Zehn Jahre Arte Die Etablierung des europäischen Kulturkanals in der deutschen Fernsehlandschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

27 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arte „ein Kind der Politik“

3. Aller Anfang ist schwer

4. Die Mitglieder von Arte

5. Die Finanzierung

6. Die Arte-Zentrale

7. Die Arte-PräsidentenClément und Plog

8. Ein frostiger Empfang

9. Ist die Vision von Europa schon Wirklichkeit?

10. Anders fernsehen mit Arte

11. Das Image von Arte

12. Arte braucht ein Gesicht

13. Das Markenzeichen von Arte - die Themenabende
13.1. Der Themenmix
13.2. Marktanteile der einzelnen Themenabende
13.3. Das Profil der Themenabend-Zuschauer

14. Zusammenfassung

15. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 30.Mai 2002 feierte Arte sein 10-jähriges Jubiläum. Die Bilanz des Senders: 1260 internationale Auszeichnungen und ein durchschnittlicher Marktanteil unter einem Prozent in Deutschland[1] für das „Aushängeschild der deutsch-französischen Freundschaft“. Wie passt das zusammen? Auch nach 10 Jahren Sendebetrieb klafft die Schere zwischen der anerkannten Qualität des Programms, dem hervorragenden Ruf von Arte und den Zuschauer-zahlen auseinander. Dabei verfügt Arte über ein einzigartiges Programm, das sich von dem üblichen Einerlei abhebt, am Profil des Kulturkanals wird hart gearbeitet und ein kleines Stammpublikum ist dem Sender treu.

Was fehlt dem europäischen Kulturkanal, der sich seit nunmehr zehn Jahren mit mickrigen Einschaltquoten begnügen muss? Diese Frage möchte ich im Rahmen meiner Hausarbeit erörtern. Dazu betrachte ich zunächst die erste Dekade des europäischen Senders. Näher beleuchten werde ich dabei die Entstehungsgeschichte und die Struktur des Kulturkanals. Schon Ende der 80er Jahre kamen Mitterand und Kohl überein, mit der Gründung eines binationalen Senders die kulturellen Beziehungen zu intensivieren. Der Sitz in Straßburg sollte die europäische Zielsetzung signalisieren und ein Symbol für die deutsch-französische Kultur darstellen. Zunächst saß der Kulturschock links und rechts des Rheins tief. Doch der deutsch-französische Kern hat sich in den letzten zehn Jahren bewährt und nun ist es an der Zeit, durch weitere Partner, dem europäischen Gedanken des Senders Rechnung zu tragen. Warum sich Arte vor einer „europäischen Institutionalisierung“ scheut, werde ich im neunten Kapitel behandeln.

Im zweiten Teil meiner Hausarbeit steht das deutsche Arte-Publikum im Mittelpunkt. Anhand der aktuellen von Arte in Auftrag gegebenen Ipsos-Studie 2001 erörtere ich das Image des Kultursenders bei den Zuschauern und die Positionierung von Arte in der deutschen Fernsehlandschaft. Das Programm wird für mehrere nationale Publika konzipiert, sodass die deutschen Sehgewohnheiten nicht immer berücksichtigt werden können. Ob dies Auswirkungen auf das Image von Arte hat, werden wir im elften Kapitel sehen.

Der dritte Schwerpunkt meiner Arbeit ist eine Analyse der Themenabende von Januar bis Februar 2003, da diese als Markenzeichen von Arte gelten. Dabei untersuche ich die Inhalte sowie die soziodemographische Zusammensetzung der Zuschauer der Themenabende. Ziel meiner Analyse ist es festzustellen, ob sich dieses Arte-Format etablieren konnte und wie es sich in das Programmschema von Arte einfügt. Doch gehen wir zunächst 17 Jahre zurück.

