik, Theoriebildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das 1960 veröffentlichte Stadienmodell von Walt W. Rostow und hinterfragt dessen Rolle als Grundlage der Modernisierungstheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklungstheorie, der politischen Theorie, der historischen Wirtschaftsgeschichte und den machtpolitischen Dynamiken des Kalten Krieges.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Bewertung, ob Rostows Stadienmodell die Kriterien einer wissenschaftlichen politischen Theorie erfüllen kann oder als ideologisch motiviertes Konstrukt zu werten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen politikwissenschaftlichen Ansatz, der ideengeschichtliche Aspekte mit einer zeithistorischen Einordnung und einer methodenkritischen Überprüfung der wissenschaftlichen Beweisführung kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen, die detaillierte Beschreibung der fünf Stadien, eine Konfrontation mit der marxistischen Theorie sowie eine Analyse der zeithistorischen Einflüsse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff der Modernisierungstheorie prägen Begriffe wie Rostows Stadienmodell, Kalter Krieg, Kapitalismus und Politikwissenschaft das Profil der Arbeit.
Wie bewertet der Autor den tatsächlichen Nutzen des Modells?
Der Autor erkennt an, dass Rostow die Entwicklungspolitik der US-Außenpolitik maßgeblich mitprägte, stellt jedoch fest, dass der tatsächliche Nutzwert für die Bekämpfung von Armut oft gering blieb.
Warum bezeichnet der Autor Rostows Marx-Kritik als zentral?
Die Kritik an Marx offenbart laut Autor das eigentliche Motiv Rostows: Die Schaffung einer kapitalistischen Gegenposition zur marxistischen Theorie, die vor allem politisch-taktische Zwecke im Ost-West-Konflikt verfolgte.
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- Diplom Politologe Gerrit Rohde (Autor), 2006, Rostows Stadienmodell, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142343