Lernen durch Spiegelneurone


Hausarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition
2.1 Aufbau der Spiegelneurone

3 Das Prinzip der Spiegelneuronen
3.1 Das Gehirn
3.1.1 Wahrnehmung
3.1.1.1 Intersubjektivität
3.1.1.2 Ontogenetische Entwicklung
3.1.1.2.1 Entwicklung des Spiegelneuronensystems
3.1.1.3 (Er)lernen von Identität
3.1.1.4 Der Mechanismus der SN
3.1.1.4.1 Der Sperrmechanismus
3.1.1.4.2 Zwei Feuermodi
3.1.1.4.3 Sinnbezogenheit
3.1.1.4.4 Einbettung der SN im neuronalen Kreislauf
3.1.1.5 Bedeutungsrelevanz für den Pädagogen

4 Lernen durch Spiegelneurone?
4.1 Definition von Lernen
4.2 Resonanzphänomenen in der menschlichen Ontogenese
4.2.1 Joint attention und (Aktions)-Verstehen
4.2.2 Imitation und soziales Lernen
4.3 Formen des Lernens durch SN

5 Bedeutung für die Schule

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich die neurobiologischen Eigenheiten des Menschen, insbesondere sein Spiegelneuronensystem, in Bezug zum Lernen setzen. Wie kann man aus dem wie der Mensch biologisch gemacht ist, eine entsprechende Didaktik formen? Wir werden uns mit dem Aufbau und dem Prinzip der Neuronen, als auch des menschlichen Gehirns beschäftigen, und uns dadurch immer weiter dem Lernbegriff nähern. Wir erfahren, wie es Informationen aufnimmt und verarbeitet. Wie lernt der Mensch durch seinen Körper? Welche Aspekte des Lernens kann man speziell festmachen?

2 Definition

Spiegelneurone wurden erst vor wenigen Jahren entdeckt (G. Rizolatti). Sie bilden ein verzweigtes Netz von Nervenzellen im Gehirn. Durch die Anwesenheit anderer Menschen bzw. deren Aktionen die wir se­hen, lösen diese Nervenzellen spiegelbildlich die Gefühle und Körperzustände des Gegenübers in uns aus. Damit bilden Spiegelneurone die neurobiologische Grundlage für intuitives Wissen und Mitfühlen. Des­halb ist auch Lachen dermaßen ansteckend, dass wir uns kaum dagegen „wehren“ können. Aber auch ne­gative Stimmungen werden gespiegelt.[1] Spiegelneurone[2] sind eine Art soziales Resonanzsystem, die durch Beobachten von Gestik und Mimik des Anderen (füttern, Boxkampf, gähnen) aktiviert werden. Auch Handlungen und Motive können antizipiert werden. Man hat diese Form der Neuronen zufällig 1996 bei Affenexperimenten entdeckt. Dabei wurde bei dem Affen der zuschaute, wie ein anderer Affe eine Erdnuss knackte, die gleichen Hirnareale aktiviert, er hat also die Handlung innerlich nachempfun­den. Die SN sind seit der Geburt angelegt, allerdings bilden sie sich erst zwischen dem 3. und 4. Lebens­jahr langsam aus. Unerlässlich für die weitere Ausbildung von SN sind soziale Interaktionen. Fehlt dies im weiteren Leben, können SN-Systeme verkümmern und damit auch das Empathische. Spiegelungen laufen unbewusst ab, also fern ab vom freien Willen. Allerdings kann eine spiegelungsbedingte Reaktion durch den Verstand unterdrückt werden, auch dies zieht eine Verringerung der Empathiefähigkeit nach sich.[3] Das Spiegeln beruht allerdings auf unseren je eigenen Erfahrungen, und muss nicht zwingend mit dem Beobachteten identisch sein. Unser Verstand hinterfragt diesbezüglich Verhaltensvorschläge der Spiegelzellen.[4] Bislang kennt man Spiegelzellen für Bewegung, Empathie und Audiovisuelles. Es wird unterschieden in Handlungs- und Bewegungsneuronen. Erstere sind intelligent, sie verfügen über einen Plan der gesamten Handlung, sie sind ca. 1 / 10 bis 2 / 10 einer Sekunde vor den Bewegungsneuronen aktiv. Zweitere kontrollieren die Muskelbewegungen und „gehorchen“ sozusagen den Handlungsneuronen.[5] Ich möchte nun genauer auf den Vorgang der Spiegelung eingehen. Wie funktioniert das Nachahmen genau? Dazu greife ich zuerst auf den Aufbau der SN, sowie auf die Funktionsweise des Gehirns zurück.

