Als sogenannte „Supertheorie“ hat die Systemtheorie Niklas Luhmanns wie kaum eine andere soziologische Theorie die Geistes- und Sozialwissenschaften der letzten 30 Jahre geprägt. Auch die Literaturwissenschaft hat seit Anfang der 1980er Jahre mit einiger Anstrengung versucht, sich dem Phänomen der Literatur auf systemtheoretischem Wege zu nähern – mit mäßigem Erfolg. So konstatierte Oliver Sill im Jahr 2001, dass die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung im Zeichen der Systemtheorie knapp zwei Jahrzehnte später „kaum über das Anfangsstadium hinaus gelangt war“ und „im Dschungel systemtheoretischer Konzepte“ den eigenen Gegenstandstandsbereich, nämlich „Literatur bzw. literarisches Handeln“ aus den Augen zu verlieren drohte. An dieser Feststellung hat sich bis zum heutigen Tage nicht viel geändert. Trotz zahlreicher Beiträge, Sammelbände (u. a. Schmidt 1993, de Berg/Prangel 1997, Fohrmann/Müller 1996) und diverser theoretischer Ausdifferenzierungen hat die systemtheoretische Literaturwissenschaft in den letzten Jahren stark an Attraktivität und Relevanz eingebüßt. Dies liegt nicht zuletzt an dem hohen Abstraktionsmoment der Theorie sozialer Systeme, die eine Applizierbarkeit systemtheoretischen Denkens auf literarische Texte als Form kommunikativen Handelns nicht ohne Schwierigkeiten zulässt. Die einstige Hoffnung systemtheoretischer Literaturwissenschaftler, mit der Systemtheorie ein Konzept vorzufinden, welches die Auflösung der Literaturwissenschaft in eine allgemeine Kulturtheorie aufzuhalten vermag und ein Begriffs-Setting bereitstellt, das es einerseits ermöglicht, universell die Möglichkeitsbedingungen für Literatur zu definieren und andererseits spezifisch genug ist, um Literatur und literarische Texte integrierend einzubinden, scheint begraben. Allein die kontrovers geführte Diskussion um eine adäquate Codierung und eine schlüssige funktionale Analyse des Literatursystems zeigt, dass in der systemtheoretisch orientierten Forschung bis heute nur eines sicher ist: „dass nichts sicher ist“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Die (erfolglose) Suche nach dem Literatursystem
2. Systemtheoretische Grundlagen
3. Literatur als soziales System?
3.1. Die Ausgangslage: Luhmanns Ausführungen zur Kunst
3.2. Symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium
3.3. Binäre Codierung
3.4. Funktion und Leistung
3.5. Zwischenfazit: Literatur als intermedialer Bestandteil des Kunstsystems?
4. Literatur als Vollzug des symbolisch generalisierten Kommunikations-mediums „Kunstwerk“ im Mehrebenenmodell des Kunstsystems
4.1. Literatur als intermedialer Bestandteil des Kunstsystems
4.2. Exkurs: Goethes „Werther“ als literarische Spezialkommunikation im Kunstsystem
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die systemtheoretische Annahme, dass Literatur ein autonomes, autopoietisches Funktionssystem innerhalb der modernen Gesellschaft darstellt. Ziel ist es, den Systemcharakter von Literatur neu zu bewerten, indem die Grenzen der bisherigen systemorientierten Literaturwissenschaft aufgezeigt und ein alternatives Modell vorgeschlagen wird, das Literatur als spezifischen Vollzug des Mediums „Kunstwerk“ innerhalb des Kunstsystems verortet.
- Grundlagen der Luhmannschen Systemtheorie und deren Übertragbarkeit auf Literatur.
- Kritische Analyse bisheriger Versuche, Literatur als autonomes System zu definieren.
- Entwicklung eines Mehrebenenmodells zur Integration von Literatur in das Kunstsystem.
- Anwendung des Medium/Form-Konzepts zur Beschreibung literarischer Kommunikation.
