In seiner 1996 erschienenen Abhandlung „Embryo – Mensch – Person: Zur Frage nach dem Beginn des personalen Lebens“ geht Günter Rager der Frage nach, ob und inwiefern auch ungeborenes Leben ebenso wie das unsrige den Anspruch hat, Personen¬status zugemessen zu bekommen und damit im Sinne Kants und des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ein Wert an sich und damit unantastbar zu sein. Die dieser Frage ermöglicht eine Schlussfolgerung darüber, ob an ungeborenem Leben geforscht werden darf oder nicht, ob Embryonen also als reines Mittel zum Zweck, und zwar nicht als Mittel zum Zweck an sich selbst, gebraucht bzw. missbraucht werden dürfen. Die Aktualität dieses Themas wird deutlich, wenn man die fortlaufende Diskussion in Deutschland in Betracht zieht, die sich auf Grund der Tatsache ergibt, dass Embryonen¬forschung in Deutschland gänzlich verboten, in einigen anderen Ländern wie z.B. den USA hingegen zu einer Vielzahl von Zwecken und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt der Embryonal¬entwicklung erlaubt, oder im Extremfall, wie beispielsweise in Israel, gar bis zur Geburt nahezu uneingeschränkt zugelassen ist. Die deutsche Forschung sieht sich im internationalen Wettbewerb folgerichtig benachteiligt und angesichts des sich daraus ergebenden unablässigen Gegenwinds seitens der Befürworter der Embryonalforschung bedarf es schlagkräftiger Argumente, um das bestehende Verbot in Deutschland aufrecht zu erhalten. Rager ist bemüht, diese zu liefern.
Im Gegensatz zu Vertretern des Utilitarismus, die teleologisch, also konsequentialistisch vorgehen und nach den Folgen einer jeden Handlung, also in unserem Fall nach den Folgen der Embryonenforschung fragen, argumentiert Rager innerhalb der normativen Ethik deontologisch. Da Deontologen den Anspruch haben, ihre Argumente so vorzutragen, dass sie so bindend, allgemeingültig, normativ und universalisierbar sind wie etwa ein physikalisches Gesetz, stehen am Ende ihrer Überlegungen Handlungsregeln, die um jeden Preis einzuhalten sind. Im Extremfall bedeutet dies z.B. für Kant, den „Vater“ der Deontologie, dass eine Norm wie „du sollst nicht lügen“ auch dann einzuhalten ist, wenn Vertreter eines totalitären Systems, das man persönlich vielleicht ablehnt, vor der Türe stehen und fragen, ob man entflohene Personen bei sich aufgenommen habe. Diese Handlungsanweisung gilt selbst in dem Wissen, dass ein Ja mit hoher Wahrscheinlichkeit den Tod der Versteckten bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. Darstellung
II.1. Die Potenz des Embryos zur vollständigen menschlichen Entwicklung
II.2 Die humanspezifische Entwicklung des Embryos
II.3 Die Kontinuität der Entwicklung des Menschen
III. Kritische Würdigung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der ethischen Abhandlung von Günter Rager auseinander, die untersucht, ab welchem Zeitpunkt ungeborenem Leben der Status als Person und damit einhergehende unantastbare Würde zugesprochen werden kann. Dabei wird insbesondere der Konflikt zwischen deontologischen Positionen und utilitaristischen Ansätzen in der aktuellen Debatte um die Embryonenforschung in Deutschland analysiert.
- Ethische Begründung des Personenstatus ab der Befruchtung
- Auseinandersetzung mit utilitaristischen Argumenten nach Peter Singer und Dieter Birnbacher
- Analyse der Potenzialität und der Kontinuität der menschlichen Entwicklung
- Kritische Reflexion der Unterscheidung zwischen Mensch und Person
Auszug aus dem Buch
II.1. Die Potenz des Embryos zur vollständigen menschlichen Entwicklung
Rager spricht dem Embryo ab dem Stadium der befruchteten Eizelle die Potenz zur vollständigen menschlichen Entwicklung zu. Wichtig ist ihm, dass es sich dabei um eine aktive Potentialität handelt. Im Gegensatz zur passiven Potentialität bedeutet aktive Potentialität für ihn eine Potentialität, die nur derzeit nicht realisiert ist, wie etwa die Potentialität eines schlafenden Menschen, oder eben die Potentialität seines Diskussionsgegenstands, also die des Embryos ab der Befruchtung der Eizelle. Zur Realisierung einer passiven Potentialität muss noch etwas von außen hinzukommen, im Falle eines Spermiums oder einer Ovozyte wäre dies der Vorgang der Befruchtung.
