Arnold Gehlen und seine Bewertung der Intellektuellen


Seminararbeit, 1991
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geistproblematik in Gehlens Werk „Der Mensch“
2.1 Der Mensch als weltoffenes und handelndes Wesen
2.2 Das Entlastungsprinzip und die Herausbildung von Symbolik
2.3 Hemmung des Triebbedürfnisses als Voraussetzung für Seele
2.4 Lebensnotwendige Funktion von Institutionen
2.5 Der Vollzug des Daseins als in sich sinnvoll

3. Die Intellektuellenproblematik in „Moral und Hypermoral“
3.1 Gehlens Intellektuellenbild
3.2 Gehlens Analyse der Gegenwart
3.3 Die Intellektuellen als Propagandisten einer diktatorischen Moral
3.4 Intellektualität, Geistigkeit und Institution
3.5 Kritik an Gehlen: Institution und geistige Freiheit sind vereinbar
3.6 Gehlen formuliert ein Bild vom Menschen ohne Persönlichkeit
3.7 Kritik an Gehlen: Institutionen benötigen freie Gestaltung

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

Anmerkung

Die Quellenangaben zu den Werken Gehlens sind folgendermaßen abgekürzt:

M=„Der Mensch: Seine Natur und seine Stellung in der Welt“

MH=„Moral und Hypermoral: Eine pluralistische Ethik“

1. Einleitung

Die Problematik der Intellektuellen hat in Gehlens Gegenwartsanalyse in „Moral und Hypermoral“ aus dem Jahr 1969 sehr viel mit einer speziellen Erscheinungsform zu tun: den Massenmedien. Nun erstreckt sich Gehlens Kritik in diesem Buch aber auf eine Entwicklungslinie, die schon in der Antike beginnt. Daraus wird klar: Es geht Gehlen nicht um eine bestimmte Zeit­erscheinung, sondern um Grundlegendes: In welcher Weise hat Intellek­tualität, damit die Instanz des Geistes im Menschen, eine Berechtigung.

In der Schrift „Der Mensch“ aus dem Jahr 1940 schafft Gehlen die Grundlage seiner gesamten Anthropologie. Hierauf stützt er sich im Weiteren, wandelt dieses Konzept aber auch, erweitert es und bringt neue Aspekte hinzu. Da es als die Basis seiner Theorie gelten kann, wird das spätere Werk „Moral und Hypermoral“ auch daraufhin zu untersuchen sein.

2. Die Geistproblematik in Gehlens Werk „Der Mensch“

Mein Interesse an den anthropologischen Grundlagen ist der Aspekt des Geistes. Ich setze in meiner Arbeit Geist mit Intellektualität gleich. Wie sich zeigen wird, ist mein Verständnis dieser Dimension aber verschieden von der in Gehlens Anthropologie, in der eine meiner Ansicht nach verkürzte Sicht davon auftritt. Das Problem des Geistes ist der zentrale Aspekt, mit dem sich Gehlen in der Konzeption seiner Theorie auseinandersetzen muss. Er muss sich gegen den Vorwurf wehren, eine nur biologistische Sicht des Menschen zu entwerfen. Diese biologistische Sicht sieht den Menschen in seiner gesamten Struktur von einer tierischen Organizität bestimmt, auch seine Geistigkeit sei von ihr abzuleiten. Gegen diese biologistische, „sich ‚biologisch‘ nennende Auffassung des Menschen vom Tiere aus“ (M14) soll sich seine Konzeption des Menschen absetzen als eine, die „exakt biologisch“ (M14) denkt. Sein „‚biologisches‘ Denken“ (M15) verhalte sich nämlich „gerade umgekehrt“ zu einer „Ansicht [...], welche mit einer Zurückführung des geistig-seelischen Bereiches auf den organischen arbeitet: Man sieht nämlich wieder, daß das, was man jenen geistigen Strukturen zuzurechnen und vorzubehalten pflegt, schon in den vitalen Schichten ‚vorberücksichtigt‘ ist.“ (M20) Der Mensch sei ein „Sonderentwurf der Natur“ (M15), kann nicht in einem „Stufenschema“ (M22) in die tierische Ordnung eingereiht werden. „Spezifisch menschliche Gesetze“ (M16) bestimmen ihn und geben als Untersuchungsobjekt erst die Basis zu einer Anthropologie. Das wesentliche Strukturmerkmal des Menschen sei eine „Instinktreduktion“ (M20), das heißt er ist nicht wie die von festen Instinktabläufen bestimmten Tiere in eine „Umwelt“ (M38) eingebunden. Durch diese mit den Tieren nicht vergleichbare Struktur des Menschen darf der „Unterschied“ (M23) zu ihnen nicht mehr alleine in das Vorhandensein von Geist gelegt werden, „sondern wäre genau so schon in den physischen Be­wegungen aufweisbar“ (M23). Gehlens Position wendet sich nicht nur gegen einen nur graduellen Unterschied des Menschen vom Tier, sondern auch gegen eine Bestimmung nur vom Geist her „im Sinne eines gegennatürlichen Wesens­zuges“ (M28). Er wendet sich gegen eine „alte[n] Auffassung des Menschen als Geistwesen“ (M28). Gehlens alles nun bestimmende Frage ist: „[W]ie ist dieses mit jedem Tier wesentlich unvergleichbare Wesen lebens­fähig?“ (M36).

