Das menschliche Selbstverständnis gründet sich auf eine Abgrenzung von tierlichen Lebewesen und eine Herausstellung genuin menschlicher Eigenschaften. Die Frage nach der menschlichen Identität ist also immer auch eine Frage nach der Art der Beziehung des Menschen zu nicht-menschlichen Lebewesen, die sich unter anderem in der (auch künstlerischen und literarischen) Darstellung jener Lebewesen aus menschlicher Perspektive herauskristallisiert.
Diese für unseren Kulturkreis typische Art nicht-menschliche Tiere zu sehen gründet auf eine philosophische, naturwissenschaftliche und ästhetische Argumentationstradition, in der sich ein "Mechanismus der Selbstaufwertung" realisiert. Erste schriftliche Überlegungen zur Abgrenzung des Menschen von seiner Umwelt finden sich bereits in der Antike bei Aristoteles. Die Herrschaft über die Tiere wurde im christlichen Mittelalter durch den göttlichen Auftrag weiter zementiert und Descartes verstärkte diesen Anspruch durch die Theorie, dass Tiere ähnlich wie Maschinen automatisch funktionierten, bar jeder Vernunft, Eigenständigkeit und Schmerzempfindens.
Allerdings wird der bis heute vorherrschende Anthropozentrismus zunehmend infrage gestellt, was sich an einem gesellschaftlichen "Diskurs über Tiere zu den verschiedenen tierethischen Problemen: Klimawandel, Artensterben, Zoonosen" und einer Wende in den Wissenschaften zeigt. Denn auch in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften – im anglophonen Raum: Humanities - waren nicht-menschliche Tiere passive Objekte. Der im Jahr 2007 verortete Animal Turn steht für eine Wende in diesen Wissenschaften und ist als Ausgangspunkt für die Entstehung der Animal Studies zu sehen, welche die Human-Animal Studies (HAS), die Critical Animal Studies oder auch Cultural Animal Studies, ebenso wie Zooanthropology oder Humanimalia einschließen. Diese Forschungsfelder ermöglichen einen neuen Blickwinkel auf die bislang unsichtbaren Tiere in der Forschung, die nun "die Geschichte des Tier-Übersehens [...] systematisch kritisiert und die neu erreichte Tier-Aufmerksamkeit als eine [...] verunsichernde Herausforderung begreift.“ Dies geht einher mit einem neuen Gegenstandsbereich und einer kritischen Auseinandersetzung mit den bisherigen Begriffen und Methoden.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Mensch-Tier-Beziehungen
2.1.Die Mensch-Tier-Grenze als Konstrukt
2.2.Anthropozentrismus, Speziesismus und Anthropomorphismus
2.3.Anthropozentrische Kategorisierungen
2.4.Haraways Gefährt*innenspezies
2.5.Tierdarstellungen nach Kate Soper
3.Situierung der Romane im historischen Kontext
3.1.Das Anthropozän
3.2.Die Wand von Marlen Haushofer (1963)
3.3.Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde (2019)
4.Das Tier-Konstrukt
4.1.Die Wand von Marlen Haushofer
4.1.1.Das menschliche Konzept der Ordnung
4.1.2.Das Einläuten des dystopischen Ereignisses
4.1.3.Für den menschlichen Nutzen
4.2.Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde
4.2.1.Norwegen (2064)
4.2.2.Mongolei (90er Jahre)
4.2.3.Russland und Mongolei (1881)
4.3.Zwischenfazit
5.Infragestellen des Konzepts Mensch
5.1.Die Wand von Marlen Haushofer
5.1.1.Reproduktion und Familie
5.1.2.Der hungrige Körper
5.1.3.Über Körpergrenzen hinweg
5.2.Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde
5.2.1.Instinktiver Fortpflanzungsdrang
5.2.2.Hunger als Obsession
5.2.3.Berührungen machen die Spezies-Grenzen durchlässig
5.3.Zwischenfazit
6.Wie weiter nach dem Anthropozän?
