„An uns Menschen ist zunächst nur bemerkenswert, daß wir denken; sonst bliebe alles im Dunkeln.“ (Ballauff 2004, S.32). Und dieser schlichten wie bemerkenswerten Faktizität der Menschen, dem Fakt, daß wir mit Denken ausgezeichnet sind sowie den sich daraus ergebenden pädagogischen Implikationen, widmet sich die vorliegende Diplomarbeit aus bildungsphilosophischer Sicht.
Sie befasst sich in diesem Zusammenhang als bildungstheoretische Grundlagenforschung mit dem Pädagogikverständnis und Bildungsbegriff des Mainzer Bildungstheoretikers Theodor Ballauff (1911-1995). Der besondere Interpretationsfokus von Ballauffs philosophischer Pädagogik liegt dabei, wie der Titel andeutet, auf dem Begriff der Möglichkeit, der in dreifacher Weise die Frageperspektive der Arbeit leitet:
Ersten wird herausgestellt wie eine alternative, antithetische Grundlegung von Pädagogik, entgegen den gängigen anthropologischen, ethischen und sozialisationstheoretischen Begründungen von Erziehung und Bildung, möglich ist. Die Grundlage liegt für Ballauff im Denken. Dieses „Denken“ als unumgängliche und konstitutive Möglichkeitsbedingung unserer Selbst- und Weltauffassung wird ausführlich analysiert und in seinen Strukturmomenten zur Sprache gebracht.
In einem zweiten Schritt erfolgt eine Erläuterung der Ermöglichung von Bildung. Bildung versteht Theodor Ballauff als „Selbständigkeit im Denken“. Dazu wird, ausgehend von sozialisationstheoretischen Überlegungen und der sozial-historischen Bedingtheit einer begrenzenden Wirklichkeitsauffassung, eine pädagogische Vorgehensweise dargestellt, die Bildung ermöglichen kann.
Drittens wird dargelegt, was im Rahmen des Möglichen liegt, wenn Bildung als gedanklich radikale Selbstständigkeit verwirklicht ist. Dazu werden sechs Merkmale von Bildung ausgearbeitet und auf den Begriff gebracht.
Zum Schluss wird in einer Apologetik versucht starke Argumente dafür vorzubringen, warum es aufgrund des historischen Status quo geboten sein könnte Bildung im ausgearbeiteten Sinne zu ermöglichen.
Abschließend, neben kurz angerissenen Forschungsausblicken, werden zwei Fragen aufgeworfen und reflektiert: Zum einen warum Ballauffs Werk in Anbetracht der daraussprechend gedanklichen Radikalität sowie theoretischen Trag- und Reichweite bisher nur wenig rezipiert wurde. Und zum anderen wird der Frage nachgegangen, welche fundamentalen Probleme bei der Umsetzung des ausgearbeiteten Bildungskonzepts auftreten können.
