Mit der Ansicht „Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel“ stellte Theodor Geiger 1949 eine durchaus provokante These auf. Dergestalt kritisierte er eindeutig die bis dato gültige Marx’sche Gesellschaftstheorie und löste in den folgenden Jahrzehnten eine Welle von Diskussionen und Neuformulierungsversuchen einer gültigen Gesellschaftstheorie aus. Um nun das Für und Wider dieser These ausführlich zu erörtern, bedarf es zunächst der Definition des Begriffs „Klasse“ und der Marx’schen Gesellschaftstheorie.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Marx’sche Klassentheorie und Definitionen
3. Historischer Kontext und industrieller Strukturwandel
4. Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft nach Schelsky
5. Empirische Überprüfung durch Popitz und Bahrdt
6. Adornos Sicht auf den Niedergang der Klassengesellschaft
7. Kern und Schumann: Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein
8. Die Dienstleistungsgesellschaft nach Häußermann und Siebel
9. Fazit: Geigers These in der heutigen Forschung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Validität der 1949 von Theodor Geiger aufgestellten These der „Klassengesellschaft im Schmelztiegel“. Ziel ist es, unter Einbeziehung soziologischer Studien aus verschiedenen Jahrzehnten zu erörtern, inwiefern die Marx’sche Klassentheorie durch die gesellschaftlichen Entwicklungen der Nachkriegszeit bis hin zur heutigen Dienstleistungsgesellschaft widerlegt oder modifiziert wurde.
- Grundlagen der Marx’schen Klassentheorie
- Soziologische Analyse des industriellen Wandels
- Entwicklung des Klassenbewusstseins und der Mittelschicht
- Rolle der Dienstleistungsgesellschaft bei der Auflösung von Klassenstrukturen
- Überprüfung der zeitdiagnostischen Prognose von Theodor Geiger
Auszug aus dem Buch
Die Marx’sche Gesellschaftstheorie und die Begriffsbestimmung von Klasse
Die allgemeine Begriffsbestimmung von „Klasse“ erfolg über die Stellung des Menschen im Produktions- und Distributionsprozess. Der Ausgangspunkt ist also die Wirtschaftsstruktur. Eine „Klasse“ bezeichnet demnach eine Gruppierung von Menschen, deren Angehörige bestimmte ökonomische Merkmale gemeinsam haben. Des Weiteren ist zu beachten, dass der Begriff analytisch und das Konzept relational ist: Die Bestimmung einer Klasse resultiert aus der Abgrenzung zu anderen Klassen.
Dagegen erweiterte Marx diese allgemeine Klassendefinition mit dem Kriterium der Struktur der Eigentumsordnung an den Produktionsmitteln. Eine Klasse ist im Sinne von Marx eine Gruppierung von Menschen mit der gleichen Stellung zu den Produktionsmitteln und im Produktionsprozess. Sein Klassenmodell ist analytisch und dichotomisch: Die Gesellschaft besteht aus Besitzenden (Kapitalisten) und Besitzlosen (Arbeiter). Dadurch, dass sich die Besitzenden immer weiter an den Besitzlosen bereichern, entsteht ein asymmetrisches Arbeitsverhältnis. Genauer gesagt, taucht eine starke Ungleichheit auf, die über den Mechanismus der Ausbeutung von statten geht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die provokante These Geigers und Darlegung der Notwendigkeit, Klassenbegriffe zu definieren.
2. Marx’sche Klassentheorie und Definitionen: Erläuterung der Marx’schen Dichotomie von Kapitalisten und Arbeitern sowie der Unterscheidung zwischen Klasse an sich und Klasse für sich.
3. Historischer Kontext und industrieller Strukturwandel: Analyse der gesellschaftlichen Umbrüche nach 1945 und der beginnenden Integration von Arbeitern in den sekundären Sektor.
4. Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft nach Schelsky: Vorstellung des Begriffs der nivellierten Mittelstandsgesellschaft als neues Modell abseits der klassischen Klassenstrukturen.
5. Empirische Überprüfung durch Popitz und Bahrdt: Untersuchung der Arbeitswelt in der Hüttenindustrie zur Feststellung von Klassenbewusstsein bei Industriearbeitern.
6. Adornos Sicht auf den Niedergang der Klassengesellschaft: Diskussion der Angleichung von Klassen durch steigenden Lebensstandard und Konsum in den 1950er- und 1960er-Jahren.
7. Kern und Schumann: Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein: Empirische Bestätigung der These, dass der Wunsch nach Statussicherung das kollektive Klassenbewusstsein untergräbt.
8. Die Dienstleistungsgesellschaft nach Häußermann und Siebel: Analyse, wie der Übergang zur tertiären Gesellschaftsform Klassen zunehmend überflüssig macht.
9. Fazit: Geigers These in der heutigen Forschung: Abschließende Bewertung, dass sich die These Geigers in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft weitgehend bestätigt hat.
Schlüsselwörter
Klassengesellschaft, Theodor Geiger, Marxismus, Klassenbewusstsein, Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Strukturwandel, Mittelstand, Proletariat, Ausbeutung, Industriearbeit, Sozialstaat, Wirtschaftsstruktur, Statussicherung, Soziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Zeitdiagnose von Theodor Geiger aus dem Jahr 1949, welche die Auflösung der klassischen Klassengesellschaft prognostizierte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Marx’sche Theorie, der industrielle Strukturwandel, die Veränderung des Arbeiterbewusstseins sowie der Wandel zur modernen Dienstleistungsgesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Einordnung historischer und soziologischer Studien zu prüfen, ob Geigers These der „schmelzenden Klassengesellschaft“ empirisch haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Erörterung unter Heranziehung klassischer soziologischer Studien, wie jenen von Popitz, Bahrdt, Adorno sowie Kern und Schumann.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Klassenbegriffe sowie eine chronologische Analyse soziologischer Positionen von den 1950er-Jahren bis in die 1990er-Jahre.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Klassengesellschaft, Klassenbewusstsein, industrieller Strukturwandel und Dienstleistungsgesellschaft.
Wie bewerten Kern und Schumann das Klassenbewusstsein der Arbeiter?
Sie stellen fest, dass durch zunehmende Differenzierung und den Wunsch nach Sicherung des erreichten Status ein kollektives Klassenbewusstsein zugunsten einer instrumentellen Arbeitshaltung in den Hintergrund tritt.
Was zeichnet die Dienstleistungsgesellschaft nach Häußermann und Siebel aus?
Sie beschreiben die Entstehung von formbeschützenden und innovativen Dienstleistungen, welche die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sichern und somit klassische Klassenteilungen überflüssig machen.
- Citation du texte
- Julia Krüger (Auteur), 2008, Theodor Geigers These - "Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150917