6.1.Die Wand von Marlen Haushofer
6.1.1.Die Alm als gescheiterte Utopie
6.1.2.Interspezifische Familienutopie?
6.1.3.Die Frau als Kulturwesen
6.2.Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde
6.2.1.Sich selbst überlassen
6.2.2.Im Kreis gehen
6.3.Zwischenfazit
7.Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das menschliche Identitätsverständnis im Spiegel der Mensch-Tier-Beziehung in dystopischen Szenarien. Zentrale Forschungsfrage ist dabei, wie sich die Mensch-Tier-Grenze in den Romanen Die Wand von Marlen Haushofer und Die Letzten ihrer Art von Maja Lunde darstellt und welche Auswirkungen diese auf die Selbstwahrnehmung der menschlichen Charaktere unter dystopischen Bedingungen hat.
- Analyse der Mensch-Tier-Grenzziehung als historisches und kulturelles Konstrukt.
- Untersuchung literarischer Tierdarstellungen unter Einbeziehung der Human-Animal Studies.
- Reflexion über die Auswirkungen des Anthropozäns auf das menschliche Selbstbild.
- Vergleichende Analyse der beiden Romane hinsichtlich ihrer Darstellung von Abhängigkeit, Nahrung und Sexualität im Kontext von Krisensituationen.
Auszug aus dem Buch
2.1.Die Mensch-Tier-Grenze als Konstrukt
Die Mensch-Tier-Grenze basiert auf der "fiktive[n] Kategorie" Tier. Das Tier das sind alle nichtmenschlichen Lebewesen, die durch die einseitige menschliche Benennung "zum ganz Anderen" werden. Einen Grundstein für die menschliche Vorherrschaft bilden antike Denkansätze wie von Protagoras und Aristoteles, die sich auf das Kriterium der Vernunft ("Lógos") beziehen. Dieses hat sich über die aufklärerischen Erkenntnistheorien des Humanismus hinweg bis heute erhalten. Hinzu kommt, dass die christlich-jüdisch-islamische Tradition monotheistisch und durch eine "männliche[...] Gottesebenbildlichkeit und den biblischen Herrschaftsauftrag über andere Lebewesen" geprägt ist, was das Tier als ein mit Mängeln behaftetes Gegenbild des Menschen etablierte.
Der Mensch versucht dort klare Grenzen zu ziehen, wo sich biologisch durchaus Gemeinsamkeiten feststellen lassen. Dadurch, dass er sich als "animal rationale" sieht, als besseres Tier durch Vernunft- und Sprachfähigkeit, macht er sich zu etwas Außergewöhnlichem. Derrida weist aber daraufhin, dass auch Nacktheit, Schamhaftigkeit, Hochmut und körperliche Wehrlosigkeit menschlich sind. Doch dies werde systematisch umgedeutet. Der menschlichen Scham stehe die tierische Schamlosigkeit, der menschlichen Wehrlosigkeit die tierische Aggression gegenüber. Das Tier wird stets negativ bewertet, "denn der Logozentrismus ist zuallererst eine These über das Tier,[...] das des [...] logos Haben-Könnens beraubt ist".
Die Folgen der Mensch-Tier-Grenze sind für die individuellen Tiere extrem. Sie werden "entindividualisiert, verschlachtet und abgewertet, ihre Verhaltensweisen und Handlungen werden gezielt verfremdet". Ausbeutung geschieht "durch Züchtung und Dressur [...] Genexperimente; durch die Industrialisierung dessen, was man die Tierfleisch-Nahrungsmittelproduktion nennen kann [und] alle Arten anderer Zielsetzungen im Dienste [...] des Menschen".
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel motiviert die Thematik und führt in das Forschungsfeld der Human-Animal Studies ein, um das Interesse an der Mensch-Tier-Grenze in der Literatur zu begründen.
