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Ciceros Gerechtigkeitskonzeption und sein Bild des idealen Staatsmannes

Mehr als eine historisch impraktikable Idealisierung?

Titre: Ciceros Gerechtigkeitskonzeption und sein Bild des idealen Staatsmannes

Thèse de Bachelor , 2010 , 77 Pages , Note: 1,7

Autor:in: Bakkalaureus Artium Steffen Radtke (Auteur)

Politique - Théorie politique et Histoire des idées politiques
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Allen voran auf moralischer Ebene forderte Cicero von den führenden Politikern seiner Zeit, primär an das Wohl des Staates zu denken, anstatt es durch auf Macht und Reichtum gerichtetes Handeln zu gefährden. Dieses Spannungsfeld erweist sich als zeitlos, weil sich die Umstände, nicht aber die grundlegenden Determinanten menschlichen Handelns ändern.
Aus diesem Grund soll es die Intention der Arbeit sein, anhand Ciceros Schriften, mit denen er aufzeigt, wie und unter welchen Bedingungen die moralisch basierte Tätigkeit für den Staat erfolgen soll, seine Gerechtigkeitskonzeption sowie sein Bild des idealen Staatsmannes darzustellen.
Ziel ist es, zu eruieren, ob diese Konzeptionen mehr bedeuten als nur eine historisch impraktikable Idealisierung, was auf die Frage hinausläuft, inwiefern sich aktualitätsbezogene Anwendungen auf die moderne Politik ergeben.
Angesichts der historischen Zeitumstände - die römische Republik befindet sich im Verfallsprozess – stellt sich zunächst jedoch die Frage, inwiefern die Werte und Ideale Ciceros realistisch oder eher impraktikabel sind. Im anschließenden Kapitel werden zunächst Ciceros philosophische Quellen betrachtet. Dann folgt die Darstellung der seiner Theorie, zuerst soll dabei die Gerechtigkeitskonzeption im Fokus stehen. Als erstes wird in diesem Punkt die römische Mischverfassung als ideale Verfassung dargestellt, bevor dann aufgezeigt wird, dass für wahre Gerechtigkeit das Naturrecht als deren Basis fungieren muss. Eine Verknüpfung zum idealen Staatsmann ergibt sich durch den Anspruch an diesen, sich für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen, was die Praktizierung der Gerechtigkeit impliziert. Anschließend wird das Erwartungsbild an den idealen Staatsmann ausführlicher dargestellt. Nach einem Überblick zur weiteren Rezeption der Gerechtigkeitskonzeption und dem Naturrecht erfolgen dann im wichtigsten Teil die Anwendungen seines staatsmännischen Idealbildes auf die moderne Politik. Hier wird aufgezeigt, dass sich seine Gedanken auf den modernen Republikanismus, auf die Ablehnung extremistischer politischer Rhetorik sowie das Verhalten unserer Politiker beziehen lassen und somit profunde wissenschaftliche Kritik an der, zugleich aber auch ein moralischer Leitfaden für die Politik sein können. So werden Bezüge zum Einhalten von Wahlversprechen, zur Hinterfragung des Lobbyismus, zur Kritik an der materiellen Orientierung mancher Politiker und zuletzt zur Haltung der Kanzlerin Merkel hergestellt.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