2.1 Der Mensch als weltoffenes und handelndes Wesen

„Da der Mensch weltoffen ist“, d. h. der tierischen Anpassung in ein Aus­schnitts-Milieu“ (M35) entbehrt, ist er darauf angewiesen zu handeln. Er ist als ein „handelndes Wesen“ (M23) zu definieren. Oder anders formuliert: Nur „weil der Mensch weltoffen ist“, kann er handeln. Gleichzeitig muss hier immer gesehen werden, dass er handeln muss, um zu überleben: „ein physisch so verfaßtes Wesen ist nur als handelndes lebensfähig“ (M23). Es zeigt sich hier schon, dass in die Handlung eine Teleologie des Überlebens gelegt wird. Der Mensch muss sich seine Welt selbst gestalten und dies geschieht durch Handlung. Hierzu gehört für Gehlen der Begriff ‚Kultur‘: „Der Inbegriff der von ihm [dem Menschen] ins Lebensdienliche umgearbeiteten Natur heißt Kultur, und die Kulturwelt ist die menschliche Welt“ (M38). Diese Auf­fassung von Kultur entspricht der Herkunft des Wortes aus dem Ackerbau, hat mit unserer heutigen Auffassung davon als ‚Veredlung‘ des Menschen aber nicht mehr viel zu tun. Gehlens Hauptaugenmerk gilt immer dem „Lebens­dienlichen“ für den Menschen. Der Mensch als das „handelnde Wesen“ (M32) ist zugleich das „stellungnehmende“ (M32), „die Akte seines Stellungnehmens nach außen nennen wir Handlungen“ (M32). Die Fähigkeit dazu muss erst erworben werden, „wird von ihm in Auseinandersetzung mit der Welt erst eigentätig entwickelt“ (M37). Das Stellungnehmen des Menschen zur Welt ist dabei genauso wenig als „Luxus“ (M32) zu betrachten wie seine Kultur­leistungen, sondern machen ihn erst lebensfähig.