2.Mensch-Tier-Beziehungen: Dieser Teil legt die theoretischen Grundlagen der anthropozentrischen Grenzziehung, des anthropomorphen Denkens und der spezifischen Konzepte von Donna Haraway und Kate Soper dar.
3.Situierung der Romane im historischen Kontext: Hier werden das Konzept des Anthropozäns sowie die beiden primär untersuchten Romane in ihren jeweiligen Entstehungs- und Handlungszeiten verortet.
4.Das Tier-Konstrukt: Dieses Kapitel analysiert detailliert, wie Tiere in den untersuchten Romanen von den Protagonisten innerhalb ihrer jeweiligen anthropozentrischen Logik wahrgenommen und genutzt werden.
5.Infragestellen des Konzepts Mensch: Es wird untersucht, wie existenzielle Krisen wie Hunger und Fortpflanzungsdruck die menschlichen Identitätskonzepte herausfordern und die Mensch-Tier-Grenze porös werden lassen.
6.Wie weiter nach dem Anthropozän?: Der Abschluss des Hauptteils widmet sich den utopischen bzw. gescheiterten Modellen des Zusammenlebens und der Frage, welche Rolle der Akt des Schreibens in diesen dystopischen Welten einnimmt.
7.Fazit: Die Arbeit fasst ihre Ergebnisse zusammen und reflektiert, wie die Romane das menschliche Selbstverständnis im Angesicht ökologischer und existentieller Krisen kritisch hinterfragen.
Schlüsselwörter
Human-Animal Studies, Mensch-Tier-Grenze, Anthropozän, Die Wand, Die Letzten ihrer Art, Marlen Haushofer, Maja Lunde, Anthropozentrismus, Gattungstheorie, Dystopie, Tierethik, Speziesismus, Identitätskonstruktion, Literarische Tierdarstellung, Poststrukturalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das menschliche Selbstverständnis und die Trennung zwischen Mensch und Tier in zwei zentralen dystopischen Romanen des 20. und 21. Jahrhunderts verhandelt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die anthropozentrische Grenzziehung, die Auswirkungen der Klimakrise (Anthropozän) auf das menschliche Handeln sowie die ethische Einordnung von Mensch-Tier-Beziehungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Konstruktion der Kategorie "Tier" zur Identitätsbildung des Menschen beiträgt und wie dystopische Szenarien dieses Machtgefüge untergraben oder in Frage stellen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Ansätze aus den Human-Animal Studies, der Tierethik und dem Ecocriticism zur Interpretation der Romane heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konkrete Rollenverteilung von Tier und Mensch in den Romanen, diskutiert, wie existenzielle Notlagen das menschliche Verhalten beeinflussen und reflektiert über alternative Zusammenlebensmodelle nach einer Zivilisationskatastrophe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Human-Animal Studies, Anthropozän, Speziesismus, Dystopie sowie die Spezifik der behandelten Autoren, Marlen Haushofer und Maja Lunde.
Inwiefern unterscheiden sich die Romane bei der Behandlung des Konzepts "Tier"?
Während in Haushofer's Roman das Tier stark als Projektionsfläche für die Identität der Protagonistin fungiert, begegnet man bei Lunde Tieren eher als Akteure in einem komplexen ökologischen Gefüge, wobei beide Autoren jedoch die erzwungene Grenze zwischen Spezies problematisieren.
Welche Bedeutung kommt dem Akt des Schreibens in diesen dystopischen Welten zu?
Das Schreiben wird als ein zivilisatorisches, vernunftgesteuertes Werkzeug analysiert, das den Protagonisten dient, Ordnung in ihr Leben zu bringen und ihre menschliche Identität gegen die als bedrohlich wahrgenommene Tierwelt abzugrenzen.
- Citation du texte
- Tanja Schneider (Auteur), 2023, Dystopisches Szenario und die Auflösung der Mensch-Tier-Grenze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1507753