„Tatsächlich befindet sich die Medizin offenbar in einem ziemlich verwirrten Übergangsstadium, in dem die alten, „festen“ Variablen immer unzureichender zu sein scheinen und subjektive, vom sozialen Leben geschaffene Faktoren selbst zu „Ursachen“ werden.“ Eine Sammlung von Variablen an denen Schizophrenie erkannt werden kann, liefert die ICD-10. Die Diagnose der Schizophrenie beinhaltet die Theorie, dass die Symptome dieser Krankheit zuverlässig bestimmt werden können. In der medizinischen Wissenschaft wird eine theoretische Feststellung durch Labor- oder klinische Verfahren überprüft. Dadurch soll die Ursache der Krankheit identifiziert werden. Je mehr unterstützende Daten es gibt, desto glaubwürdiger wird die medizinische Diagnose. Doch betrachtet man die psychiatrischen Diagnosen, so sind sie „weniger „sicher“ als Diagnosen anderer medizinischer Disziplinen.“ Psychiatrische Diagnosen sind soziale Konstrukte, d.h., sie orientieren sich am Verhalten und an den Äußerungen des Patienten. Die Psychiatrie bezieht sich also auf die Kommunikation der Patienten über sich selbst und ihrer Umwelt. Hierbei kommt es auf die subjektive Wahrnehmung des Psychiaters an. Dieser Punkt soll in der vorliegenden Arbeit noch deutlicher aufgezeigt werden.
Gestützt an die Klassifikationen der ICD-10 wird im ersten Teil der Hausarbeit versucht, nach der Begriffsklärung Schizophrenie, aufzuzeigen, dass diese Klassifikationen zu vage sind, um Schizophrenie daran fest zu machen. Desweiteren wird aufgeführt- wie bereits erwähnt, dass die subjektiven Kriterien des Diagnostikers die Grundlage seiner Arbeit bilden.
Im zweiten Teil der Ausarbeitung dient das Rosenhan-Experiment als Basis. Mit dieser soll beschrieben werden, dass Diagnostiker nicht immer in der Lage sind Gesunde von Kranken unterscheiden zu können und dass, wie im ersten Teil aufgeführt wird, die subjektiven Kriterien des Diagnostikers bedeutend für die Diagnose sind.
Der darauf folgende Teil soll die These Fehldiagnose Schizophrenie durch die Arbeiten von Manusco und Sarbin (1982), Rosenhan (1973) und Braginsky (1974) unterstützt werden. Das Fazit bildet den letzten Teil dieser Ausarbeitung, indem die wichtigsten Komponenten noch einmal zusammenfassend aufgezeigt werden sollen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schizophrenie
3. Die Diagnose
4. Das Rosenhan-Experiment
5. Fragwürdigkeit der Schizophreniediagnose
6. Fazit
7. Literaturliste
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Validität und Zuverlässigkeit psychiatrischer Diagnosen im Kontext der Schizophrenie, wobei insbesondere die Rolle subjektiver Kriterien bei der klinischen Beurteilung hinterfragt wird. Basierend auf wissenschaftlichen Studien und dem kritischen Diskurs soll aufgezeigt werden, inwieweit psychiatrische Diagnosen soziale Konstrukte darstellen und welche Stigmatisierungspotenziale sich daraus für die betroffenen Individuen ergeben.
- Analyse psychiatrischer Klassifikationssysteme (ICD-10, DSM-III)
- Kritische Betrachtung der Schizophreniediagnostik
- Darstellung und Auswertung des Rosenhan-Experiments
- Untersuchung des Einflusses subjektiver Faktoren auf Diagnoseprozesse
- Diskussion der stigmatisierenden Folgen psychiatrischer Etikettierung
Auszug aus dem Buch
4. Das Rosenhan-Experiment
Diese Studie bestand aus zwei Teilen. Im ersten Teil hatten sich geistig gesunde Menschen heimlich unter Vorspiegelung von Halluzinationen in psychiatrischen Anstalten einweisen lassen, um die Reaktionen der Krankenhäuser zu überprüfen. Für das Experiment meldeten sich acht unterschiedliche Personen in insgesamt zwölf psychiatrischen Anstalten an und behaupteten bei der Aufnahmeuntersuchung, sie hätten Stimmen gehört, die soweit man sie verstehen konnte, die Worte „leer“, „hohl“ und „dumpf“ sagten. Nachdem sie in die jeweilige Klinik aufgenommen wurden, haben sie sich wieder völlig normal verhalten.
