Selbsterhaltung unter Lagerstress - Überleben im Gulag


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Menschliches Erhaltungsverhalten unter Stress
2.1 Entstehung von Stress
2.2 Aktive Stressbewältigung

3. Das stalinistische Lager als extreme Stresssituation
3.1 Entmenschlichung
3.2 Mangel
3.3 Zwangsarbeit

4. Lagerstress und Überlebensstrategien
4.1 Häftlingsgesellschaft
4.2 Individualverhalten
4.3 Sozialverhalten

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Tod von Josef Stalin am 5. März 1953[1] endete auch seine grausame Gewalt-herrschaft. In den folgenden Jahren öffneten sich die Lagertore des Gulags[2], eines gigantischen Lagersystems in der Sowjetunion, für eine Vielzahl von Häftlingen. Das waren Überlebende aus einer Parallelwelt von Schreckensorten, in denen das Regime seine angeblichen und tatsächlichen Feinde gefangen hielt, erniedrigte und in einer besonderen Mangelsituation durch Repressionen und schwere Zwangsarbeit unter-drückte. Es gab aber auch Möglichkeiten, sich das Lagerleben zu erleichtern und die Überlebenschancen zu verbessern. Wie es Häftlingen auf verschiedene Art und Weise gelang die extremen Bedingungen dieser Lager zu überleben, wird in den folgenden Kapiteln dargestellt. Dabei werden ausschließlich die Faktoren untersucht, die von den Häftlingen beeinflussbar waren. Der stalinistische Repressionsapparat konnte jeder Zeit durch seinen Eingriff alle Überlebensaussichten zunichte machen.

Ausgehend von der modernen Verhaltensforschung, die als Psychobiologie unter-schiedliche Verhaltensformen untersucht, wird in Kapitel zwei menschliches Erhal-tungsverhalten unter Stress beschrieben. Anhand der Forschungsliteratur von Richard Lazarus und Klaus Immelmann wird geschildert, wie sich Stress auf den Menschen aus-wirkt und welche Möglichkeiten das Individuum hat, mit belastenden Situationen fertig zu werden. In Kapitel drei wird die extreme Stresssituation des Lagerlebens im Gulag gezeigt, wie die Häftlinge entrechtet und ihrer Freiheit beraubt, schwierigsten Lebens-bedingungen ausgesetzt waren. Durch den erheblichen Mangel in allen Bereichen, verbunden mit schwerer körperlicher Belastung, gelangte der menschliche Organismus oft an die Grenzen seiner Belastbarkeit oder versagte, indem der Häftling starb. Unter diesen Umständen war das Überleben primäres Ziel vieler Häftlinge, mitunter um jeden Preis. Welche Möglichkeiten und Verhaltensweisen es dabei gab, wird in Kapitel vier dargestellt. Da sich die Häftlingsgesellschaft aus verschiedenen Menschentypen zusam-mensetzte, gab es auch unterschiedliche Bewältigungsformen und Überlebensstrategien. In den besonderen Belastungssituationen des Lagerlebens wurde das Handeln vieler Häftlinge vom vorrangigen Bedürfnis nach Selbsterhaltung bestimmt. Die Sicherung der Nahrungsgrundlage und die Schonung der körperlichen Ressourcen waren Voraus-setzungen für das Überleben und rückten in den Mittelpunkt aller Bestrebungen. Es entstand eine Lagerwelt mit eigenen Regeln und Verhaltensformen, in der fast jegliches Handeln dem Gebot der Selbsterhaltung untergeordnet war, wo aber auch Formen gegenseitiger Hilfe Überleben ermöglichten.

Bis zum Ende der 1980er Jahre waren es vor allem biographische Überlieferungen, wie die von Alexander Solschenizyn, Warlam Schalamov und Jewgenija Ginsburg, die Zeugnis über das Schicksal im Gulag ablegten und auf die im weiteren verwiesen wird. Nur für kurze Zeit nach dem Tod Stalins öffnete sich unter Nikita Chruschtschow eine Öffentlichkeit für kritische Publikationen. Erst mit den politischen Veränderungen unter Michail Gorbatschow war es ab 1986 wieder möglich, einen offenen Diskurs über den Gulag zu führen und mit der publizistischen Erschließung fortzufahren. Die Öffnung von staatlichen Archiven ermöglichte es ab 1989, Einblick in amtliche Statistiken und Dokumente zu erlangen, wodurch vor allem die bis dahin mythisch überhöhten Opfer-zahlen genauer bestimmt werden konnten.[3]

Die Untersuchung zum Gulag ist eine historiographische Herausforderung, da nur wenige Quellen von Betroffenen selbst vorliegen und viele ehemalige Häftlinge inzwischen verstorben sind. Es waren vor allem Intellektuelle, die über das Lager schrieben, wobei sie nur einen Minderanteil der Betroffenen bildeten. Diese Berichte sollte man kritisch lesen und keinesfalls verallgemeinern. Ebenso liegt es in der Natur des Menschen, eigene Schwächen und mögliches „Fehlverhalten“ zu verdrängen, gerade mit wachsendem zeitlichem Abstand zum Geschehen. Eine wichtige Ergänzung zu den Erinnerungen der Lagerinsassen bildet die Forschungsliteratur. In den folgenden Kapiteln wird unter anderem auf die Veröffentlichungen von Wladislaw Hedeler, Meinhard Stark, Gerhard Armanski und Nicolas Werth Bezug genommen, die sehr gut das stalinistische Lagersystem beschreiben, auch durch die treffende Verwendung von Häftlingsbiographien und Archivmaterial.