Inhaltsverzeichnis
1. Bildung und Möglichkeit
1.1 Begründung der Themenwahl
1.2 Vorgehensweise
2. Ermöglichung von Pädagogik als eigenständiger Wissenschaft
2.1 Systematik und Methodik der Pädagogik
2.2 Delegitimation der anthropologischen Begründung
2.3 Delegitimation der ethischen Begründung
2.4 Delegitimation der sozialisationstheoretischen Begründung
2.5 Grundzüge einer antithetischen Bildungskonzeption
2.6 Noologische Grundlegung: Die Transzendentalität des Denkens
3. Sozialisation: Die vermeintlich notwendige Wirklichkeit
3.1 Determination durchs Übliche: Soziale und historische A Priorität
3.1.1 Sozialisationslogik: Dialektik, Distinktion, Prädestination und Doxa
3.2 Der Zusammenhang zwischen Sozialisation und Bildung
4. Wege zur Ermöglichung von Bildung: Emanzipation und Partizipation
4.1 Emanzipation: Selbstkritisches Denken und Kontingenz
4.1.1 Skepsis und das Lernen verlernen
4.1.2 Möglichkeitsbedingungen der Wirklichkeitsauffassungen
4.1.3 Der pädagogische Umgang mit begrenzenden Auffassungsarten
4.2 Partizipation: Die gedankliche Vergangenheit als neue Zukunft
4.2.1 Erkennen und Ermessen als menschliche Grundvollzüge
4.2.2 Befähigungen durch gedankliche Teilhabe: Erdenken und Ermessen
4.2.2.1 Spezifizierung des Ermessensbegriffs
5. Konturen der erreichten Möglichkeiten: „Selbständigkeit im Denken“
5.1. Sechs Kennzeichen von Bildung
6. Rückblick: Theodor Ballauffs Bildungslehre als Möglichkeitstheorie
7. Apologetik: Warum überhaupt Bildung ermöglichen?
8. Ausblicke, Rezeptions- und Umsetzungsprobleme
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, Theodor Ballauffs Pädagogik als „Möglichkeitstheorie“ zu interpretieren und dabei den Zusammenhang von Bildung und Möglichkeit zu ergründen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie Pädagogik als eigenständige Wissenschaft begründet werden kann, welche Rolle das Denken als Möglichkeitsbedingung spielt und auf welchen Wegen Bildung als „Selbständigkeit im Denken“ durch Emanzipation und Partizipation ermöglicht werden kann, anstatt lediglich als Anpassung an vorgegebene Wirklichkeiten zu fungieren.
- Theoretische Begründung der Pädagogik als eigenständige Wissenschaft
- Kritische Auseinandersetzung mit anthropologischen, ethischen und sozialisationstheoretischen Legitimationen
- Bedeutung des Denkens (Transzendentalität) für die Bildungslehre
- Methodische Wege zur Bildungsanbahnung (Skepsis, Partizipation, Erdenken/Ermessen)
- „Selbständigkeit im Denken“ als zentrales Ziel und Resultat von Bildung
Auszug aus dem Buch
1. Bildung und Möglichkeit
Der Titel dieser Arbeit „Bildung und Möglichkeit“ kann Erwartungen wecken, als würde im Folgenden die Thematik von Bildung und Lebenschancen behandelt. Diese Annahme ist vielleicht eine Konsequenz der medialen Präsenz des Bildungsbegriffs, der heute im öffentlich-politischen Diskurs zumeist in funktional-ökonomischen Zusammenhängen Verwendung findet. Denn eng mit diesem Begriffsgebrauch ist der Sachverhalt verbunden, dass mittels Bildung Lebenschancen eröffnet werden, weil Bildung gemeinhin als notwendige Bedingung zum Eintritt ins Beschäftigungssystem angesehen wird, wovon wiederum die Möglichkeit eines finanziell eigenständigen Lebens, dessen Gestaltung und die Selbstverwirklichung des Einzelnen abhängt. Jedoch wird diese Thematik im Folgenden nicht zur Sprache kommen.
Der Bildungsbegriff ist „ein Begriff mit verschwommenen Rändern“ (Wittgenstein 1971, S. 50), der in verschiedenen Kontexten verwendet wird und je nach Zusammenhang eine andere Bedeutung erhält. Im öffentlich-politischen Diskurs wird unter dem Begriff „Bildung“ zumeist Ausbildung und Qualifikation verstanden. Damit ist aber ein Kontext angesprochen, der sich vom philosophisch-pädagogischen Themenfeld Bildung wesentlich unterscheidet. Mit dem Ausbildungsbegriff ist ein leistungsbezogenes und zweckgebundenes Anwendungsverhältnis auf ein bestimmtes Weltstück angesprochen. Bildung hingegen ist ein genuin pädagogischer Begriff, der vornehmlich das Moment der Reflexion, d.h. der sprachlich-kritischen Auseinandersetzung des Einzelnen mit sich und Welt insgesamt betont.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Bildung und Möglichkeit: Einleitung in die Thematik und Abgrenzung des Bildungsbegriffs vom funktionalen Ausbildungsbegriff unter dem Fokus der Reflexion.
2. Ermöglichung von Pädagogik als eigenständiger Wissenschaft: Analyse von Ballauffs Ansatz, Pädagogik unabhängig von anderen Wissenschaften durch das Denken als fundamentale Möglichkeitsbedingung zu legitimieren.
