Der Automat – der künstliche Mensch – als eine unheimliche Bedrohung. So be-schrieben, fand er in der Literatur um 1800 immer wieder seinen Wiederklang. Und auch bereits früher, seit der Antike, ist der künstliche Mensch ein beliebtes Motiv in der Literatur.
Verbunden mit dem Künstlichen ist auch stets etwas Unheimliches. Der künst-liche Mensch trägt immer auch etwas Geheimnisvolles in sich. Dieses Geheim-nisvolle findet seine Steigerung in einem unheimlichen Element, welches schließ-lich zur Bedrohung wird. Als eine Art Paradebeispiel für den bedrohenden künst-lichen Menschen in der Literatur, kann die Figur der Olimpia aus E. T. A. Hoff-manns Erzählung Der Sandmann von 1817 bezeichnet werden. Der Protagonist Nathanael vermag es nicht, die Puppe Olimpia von einem realen Menschen zu unterscheiden. Sie ist in seinen Augen so perfekt, dass ein Differenzieren zwischen real und künstlich für ihn unmöglich ist. Vom Beispiel der Erzählung Hoffmanns ausgehend, entwickelte Sigmund Freud seine Schrift Das Unheimliche von 1919.
Im Folgenden soll erläutert werden, inwieweit Der Sandmann unheimlich ist. Dies erfolgt am Beispiel des Motivs des künstlichen Menschen. Dazu wird zu-nächst motivgeschichtlich auf den künstlichen Menschen innerhalb der Literatur von der Antike bis ins 19. Jahrhundert eingegangen werden. Es folgt in einem kurzen Abriss der Versuch einer Definition des Unheimlichen, ausgehend von der Schrift Sigmund Freuds. Im Anschluss daran werden die unheimlichen Motive des Sandmanns – insbesondere das Puppenmotiv – erläutert. Abschließend sollen die bisherigen Erkenntnisse mit einem modernen Roman von Georges Simenon – Die Fantome des Hutmachers (1948) – in Bezug auf Parallelen zum Sandmann verglichen werden. Die Wahl für einen Vergleich fällt auf Die Fantome des Hut-machers, da es auch in dieser Geschichte eine Puppe gibt, die Parallelen zur Figur der Olimpia im Sandmann sowie zur Geschichte des künstlichen Menschen in der Literatur aufweist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der künstliche Mensch in der Literatur
2. Was ist „das Unheimliche“?
3. E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann
3.1 Das Puppenmotiv – Die Figur der Olimpia als Motiv des Unheimlichen
4. Georges Simenon: Die Fantome des Hutmachers
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Motiv des künstlichen Menschen in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ und Georges Simenons Roman „Die Fantome des Hutmachers“, um deren Funktion als unheimliches Element sowie deren psychologische Wirkung auf die jeweiligen Protagonisten zu erörtern.
- Motivgeschichte des künstlichen Menschen von der Antike bis zum 19. Jahrhundert
- Theoretische Grundlagen des „Unheimlichen“ nach Sigmund Freud
- Die Rolle der Puppe Olimpia als Spiegelbild und Bedrohung bei Hoffmann
- Die Funktion des Holzkopfs als Instrument der Täuschung bei Simenon
- Psychologische Auswirkungen von Automaten und Puppen auf die Identität der Protagonisten
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Puppenmotiv – Die Figur der Olimpia als Motiv des Unheimlichen
Neulich steige ich die Treppe herauf und nehme wahr, daß die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene Gardine zur Seite einen keinen Spalt lässt. Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Arme, die Hände zusammengefaltet gelegt hatte. Sie saß der Türe gegenüber, so, daß ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möchte ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schließe sie mit offenen Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort ins Auditorium, das daneben lag. Später erfuhr ich, daß die Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein Mensch in ihre Nähe kommen darf.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema des künstlichen Menschen als unheimliche Bedrohung und Vorstellung der Vergleichsbasis zwischen Hoffmann und Simenon.
1. Der künstliche Mensch in der Literatur: Motivgeschichtlicher Abriss der Darstellung künstlicher Wesen von antiken Schöpfungsmythen bis hin zu mechanischen Automaten um 1800.
2. Was ist „das Unheimliche“?: Theoretische Fundierung des Unheimlichen basierend auf der Schrift von Sigmund Freud unter Einbeziehung von Aspekten wie dem Doppelgängermotiv und der Kastrationsangst.
3. E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann: Analyse der Erzählung im Kontext der Schauerromantik mit Fokus auf die psychische Verwirrung des Protagonisten Nathanael.
3.1 Das Puppenmotiv – Die Figur der Olimpia als Motiv des Unheimlichen: Eingehende Untersuchung der Rolle Olimpias als Spiegel, die Nathanaels Wahn befördert und die Grenze zwischen real und künstlich auflöst.
4. Georges Simenon: Die Fantome des Hutmachers: Vergleichsanalyse des modernen Romans mit Hoffmanns Werk, wobei der Holzkopf als Instrument zur Vortäuschung einer Existenz dient.
Fazit: Zusammenführende Betrachtung der psychologischen Wirkung künstlicher Figuren, die in beiden Werken in Kombination mit anderen Motiven ein Gefühl des Unheimlichen erzeugen.
Schlüsselwörter
Der künstliche Mensch, Unheimliches, E. T. A. Hoffmann, Georges Simenon, Der Sandmann, Die Fantome des Hutmachers, Olimpia, Puppenmotiv, Sigmund Freud, Kastrationsangst, Doppelgänger, Automaten, Literaturgeschichte, Wahnsinn, Schauerromantik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das literarische Motiv des künstlichen Menschen und seine unheimliche Wirkung in zwei verschiedenen literarischen Epochen anhand ausgewählter Werke.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Motivgeschichte, die psychoanalytische Theorie des Unheimlichen sowie die Identitätskrise von Protagonisten durch die Interaktion mit künstlichen Objekten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Motiv des künstlichen Menschen unheimlich wirkt und ob sich ähnliche Wirkungsmechanismen in der zeitgenössischen Literatur, explizit bei Simenon, nachweisen lassen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die motivgeschichtliche Aspekte mit psychoanalytischen Deutungsansätzen von Sigmund Freud verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition des Unheimlichen, eine detaillierte Untersuchung von Hoffmanns Erzählung sowie einen Vergleich mit Simenons Roman.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Unheimliches, Automaten, Puppenmotiv, Spiegelbild, Wahnsinn und die Verbindung von Schöpfer und Geschöpf.
Inwiefern beeinflusst die Puppe Olimpia den Protagonisten Nathanael?
Olimpia fungiert als Spiegel seiner Wahnvorstellungen, durch den er nicht mehr zwischen Realität und Einbildung unterscheiden kann, was letztlich seinen Wahnsinn auslöst.
Welche Rolle spielt der Holzkopf bei Georges Simenon im Vergleich zu Hoffmann?
Während Olimpia bei Hoffmann Nathanaels Wahn aktiv spiegelt, dient der Holzkopf bei Simenon primär als bewusstes Instrument zur Täuschung der Außenwelt, um die Existenz der verstorbenen Ehefrau vorzutäuschen.
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- Anonym (Author), 2010, Der künstliche Mensch als Motiv des Unheimlichen bei E. T. A. Hoffmann und Georges Simenon, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146991