Bei der Anmeldung gaben sie einen falschen Namen und falsche Details über ihre Erwerbstätigkeit an, blieben aber sonst bei der Wahrheit. Jede der Testpersonen wurde aufgenommen, bei elf Anmeldungen wurde eine Schizophrenie diagnostiziert, bei einer eine manisch-depressive Psychose. Während den Tests wurde keine Testperson vom Personal als gesund erkannt. Da die Testpersonen während des Klinikaufenthalts aber keine Symptome mehr zeigten, wurden sie schließlich nach durchschnittlich 19 Tagen (in einem Fall sogar 52 Tagen) entlassen. Allerdings nicht als geheilt, sondern „in Remission“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert das Krankheitsmodell der Psychiatrie als soziales Konstrukt und umreißt die Forschungsfrage nach der Validität der Schizophreniediagnose.
2. Schizophrenie: Dieses Kapitel gibt einen kursorischen Überblick über die Definition und historische Einordnung des Krankheitsbegriffs der Schizophrenie.
3. Die Diagnose: Hier werden die methodischen Schwierigkeiten der psychiatrischen Diagnostik und die Vage der Kriterien in Systemen wie ICD-10 und DSM-III kritisch beleuchtet.
4. Das Rosenhan-Experiment: Dieses Kapitel präsentiert die berühmte Studie von Rosenhan, die demonstriert, dass klinisches Personal Schwierigkeiten hat, geistig gesunde Menschen von Patienten zu unterscheiden.
5. Fragwürdigkeit der Schizophreniediagnose: Es wird erörtert, inwiefern die Diagnose Schizophrenie durch subjektive Erwartungen des Diagnostikers und soziale Faktoren beeinflusst wird.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden kritischen Würdigung der diagnostischen Zuverlässigkeit und den sozialen Konsequenzen für die Diagnostizierten.
7. Literaturliste: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Schizophrenie, Psychiatrie, Diagnose, Rosenhan-Experiment, Validität, Reliabilität, Stigmatisierung, Soziales Konstrukt, ICD-10, DSM-III, klinische Praxis, subjektive Kriterien, Geisteskrankheit, psychische Gesundheit, psychiatrische Versorgung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Hinterfragung der psychiatrischen Diagnose Schizophrenie und deren wissenschaftlicher Zuverlässigkeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die psychiatrische Klassifikation, die Kritik an Diagnose-Kriterien, das Rosenhan-Experiment sowie die sozialen Folgen der Stigmatisierung durch klinische Etikettierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu belegen, dass die Schizophreniediagnose oft nicht auf objektiven, medizinischen Messwerten beruht, sondern stark von der subjektiven Einschätzung des Diagnostikers abhängt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse sowie der Auswertung und Diskussion bekannter psychologischer Studien wie dem Rosenhan-Experiment und Arbeiten von Manusco, Sarbin und Braginsky.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Prozess der psychiatrischen Diagnosestellung, die Problematik vager Klassifikationssysteme und die Auswirkungen externer Faktoren auf das Urteil von Psychiatern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Schizophrenie, psychiatrische Diagnose, Validität, Stigmatisierung und das Rosenhan-Experiment.
Was besagt die Kritik von Kety (1974) am Rosenhan-Experiment?
Kety argumentierte, dass die Täuschung im Experiment moralisch fragwürdig sei, da Ärzte dazu verpflichtet sind, Hilfesuchende als krank zu behandeln, was die Fehldiagnosen relativiere.
Wie wirkt sich laut dem Text eine Schizophreniediagnose auf den Patienten aus?
Die Diagnose führt oft zu einem tiefgreifenden sozialen Stigma, das auch nach der Entlassung („in Remission“) fortbesteht und die Lebensqualität des Individuums nachhaltig beeinträchtigen kann.
Welche Rolle spielt der sogenannte „Typ-2-Irrtum“ in der psychiatrischen Praxis?
Der Typ-2-Irrtum beschreibt die Tendenz von Ärzten, eine gesunde Person lieber fälschlicherweise als krank zu diagnostizieren (Vorsichtsprinzip), was in der Psychiatrie jedoch aufgrund der Stigmatisierung weitreichende negative Folgen hat.
- Citation du texte
- Feryal Kor (Auteur), 2010, Zuverlässigkeit von Schizophrenie-Diagnosen - eine soziologische Sichtweise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148523