2.2 Das Entlastungsprinzip und die Herausbildung von Symbolik

In der Weltoffenheit des Menschen, die eine Reizüberflutung für ihn bedeutet, ist eine bestimmte Aneignung von Welt erforderlich. Diese geschieht in einem Entlastungsprinzip, das „eine Herabsetzung des unmittelbaren Kontakts mit der Welt“ (M39) bedeutet. Möglich ist dies durch eine in Eigentätigkeit heraus­gebildete Symbolik, die eine Kommunikation ohne direkten Kontakt erlaubt. Eine besondere Rolle spielen dabei „Lautaktionen“, aus denen sich dann eine Sprache entwickelt. Es ist dies ein Prozess, bei dem eine Ausrichtung „kommunikativ auf Dinge“ (M48) stattfindet und in diesem „Intendieren“ auf Dinge der gehörte Laut als „Symbol“ (M49) zurückempfunden wird. Dabei findet eine gleichzeitige Wahrnehmung von sich selbst und den Dingen statt. Hierin sieht Gehlen die „vitale Basis des Gedankens“ (M48). An diesem Modell ist zu kritisieren, dass in einer autistisch anmutenden Weise Kom­munikation und damit Vermittlung durch ein menschliches Gegenüber nicht erfolgt. Gerade eine Vermittlungsinstanz wie die beispielsweise von Erziehung, die Gehlen für unabdingbar hält, fehlt hier oder wird höchstens als den Vorgang beschleunigend angesehen. Wie solche „sensomotorischen Prozesse“ (M47) der Ursprung von Sprache sein sollen, ist mir nicht einleuchtend.

2.3 Hemmung des Triebbedürfnisses als Voraussetzung für Seele

Gehlen sieht in der Herausbildung von Symbolen den „Übergang vom ‚physischen‘ zum ‚geistigen‘“, wobei diese ohne Vorrangstellung des einen zum anderen in einer wechselseitigen Anlage aufgefasst sind. Damit der Mensch nun tatsächlich überlebensfähig ist, muss er von seinen augen­blicklichen Triebbedürfnissen absehen können und in die Zukunft gerichtete Interessen entwickeln. Das ist ihm möglich durch die Bewusstheit seiner Bedürfnisse, die somit „hemmbar“ (M52) sind. Durch diese Fähigkeit, durch einen „Hiatus“ (M54) von Triebbedürfnis und Trieberfüllung legt der Mensch „ein Inneres erst bloß, der Hiatus ist die vitale Basis des Phänomens Seele“ (M54). Im Verfolgen eines bestimmten „‚Sachinteresses‘“, das nicht sofort er­reicht werden kann, stelle die „Seele“ ein „Bild und das Ziel“ (M54) dieses Interesses dar, um daraufhin sich auszurichten. Die „Seele“ erfüllt bei diesen „Bedürfnissen“, die „innen bleiben“, auf subjektiver Seite eine Funktion wie dies auf objektiver Seite für Gehlen „Institutionen“ (M56) übernehmen: Institutionen als Seelen von Völkern. Gehlen zeigt sich hierbei als Pragmatist mit einer Ausrichtung nur auf einen Handlungsvollzug. Dies ist von großer Bedeutsamkeit für die Intellektuellenproblematik. Für Gehlen ist eine „ab­strakte Innenschau, welche das menschliche Innenleben ohne Beziehung zur Handlung, in seinem Reflex betrachtet“ (M56) verfehlt. Sie führt zum „Chaos der verschiedenen Richtungen der Psychologie“ (M56). Der Mensch ist für Gehlen das handelnde Wesen, und nur durch Handlung ist er überlebensfähig. Das heißt jedoch nicht, dass Gehlen der Erkenntnis keinen Wert zumisst. Erkenntnis hat dann einen Wert, wenn in ihr eine „Beziehung zur Handlung“ (M56) gegeben ist.

[...]

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Details

Titel
Arnold Gehlen und seine Bewertung der Intellektuellen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar: "Arnold Gehlen ‚Moral und Hypermoral‘"
Note
1,0
Autor
Jahr
1991
Seiten
15
Katalognummer
V142912
ISBN (eBook)
9783640519576
ISBN (Buch)
9783640521081
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arnold Gehlen, Anthropologie, Philosophie, Der Mensch, Moral und Hypermoral, Massenmedien, Institutionen, Intellektuelle, Geist, Triebe, Triebstruktur, Hemmung, Dasein, Moral, Ethik, Freiheit, Persönlichkeit, Biologie, Biologismus, Natur, Instinkte, Handlungen, Handlung, Rationalität, Macht, Gesinnungsethik, Verantwortungsethik, Leben, Staat
Arbeit zitieren
Magister Artium Bernhard Paha (Autor), 1991, Arnold Gehlen und seine Bewertung der Intellektuellen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142912

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