"Community" - eine kritische Betrachtung


Essay, 2010

7 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Community

Meine Freunde lieben Fußball. Die meisten sind im Internetportal Communio.de angemeldet. Dort kann sich jeder Teilnehmer eine fiktive Mannschaft aus Spielern der Bundesliga

zusammenstellen, die jedes Wochenende neu bewertet werden. Dies ergibt dann den „Score" des Teams, einen Punktestand — wer vorne liegt, dem kommt der größte Respekt zu.

Ich habe es nie verstanden, wenn sie dar O ber redeten, wie und warum Ribé ry oder Rakitié jetzt auf- oder abgewertet wurden. Ich f O hlte mich aber regelrecht ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Mitsch O ler, während sie O ber ihre Communio redeten- ihre eigene Community.

Im taglichen Leben begegnet man dem Begriff „Community" immer after. Dabei haben wir alle uns sicherlich schon einmal gefragt: Was bedeutet dieser Begriff eigentlich auf Deutsch? Was versteht man unter einer „Community"? Hier tut sich zunächst die Frage auf, wie Community in den allgemeinen und soziologischen Sprachgebrauch zu übersetzen ist. Sind die im Englischen und Deutschen dem Begriff zugeordneten Verständnisse deckungsgleich oder lassen sich Differenzen ermitteln?

Sucht man nach einer populärwissenschaftlichen Definition der Gesellschaft und der Gemeinschaft, offeriert das Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) treffende lexikalische Einträge. Dieses beschreibt eine Gesellschaft im allgemeinen Sinne als ein Kollektiv von Menschen, „ deren Verhältnis zueinander durch Normen, Konventionen und Gesetze bestimmt ist" und sich durch „ eine stärker rationale (zweck-, nutzenorientierte) Begr O ndung des Zusammenlebens auszeichnet". Die Gemeinschaft hingegen ist als „eine wechselseitige Verbindung von Personen oder Staaten, die nicht ausschließlich (rational)

zweckorientiert, sondern auch auf Zuneigung und innere Verbundenheit angelegt ist" dargestellt . Weiterhin steht die soziale Gemeinschaft „teilweise kritisch den modernen anonymer werdenden (Massen- )Gesellschaften gegen a ber" 1 .

Das Kritisieren der Massengesellschaft, dem „Mainstream", untersucht auch Dick Hebdige in seinem Buch „Subculture: The meaning of Style". Hebdige sieht in einer Gesellschaft bestimmte Subsysteme entstehen, die sogenannten „Subcultures". Die „Classes", also Schichten der Gesellschaft, sind die Grundlage für das Entstehen bestimmter Subkulturen. Diese werden von den Jugendlichen unterschiedlicher Schichten gebildet, die, wie wohl heutzutage auch, am ehesten dazu bereit sind, ihrem Protest an der Massengesellschaft, dem „Mainstream", laut kundzutun. Diese Subkulturen differenzieren sich etwa durch eine bestimmte Kleidungs- oder Sprechart, ihrem „Style", vom Mainstream. Das siebte Kapitel des Buches trägt den Titel „Style as intentional communication". Der Style also, der sich in jeglichem gesellschaftlichen Auftreten ausdrücken kann, stellt eine intentionale Kommunikation dar (oftmals ist dies Kritik oder gar Protest). Auch innerhalb der gesamten Jugendkultur lassen sich wiederum Schichten ausmachen, aus denen selbst wiederum eine Subkultur entsteht, was man etwa bei den Punks oder den „Teddy Boys" beobachten kann, die weitere Untergliederungen innerhalb der Gemeinschaft der Jugendlichen darstellen. Das Bestehen von Klassen innerhalb der Jugendkultur selbst wurde von manchen Autoren so gedeutet, dass die Jugend selbst eine neue Klasse darstellt, nämlich eine „Community of undifferentiated Teenage Consumers"2. Eine Subkultur kann und wird also auch als eine Community bezeichnet. Wegen gleichartiger, kritischer, Ansichten gegenüber der Gesellschaft, der Society (oder auch dem „Mainstream"), grenzen sich also Communities, die Gemeinschaften, in der Theorie Hebdiges ab.