1. „Das Erhabene und das Lächerliche“

2. „O Tempora, o mores!“

2.1 Die Dekadenz der römischen Republik

2.2 Cicero, ein „Republikaner ohne Republik“

3. Ciceros philosophische Quellen

3.1 Die Stoa

3.2 Platon und Aristoteles

4. Ciceros Gerechtigkeitskonzeption

4.1 Die römische Mischverfassung als Verwirklichung der Gerechtigkeit

4.2 Das Naturrecht als Basis der Gerechtigkeit

4.2.1 Gerechtigkeit und Klugheit – eine unauflösliche Kontradiktion?

4.2.2 Antigone und das höhere Gebot

5. Der ideale Staatsmann

5.1 Das Bild des idealen Staatsmannes in „De re publica“

5.1.1 Römische Werte

5.1.2 Der vorbildliche Lenker des Gemeinwesens

5.1.3 Der ideale Staatsmann – ein Princeps?

5.1.4 Die kosmische Vision des Somnium Scipionis

5.2 Die vier stoischen Kardinaltugenden in „De officiis“

5.2.1 Sapientia

5.2.2 Iustitia

5.2.3 Magnanimitas und fortitudo

5.2.4 Temperantia

5.3 Rhetorik und Politik

6. Die limitierte Transferierbarkeit von Ciceros Ideen

6.1 Die Kontroverse um die Mischverfassung

6.2 Der gerechte Krieg und die Weltherrschaft

7. Die Rezeption von Ciceros Gerechtigkeitskonzeption

7.1 Die Rezeption und Bedeutung der Mischverfassungstheorie

7.1.1 Die Rezeption der Mischverfassungstheorie

7.1.2 Die Bedeutung der Mischverfassungstheorie für die Moderne

7.2 Die Weiterentwicklung und Bedeutung des Naturrechts

7.2.1 Die Weiterentwicklung des Naturrechts

7.2.2 Die Bedeutung des Naturrechts für die Moderne

8. Ciceros Bild des idealen Staatsmannes im Spiegel der Moderne

8.1 Möglichkeiten und Grenzen republikanischer Rezeption

8.2 Cicero und die deliberative Demokratie

8.3 Angemessene politische Rhetorik

8.3.1 Die MLPD

8.3.2 Die NPD

8.4 Cicero – ein aktueller politischer Ratgeber?

8.4.1 Monetäre Aspekte

8.4.2 Vertrauen und Verlässlichkeit

8.4.2.1 Ypsilanti und das verlorene Vertrauen

8.4.2.2 Das normative und realistische Wahlkampfdilemma

8.4.2.3 Lobbyismus als Politikberatung?

8.4.3 Das Wohl der Gemeinschaft

8.4.3.1 Berlusconi als negatives Beispiel

8.4.3.2 Ein Lob für die Kanzlerin

8.4.4 Themistokles und die Ehrenhaftigkeit

9. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht Ciceros Gerechtigkeitskonzeption und sein Idealbild des Staatsmannes, um zu eruieren, ob diese Gedanken mehr als eine historisch impraktikable Idealisierung darstellen. Dabei wird analysiert, inwiefern seine antiken Vorstellungen als Leitschnur für moralisch verantwortungsvolles Handeln in der modernen Politik dienen können.

  • Analyse von Ciceros staatsphilosophischen Hauptwerken (De re publica, De officiis, De oratore).
  • Untersuchung der Rezeptionsgeschichte der Mischverfassungstheorie und des Naturrechts.
  • Evaluation der Anwendbarkeit Ciceros auf moderne politische Strömungen (Republikanismus, deliberative Demokratie).
  • Kritische Auseinandersetzung mit aktueller politischer Rhetorik und Ethik anhand ciceronischer Maßstäbe.