Nun lässt Singer in seiner Argumentation weder aktive noch passive Potentialität gelten. Ausschlaggebend sind für ihn allein aktuelles Ich-Bewusstsein, Vernunft und freier Wille. Da ein Fötus über diese Eigenschaften nicht verfügt, ist dieser für Singer auch keine Person. Personen zeichnen sich für Singer des weiteren dadurch aus, Lebewesen zu sein, die sich ihrer selbst bewusst, empfindungsfähig und autonom sind sowie Interessen haben.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Dieses Kapitel skizziert die Fragestellung nach dem moralischen Status des Embryos und führt in die deontologische Argumentationsweise von Günter Rager ein.
II. Darstellung: Hier werden Ragers Hauptargumente – die Potenzialität, die humanspezifische Entwicklung und die Kontinuität der Entwicklung – detailliert erläutert.
II.1. Die Potenz des Embryos zur vollständigen menschlichen Entwicklung: Dieser Abschnitt behandelt die Abgrenzung zwischen aktiver und passiver Potenzialität sowie die Auseinandersetzung mit Kritikern wie Peter Singer.
II.2 Die humanspezifische Entwicklung des Embryos: Hier wird Ragers These verteidigt, dass sich der Mensch genetisch von Beginn an von anderen Spezies unterscheidet, und das Biogenetische Grundgesetz kritisch hinterfragt.
II.3 Die Kontinuität der Entwicklung des Menschen: Dieses Kapitel erörtert die biologische Kontinuität der Entwicklung des Embryos als Gegenargument zur Festlegung willkürlicher Zeitpunkte für den Personenstatus.
III. Kritische Würdigung: Der Autor reflektiert die Argumentation Ragers und identifiziert Schwachstellen, insbesondere im Umgang mit der Definition von „Mensch“ und „Person“.
Schlüsselwörter
Embryo, Mensch, Person, Ethik, Deontologie, Utilitarismus, Potenzialität, Lebensrecht, Embryonenforschung, Menschenwürde, Biogenetisches Grundgesetz, Kontinuität, Hirnleben, Individuation, Günter Rager.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die ethische Argumentation von Günter Rager bezüglich der Frage, ab wann dem ungeborenen Leben der Status einer Person und damit einhergehende Menschenwürde zuzuerkennen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der moralische Status von Embryonen, die Abgrenzung von Mensch und Person sowie die ethische Zulässigkeit der Embryonenforschung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Auseinandersetzung mit der deontologischen Begründung, die Rager für den Schutz des Embryos ab der Befruchtung vorbringt.
Welche ethische Methode wird verwendet?
Der Autor untersucht Ragers deontologischen Ansatz, der sich gegen utilitaristische Positionen stellt, welche Handlungen primär nach ihren Folgen bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Ragers drei Hauptargumente – die Potenzialität des Embryos, seine humanspezifische Entwicklung und die kontinuierliche biologische Entwicklung – dargestellt und analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Embryo, Person, Deontologie, Utilitarismus, Potenzialität, Menschenwürde und Embryonenforschung.
Wie unterscheidet Rager zwischen aktiver und passiver Potenzialität?
Rager definiert aktive Potenzialität als eine Fähigkeit, die nur aktuell nicht realisiert ist (wie bei einem schlafenden Menschen), während bei passiver Potenzialität ein äußerer Eingriff zur Realisierung notwendig wäre.
Warum übt der Autor Kritik an Ragers Argumentation?
Der Autor kritisiert unter anderem, dass Rager die Begriffe „Mensch“ und „Person“ im Verlauf seiner Abhandlung nicht konsequent trennt und die Argumente gegen willkürliche Zeitpunkte wie das „Hirnleben“ schwach ausfallen.
Welche Rolle spielt die Kontinuität der Entwicklung in der Arbeit?
Sie dient als Argument gegen die Festlegung von Entwicklungsstadien (wie etwa den 57. Tag) als Grenze für den Personenstatus, da es laut Rager keine biologischen Sprünge gibt.
- Citation du texte
- Michael Helten (Auteur), 2007, Embryo – Mensch – Person: Zur Frage nach dem Beginn des personalen Lebens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144412