2. Menschliches Erhaltungsverhalten unter Stress

Auf den menschlichen Organismus wirken biotische und abiotische Umweltfaktoren. Abiotisch ist die unbelebte Natur mit bestimmten Klimafaktoren, während Nahrungs-angebot, Parasiten, Krankheitserreger und Mitmenschen die belebte, biotische Umwelt bilden. Wichtigste Voraussetzung für das Überleben ist das Nahrungsangebot. In Wechselwirkung mit seiner Umwelt zeigt der Mensch ein funktionales Verhalten, welches aus ererbten und erlernten Anteilen besteht. Obwohl beim Menschen als höher entwickeltes Lebewesen der Anteil des Erlernten überwiegt, bleiben genetisch vorbe-stimmte Verhaltensweisen im Sinne von Rahmenbedingungen bedeutsam und können bei bestimmten Extremsituationen, unter Stress, zur Selbsterhaltung dominieren. Ob die Verhaltensweise dabei dem Ego oder der Gruppe dient, zeigt sich im Individual- und Sozialverhalten des Betroffenen.[4]

2.1 Entstehung von Stress

Bei akuten Belastungen kommt es im menschlichen Organismus zu einer vermehrten Ausschüttung von Hormonen. Bei der Stressreaktion nach Hans Selye wird die Neben-nierenrinde aktiviert, welche dann verstärkt Corticoide bildet und in die Blutbahn abgibt. Dieses Reaktionsmuster wurde eher beim passiven Erdulden einer Belastung festgestellt und wird deshalb in der Psychobiologie als „passiver Stress“ bezeichnet. Bei aktiver Auseinandersetzung mit Stress nach Walter Cannon tritt eine Erregung des sympathischen Nervensystems auf, wodurch das Nebennierenmark zur Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin veranlasst wird und die demzufolge „aktiver Stress“ genannt wird. Bei andauerndem Stress wird durch die dauernd erhöhte Adrenalin- und Noradrenalinausschüttung der Blutdruck erhöht und der Blutzuckerspiegel steigt an. Dadurch wird das Herz überbelastet und die Immunfunktion geht zurück. Zwangsauf-enthalte in Gefängnissen oder anderen Institutionen sind laut Beobachtungen und Befra-gungen neben dem Verlust von nahestehenden Personen die als am schwersten empfun-denen Belastungen mit den größten Stressreaktionen, wobei Menschen Belastungen unterschiedlich schwer wahrnehmen und auch verschieden auf diese reagieren. Stress ist demnach die Folge einer Interaktion zwischen Individuum und Umwelt und abhängig vom Zusammenspiel spezifischer Faktoren beider Seiten.[5]

2.2 Aktive Stressbewältigung

Auf eine belastende Situation kann der Mensch in verschiedener Form reagieren. Das können aktive oder passive Reaktionen im offenen Verhalten sein, wie Aggressionen oder komplette Inaktivität. Aber auch nonverbale Ausdrucksweisen, wie Sprechweise, Gesichtsausdruck und Körperhaltung können wechseln. Offenes Verhalten oder nonverbale Ausdrucksweisen sind bereits Teile bestimmter Bewältigungsformen. Der individuelle Gefühlszustand wird dagegen hauptsächlich in psychischer Form bewältigt. An der individuellen Bewertung einer Umweltsituation liegt es, wie darauf reagiert wird. Das ist wiederum abhängig von den adaptiven Ressourcen des Organismus und denen seiner sozialen Umwelt, die als Hilfe durch andere zur Wirkung gelangen können. Individuelle Ressourcen sind der soziale Status, die psychische Kraft des Glaubens und das Selbstbild, welches die Bewältigungsfähigkeit hinsichtlich physischer Stärke, materieller Ressourcen und Problemlösungsfähigkeit bewertet. Besonders Erfahrungen mit ähnlichen Ereignissen aber auch die Fähigkeit zur sozialen Anpassung sind hierbei bedeutend.[6]

[...]


[1] Anne Applebaum: Der Gulag, Berlin 2003, S. 501.

[2] Glawnoe Uprawlenie Lagerei, Abkürzung: GULag. Hauptverwaltung für mehr als 450 Lagerkomplexe mit Tausenden Haupt- und Nebenlagern. Siehe Wladislaw Hedeler, Meinhard Stark: Das Grab in der Steppe. Leben im Gulag. Die Geschichte eines sowjetischen „Besserungsarbeitslagers“ 1930-1959. Paderborn 2008, S. 2.

[3] Nicolas Werth: Der Gulag im Prisma der Archive. Zugänge, Erkenntnisse, Ergebnisse. In: Osteuropa 57/6 (2007), S. 10-14.

[4] Klaus Immelmann (Hg.): Psychobiologie: Grundlage des Verhaltens. Stuttgart, New York 1988, S. 3-5, 842f.

[5] Ebd.: S. 304-311, 314, 851; vgl. Richard Lazarus, Susan Folkman: Stress, Appraisal, and Coping. New York

1984, S. 2f, 21.

[6] Immelmann: Psychobiologie, S. 312-315; vgl. Lazarus, Folkmann: Stress, S. 141, 157-164.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Selbsterhaltung unter Lagerstress - Überleben im Gulag
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichtswissenschaften, Osteuropa)
Veranstaltung
Der GULag. Die Geschichte des sowjetischen Lagersystems (1917-1956).
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V149219
ISBN (eBook)
9783640596478
ISBN (Buch)
9783640596744
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gulag, Stalin, Lager, Stress, Sowjetunion, Überleben, Coping, Selbsterhaltung, Stalinismus, Diktatur, Arbeitslager
Arbeit zitieren
Jan Andrejkovits (Autor:in), 2010, Selbsterhaltung unter Lagerstress - Überleben im Gulag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149219

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