Auszug aus dem Buch

4.2.1 Gerechtigkeit und Klugheit – eine unauflösliche Kontradiktion?

Der Begriff der Gerechtigkeit wird im Dritten Buch von „De re publica“ präzisiert, wofür Cicero wie im gesamten Buch imaginäre Dialogpartner eine Erörterung führen lässt. Die historische Wurzel für diese Darstellungsform liegt in den Reden von Karneades, der mit einer Philosophengesandtschaft 156/155 v. Chr. nach Rom kam, wo er an einem Tag für, am anderen gegen die Möglichkeit der Existenz eines gerechten Staates sprach. Seitdem stellte sich für die Römer die Frage, ob ihr Imperium gerecht sei oder nicht, sodass auch Cicero diesen Themenkomplex aufgreift. Zuerst lässt er eine Rede halten, in der die Möglichkeit gerechten staatlichen Handelns bestritten wird. Diese Darlegung konstruiert ein Bild, dem zufolge ein Konflikt zwischen Gerechtigkeit und Klugheit besteht. In zugespitzter Form wird dies am Beispiel eines Schiffbrüchigen verdeutlicht: dieser könne entweder klug, d.h. auf den Nutzen bedacht sein und einen anderen von der rettenden Planke stoßen, um sich selbst daran festzuhalten, oder er müsse als Dummer in Gerechtigkeit sterben, weil er dies nicht tue. Das politische Beispiel weist eine ähnliche Argumentationsstruktur auf: der Kluge vergrößert die Macht, die Gerechtigkeit aber „schreibt vor, alle zu schonen, […], einem jedem das Seine zu geben, Heiliges, Staatliches, Fremdes nicht anzurühren.“ In pointierter Zuspitzung heißt es dann, dass die Römer, wenn sie gerecht sein wollten, „in ihre Hütten zurückkehren müssten.“

Um die Idee der Gerechtigkeit zu verteidigen, lässt Cicero antworten: „Es ist aber das wahre Gesetz die richtige Vernunft, die mit der Natur in Einklang steht, sich in alle ergießt, in sich konsequent, ewig ist, die durch Befehle zur Pflicht ruft, durch Verbieten von Täuschung abschreckt […] alle Völker und zu aller Zeit wird ein einziges, ewiges und unveränderliches Gesetz beherrschen, und einer wird der gemeinsame Meister gleichsam und Herrscher aller sein: Gott!“

Cicero entwickelt hier die Idee des Naturrechts. Zunächst mag in Anbetracht des römischen Polytheismus die Erwähnung eines einzigen Gottes widersprüchlich erscheinen, sie lässt sich aber damit erklären, dass auch in der stoischen Philosophie von Gott die Rede ist, der dem Kosmos die vernünftige Ordnung gibt. Da jeder Mensch an der göttlichen Vernunft partizipieren kann, gilt der universelle Anspruch, dass die Tätigkeit des Einzelnen – damit ist besonders auch der ideale Staatsmann gemeint – im Konsens mit dieser über dem positiven Recht stehenden göttlichen Vernunft steht.

Zusammenfassung der Kapitel

„Das Erhabene und das Lächerliche“: Einleitung in die Forschungsfrage und Darstellung der Relevanz antiker Staatsphilosophie für heutige politische Dilemmata.

„O Tempora, o mores!“: Historische Analyse des Verfalls der Römischen Republik und Ciceros verzweifelter Versuch, die politischen Institutionen durch moralische Erneuerung zu bewahren.

Ciceros philosophische Quellen: Kurzer Abriss der stoischen, platonischen und aristotelischen Einflüsse auf das Denken Ciceros.

Ciceros Gerechtigkeitskonzeption: Analyse der Mischverfassung als ideale Staatsform und der Rolle des Naturrechts als Fundament der Gerechtigkeit.

Der ideale Staatsmann: Detaillierte Ausarbeitung des Idealbildes, bestehend aus römischen Werten, stoischen Kardinaltugenden und einer moralisch fundierten Rhetorik.

Die limitierte Transferierbarkeit von Ciceros Ideen: Kritische Einschränkung der Anwendbarkeit einzelner ciceronischer Konzepte aufgrund ihres aristokratischen Charakters und bellizistischer Tendenzen.

Die Rezeption von Ciceros Gerechtigkeitskonzeption: Überblick über die historische Wirkmächtigkeit von Mischverfassungstheorie und Naturrecht bis in die moderne Zeit.

Ciceros Bild des idealen Staatsmannes im Spiegel der Moderne: Finale Anwendung der Erkenntnisse auf heutige politische Diskurse, Extremismus und das Verhalten demokratischer Politiker.

Fazit: Zusammenführende Evaluation der Aktualität Ciceros als moralischer Ratgeber für Politiker in der Gegenwart.