2. Arte „ein Kind der Politik“

Schon 1986 kursierte auf einem Kulturgipfel die Absicht, ein deutsch-französisches Fernsehprogramm zu schaffen. Im Jahre 1988 lancierten Helmut Kohl und Francois Mitterand explizit die Idee, einen deutsch-französischen Sender ins Leben zu rufen. „Der europäische Kulturkanal“, wie er im Staatsvertrag 1990 getauft wird, war ein visionäres Projekt dieser beiden Staatsmänner, oder wie Kritiker ihn nannten, ein „Kind der Politik“. Das Ziel dieses Projekts war ehrgeizig: die Schaffung eines europäischen Qualitätsfernsehens zur Förderung der Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Arte sollte eine kulturelle Ausrichtung haben und einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Völkerverständigung leisten. Den Bürgern in Europa sollte ein Kanal geboten werden, der das Kunst- und Kulturerbe der europäischen Völker angemessen präsentiert.[2]

3. Aller Anfang ist schwer

„Gezeugt“ wurde Arte am Vorabend der deutschen Wiedervereinigung mit der Unterzeichnung des Gründungsvertrages. Die Bedeutung des Senders liegt in seiner Organisation. Zum ersten Mal werden verschiedene nationale Rundfunktraditionen überwunden. Arte verbindet das föderalistische deutsche Rundfunksystem mit dem zentralistischen französischen und hat sich zum Ziel die Schaffung einer europäischen kulturellen Identität gesetzt.[3] Unterschiedliche Auffassungen über den Kulturbegriff, den Kulturauftrag des Fernsehens und die Medienpolitik der beiden Staaten hatten im Vorfeld für heftige Diskussionen gesorgt. Aber auch zwischen den deutschen Bundesländern herrschte zunächst Uneinigkeit. Die Länder äußerten finanzielle Bedenken und hatten Angst vor einer Übervorteilung der französischen Seite durch deren Geschlossenheit. Nur mühsam wurde den deutschen Rundfunkanstalten eine Zustimmung zu dem Vertrag unter der Bedingung abgerungen, dass ihre Forderungen nach Wahrung der deutschen Rechtsstandards, Programmautonomie und Staatsunabhängigkeit, im Vertrag festgeschrieben werden sollten. Besonders dem Engagement des damaligen Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth verdankt Arte die Zustimmung der deutschen Bundesländer zu diesem Fernsehprojekt.[4] Mit einem Sonderrechtsrahmen wurden dann die politischen Probleme gelöst. Am 2.Oktober 1990 unterzeichneten die Ministerpräsidenten der elf Bundesländer[5] und Frankreichs Kulturminister Jack Lang einen zwischenstaatlichen Vertrag, der in nur sechs Artikeln die Selbstverwaltung des Senders, Modalitäten zum Beitritt weiterer Staaten, Übertragungswege, die Befreiung des deutschen Finanzanteils von der Mehrwertsteuer und die Vertragskündigung festlegte.[6] Um die europäische Ausrichtung des Senders zu gewährleisten, sollte Arte der nationalen Kontrolle entzogen werden, und vor allem die deutsche Seite verlangte die in Artikel 1 des Gründungsvertrages garantierte „Unabhängigkeit von staatlichen Eingriffen“. Diese Bestimmung garantiert Arte sowohl die Programmautonomie als auch eine selbstständige Verwaltung von Finanzen und Personal.[7]

Zur Welt kam Arte mit der Gründung einer Europäischen Wirtschaftlichen Interessenvereinigung am 30. April 1991. Die Gesellschaft privaten Rechts Arte G.E.I.E. (Groupement Européen d’Intérêt Économique) war durch den Gründungsvertrag rechtlich abgesichert. Gleichberechtigte Mitglieder sind die Arte Deutschland TV GmbH und Arte France. Der 33 Artikel umfassende Vertrag legt die Kompetenzverteilung zwischen den nationalen Rundfunkanstalten und der Arte Zentrale fest und regelt Fragen zur Finanzierung, Diffusionsquoten, Grundsätzen der Programmerstellung und Aufgaben der Zentrale als Kooperationsstelle. Der Gesellschaftsvertrag sollte die bestehenden Interessenkonflikte zwischen deutscher und französischer Seite neutralisieren und ein stabiles System garantieren.[8] Noch ein Jahr sollte vergehen bis Arte seine ersten Schritte auf dem Bildschirm machte und am 30. Mai 1992 zunächst über Kabel und Satellit in beiden Ländern auf Sendung ging.[9]