2.1 Aufbau der Spiegelneurone

Anders als andere Körperzellen, besitzen Nervenzellen, also Neurone, weit verzweigte Ästchen (Dendriten), an ihnen findet Informationsaustausch statt. Ein Nervenstrang, das sogenannte Axon, leitet dabei die Information weiter, wie z. B. an periphere Organe wie die Muskulatur. Die Information eines Neurons kann an unterschiedliche Nervenzellen im Gehirn weitergeleitet werden, wobei sich das Axon vielfach teilt (1.000-fach bis 20.000- fach im Großhirn und bis zu 250.000-fach im Kleinhirn). Dabei verbinden sich Nervenzellen selbstorganisiert zu neuronalen Schaltkreisen, die dann je nach Zugehörigkeit arbeiten (Sehen, Fühlen etc.). Um eine andere Zelle zu stimulieren, braucht es 0,5 – 1 ms.[6]

3 Funktionsweise der Spiegelneuronen

3.1 Das Gehirn

Der Organismus ist fortan aktiv, was grob bedeutet, dass wir unsere Nerven nicht ständig in Bewegung halten müssen. Das Gehirn sucht nach Informationen, gelangt nichts in es hinein, stützt es sich auf bereits vorhandene Informationen. Dazu Spitzer: „Gehirne sind dazu da, um Informationen aus der Umwelt auf­zusaugen“.[7] Deshalb besteht es auch aus ca. 100 Milliarden Neuronen.[8] Daraus ist für die Neurodidaktik zu folgern, dass Lernen an der Subjektivität der Kinder vorbei nicht möglich ist. Folglich sind verschiedene (auch haptisch/taktile ) Bildungsangebote stark zu fördern (streicheln, in den Arm nehmen, bei älteren Kindern: praktisch orientiertes Lernen wie Laborschulen etc.). Denn dadurch werden Selbstumarmung und andere körperbezogene Verhaltensweisen „gelernt“. Ist ein Antrieb aktiv, weiß das Kind, was das Verhaltensziel ist (Teleonomie). Wohl können wir Emotionen hervorrufen, nur können wir sie nicht machen. Wie man sich die Informationsaufnahme durch das Gehirn, also Lernen, vorzustellen hat, soll nun näher erklärt werden, dazu wenden wir uns zunächst der Wahrnehmung zu.[9]

3.1.1 Wahrnehmung

Unser Gehirn nimmt Informationen mit 10 000 000 000 bit/s aus der Umwelt auf, und reduziert diese bei Wiederabgabe auf 100 000 000 bit/s, damit es mit den Informationen effektiver/genauer arbeiten kann. 10 hoch 7 bit/s werden am Bewusstsein vorbeigeschleust. Es kann lediglich 100 bit/s verarbeiten. Informa­tionen von den subcorticalen und limbischen Bereichen benötigen 400 ms, damit sind sie schneller als der Verstand. Stellt sich nur die Frage, was überhaupt aussortiert wird. Dazu Nørretranders: „Bewusstsein ist das Ergebnis eines umfassenden Aussortierens von Informationen, und seine Genialität beruht nicht auf der Information, die es enthält, sondern auf der, die s nicht enthält.“[10] Der größte Teil unserer Denk-/Ent­scheidungsprozesse läuft also unbewusst ab.[11] Wir konstatieren, dass es von enormer didaktischer Qualität ist, was wir dem Kinde zum Lernen vorlegen. Diese Einsicht in erfahrungsbedingtes Lernen macht deut­lich, wie sehr der Unterricht dem Kinde dies auch verständlich machen, bzw. darauf ausgelegt sein sollte, denn jedes Subjekt konstruiert sich demgemäß seine eigene Wirklichkeit, jetzt wird auch klar, jeder lernt anders und auf seine Weise besser. Denn nicht jeder verfügt über den gleichen Verstehenshorizont (aufge­nommenes Wissen, biologische Grundlagen wie Anzahl von Synapsen im Gehirn etc., vgl. Herl. 1/2).