3. Sozialisation: Die vermeintlich notwendige Wirklichkeit: Auseinandersetzung mit der Sozialisation als Prozess der unbemerkten Subjektivierung, der kritisch durch Bildung hinterfragt werden muss.
4. Wege zur Ermöglichung von Bildung: Emanzipation und Partizipation: Darstellung der methodischen Wege, um durch Skepsis und Teilhabe am kulturellen Gedächtnis Bildung anzubahnen.
5. Konturen der erreichten Möglichkeiten: „Selbständigkeit im Denken“: Zusammenfassung der sechs Merkmale, die eine erreichte Selbständigkeit im Denken und eine antithetische Lebensführung kennzeichnen.
6. Rückblick: Theodor Ballauffs Bildungslehre als Möglichkeitstheorie: Systematischer Rückblick auf die dreifache Möglichkeitsrelation der Ballauffschen Bildungslehre.
7. Apologetik: Warum überhaupt Bildung ermöglichen?: Diskussion der Frage nach der Notwendigkeit von Bildung als „Selbständigkeit im Denken“ in der modernen Gesellschaft.
8. Ausblicke, Rezeptions- und Umsetzungsprobleme: Reflexion über die geringe Rezeption von Ballauffs Denken und die Voraussetzungen für eine Umsetzung in der pädagogischen Praxis.
Schlüsselwörter
Bildung, Möglichkeit, Theodor Ballauff, Pädagogik, Selbständigkeit im Denken, Emanzipation, Partizipation, Skepsis, Sozialisation, Doxa, Transzendentalität des Denkens, Erdenken, Ermessen, Sachlichkeit, Bildungslehre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit analysiert die Bildungslehre des Pädagogen Theodor Ballauff unter der Perspektive des Möglichkeitsbegriffs und entwickelt daraus eine alternative, philosophisch fundierte Konzeption von Pädagogik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der wissenschaftlichen Grundlegung der Pädagogik, der Kritik an herkömmlichen Sozialisationsmodellen sowie der Ausarbeitung von Wegen zur Förderung der „Selbständigkeit im Denken“.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Zusammenhang von Bildung und Möglichkeit bei Ballauff aufzuzeigen und zu begründen, warum Bildung nicht als Anpassung, sondern als skeptisch-kritische Emanzipation verstanden werden sollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die von Ballauff als „historische Empirie“ bezeichnete Methode: eine systematische Befragung der geistesgeschichtlichen Vergangenheit, um aktuelle pädagogische Probleme zu durchdenken und kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Delegitimation klassischer Begründungen der Pädagogik (Anthropologie, Ethik, Sozialisation), der noologischen Grundlegung durch das Denken sowie den didaktischen Wegen der Emanzipation und Partizipation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Bildung, Möglichkeit, Transzendentalität des Denkens, Selbständigkeit im Denken, Skepsis, Emanzipation, Partizipation und die Abgrenzung zur doxischen Sozialisation.
Warum lehnt Ballauff die ethische Begründung der Pädagogik ab?
Ballauff lehnt sie ab, weil eine solche Begründung die Pädagogik oft zur bloßen Handlangerin („Ancilla-Rolle“) von ethischen Normsystemen degradiert, die gedankliche Eigenständigkeit durch normative Vorgaben verunmöglicht.
Was bedeutet „Lernen verlernen“ im Kontext der Skepsis?
Es bezeichnet einen Bildungsprozess, in dem der Lernende die unkritische Übernahme von gelernten Meinungen und Strukturen aufbricht, um zu einem eigenständigen, prüfenden Denken zu gelangen.
Welche Rolle spielt der „Habitus“ nach Bourdieu in der Arbeit?
Der Habitusbegriff dient als exemplarische Illustration für eine durch Sozialisation geprägte Subjektivität, deren determinierende Wirkung pädagogisch durch Bildung als Distanznahme überwunden werden soll.
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- Mario Stenz (Author), 2009, Bildung und Möglichkeit , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151007