Die vorliegende Arbeit widmet sich einem Thema, dessen Aktualität bereits seit mehreren Jahrtausenden andauert – der Armut.
Denken wir an Whitechapel im 19. Jahrhundert oder an die Bronx in der heutigen Zeit – beide Stadtteile stehen bei uns als Synonyme für soziale Brennpunkte in der Welt; sie werden gemieden, wohlwissend um die Situation: Bettler, Obdachlose und Vaganten auf der einen Seite, Beamte, Offiziere und Millionäre auf der anderen. Sozial gesehen liegen Lichtjahre zwischen ihnen, im geographischen Maßstab trennen diese Schichten hingegen nur einige
Kilometer. Man kreuzt die Wege von Menschen, die einen Einkaufswagen vor sich herschieben oder im Eingang einer kirchlichen Einrichtung um Almosen bitten, und hin und
wieder versucht man, das Leben dieser bedauernswerten Kreaturen durch das Zustecken einer flachen, metallenen Scheibe zumindest für einen Moment zu verbessern – und um sein Gewissen zu erleichtern. Doch wer ist hier eigentlich arm? Und wie äußert sich diese Fom der sozialen Stigmatisierung?
Im Zuge der Analyse des Lazarillo de Tormes soll es in erster Linie darum gehen, die Armut, die sich hinter den Kulissen versteckt, auf die Bühne hervorzuholen und zu präsentieren.
Kurzum: Die Armut wird zum Protagonisten umfunktioniert – und diese übernimmt vielerlei Rollen.
Im ersten Kapitel wird ein kurzer Abriss über die spanische Zivilisation und Literatur jener Zeit gegeben, die uns die Frage nach der Armut im Lazarillo de Tormes klar vor Augen
halten werden. Um die Armut im Text jedoch überhaupt sichtbar machen zu können, wird eine Klassifizierung verschiedener Arten mitsamt der dazugehörigen Charakteristika angelegt,
um – hierauf aufbauend – wiederum einen strukturierten Fragenkatalog zu erstellen, der uns in den sich anschließenden Kapiteln, die sich der spezifischen Analyse der Codierungen
von Armut widmen, eine effiziente Arbeit ermöglichen soll.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung – Zielsetzung und Methoden
1 Von Prosperität und Armut im Spanien der »Siglos de Oro«
1.1 Arten von Armut
1.2 Fragen über Fragen
2 Analyse des Werkes »Lazarillo de Tormes«
2.1 Tractado primero
2.1.1 Die Kindheit Lázaros: Fortuna, Tod und Familie
2.1.2 Der »ciego« – Lázaros erster Herr
2.2 Tractado segundo – »el clérigo«
2.3 Tractado tercero – Lázaro in Toledo
2.4 Tractado cuarto – »un fraile«
2.5 Tractado quinto – »un buldero«
2.6 Tractado sexto – »un capellán«
2.7 Tractado séptimo - »en la cumbre de toda buena fortuna«
3 Evaluierung der Ergebnisse
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Codierung von Armut in dem anonymen spanischen Schelmenroman »Lazarillo de Tormes«. Das primäre Ziel ist es, die verborgenen sozialen Schattenseiten der spanischen Gesellschaft des 16. Jahrhunderts anhand der Lebensgeschichte des Protagonisten Lázaro sichtbar zu machen, wobei Armut nicht als festes Schicksal, sondern als treibende Kraft für die persönliche Entwicklung und das Überlebensgeschick der Hauptfigur analysiert wird.
- Klassifizierung verschiedener Armutstypen (finanziell, materiell, geistig-kulturell, psychisch)
- Analyse sozio-kultureller Hierarchien im Spanien der »Siglos de Oro«
- Untersuchung der autobiographischen Züge des Werkes und der Identität des Erzählers
- Evaluierung der Armutscodierung in den einzelnen Stationen (Tractados) des Protagonisten
- Interpretation der Rolle von »Fortuna« im Kontext von Armut und sozialem Aufstieg
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Der »ciego« – Lázaros erster Herr
Zu Anfang weiß der Leser lediglich, dass beide zusammen versuchen, Geld in die Kasse zu treiben, und zu diesem Zweck befinden sie sich in Salamanca. Dort jedoch bleiben sie nicht lange, da die Einnahmen nicht nach dem Geschmack des »ciego« sind:
»Como estuvimos en Salamanca algunos días, pareciéndole a mi amo que no era la ganancia a su contento, determinó irse de allí;...« (p. 18, m.H.)