Schlüsselwörter

Cicero, Staatsphilosophie, Idealbild des Staatsmannes, Gerechtigkeit, Mischverfassung, Naturrecht, Stoa, Kardinaltugenden, Politische Ethik, Republikanismus, Deliberative Demokratie, Politische Rhetorik, Fides, Res publica, Politische Partizipation

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert, ob Ciceros staatsphilosophische Konzepte – insbesondere die Gerechtigkeitskonzeption und das Idealbild des Staatsmannes – als zeitlose Orientierung für moderne Politik dienen können.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die Untersuchung umfasst die antike römische Politik, die philosophischen Grundlagen bei Cicero, seine Mischverfassungstheorie, das Naturrecht sowie die aktuelle Anwendung seiner Tugendethik auf politische Rhetorik und moralisches Handeln.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Das Ziel ist es, zu eruieren, ob Ciceros Konzeptionen mehr sind als eine historisch impraktikable Idealisierung und inwiefern sich Aktualitätsbezüge auf moderne Politik praktizieren lassen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit operiert historisch-analytisch bei der Untersuchung der römischen Geschichte und wendet auf die Analyse der ciceronischen Schriften eine hermeneutische Methode an.

Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen (Naturrecht, Mischverfassung) und deren Applikation auf moderne politische Phänomene, wie z.B. das Auftreten extremistischer Parteien und die Rolle von Vertrauen und Verantwortung bei demokratischen Politikern.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?

Zu den zentralen Begriffen zählen die stoischen Kardinaltugenden (Sapientia, Iustitia, Magnanimitas, Temperantia), der Begriff der Fides (Verlässlichkeit) sowie die Unterscheidung zwischen Gemeinwohl-orientiertem Handeln und partikularem Eigeninteresse.

Wie bewertet der Autor den Lobbyismus aus Sicht Ciceros?

Der Autor sieht im Lobbyismus eine Ambivalenz: Er kann als Politikberatung fungieren, wird aber kritisch bewertet, wenn er zur einseitigen Beeinflussung führt und der Staatsmann sein Handeln nicht mehr an objektiven Werten wie Gerechtigkeit ausrichtet.

Inwieweit lässt sich das Verhalten von Politikern wie Berlusconi durch Cicero kritisieren?

Der Autor argumentiert, dass Berlusconis Gesetze zur Immunität seinem Eigennutz dienten und nicht dem Gemeinwohl, was Ciceros Forderung an den Staatsmann, den Nutzen des Volkes über den eigenen zu stellen, direkt widerspricht.

Warum wird Angela Merkel im Werk positiv hervorgehoben?

Die Bundeskanzlerin wird gelobt, weil ihr pragmatischer, an Sachfragen orientierter Regierungsstil in Krisenzeiten stärker auf das Gemeinwohl abzielt, als es bei parteipolitisch-subjektiven Stilen der Fall ist.

Welchen Rat gibt Cicero indirekt für Wahlkämpfe der Moderne?

Der Autor leitet aus Ciceros Wert der Fides ab, dass Politiker in Wahlkämpfen vorsichtiger mit absoluten Versprechen sein sollten, um späteres Scheitern und den damit verbundenen Vertrauensverlust zu vermeiden.

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Résumé des informations

Titre
Ciceros Gerechtigkeitskonzeption und sein Bild des idealen Staatsmannes
Sous-titre
Mehr als eine historisch impraktikable Idealisierung?
Université
University of Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften)
Note
1,7
Auteur
Bakkalaureus Artium Steffen Radtke (Auteur)
Année de publication
2010
Pages
77
N° de catalogue
V149218
ISBN (ebook)
9783640603770
ISBN (Livre)
9783640603626
Langue
allemand
mots-clé
Cicero Gerechtigkeit Idealbild Staatsmann historisch impraktikabel Idealisierung Politiker Erwartungsbild Thema Cicero
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Bakkalaureus Artium Steffen Radtke (Auteur), 2010, Ciceros Gerechtigkeitskonzeption und sein Bild des idealen Staatsmannes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149218
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Extrait de  77  pages
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