Die Methoden qualitativer Forschung zur Erhebung untersuchungsrelevanter Daten
erfreuen sich auch innerhalb der Sportwissenschaft immer größerer Beliebtheit. Mit
dem gesteigerten Interesse am Subjekt Mensch, seinem Handeln und Erleben in
seinem natürlichen Lebensumfeld, wuchs auch die Zahl derer, die sich mittels
unstrukturierten und offenen Erhebungsmethoden dem sozialen Umfeld des
Menschen nähern wollen.
Spätestens seit Erkenntnis über die einflussreiche Bedeutung psychischer Prozesse
im sportlichen Handeln, werden Methoden der qualitativen Erkenntnisgewinnung nun
auch vermehrt in Forschungsprozesse innerhalb der Sportwissenschaft eingebunden
und deren Ergebnisse in der Praxis umgesetzt.
Dabei geht es also nun nicht mehr primär um die Erfassung physiologischer
Parameter im Sport, sondern auch um die Erfassung von Faktoren auf psychischer
Ebene, wie Motive, Einstellungen, Emotionen und den Prozessen kognitiver
Informationsaufnahme, deren Verarbeitung und Umsetzung. Um deren Geltung im
Bezug zur Leistung und Leistungsfähigkeit eines Sportlers zu beschreiben und zu
erklären, und in den verschiedenen Arbeitsbereichen des Sports praktisch
umzusetzen. Vor allem im Leistungs- und Hochleistungssport finden diese
Erkenntnisse seit einigen Jahren ihre Anwendung. Versuche diese Erkenntnisse für
den Bereich des Behindertensports zu modifizieren gibt es bisher nur wenige.
Scheinbar schließen sich eine hohe sportliche Leistungsfähigkeit und Behinderung
nach wie vor in vielen Köpfen von Wissenschaftlern, Trainern und Übungsleitern
aus.
Die psychologische Betrachtungsweise spezifischer Anforderungen im Behindertensport
wurde bisher nur vereinzelt beleuchtet, es mangelt an einem umfassenden
Konzept zur Thematik.
In dieser Arbeit soll erläutert werden, welchen Nutzen ein Interviewleitfaden zur
Sammlung von Informationen, bezüglich des psychischen Anforderungsprofils, unter
dem Aspekt der Belastung und Beanspruchung, behinderter Rugbyspieler hat. Wie
hat sich die Methode der Datensammlung unter dieser Fragestellung bewährt und
sind meine Erwartungen erfüllt worden? Und weiterhin, lassen sich die entwickelten
und erprobten Fragen auch auf andere Rollstuhlsportler einer Mannschaftssportart
übertragen? Wie lässt sich das Leitfaden- Interview in der forschungsmethodischen
Praxis der Sportpsychologie einordnen?
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Einführung
1 Theoretische Grundlagen und Vorüberlegungen
1.1 Behindertensport
1.1.1 Behinderung - Begriffbestimmung und aktuelle Zahlen
1.1.2 Aspekte des Behindertensports
1.2. Entwicklung des Rollstuhl- Rugby in der Bundesrepublik Deutschland
1.3 Methodik des Sportspiels Rollstuhl- Rugby und kurzer Abriss des Regelwerkes
1.4 Versuch einer Einordnung der Sportart Rollstuhl- Rugby in die Systematik der Sportspiele von Döbler und Scheidereit
2 Belastung und Beanspruchung als Grundbegriffe in der Sportpsychologie
2.1 Belastung und Beanspruchung in der Sportwissenschaft
2.1.1 Psychische Belastung im Sport
2.1.2 Psychische Beanspruchung im Sport
2.1.3 Zum Verhältnis psychischer Belastung und Beanspruchung zur psychischen und physischen Belastbarkeit
2.2 Ausblick auf mögliche Aspekte psychische Belastung und Beanspruchung im Sportspiel
3 Empirische Forschung im Sport
3.1 Grundlagen sportwissenschaftlicher Forschung
3.1.1 Grundlagen sportpsychologische Forschung
3.1.2 Aufgaben sportpsychologischer Forschung im Leistungssport
3.2 Qualitatives und quantitatives Paradigma in der empirischen Sportforschung
3.2.1 Quantitative Forschungsmethodik
3.2.2 Qualitative Forschungsmethodik
3.3.3 Konsequenzen für die sportwissenschaftliche Praxis
4 Die Methodik des Interviews als mündliche Form der Befragung
4.1 Allgemeine Grundlagen wissenschaftlicher Befragungen
4.2 Abgrenzung wissenschaftlicher Befragungen vom Alltagsgespräch
4.3 Kommunikation als Prozessmodell und Grundlage wissenschaftlicher Befragungen
4.4 Charakteristik wissenschaftlicher Befragungen
4.4.1 Grad der Standardisierung
4.4.2 Offene und geschlossene Fragen
4.5 Auswahl der Stichprobe und Stichprobengröße
4.6 Flexibilität und Offenheit qualitativer Interviews
4.7 Leitfadeninterview als mündliche Form der Befragung
5 Entwicklung und Erprobung des Interviewleitfadens
5.1 Aufgabenstellung
5.2 Kategorisierung der Fragen
5.3 Untersuchungsstichprobe
5.4 Befragungssituation
5.5 Durchführung der Interviews
5.6 Darstellung der Interviewergebnisse
6 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen Interviewleitfaden zu entwickeln und zu erproben, der dazu dient, psychische Anforderungen von Rollstuhl-Rugbyspielern im Trainings- und Wettkampfkontext zu erfassen und die Eignung der qualitativen Interviewmethode für diesen spezifischen Forschungsbereich zu untersuchen.
