Literaturwissenschaftliches Argumentieren - Interpretationsanalysen zu Gerhart Hauptmanns 'Bahnwärter Thiel'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturwissenschaftliches Argumentieren
2.1. Begriffsklärung
2.2. Argumentklassifikation
2.3. Methodische Probleme und Wissenschaftlichkeit

3. Interpretationsanalyse zu Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel
3.1. Günther Mahal über die Experimentierfreude Hauptmanns
3.2. Ergebnis der Interpretationsanalyse

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wissenschaftliches Argumentieren gehört ebenso zur Literaturwissenschaft wie die Literatur selbst. Dennoch wird vorwiegend ein Augenmerk auf die Interpretation von Primärtexten geworfen als die Analyse eben dieser Werkinterpretationen. Das Ziel dieser Hausarbeit soll sein, herauszuarbeiten wie wissenschaftliches Argumentieren in Interpretationen zu erkennen ist. Woran erkennt man eine gute Argumentationsstruktur? Sind die Argumente schlüssig auf die zentrale These bezogen und die beigefügte Beispiele nachzuvollziehen?

Im folgenden Kapitel geht es zunächst primär um eine theoretische Herangehensweise an das Thema ‚Literaturwissenschaftliches Argumentieren’. Zum einen mithilfe verschiedener Enzyklopädien wie dem Metzler-Lexikon, dem Brockhaus und dem ‚Dictionary of literary terms’ von Harry Shaw. Zum anderen sollen mithilfe von Forschungsarbeiten von Uwe Japp, Eike von Savigny, Ansgar Nünning, Otto F. Best sowie Walther Kindt und Siegfried J. Schmidt drei Fragen geklärt werden:

1. Was ist unter den Begriffen Interpretation, Analyse, Argument, Beispiel, Beleg und These konkret zu verstehen?
2. Welche methodischen Probleme können beim literaturwissenschaftlichen Argumentieren auftreten?
3. Woran kann man erkennen, dass eine Interpretation wissenschaftlich ist?

Uwe Japp nimmt dabei vorrangig Bezug auf die Rolle von Beispielen und Argumenten innerhalb einer Interpretation. Des Weiteren deckt er die Beziehung von Argumenten untereinander und diese zwischen Argumenten und Beispielen auf. Eike von Savigny wählt hingegen den Ansatz einer Klassifikation von Argumenten, die es ermöglicht Argumente einer Interpretation in ein bestimmtes Raster zu bringen und somit klarer miteinander zu vergleichen. Diese Vorgehensweise macht es möglich, einen strukturierten Aufbau der Argumentation zu rekonstruieren.

Walther Kindt und Siegfried J. Schmidt beziehen sich konkret auf die Analyse von Interpretationen. Sie stellen klare Forderungen an Argumentationen und die Wissenschaftlichkeit literaturwissenschaftlicher Interpretationen auf und weisen auf häufig gemachte Fehler im literaturwissenschaftlichen Argumentieren hin.

Im darauf folgenden Kapitel wird die besprochene Theorie literaturwissenschaftlichen Argumentierens konkretisiert und am Beispiel von Günther Mahals Interpretation ‚Experiment zwischen Geleisen. Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel angewendet. Dementsprechend wird diese Interpretation als Primärliteratur zurate gezogen.

Mithilfe dieser Interpretationsanalyse soll geklärt werden, ob sie sich einer bestimmten literaturwissenschaftlichen Beziehung zwischen Argument und Beispiel bedient und ob diese Argumentationsstruktur für den Leser auch nachvollziehbar gemacht wird. Neben der Nennung der Prämisse wird ein wesentlicher Teil darin bestehen, die Thesen zu betiteln, die verwendeten Argumente zu kennzeichnen sowie zu klassifizieren und die in Bezug darauf verwendeten Beispiele und Belege zu prüfen. Sind die Argumente in Bezug auf die Thesen sinnvoll? Stützen Beispiele und Belege die Argumente hinreichend? Sind die gezogenen Schlüsse plausibel?

Nach der Interpretationsanalyse folgt eine kritische Zusammenfassung ihrer Ergebnisse. Sind alle einbezogenen Aspekte der Interpretation erklärt und ist der Grund für die jeweilige Verwendung bestimmter Argumente klar? Wie kohärent ist der Argumentationsstrang aufgebaut? Tauchen mangelnde, empirisch nicht überprüfbare Belege auf?

Auf diese Weise soll verdeutlicht werden, warum einige Argumente für den Leser schlüssig und andere nicht hinreichend untermauert werden.