3.1.1.1 Intersubjektivität

Bezüglich der Spiegelneuronen lässt sich feststellen: Jedes Mal, wenn wir mit jemandem in Kontakt tre­ten, imitieren wir diesen intuitiv, darum können wir auch verstehen, was wir vom Anderen erwarten kön­nen, woraufhin wir unser Handeln koordinieren. Wir leben in einem intersubjektiven Bedeutungsraum, denn wir spiegeln uns ständig und überall. Wir generieren uns praktisch ein „Theory of mind“, eine Kopie vom Anderen, wenn man so will. Man versteht sich unter Zeichensprache, denn nonverbales Verständnis entsteht durch inneres Miterleben.[12] Wie genau dieser Vorgang zu verstehen ist, möchte ich im Folgenden untersuchen.

3.1.1.2 Ontogenetische Entwicklung

Von Geburt an sind die SN für soziale Kommunikation aktiviert. Dabei zeigt die Mutter spiegelndes Verhalten (Babytalk), sie kopiert praktisch das Kleinkind, vermengt es mit Eigenem und gibt es als Antwort zurück. Durch das intuitive Lernen einer dem Kinde zugewandten Liebe und Interaktion wird dem Kind der Grundstein für spätere eigene Spiegelungsfähigkeit gelegt, damit es seine SN kräftig ausbilden kann. Dies macht einen später harmonisch mit der Gesellschaft. Das Hormon Oxytocin (gebil­det u. a. im Hypothalamus) sorgt nach der Geburt für eine vertiefte Bindungsbereitschaft der Mutter zum Kind. Dieses Phänomen ist auch bei Erwachseneninteraktionen im Wert der Opioide zu messen. Es fördert Wohlbefinden und lindert Schmerzen. Nun wird auch deutlich, warum verweigerte Spiegelungen (z. B. Vereinsamung, Einzelkind etc.) zu Unlustreaktionen führen. Bei Kindern führt dies zu innerer Ab­wehr und die Spiegelsysteme erlahmen. Das macht der Körper, weil er erkennt, dass er sich in dieser Um­welt nicht weiterentwickeln kann. Auf das lernende Kind übertragen bedeutet solch ein Umstand, dass es die Fähigkeit verliert, mit anderen Menschen emotional in Kontakt zu treten.[13]