- Grundlagen der Belastung und Beanspruchung in der Sportpsychologie
- Methodik der empirischen Forschung und qualitativer Interviews
- Entwicklung und Kategorisierung eines Leitfadens für Rollstuhl-Rugby
- Analyse der Befragungssituation und des Antwortverhaltens von Probanden
Auszug aus dem Buch
Die Methodik des Interviews als mündliche Form der Befragung
Mittels Befragung wird lediglich verbales Verhalten erfasst, nicht soziales Verhalten insgesamt. Der Prozess der Befragung ist situationsspezifisch und von den Erwartungen aller Kommunikationspartner geprägt (vgl. Atteslander, 2005, S.114). Die mündliche Form der qualitativen Befragung wird auch als Interview bezeichnet. Dabei wird eine Gesprächssituation von den beteiligten Personen bewusst herbeigeführt. Das Interview an sich, wird dem qualitativen Paradigma zugeordnet, da es verbale Informationen liefert. Beim qualitativen Interview werden verbale Daten, welche das Produkt verbaler Kommunikation sind, interpretativ ausgewertet (vgl. Bortz & Döring, 2002, S. 295).
Im folgenden wird die qualitative Methode der Datenerhebung mittels mündlicher Befragung näher betrachtet und zur Gegenüberstellung und zum besseren Verständnis, Aspekte der quantitativen Befragung einbezogen. Beide Sichtweisen der Befragung sind relevant, um im weiteren Verlauf der Arbeit ein Verständnis für die Methodik des Interviewleitfadens zu erhalten. Ein Interviewleitfaden als halb standardisierte Form der Befragung enthält Aspekte beider Sichtweisen und lässt sich zwischen diesen beiden Extremtypen ansiedeln (vgl. Lamnek, 1995, S. 46). Tendenziell wird das Leitfadeninterview als halbstandardisierte Methode der Datengewinnung den qualitativen mündlichen Formen der Befragung zugeordnet. Folgende Definitionen verweisen auf die Charakteristik und die Zielsetzungen qualitativer Interviews.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Theoretische Grundlagen und Vorüberlegungen: Einführung in die Begrifflichkeiten von Behindertensport, Rollstuhl-Rugby sowie theoretische Einordnung von Belastung und Beanspruchung im Sport.
2 Belastung und Beanspruchung als Grundbegriffe in der Sportpsychologie: Detaillierte Auseinandersetzung mit der psychologischen Belastungs-Beanspruchungs-Konzeption und deren Bedeutung für die sportliche Leistung.
3 Empirische Forschung im Sport: Überblick über wissenschaftliche Forschungsmethoden mit Fokus auf die Unterschiede zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsansätzen.
4 Die Methodik des Interviews als mündliche Form der Befragung: Erläuterung des qualitativen Interviews, seiner Charakteristika und der Abgrenzung gegenüber dem alltäglichen Gespräch.
5 Entwicklung und Erprobung des Interviewleitfadens: Beschreibung der praktischen Anwendung, der Kategorisierung der Fragen und der Durchführung der Interviews mit Rollstuhl-Rugbyspielern.
6 Zusammenfassung und Ausblick: Kritische Reflexion der Forschungsergebnisse und Bewertung der Eignung des Interviewleitfadens zur Erfassung psychischer Anforderungen.
Schlüsselwörter
Sportpsychologie, Rollstuhl-Rugby, Behindertensport, Belastung, Beanspruchung, Qualitatives Interview, Leitfadeninterview, Empirische Forschung, Psychische Anforderungen, Datenerhebung, Interviewmethodik, Sportwissenschaft, Handlungsregulation, Qualitative Sozialforschung, Trainingswissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Abschlussarbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die psychischen Anforderungen der Sportart Rollstuhl-Rugby durch die Entwicklung und Erprobung eines speziellen Interviewleitfadens.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Felder sind die sportpsychologische Belastungs-Beanspruchungs-Theorie, die methodischen Grundlagen der qualitativen Forschung sowie die spezifischen Rahmenbedingungen des Rollstuhl-Rugbys.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel besteht darin, einen zweckmäßigen Interviewleitfaden für die Sportpsychologie im Bereich Rollstuhl-Rugby zu entwickeln und dessen Praxistauglichkeit an einer Stichprobe zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verwendet qualitative Forschungsmethoden, insbesondere das halbstandardisierte Leitfadeninterview als mündliche Befragungsform.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, methodische Überlegungen zu Forschungsparadigmen und die konkrete Darstellung der Leitfadenentwicklung sowie der Befragungspraxis.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Belastbarkeit, psychische Anforderungen, qualitative Methodik, sportliche Handlungsregulation und Behindertenleistungssport.
Wie wurde die Stichprobe für die Interviews ausgewählt?
Es handelt sich um eine bewusste Auswahl von sechs aktiven Spielern der Rollstuhl-Rugbymannschaft "Saale-Rowdies", wobei aufgrund der geringen Anzahl die Einzelfallbetrachtung im Vordergrund steht.
Welchen Einfluss hatte die Behinderung der Spieler auf den Interviewverlauf?
Die Untersuchung ergab keine signifikanten Einschränkungen durch die Behinderung selbst; der Erkenntnisgewinn erwies sich als weitgehend unabhängig von den spezifischen körperlichen Einschränkungen der Probanden.
- Citation du texte
- Maren Gottschlich (Auteur), 2007, Entwicklung und Erprobung eines Interview-Leitfadens zur Erfassung psychischer Anforderungen im Rollstuhl-Rugby, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144798