Interessant ist es, den Begriff der Community, welcher als Gemeinschaft verstanden wird gegenüber dem Begriff der Society, welcher als das öffentliche Leben, die Gesellschaft, verstanden wird, aus Sicht der Soziologen vorzunehmen, da diese Begriffe auch im englischen Sprachgebrauch keine klare Differenzierung aufweisen: Die Kulturwissenschaftler Reiner Grundmann und Nico Stehr behandeln in ihrem Sammelband „Society: Critical concepts in sociology" den Begriff der Society (Gesellschaft). Stehr und Grundmann sehen in der Society einen Sammelbegriff, der sich aus diversen Gesellschaftselementen konstituiert: Stehr und Grundmann zufolge reduzieren soziologische Theorien den Begriff der Gesellschaft (Society) auf wenige „Subsysteme", nämlich die des Staates, der Gemeinschaft und die Ansammlung von Individuen (intentionaler Natur).3 Auffällig ist hier, dass eine Community (Gemeinschaft) ein Subsystem der Society (Gesellschaft) darstellt. Eine Gemeinschaft muss sich also über bestimmte Werte definieren, die sie von der Anonymität der Massengesellschaft abgrenzen.

Die Schwierigkeit der wissenschaftlichen Abgrenzung des Gesellschaftsbegriffes gegenüber dem Begriff der Gemeinschaft behandelte auch Ferdinand Tönnies in seiner Abhandlung „Gemeinschaft und Gesellschaft": Tönnies bezeichnet Gemeinschaft als „ reales und organisches Leben"4, Gesellschaft hingegen als „ideelle und mechanische Bildung" 5 . Er geht so weit, Gemeinschaft als das „dauernde, echte Zusammenleben" [...], durchaus als einen „ lebendig1en] Organismus" 6 zu bezeichnen, Gesellschaft hingegen ist nur ein „vorübergehendes und scheinbares 1...] ein mechanisches Aggregat und Artefakt" 7 . Tönnies nennt die Gesellschaft das „öffentliche Leben", womit man meines Erachtens das vertraute Zusammenleben innerhalb einer Gemeinschaft durchaus dem Gesamtkontext der Gesellschaft unterordnen könnte:

Mitglieder einer Gemeinschaft sind automatisch auch Mitglieder einer Gesellschaft; anders herum ist dies- selbst nach soziologischer Definition — eben nicht der Fall, da die Gesellschaft eine übergeordnete Struktur der Gemeinschaft ist. Etwa die Subkulturen - entnommen aus der Theorie Hebdiges- lassen sich mit den Theorien Stehrs, Grundmanns und Tönnies' als Community im Sinne einer Gemeinschaft einordnen, doch im Umkehrschluss muss eine Community muss nicht unbedingt eine Subkultur sein, da sich Communities aus jeglichen Personengruppen jeglicher Interessensziele bilden können (oftmals um Interessen zu „bündeln" und diese, durch die Gruppe, besser in der öffentlichen Welt, der Gesellschaft, vertreten zu sehen).

Doch was heigt es eigentlich einer Community anzugehören und wie wird man „Mitglied" einer solchen? Kreissl drückt es treffend aus: Communities existieren durch eine Idealisierung der Ansichten, eine „Lösung praktischer und theoretischer Probleme wird erkauft durch einen expliziten Ausschluss jener, die nicht zu uns gehören" 8 . Jene, die die populistischen Ansichten nicht teilen, müssen damit rechnen, durch eine

[...]


1 Klein; Schubert (2006)

2 Hebdige (1979), S. 75

3 Vgl. Stehr; Grundmann (2009), S.1

4 Tönnies (1935), S.3

5 Ebd., S.3

6 Ebd., S.4

7 Ebd., S.4

8 Kreissl (2006), S.37

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
"Community" - eine kritische Betrachtung
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V143981
ISBN (eBook)
9783640535019
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Community, Betrachtung
Arbeit zitieren
Thilo Trost (Autor), 2010, "Community" - eine kritische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143981

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