3.1.1.2.1 Entwicklung des Spiegelneuronensystems

Rizolatti erkannte, dass das Kind ab der Geburt eine Art soziale Identität besitzt. Im 3. Monat weiß der Säugling bereits, was er mit seinen Aktionen auslösen kann. Auch kann er schon die Aufmerksamkeit mit den Erwachsenen teilen. Ab dem 6. Monat können sie bereits Ablauf und Ziel von Bewegungen verin­nerlichen, d. h., sie können auch die Absichten anderer erkennen (rechtes Hirnareal). Im 9. sodann wissen sie, dass Dinge, die aus ihrem Blickfeld verschwinden, sprichwörtlich „nicht von der Welt sind“. Die Be­wegungsneurone sind aktiviert und sorgen für Objektkonstanz. Im Alter von 12-14 Monaten kann das Kind registrierte Absichten und Handlungen vorausahnen und auch verstehen. Die Welt wird eine Spiel­kiste aus Handlungsopportunitäten. In seinem Spiegelsystem werden zeitgleich auch Handlungsmuster des Selbst abgelegt (linkes Hirnareal). N. Jung konstatiert an dieser Stelle, dass für den Menschen das Feld realer Interaktion das für ihn genuine darstellt. Zwischen 12 und 18 Monaten bildet sich die Erkennt­nis zwischen dem Selbst und Anderen heraus. Es tritt die Ich-Identität hinzu. Hierzu lässt sich weiter an­führen, dass Jugend/Erwachsensein im Prinzip immer noch an der verlängerten Nabelschnur der Kindheit hängt, wenn man davon ausgeht, dass auch hier durch Rollenverhalten, Interaktion, Perspektivenverschie­bung etc. Identität konstruiert wird. Man darf davon ausgehen, dass Kleinkinder im Alter von 18 Monaten Handlungen gezielt beobachten und imitieren können (vermutlich schon vorher), das bedeutet zugleich, dass Erinnerungen emotionaler Art Einfluss auf sein späteres Leben haben. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass das Kind sich spiegelnd am Verhalten der Eltern orientiert. Ab dem 2./3. Lebensjahr kann das Kind selbst Emotionen zeigen/spiegeln (Einübung vor allem im Spiel).[14] Das Kind orientiert sich in Situationen an den Reaktionen der Eltern (Lachen, Wut, Ungeduld, Gleichgültigkeit, Aggressivität, Ängstlichkeit etc.). Für die päd. Praxis bedeutet dies, dass wir immer darauf zu achten haben, in welcher Gesellschaft unser Kind aufwächst und dass wir selbst unser Verhalten vernunftgemäß der Umgebung/dem Kinde anpassen, damit das Kind keine falschen oder falsch interpretierten Verhaltensweisen auf bestimmte Situationen übernimmt, sondern die der Vernunft gemäßen.

[...]


[1] Vgl. http://www.gesundheit.de/wissen/haetten-sie-es-gewusst/medizinische-begriffe/was-sind-spiegelneuronen, 13.5.2010, 17:57.

[2] Spiegelneurone = SN

[3] Vgl. http://www.sein.de/geist/weisheit/2010/spiegelneuronen-die-hardware-des-mitgefuehls.html, 13.5.2010, 18:12.

[4] Vgl. http://www.dr-mueck.de/Gehirn/Spiegelneurone.htm, 13.5.2010, 18:17.

[5] Vgl. http://wwwcms.hs-zigr.de/2_PDF/Aktuelles-und-Presse/Veranstaltungen/RV-2009_Teil2_Die_Entdeckung_der_Spiegelneurone.pdf, 13.5.2010, 1830.

[6] Vgl. Fischer, Bernd, Spiegelneurone 3-4.

[7] Spitzer, Manfred, zit. nach: Jung, N.,Vortrag Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie 2.

[8] Vgl. Zaboura, Nadia, Das empathische Gehirn 75.

[9] Jung, N., Vortrag Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie Berlin 2-3.

[10] Nørretranders, T., 1994, zit, nach: Jung, N., Vortrag Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie 4.

[11] Vgl. Jung, N., Vortrag Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie 4-5.

[12] Vgl. Jung, N., Vortrag Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie 7.

[13] Vgl. Jung, N., Vortrag Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie 7-8.

[14] Vgl. Jung, N., Vortrag Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie 8-9.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Lernen durch Spiegelneurone
Hochschule
Universität Osnabrück  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Neurodidaktik
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V151340
ISBN (eBook)
9783640628131
ISBN (Buch)
9783640628278
Dateigröße
1099 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lernen, Spiegelneurone
Arbeit zitieren
Manuel Berg (Autor), 2010, Lernen durch Spiegelneurone, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151340

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