4. Die Mitglieder von Arte

Deutsche Koordinierungsstelle ist die Arte Deutschland TV GmbH mit den beiden gleichberechtigten Gesellschaftern ARD und ZDF mit Sitz in Baden-Baden. Arte Deutschland war gegründet worden, um die deutschen Belange gegenüber dem französischen Partner zu bündeln. Zu den Aufgaben von Arte Deutschland gehört die Förderung von Kultur, Völkerverständigung, Kunst, Bildung und Wissenschaft durch die Ausstrahlung von Sendungen im Europäischen Kulturkanal.[10] Weiterhin sollte durch Arte Deutschland der Informationsfluss und die Entscheidungsfindung zwischen der Zentrale und den Gesellschaftern gewährleistet werden. Ihre Aufgaben liegen in der Planung der Programme und der Koordinierung der Zusammenarbeit von Arte mit ARD und ZDF. Sie erwirbt die Nutzungsrechte an Fernsehproduktionen und liefert die Programme an die Zentrale nach Straßburg.[11]

Arte Deutschland dient als Verwaltungsinstanz für die Programmzulieferungen und Finanzquoten. Sie hat jedoch keine programmgestaltende Funktion, denn je zwanzig Prozent des Programms werden von ARD (und deren dritten Programmen) und ZDF für Arte produziert.[12]

Weitere vierzig Prozent des Programms liefert Arte France.[13] Dessen Vorläufer war La Sept, ein Kulturfernsehen mit qualitativ hochwertigem Angebot und einem elitären Publikum.[14] La Sept wurde 1986 von der französischen Regierung als Sender des „service public“ gegründet. Der Staat hält ein Viertel der Aktien.[15] Arte France hat zwei Tochtergesellschaften: die Produktionsgesellschaften Arte France Cinéma und Arte France Développement. Darüber hinaus hält Arte France Beteiligungen an den französischen Spartenkanälen Mezzo, Histoire und Festival und ist Gesellschafter bei Canal France International und TV5. Im Bereich der Koproduktionen arbeitet Arte France besonders mit osteuropäischen Ländern[16] und dem kanadischen Kulturfernsehen zusammen. Die Beteiligungen ermöglichen eine internationale Verbreitung der von Arte France produzierten Programme und die Möglichkeit einer Zweitverwertung. Der Großteil des Arte-Programms wird von den Mitgliedern produziert und nach Straßburg geliefert. Weniger als ein Drittel des Programms wird mit anderen europäischen Rundfunkanstalten koproduziert, gekauft oder von den europäischen Partneranstalten an Arte geliefert. Im Jahre 2001 kamen je ein Drittel der Produktionen aus Frankreich und Deutschland, ein Viertel aus anderen europäischen Ländern und ein Zehntel aus Übersee.[17]

5. Die Finanzierung

Nach Art. 7.2. Arte G.E.I.E. GV sind Frankreich und Deutschland verpflichtet, „im Verhältnis ihrer Stimmenzahlen der Vereinigung Finanzmittel, Fernsehprogramme und sonstige Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben und Pflichten ... benötigt.“ In beiden Ländern erfolgt die Finanzierung über die Fernsehgebühren. Werbung darf auf Arte nicht ausgestrahlt werden, und auch Sponsoring ist nur in einem begrenzten Rahmen möglich.[18] In Frankreich erfolgt die Finanzierung des Kulturkanals über den nationalen Haushaltsplan und gibt damit der Regierung einen hohen Einfluss. Arte France produziert seine Programme selbst und hat auch nicht wie die deutschen Sendeanstalten eine direkte Zweitverwertung für die Sendungen. Aus diesem Grund investiert Arte France mehr in Neuproduktionen und Erstausstrahlungen als das deutsche Mitglied.