2. Literaturwissenschaftliches Argumentieren

Das Feld des literaturwissenschaftlichen Argumentierens ist sehr weit. Um es im Rahmen einer Hausarbeit einzugrenzen, werde ich mich bei der Interpretationsanalyse vorwiegend auf die Beziehung zwischen These und Argument sowie zwischen Argument und Beispiel bzw. Beleg beschränken. Uwe Japp bezeichnet die Beziehung zwischen Argument und Beispiel als „philologische Relation“[1], ohne die keine Interpretation plausibel erscheint. Das heißt, dass Aussagen in der Literaturwissenschaft daran zu messen sind, wie gut Argumente und Beispiele aufeinander abgestimmt sind. Insgesamt werde ich somit den Argumentationsstrang der Interpretation rekonstruieren. Darüber hinaus soll geprüft werden, ob die geforderte Wissenschaftlichkeit[2] literaturwissenschaftlichen Argumentierens eingehalten wird. Da die verwendeten Begriffe allerdings je nach Ansicht unterschiedlich verstanden werden, soll in diesem Kapitel geklärt werden, was unter den verwendeten Begriffen in der Interpretationsanalyse verstanden wird.

2.1. Begriffsklärung

Für die theoretische Herangehensweise an das literaturwissenschaftliche Argumentieren ist es notwendig genau zu definieren, was unter den verwendeten Begriffen in dieser Hausarbeit verstanden wird. Demzufolge wird nun geklärt, was unter den Begriffen Interpretation, Analyse, Argument, Beispiel, Beleg und These verstanden wird. Dadurch, dass alle Begriffe ineinander übergreifen ist eine strikt getrennte Erklärung der einzelnen Begriffe kaum möglich. Aus diesem Grunde werden die Begriffe nicht einzeln, sondern zusammenhängend definiert.

Der Begriff Interpretation ist aus dem Lateinischen interpretatio entlehnt und bedeutet übersetzt auslegen, deuten oder erklären.[3] Somit steckt das literaturwissenschaftliche Ziel einer Interpretation schon in dem Begriff selbst: Mithilfe eines Vermittlers wird der Inhalt literarischer Texte erklärt. Diese Erklärung kann also schnell aus der persönlichen Auslegung und Deutung des Interpreten resultieren, sodass von einer ausschließlich objektiven Interpretation dann nicht mehr ausgegangen werden kann. Trotzdem sollte der Interpret vermeiden allzu subjektive Argumente anzubringen, da diese nicht empirisch überprüfbar sind und je nach Interpret unterschiedlich ausfällen können.

Das Metzler-Lexikon definiert Interpretationen

je nach dem intendierten Erkenntnisgegenstand. Dieser kann 1. außerhalb eines engeren Gebietes der Literaturwissenschaft liegen, d. h. Dichtung wird dann als histor., soziolog. usw. Quelle benutzt; es können 2. anthropolog. Konstanten (z. B. Weltanschauungstypen) oder bestimmende Prinzipien wie Gattung, Stil, Idee, Geist eines zeitl. und räuml. begrenzten Kollektivs (Epoche, Nation) sein, aber auch 3. Autor und 4. das einzelne Werk, einmal in seinen Beziehungen zu außerdichter. Gegebenheiten (Kultur, Gesellschaft usw.) oder zu kennzeichnenden Prinzipien (Gattung, Stil usw.) oder zum Autor; schließl. das Werk in seiner inneren Struktur.[4]

Literaturwissenschaftliche Interpretationen sind also nach der Art ihrer Herangehensweise an das zu interpretierende literarische Werk zu unterscheiden. Je nach Schwerpunktsetzung liegt einer Interpretation ein anderer Erkenntnisgegenstand inne.

Im Vergleich dazu definiert Ansgar Nünning die Interpretation nicht nach inhaltlichen Unterschieden, sondern nach der Vorgehensweise im interpretatorischen Prozess. Für ihn ist die Interpretation

Prozess und Resultat der Auslegung bzw. Deutung mündlicher, schriftlicher und allgemein zeichenhafter Äußerungen auf Basis von Verstehen bzw. hermeneutischer Bemühung; im engeren Sinne Auslegung schriftlicher […] Werke in methodisch reflektierter bzw. wissenschaftlich disziplinierter […] Weise.[5]

Nünning bezeichnet die Interpretation als Teil der wissenschaftlichen Disziplin der Hermeneutik, das heißt der Art der Deutung und des Verstehens literarischer Texte. Sein Hinweis auf methodische Reflektiertheit lässt zu dem Schluss kommen, dass jeder Interpretation eine Klärung der methodischen Vorgehensweise vorangestellt werden sollte. Was genau Nünning darunter versteht, lässt er offen, jedoch wird auf Grundlage dessen in der nachfolgenden Interpretationsanalyse geprüft werden, ob methodischen Vorüberlegungen klar gemacht und erläutert werden.