- Fallbeispiel: Goethes „Werther“ als intermediale Spezialkommunikation.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Ausgangslage: Luhmanns Ausführungen zur Kunst
„Ist Literatur codierbar?“ – Unter dieser Fragestellung läuft der immer noch andauernde literaturwissenschaftliche Diskurs um die Systemqualität von Literatur. Eine eindeutige Antwort scheint bisher nicht gefunden. Luhmann selbst hatte es in seinen theoretischen Schriften zur Kunst und Literatur weitestgehend unterlassen, detaillierter auf die möglichen Ausdifferenzierungsprozesse innerhalb der Kunst bzw. die Systemqualität von Literatur als Funktionssystem einzugehen. Mehr noch, Luhmann äußerte sogar Zweifel an der Systemqualität von Kunst:
„Die erzielten Ergebnisse führen uns nicht schon zu einem sicheren Urteil über die Lage der Kunst in der modernen Gesellschaft. Sie lassen noch weitgehend offen, ob und wie weit das Sozialsystem Kunst als ein eigenständiges, sich autopoietisch reproduzierendes Funktionssystem ausdifferenziert werden kann.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die (erfolglose) Suche nach dem Literatursystem: Diese Einleitung skizziert das Scheitern bisheriger Versuche der Literaturwissenschaft, Literatur als autopoietisches Sozialsystem nach Niklas Luhmann zu definieren, und formuliert das Ziel der Arbeit, Literatur stattdessen als Teil des Kunstsystems neu zu verorten.
2. Systemtheoretische Grundlagen: Dieses Kapitel fasst die zentralen Begriffe der Theorie sozialer Systeme zusammen, insbesondere Kommunikation, Sinn, Autopoiesis und die Medium/Form-Beziehung, um das begriffliche Rüstzeug für die weitere Untersuchung bereitzustellen.
3. Literatur als soziales System?: Hier erfolgt eine kritische Analyse des bisherigen Forschungsstandes zur Systemfrage der Literatur, wobei die mangelnde Eindeutigkeit von Codierung und Funktion als Argumente gegen einen autonomen Systemcharakter angeführt werden.
4. Literatur als Vollzug des symbolisch generalisierten Kommunikations-mediums „Kunstwerk“ im Mehrebenenmodell des Kunstsystems: In diesem Hauptkapitel wird ein neues Mehrebenenmodell entwickelt, das Literatur nicht als eigenständiges System, sondern als spezifischen operativen Vollzug des Kunstwerkes innerhalb des Kunstsystems beschreibt.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bekräftigt, dass die Literatur zwar kein eigenes autopoietisches Sozialsystem bildet, jedoch sinnvoll als intermedialer Bestandteil des Kunstsystems verstanden werden kann.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Literaturwissenschaft, Kunstsystem, Literatur, Autopoiesis, Medium und Form, Intermedialität, Kommunikation, Codierung, Funktion, Sozialsystem, Werther, Systemdifferenzierung, Kommunikationstheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit hinterfragt kritisch, ob Literatur in der modernen Gesellschaft als ein autonomes, nach systemtheoretischen Kriterien eigenständiges Sozialsystem betrachtet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, die Literaturwissenschaft, das Verhältnis von Kunst- und Literatursystem sowie die Intermedialitätsforschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die gängige Annahme eines autonomen „Literatursystems“ infrage zu stellen und eine alternative Verortung der Literatur als Bestandteil des Kunstsystems mittels des Medium/Form-Modells zu erarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine systemtheoretische Analyse angewandt, die den bisherigen Forschungsstand und verschiedene Codierungsvorschläge anhand eines Kriterienkatalogs auf ihre Konsistenz und Anwendbarkeit hin prüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Merkmale eines Sozialsystems (Codierung, Medium, Funktion) im Kontext der Literatur, führt die Medium/Form-Differenz ein und expliziert diese an einem Fallbeispiel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Schlüsselwörtern zählen Systemtheorie, Kunstsystem, Autopoiesis, Literatur, Medium/Form-Differenz, Intermedialität und Kommunikation.
Warum wird Goethes „Werther“ als Fallbeispiel herangezogen?
Der „Werther“ dient als Beispiel für den operativen Vollzug von Literatur als „Kunstwerk“, um die transmedialen, intramedialen und intermedialen Prozesse im Kunstsystem beispielhaft zu illustrieren.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der Autonomie der Literatur?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Literatur kein eigenständiges, autonomes Sozialsystem bildet, sondern als spezifische Form im Medium des Kunstsystems zu verstehen ist.
- Citation du texte
- Torben Fischer (Auteur), 2009, Die intermediale Beobachtung des Schönen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142884