In der Mandschureo im Nordosten Chinas waren die wichtigen Eisenbahnlinien seit ihrer Entstehung um 1900 herum immer von politisch hochbrisanter Bedeutung gewesen. Dies mag zum einen an der umstrittenen Lage der Mandschurei insgesamt gelegen haben. Nachdem gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nacheinander die Großmächte Russland und Japan hier Fuß gefasst hatten, sollte die Region bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs immer ein Krisenherd bleiben, um dem auch mehrere Kriege geführt wurden. Zum anderen mag es in der Entstehungsgeschichte der Eisenbahnen in der Mandschurei selber gelegen haben, da diese vor allem durch ausländische Eingriffe und Investitionen entstanden.
Diese beiden Punkte sollen in dieser Arbeit zu verbinden versucht werden. Die mandschurischen Eisenbahnen sollen dabei auf ihre politische Bedeutung und die daraus resultierenden Folgen von ihrer Entstehung bis 1945 untersucht werden. Im wesentlichen wird sich die Arbeit dabei auf die Chinesische Ostbahngesellschaft CER und die Südmandschurische Eisenbahn SMR beschränken, in deren Schicksal sich die ganze mandschurische Geschichte ab 1896 wiederzuspiegeln scheint. Die chinesischen Staatsbahnen in der Mandschurei spielten aus politischer Sicht nur eine untergeordnete Rolle, da diese zum einen relativ spät gebaut wurden und zum anderen keine ausländische Unternehmen waren. Lediglich die bereits 1903 fertiggestellte kaiserliche Nordbahn von Peking nach Mukden (später Peking-Mukden-Railway PMR) soll hier kurz erwähnt werden. Die Eigenschaft der Eisenbahnen in der Mandschurei als Politikum ist unmittelbar mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland verknüpft, so dass auch auf deren Darstellung nicht verzichtet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Vorgeschichte der mandschurischen Eisenbahnen bis 1896
2.1 Die Expansion Russlands und Japans in Fernost
2.2 Der Bau der Transsibirischen Eisenbahn
2.3 Der chinesisch-japanische Krieg 1894/1895
3. Die Entstehung der Chinesischen Ostbahn und der Südmandschurischen Eisenbahn
4. Frühe Konflikte um die mandschurischen Eisenbahnen
4.1 Der russisch-japanische Krieg 1904/05 und seine Folgen
4.2 Amerikanische Eisenbahnpläne in der Mandschurei
5. Die mandschurischen Eisenbahnen während des Ersten Weltkriegs und in der Zwischenkriegszeit
6. Der sowjetisch-chinesische Krieg um die Chinesische Ostbahn 1929/30
7. Japan und die Eisenbahnen in der Mandschurei nach 1930
7.1 Die Mandschureikrise und der Ausbau der Südmandschurischen Eisenbahn
7.2 Der japanisch-chinesische Krieg und der Zweite Weltkrieg
8. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politische Bedeutung der mandschurischen Eisenbahnen, insbesondere der Chinesischen Ostbahn (CER) und der Südmandschurischen Eisenbahn (SMR), in der Zeit von ihrer Entstehung bis 1945. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese Infrastrukturprojekte sowohl als Werkzeuge imperialer Expansionspolitik dienten als auch als zentraler Krisenherd und Spielball zwischen den Großmächten Russland, Japan und China fungierten.
- Politische Instrumentalisierung des Eisenbahnbaus als "Eisenbahnimperialismus".
- Die Rolle der CER und SMR in der russischen und japanischen Expansionspolitik.
- Konfliktpotenzial durch überlappende wirtschaftliche und strategische Interessen.
- Die Eisenbahnen als Ursache und Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen.
- Internationale Diplomatie und der Einfluss der USA in der Region.
Auszug aus dem Buch
3. Die Entstehung der Chinesischen Ostbahn und der Südmandschurischen Eisenbahn
Von den machtpolitischen Konstellationen in der Mitte der 1890er Jahre abgesehen, stellte sich in diesen Jahren auch verkehrstechnische Probleme bei Bau der Transsibirischen Eisenbahn ein. Die Weiterführung der Linie von Tschita nach Chabarowsk entlang den Ufern von Amur und Ussuri an der russisch-chinesischen Grenze stellte sich angesichts der Wälder und der Sümpfe in der Amur-Region als fast unvorstellbare technische Herausforderung dar. Hinzu kam die seit 1856 bestehende Amur Dampfschiffgesellschaft, für welche die Eisenbahn eine ernsthafte Konkurrenz dargestellt hätte. Der russische Finanzminister Graf Witte plante daher die Linienführung von der sibirischen Stadt Tschita aus „in relativ gerader Linie quer durch das chinesische Gebiet der Mandschurei zum russischen Fernosthafen Wladiwostok“ zu führen. Diese Strecke sollte den 400 Meilen langen Umweg über rein russisches Territorium und damit Mehrkosten von 35 Millionen Rubel vermeiden. Gleichzeitig würde diese Bahn einen enormen machtpolitischen Zuwachs Russlands in der Mandschurei darstellen.
