Die Europäische Union (EU) wurde in den vergangenen Jahren von mehreren politischen Ereignissen eingeholt, die ihre Entwicklung negativ beeinflusst haben bzw. zu einem Stillstand derselben geführt haben.
Nach der Osterweiterung, den gescheiterten Referenden in Frankreich und den Niederlanden zum Verfassungsvertrag, der öffentlichen Diskussion über den Beitrittskandidaten Türkei, benötigt die Europäische Union mehr denn je die Unterstützung der europäischen Öffentlichkeit. Vor allem braucht sie aber auch die politische Legitimation der europäischen Bevölkerung sowie eine Unterstützung finanzieller Art durch die Mitgliedstaaten, um die europäische Integration erfolgreich voranzubringen.
Politische Gemeinwesen, so wie die Europäische Union eines ist, sind auf Legitimation und Akzeptanz angewiesen, um die Stabilität der politischen Ordnung zu gewährleisten. Die Bürger erkennen ein Gemeinwesen nur als legitim an und akzeptieren es, wenn sich sich mit diesem identifizieren. (Thalmaier 2007) Eine gemeinsame europäische Identität ist somit ein zentrales Thema für die künftige Entwicklung und das Bestehen der Union.
Deshalb stellt diese Hausarbeit die Frage, ob wir auf dem Weg zu einer gemeinsamen europäischen Identität sind?
In den folgenden Kapiteln wird der Terminus Identität eingeführt und erläutert. einem weiteren Schritt findet die Operationalisierung der Forschungsfrage statt. Mit Hilfe von Daten des Eurobarometers wird die Entwicklung der Identität von europäischen Bürgern zu ihrer Nation sowie zu Europa im Zeitraum von 1994-2004 beschrieben.Nach dem deskriptiven Teil der Arbeit folgt die Ergebnisauswertung. Dazu wird die Entwicklung der europäischen Identität von 1994 bis 2004 analysiert und aufgezeigt, ob die Bürger sich bereits mit Europa identifizieren und wie ausgeprägt die Identifikation mit Europa ist. In diesem Kapitel muss ebenfalls auf die Bedeutung und Relevanz multipler Identitäten für die Forschungsfrage eingegangen werden.
Vor diesem empirischen Hintergrund können anschließend Erklärungsversuche für das Ausmaß und die Stabilität europäischer Identität unternommen werden. Abschließend soll in einem Ausblick geklärt werden, wie weit wir auf dem Weg zu einer gemeinsamen europäischen Identität voran geschritten sind und was unternommen werden muss, um den Prozess der europäischen Identitätsbildung voran zu treiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Identitätsbegriff
3. Untersuchung zum Ausmaß der Identität
3.1 „Ausschließlich europäische Identität“
3.2 „Europäische und nationale Identität“
3.3 „Nationale und europäische Identität“
3.4 „Ausschließlich nationale Identität“
3.5 Europäischer Durchschnitt
4. Erklärungsversuche
4.1 Hemmnisse einer kollektiven europäischen Identität
4.2 Möglichkeiten europäischer identitätsstiftender Politik
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und Ausprägung einer gemeinsamen europäischen Identität im Zeitraum von 1994 bis 2004, um zu klären, ob sich die Bürger der Europäischen Union zunehmend mit dieser identifizieren oder ob nationale Identitäten dominieren.
- Analyse der theoretischen Grundlagen von Identitätsbegriffen
- Empirische Auswertung von Eurobarometer-Daten zur Identifikation der Bürger
- Vergleich unterschiedlicher europäischer Länder hinsichtlich ihrer Identitätsprägung
- Diskussion von Hemmnissen und politischen Möglichkeiten der Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
4.1 Hemmnisse einer kollektiven europäischen Identität
Hemmnisse und Probleme stellen zugleich auch immer Chancen dar und es muss sich in diesem Unterkapitel stets gefragt werden, ob die beschriebenen Hemmnisse nicht auch Katalysatoren der europäischen Identitätsbildung sind.
Ein erstes Problem, das im Rahmen der europäischen Identitätsbildung beschrieben werden soll, betrifft die Konzeption und Existenz der EU selbst. Identifikation benötigt immer einen festen und vorstellbaren Bezugsrahmen, an dem sich die Individuen orientieren können. (Walkenhorst 1999) Diesen Bezugsrahmen kann die EU nur bedingt erfüllen, da ihr das Dauerhafte und die Transparenz fehlt. Die EU ist ein komplexes System, das einem ständigen Wandel unterliegt, dieser zeichnet sich auch bei den Grenzen der EU ab. So gibt es zwar den Kontinent Europa, dieser entspricht aber nicht dem Herrschaftsgebiet der EU. Dieses Gebiet wird seit 1973 stetig erweitert und wuchs in 25 Jahren von zwölf auf 27 Mitgliedstaaten an. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Erweiterungen einen unterschiedlichen Stellenwert genießen. Die Abwesenheit eines geographisch eindeutig definierten Raumes, der es erlaubt, sich gegenüber anderen Staaten abzugrenzen, ist ein Hemmnis der Identitätsbildung. Die in der Begriffserklärung bereits angesprochene Trennung zwischen „wir“ und „sie“ wird somit erschwert. Neben dem Bezugsrahmen „Herrschaftsgebiet“, tun sich außerdem Schwierigkeiten mit der Stabilität des politischen und rechtlichen Rahmens auf, der ebenso einer ständigen Weiterentwicklung und Evolution unterliegt. (Thalmaier 2007)
Andererseits ist es auch genau diese Dynamik des Systems EU, die ein konstitutives Merkmal derselben darstellt. Die Europäische Union ist ein offener und dynamischer Verbund von Nationalstaaten, der es versteht eine flexible Antwort auf Probleme von außen zu geben, wobei dies in Hinsicht auf die Identitätsbildung wie gesagt eher einen Nachteil darstellt. (Thalmaier 2007)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der europäischen Integration ein, definiert das Ziel der Arbeit zur Erforschung einer gemeinsamen Identität und erläutert die methodische Herangehensweise anhand von Eurobarometer-Daten.