In Deutschland hat die KEF in ihrem 13. Bericht für die Jahre 2001 bis 2004 insgesamt 413 Mio. Euro als Finanzbedarf für Arte anerkannt. Dieser Betrag setzt sich zusammen aus 310 Mio. Euro für Arte Deutschland[19] und 102 Mio. Euro[20] für Arte G.E.I.E.[21] Die von der GEZ erhobenen Gelder gehen zu einem großen Teil direkt an den Finanztopf der Anstalten ARD und ZDF, ohne dass eine Kostenstruktur für die Programmbeschaffung offengelegt wird. Aus diesem Grund wurde der Vorwurf laut, dass mit Arte-Geldern die Archive der deutschen öffentlich-rechtlichen Sender rentabilisiert würden. Dass sich dieser Vorwurf nicht von der Hand weisen lässt, zeigt sich am Beispiel des Fernsehmehrteilers Die Manns. Für alle von ZDF und ARD nach Straßburg gelieferten Programmbeiträge werden feste Pauschalen an die Anstalten gezahlt. Die deutschen Rundfunkanstalten lassen sich für die an Arte gelieferten Beiträge gut bezahlen und holen sich so ihre Gelder zurück. Teure für Arte produzierte Neuproduktionen werden oft einige Wochen später in den Hauptprogrammen ausgestrahlt.[22] So geschehen auch mit dem TV-Debüt Die Manns. 200.000 Euro steuerte Arte zur Produktion bei und erhielt das Erstsenderecht. Zwei Wochen später lief der Mehrteiler nach viel Werbung zur Hauptabendzeit im ARD. So ist manchem Intendanten eine nur mäßige Wahrnehmung ganz recht, wenn die Produktion mit der Absicht erfolgt, sie später in den deutschen Hauptprogrammen auszustrahlen.

[...]


[1] In Frankreich beträgt der Marktanteil 3%.

[2] Vgl.: Krüger, Udo Michael: Qualitätsanspruch bei 3sat und Arte. In: Media Perspektiven 2/2000, S. 82.

[3] Gräßle, Inge: Der Europäische Kulturkanal. In: Communications 20 (1995), S.87.

[4] Vgl.: Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal. Idee und Rechtsgestalt nach deutschem und europäischem Recht, Berlin 1997.

[5] Am 9. November 1996 traten dann die fünf neuen Bundesländern dem zwischenstaatlichen Vertrag bei.

[6] Vgl.: Gräßle, Inge: Der Europäische Kulturkanal. In: Communications 20 (1995), S.87

[7] Vgl.: Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal, S.154.

[8] Vgl.: Gräßle, Inge: Der Europäische Kulturkanal, S. 91.

[9] Vgl.: Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal, S.67.

[10] Vgl.: StichwortArte Dtl. TV GmbH: In ABC der ARD unter: www.ard.de

[11] Vgl.: Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal, S.83.

[12] Vgl.: Schwarzkopf, Dietrich: Arte- Der deutsch-französische Kulturkanal und seine Perspektive als europäisches Programm. In: Media Perspektiven 5/1992, S.294.

[13] Die restlichen Prozente sind Eigenproduktionen der Zentrale und Zulieferungen der europäischen Partner.

[14] Im August 2000 wird La Sept Arte in Arte France umbenannt.

[15] Vgl.: Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal, S.88.

[16] Arte France koproduziert Sendungen für Arte u.a. mit Polen, Ungarn, Russland, Rumänien, Bulgarien, Slowakei.

[17] Vgl.: Arte- Jahresbilanz 2001 unter www.arte-pro.de

[18] Vgl.: Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal Arte, S.217.

[19] inklusive der technischen Leistungen der Rundfunkversorgung

[20] inklusive des deutschen Anteils am Programmaufwand

[21] Vgl.: 13. KEF- Bericht unter www.kef-online.de

[22] Vgl.: Gräßle, Inge: Der Europäische Kulturkanal ARTE, S.96.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Zehn Jahre Arte Die Etablierung des europäischen Kulturkanals in der deutschen Fernsehlandschaft
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Rundfunkstruktur und -kultur in Europa
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V14395
ISBN (eBook)
9783638198110
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zehn, Jahre, Arte, Etablierung, Kulturkanals, Fernsehlandschaft, Rundfunkstruktur, Europa
Arbeit zitieren
Anne-Katrin Maser (Autor), 2003, Zehn Jahre Arte Die Etablierung des europäischen Kulturkanals in der deutschen Fernsehlandschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14395

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