Lázaro verabschiedet sich von seiner Mutter, die ihn dabei in ein neues Leben entsendet. Die Art und Weise, wie sie Lázaro die letzten Worte auf den Weg gibt (»–Hijo, ya sé que no te veré más. Procura de ser bueno, y Dios te guíe. Criado te he y con buen amo te he puesto; válete por ti.«, ib.), bekräftigt unsere bereits getätigte Annahme, dass sie ihn auf Grund der finanziellen Situation gehen lässt, die es ihr nicht erlaubt, zwei Söhne zugleich aufzuziehen. (siehe oben)
Zurück zur Armut: Lázaros Leben ändert sich, und zusammen mit seinem neuen Herrn scheint auch das Geld nicht weit zu sein (»la ganancia«), was sich u.a. schon daran ablesen lässt, dass ein Blinder in ein Gasthaus Einzug hält und somit wohl auch Geld sein Eigen nennen kann. (siehe oben)
Bevor Lázaro jedoch an Geld gelangt, muss er seine Naivität ablegen. Hierfür lässt ihn der Blinde an einer Steinfigur horchen (»un animal de piedra, que casi tiene forma de toro...«, ib.), in der – so der »ciego« – Geräusche zu vernehmen seien: »-Lázaro, llega el oído a este toro y oirás gran ruido dentro de él.« (ib.) Lázaro erkennt, dass er sich zuvor in einer »simpleza« befand (»Parescióme que en aquel instante desperté de la simpleza en que, como niño, dormido estaba«, p. 20), mit anderen Worten: er war naiv. Für das neue Leben mit dem Blinden jedoch bedarf er einer gewissen Bauernschläue, mit der er sich sozusagen seine Brötchen verdienen kann. Er muss seinen Kopf (d.h. Verstand) benutzen, denn der stellt das einzige Mittel dar, das ihm bleibt.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung – Zielsetzung und Methoden: Die Einleitung definiert das Thema Armut, erläutert die Relevanz des Werkes und stellt den methodischen Rahmen sowie den Fragenkatalog für die anschließende Analyse vor.
1 Von Prosperität und Armut im Spanien der »Siglos de Oro«: Dieses Kapitel gibt einen historischen Abriss über die spanischen Lebensverhältnisse des 16. Jahrhunderts und klassifiziert theoretische Armutstypen als Grundlage für die Textanalyse.
2 Analyse des Werkes »Lazarillo de Tormes«: Der Hauptteil untersucht detailliert die sieben Stationen (Tractados) Lázaros, wobei insbesondere die verschiedenen Erscheinungsformen von materieller und finanzieller Armut in den unterschiedlichen Dienstverhältnissen analysiert werden.
3 Evaluierung der Ergebnisse: Das Fazit fasst zusammen, dass Armut in dem Werk vor allem als Beweggrund für Lázaros Lebensbildung und sein Handeln dient, wobei sie am Ende der Geschichte in einer scheinbaren Prosperität kulminiert.
Schlüsselwörter
Lazarillo de Tormes, Pikaresker Roman, Armut, Fortuna, Spanien, 16. Jahrhundert, soziale Hierarchie, Überleben, Autobiographie, materielle Armut, finanzielle Armut, Schelm, Lázaro, Soziologie, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der verschiedenen Formen von Armut, wie sie in dem spanischen Schelmenroman »Lazarillo de Tormes« dargestellt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die soziale Schichtung Spaniens im 16. Jahrhundert, die verschiedenen Definitionen von Armut sowie die literarische Codierung dieser Mangelzustände im Text.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Armut nicht nur als Hintergrundmotiv, sondern als treibende Kraft für die Entwicklung und den sozialen Kampf des Protagonisten Lázaro aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine klassifizierende Literaturanalyse angewandt, die auf einem erarbeiteten Fragenkatalog basiert, um textuelle und meta-textuelle Anzeichen von Armut systematisch zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der sieben Stationen (Tractados) von Lázaro, wobei jeder Herr bzw. Lebensabschnitt auf spezifische Armutscodierungen hin untersucht wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Lazarillo de Tormes, materielle/finanzielle Armut, Pikaresker Roman, soziale Hierarchie, Lebensbildung und Fortuna.
Welche Rolle spielt die »Fortuna« im Leben von Lázaro?
Die Fortuna fungiert als auslösendes Schicksalsmoment, das Lázaro und seine Familie in die Armut stürzt, ihn jedoch gleichzeitig zwingt, seinen Verstand zu schärfen, um zu überleben.
Warum versucht die Mutter von Lázaro, ihn in fremde Dienste zu geben?
Die Mutter ist aufgrund finanzieller Not nicht in der Lage, Lázaro und seinen Bruder gleichzeitig zu ernähren, weshalb sie ihn als Diener an verschiedene Herren vermittelt, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Wie verändert sich die Einstellung von Lázaro gegenüber seiner eigenen Armut?
Lázaro legt mit der Zeit seine anfängliche Naivität ab und erlernt durch die harten Bedingungen seiner Dienstverhältnisse eine Bauernschläue, die ihm schließlich den Aufstieg bis hin zu einer gesicherten sozialen Position ermöglicht.
Ist der »Lazarillo de Tormes« ein autobiographischer Text?
Die Forschung betrachtet den Text als autobiographisch geprägt, obwohl die Autorschaft des Werkes bis heute anonym und damit wissenschaftlich nicht abschließend geklärt ist.
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- Rico Moyon (Author), 2009, Analyse des Werkes »Lazarillo de Tormes«, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145529