2. Der Identitätsbegriff: Dieses Kapitel unterscheidet zwischen personaler und kollektiver Identität und betont die Bedeutung der Identifikation für die Legitimation eines politischen Gemeinwesens wie der EU.
3. Untersuchung zum Ausmaß der Identität: Hier erfolgt die empirische Analyse von Eurobarometer-Umfragen, um die Entwicklung der Identifikation der Bürger mit Europa und ihrer Nation zwischen 1994 und 2004 in verschiedenen Ländern zu messen.
3.1 „Ausschließlich europäische Identität“: In diesem Unterkapitel werden Daten zu den Bürgern dargestellt, die sich primär oder nur als Europäer sehen, wobei Luxemburg hier meist die höchsten Werte aufweist.
3.2 „Europäische und nationale Identität“: Dieser Abschnitt untersucht den Anteil der Bürger, die eine doppelte Identität besitzen, mit Fokus auf die vergleichsweise niedrigen Werte und den Einfluss historischer Ereignisse.
3.3 „Nationale und europäische Identität“: Hier werden die Ergebnisse für die Gruppe präsentiert, die sich primär national, aber auch europäisch identifiziert, wobei Italien und die Niederlande hohe Identifikationswerte zeigen.
3.4 „Ausschließlich nationale Identität“: Dieses Kapitel widmet sich den Bürgern, die sich ausschließlich mit ihrer jeweiligen Nation identifizieren, wobei Finnland und Schweden als euroskeptische Staaten besonders hohe Werte aufweisen.
3.5 Europäischer Durchschnitt: Diese Zusammenfassung verdeutlicht die Kluft zwischen der geringen rein europäischen Identifikation und der starken nationalen Identifikation auf Basis des Gesamtdurchschnitts der untersuchten Staaten.
4. Erklärungsversuche: Dieses Kapitel diskutiert die Gründe für den aktuellen Status der europäischen Identitätsbildung und geht auf die theoretischen Annahmen zur Kompatibilität nationaler und europäischer Identitäten ein.
4.1 Hemmnisse einer kollektiven europäischen Identität: Hier werden Probleme wie die Intransparenz der EU, das Demokratiedefizit und die fehlenden geographischen Grenzen als Barrieren für die Identitätsbildung identifiziert.
4.2 Möglichkeiten europäischer identitätsstiftender Politik: Dieser Teil untersucht potenzielle Ansätze, um die europäische Identität zu fördern, etwa durch Symbole, Partizipationsmöglichkeiten und eine Neudefinition der EU.
5. Ausblick: Der Ausblick fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und resümiert, dass die europäische Identität zwar schwach ausgeprägt ist, aber durch institutionelle Reformen und Partizipation gestärkt werden könnte.
Schlüsselwörter
Europäische Identität, Europäische Union, Eurobarometer, kollektive Identität, nationale Identität, Integration, Demokratiedefizit, Politische Legitimation, multiple Identitäten, Partizipation, europäische Öffentlichkeit, Identitätsbildung, EU-Bürger, Institutionen, Sprachenvielfalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob sich die Bürger der Europäischen Union auf dem Weg zu einer gemeinsamen europäischen Identität befinden und wie stark diese Identität nach über einem Jahrzehnt der Integration ausgeprägt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören der theoretische Identitätsbegriff, die empirische Messung der Identifikation mit Europa mittels Eurobarometer-Daten sowie die Hemmnisse und Möglichkeiten einer aktiven europäischen Identitätspolitik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob wir uns aktuell auf dem Weg zu einer gemeinsamen europäischen Identität befinden und in welchem Ausmaß die Bürger eine solche Identität bereits internalisiert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quantitative Sekundäranalyse von Daten des Eurobarometers (1994-2004), ergänzt durch eine qualitative Auseinandersetzung mit politikwissenschaftlicher Fachliteratur zu Identität und Systemlegitimation.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine detaillierte empirische Auswertung verschiedener Kategorien von Identität (von „nur Nationalität“ bis „nur europäisch“) in sechs ausgewählten Ländern sowie eine theoretische Diskussion über die Hürden der Identitätsbildung in der EU.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Europäische Identität, Politische Legitimation, multiple Identitäten, Eurobarometer und europäische Integration.
Wie unterscheidet sich die Identität in den untersuchten Ländern?
Die Studie zeigt signifikante Unterschiede: Während Luxemburg eine pro-europäische Haltung einnimmt, zeigen Finnland und Schweden eine eher euroskeptische Tendenz mit starker nationaler Identifikation.
Warum wird die Rolle der Sprache als zwiespältig bewertet?
Die Arbeit argumentiert, dass Sprachenvielfalt einerseits ein kostbares kulturelles Erbe darstellt, aber andererseits die Identifikation erschweren kann, da eine gemeinsame Sprache oft als klassischer Bezugsrahmen für kollektive Identität gilt.
Welche Rolle spielt die Partizipation für die Identität?
Die Autorin folgert, dass ein Ausbau der Partizipationsmöglichkeiten, etwa durch Referenden oder eine Direktwahl des Kommissionspräsidenten, entscheidend ist, um das Interesse der Bürger zu wecken und die Legitimation zu stärken.
- Quote paper
- Katharina Weiß (Author), 2009, Sind wir auf dem Weg zu einer gemeinsamen europäischen Identität?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147031