Im Metzer-Lexikon für Literatur wird die Analyse als eine „objektivierende werkbezogene Methode [definiert], mit deren Hilfe ein (literarischer) Gegenstand dadurch genau erfasst werden soll, dass er in bestimmte Komponenten zerlegt, ‚analysiert’ wird“[6]. Eine Analyse bezeichnet demnach die genaue Betrachtung einzelner Teile eines literarischen Werkes oder auch einer Interpretation.

Harry Shaw präzisiert seine Beschreibung, indem er die Analyse nicht allein als Zerteilen eines Werkes in seine „fundamental elements“[7] definiert. Er erklärt darüber hinaus, worauf dieses Zerteilen hinausläuft. Neben der inhaltlichen Analyse von literarischen Texten macht ihre Zerlegung in die essentiellen Einzelteile auch möglich, dass „it outranks consideration of a literary work in relation to its author (the biographical approach) and in relation to its readers and backrounds (the historical or social or philosophical approach)”[8]. Einzelne Komponenten des Werkes können mithilfe der Analyse folglich mit Aspekten verglichen werden, die den Autor selbst oder die sozial-historischen Hintergründe des Werkes betreffen. Demnach ist eine textanalytische Vorgehensweise für Interpretationen unbedingt notwendig, um zu vermeiden, dass einzelne wichtige Elemente des Werkes übersehen werden. Nur auf Grundlage der genauen Analyse eines Werkes, kann eine nachvollziehbare Argumentation aufgebaut werden.

Obwohl generelle Regeln über das Argumentieren in der Literaturwissenschaft bestehen, folgen viele Interpreten nur selten der Forderung, dass „Literaturwissenschaft als argumentierende Wissenschaft betrieben werden sollte“[9]. Diese Forderung impliziert Regeln wie derer, dass der Aufbau von Argumentationen „logisch stringent und intersubjektiv nachvollziehbar sein [sowie] die in die Argumentation eingehenden Voraussetzungen explizit gemacht werden und die angegebenen Belege nachprüfbar sein sollen“[10]. Stringent bedeutet hier der logische Aufbau von einzelnen Argumenten aufeinander. Mit Intersubjektivität ist die Nachvollziehbarkeit der Argumentation für den Leser gemeint und nachprüfbar sind Beispiele dann, wenn ihre Quellen angegeben sind. Der Zweck einer stringenten, intersubjektiven und nachprüfbaren Argumentation ist „to convince a reader […] by proving the truth or establishing the falsity of an idea or porposition”[11].

[...]


[1] Uwe Japp: Argument und Beispiel in der Literaturwissenschaft. In: Elrud Ibsch/ Dick H. Schram (Hrsgg.): Rezeptionsforschung zwischen Hermeneutik und Empirik. Amsterdam 1987, S. 171.

[2] Vgl. Walther Kindt / Siegfried J. Schmidt (Hrsg.): Interpretationsanalysen. Argumentationsstrukturen in literaturwissenschaftlichen Interpretationen. München 1976, S. 9f.

[3] Vgl. Brigitte Alsleben (Red. Bearb.): Interpretation, Artikel in: Duden – das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 4., neu bearbarbeitete Auflage. Mannheim [u. a.] 2007.

[4] Günther Schweitzle/ Irmgard Schweitzle (Hrsgg.): Interpretation, Artikel in: Metzler-Lexikon Literatur. Stichwörter zur Weltliteratur. Stuttgart [u.a.] 1984, S. 212. Die gleiche Definition ist zu finden in: Werner Habicht (Hrsg.): Der Literatur-Brockhaus. Mannheim 1988, S. 261.

[5] Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Weimar 2004, S. 109.

[6] Schweitzle/ Schweitzle 1984, S. 12.

[7] Harry Shaw: Analysis, Artikel in: Dictionary of literary terms. New York [u.a.] 1972, S. 19.

[8] Ebd.

[9] Kindt/ Schmidt 1976, S. 9.

[10] Ebd.

[11] Shaw 1972, S. 32.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Literaturwissenschaftliches Argumentieren - Interpretationsanalysen zu Gerhart Hauptmanns 'Bahnwärter Thiel'
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Hauptmanns Bahnwärter Thiel als naturalistische Novelle? Literaturwissenschaftliches Argumentieren in der Praxis
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V150915
ISBN (eBook)
9783640622474
ISBN (Buch)
9783640622580
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturwissenschaftliches, Argumentieren, Interpretationsanalysen, Gerhart, Hauptmanns, Bahnwärter, Thiel
Arbeit zitieren
Julia Krüger (Autor), 2009, Literaturwissenschaftliches Argumentieren - Interpretationsanalysen zu Gerhart Hauptmanns 'Bahnwärter Thiel', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150915

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