China, das sich nach der Niederlage im Krieg gegen Japan noch immer bedroht fühlte und deshalb Schutz bei Russland sucht, ging auf entsprechende Angebote des Zarenreiches ein. Hinzu kam die Beschaffung französischer Kredite für China dank russischer Vermittlung. Es folgte ein gegen Japan gerichteter geheimer Bündnisvertrag, den der zur Krönung des neuen russischen Zaren Nikolaus II. in Moskau weilende chinesische Kanzler Li Hung-Chang am 22. Mai 1896 abschloss. Die nach Kindermann „geschichtlich folgenschwerste Bedingung dieses Arrangements“ in Artikel IV des Vertrags erlaubte Russland die geplante Bahnlinie durch die Mandschurei zu bauen: „Um russischen Landstreitkräften den Zugang und Nachschub zu bedrohten Positionen zu erleichtern, stimmt die chinesische Regierung dem Bau einer Eisenbahnlinie quer durch die chinesischen Provinzen von Amur und Kirin (in der Mandschurei) in Richtung auf Wladiwostok zu.“ Diese Eisenbahnlinie sollte in Tschita und Wladiwostok mit dem russischem Eisenbahnnetz verbunden werden. Außerdem erhielt Russland die Erlaubnis zu Truppen- und Militärmaterial-Transporten in Friedens- und Kriegszeiten. Das Vorgehen Russlands gegenüber China darf daher getrost auch als Eisenbahn Imperialismus bezeichnet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung der mandschurischen Eisenbahnen als politisches Instrument ein und erläutert den methodischen Ansatz sowie die Quellengrundlage der Arbeit.
2. Die Vorgeschichte der mandschurischen Eisenbahnen bis 1896: Dieses Kapitel behandelt die russische und japanische Expansionspolitik im Fernen Osten sowie den Bau der Transsibirischen Eisenbahn als notwendigen Hintergrund.
3. Die Entstehung der Chinesischen Ostbahn und der Südmandschurischen Eisenbahn: Hier wird der Bau der CER und der SMR durch Russland und die damit verbundenen Konzessionen und geopolitischen Absichten in der Mandschurei analysiert.
4. Frühe Konflikte um die mandschurischen Eisenbahnen: Das Kapitel untersucht die Auswirkungen des russisch-japanischen Krieges auf die Kontrolle der Eisenbahnen und beleuchtet frühe amerikanische Neutralisierungspläne.
5. Die mandschurischen Eisenbahnen während des Ersten Weltkriegs und in der Zwischenkriegszeit: Der Fokus liegt auf den Auswirkungen der russischen Revolution und des Bürgerkriegs auf den Betrieb und die Verwaltung der mandschurischen Bahnlinien.
6. Der sowjetisch-chinesische Krieg um die Chinesische Ostbahn 1929/30: Hier wird der erste militärische Konflikt detailliert betrachtet, dessen primäre Ursache die Kontrolle über die Chinesische Ostbahn war.
7. Japan und die Eisenbahnen in der Mandschurei nach 1930: Das Kapitel beleuchtet die japanische Besetzung der Mandschurei, den Ausbau der SMR zum Großkonzern und die Entwicklung während des Zweiten Weltkriegs.
8. Schluss: Der Schluss fasst die Rolle der Eisenbahnen als Spielball der Mächte zusammen und ordnet das Geschehen in den Kontext des Imperialismus ein.
Schlüsselwörter
Mandschurei, Eisenbahn, Chinesische Ostbahn, CER, Südmandschurische Eisenbahn, SMR, Russland, Japan, China, Imperialismus, Geopolitik, Transsibirische Eisenbahn, Kwantung-Armee, Mandschukuo, Politikum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Rolle der mandschurischen Eisenbahnen als politisches und militärisches Instrument im Spannungsfeld der Großmächte von 1896 bis 1945.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Eisenbahnimperialismus, die geopolitischen Interessen Russlands und Japans in Nordostchina sowie die Auswirkungen dieser Interessen auf die Souveränität Chinas.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Untersuchung der politischen Bedeutung der CER und SMR und deren Auswirkungen auf die Geschichte der Mandschurei als politischer Krisenherd.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Analyse unter Auswertung zeitgenössischer Dokumente sowie einer Einordnung in die einschlägige wissenschaftliche Sekundärliteratur zur Geschichte der Region.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte, beginnend mit der Entstehung der Bahnen, über frühe Konflikte, den sowjetisch-chinesischen Grenzkrieg 1929, bis hin zur japanischen Herrschaft und den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Eisenbahnimperialismus, Großmächtekonkurrenz, Souveränität, Machtpositionen und infrastrukturelle Erschließung.
Warum wird die CER im Text als "Politikum" bezeichnet?
Die Eisenbahn galt als Politikum, da sie nicht nur als Transportmittel diente, sondern als direkter Hebel für ausländische Mächte zur Kontrolle des Territoriums, zur Truppenbewegung und zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen in der Mandschurei.
Welche Rolle spielte die Sowjetunion nach 1945 bei den Eisenbahnen?
Nach 1945 versuchte die Sowjetunion, ihre Kontrolle über die mandschurischen Eisenbahnen durch Bündnisverträge mit der chinesischen Führung und Besatzungsansprüche zu sichern, bevor die Kontrolle schließlich 1950 vollständig an die junge Volksrepublik China überging.
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- Simon Gonser (Author), 2005, Die mandschurischen Eisenbahnen als Politikum (1896-1945), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149170