Wandlungstendenzen der Familie und sozialpolitische Reaktionsmuster


Seminararbeit, 1998

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Pluralität der Familienformen
1.1 Bedeutungsverlust von Ehe und Familie
1.2 Veränderung der Lebens- und Familienzyklen
1.3 Auswirkungen der veränderten Familiengröße

2. Die Familie im Spannungsfeld von Wirtschaft, Politik und Bildungswesen
2.1 Staat kontra Familie
2.2 Wirtschaft kontra Familie
2.3 Bildungswesen kontra Familie

3. Zukunftsperspektiven
3.1 Politische Maßnahmen
3.2 Wirtschaftliche Maßnahmen

4. Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Pluralität der Familienformen

1.1 Bedeutungsverlust von Ehe und Familie

Ehe und Familie stellen sich heute als eine instabile Lebensform dar. Dieser Traditionsverlust geht einher mit einem Gewinn an individueller Freiheit. Der Familienbegriff ist nicht mehr reduziert auf die Kernfamilie (Vater-Mutter-Kind), sondern bietet eine Vielzahl von verschiedenen Möglichkeiten der Familienkonstellation. Veränderte Familienbildungsprozesse verlangen neue Rollenzusammensetzungen.

Eine Übersicht dieser Pluralität zeigt sich in folgendem Schaubild:[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Innerhalb eines Lebens kann von einer Familienform in die andere oder auch mehrfach gewechselt werden. Die folgende Textsequenz gib einen Überblick über z. T. verwirrenden Möglichkeiten von Familienkonstellationen:

„Da lebt der zwölfjährige Michael mit seiner Mutter, besucht am Wochenende indessen regelmäßig seinen Vater. Dessen neue Frau hat zwei Töchter mit in die Ehe gebracht, die jedes zweite Wochenende bei ihrem leiblichen Vater verbringen. Der wiederum wohnt bei seiner Freundin und deren Kind. Michaels Mutter hat einen Mann geheiratet, mit dem Michael nun schon fünf Jahre zusammenlebt. Er mag ihn ganz gern, wäre da nicht Nico, 14 Jahre, der Sohn von Mutters Mann aus erster Ehe, um den sich Michaels zweiter Vater immer kümmern muß, weil Nico mit seiner Mutter bei deren neuem Partner wohnt, der seinerseits zwei Kinder in die neue Beziehung eingebracht hat und sich mit Nico nicht versteht. Außerdem haben Michaels jetzige Eltern noch ein Mädchen bekommen, Michaels vierjährige Schwester Caroline.“[2]

In Deutschland wie in den meisten westlichen Ländern haben die nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit oder ohne Kinder stark zugenommen. In der alten BRD von 1972 lag die Zahl bei 137.000 und hat sich bis zum Jahr 1990 auf 963.000 erhöht. 1991 lebten in 19% aller nichtehelichen Lebensgemeinschaften Kinder. In gleichem Maße stieg die Anzahl der Ein-Eltern-Familien: Ihr Anteil innerhalb der Familienformen beträgt ebenfalls 19% (Statistisches Jahrbuch für die BRD 1993).[3]

Die nichteheliche Lebensgemeinschaft ist geprägt von einer partnerbezogenen emotionalen Beziehung, emotional-kindorientierte Partnerbeziehungen entwickeln als Ziel die Eheschließung. Durch zuverlässige Geburtenplanung und ein gestiegenes Bildungsniveau (materielle Unabhängigkeit) läßt sich ein nach oben verschobenes Heiratsalter von Frauen und eine abnehmende Bereitwilligkeit zur Eheschließung erkennen.[4]

Die Gesamtheit der Familienformen ist keine neue Erscheinung, sondern hatte schon in vorindustrieller Zeit Bestand. Die verschiedenen Familienkonstellationen waren dort z. T. eingebettet in große Haushaltsfamilien und vorwiegend in den unteren Schichten zu finden, sie entstanden unter anderem durch Verwitwung und Nicht-Ehelichkeit. Elternfamilien, die nicht durch Eheschließung verbunden waren, nahmen zu dieser Zeit einen größeren Raum ein als heute.[5]

In der Gesamtheit aller Familien-Kombinationsmöglichkeiten bildet heute die Elternfamilie mit formaler Eheschließung mit 83% noch immer die dominante Lebensform (Statistisches Jahrbuch 1993).

Die Scheidungsquote ist in kinderreichen Familien am niedrigsten. Relativ viele Eltern werden in der nachelterlichen Phase, wenn Kinder älter sind als 18 Jahre, geschieden.[6]

1.2 Veränderung der Lebens- und Familienzyklen

Durch Verlängerung des Lebensalters und Reduktion der Kinderzahl verändern sich individuelle Lebensläufe. Die Familienphase verkürzt sich auf 1/4 der gesamten Lebenszeit. Dies hat zur Folge, daß von allen bestehenden Haushalten in der BRD der Anteil der Familienhaushalte nur noch bei 1/3 liegt.[7]

1.3 Auswirkungen der veränderten Familiengröße

In Deutschland leben die Mehrzahl aller Kinder in Ein- bis Zwei-Kind-Familien, kinderreiche Familien sind in der Minderheit. Durch die Reduktion der Kinderzahl ergeben sich neue Sozialisationsbedingungen für das einzelne Kind. Durch veränderte Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft, in der Besitz einen großen Stellenwert einnimmt, steht der Kinderwunsch in Konkurrenz zu alternativen Lebenszielen. Eltern sind konsumorientierter und empfinden Kinder zum Teil als ökonomische Belastung (Wingen 1982: 116) (Schumacher-Vollmer 1982: 295).[8] Ebenso zeigt sich ein Funktionswandel von Kindern innerhalb der Familienkonstellation. In Zeiten niedriger Industrialisierung dienen Kinder als Alters- und Krankenversicherung der Eltern, sie übernehmen andere Aufgaben in Haushalt und Familie.

In Gesellschaften mit höherer Industrialisierung treten andere Werte in den Vordergrund: Kinder befriedigen emotionale Bedürfnisse ihrer Eltern. In Familien werden immer weniger Kinder in verändertem Elternbewußtsein erzogen. Durch modernisierte Haushaltsführung ergibt sich mehr Zeit für die Wahrnehmung von Erziehungsaufgaben, daraus entwickelten sich höhere Erwartungen an die Elternrolle. Eltern übernehmen wegen fehlender Geschwisterkinder eine zusätzliche Funktion ihren Kindern gegenüber. Der Stellenwert der Kinder verändert sich unter diesen neuen Voraussetzungen: Kindern und ihrer Entwicklung wird heute mehr und andere Aufmerksamkeit geschenkt als je zuvor. Für die Sozialisation der Kinder bedeutet dies unter anderem eine Isolierung von gleichaltrigen Spielgefährten (z. B. in nachbarschaftlichen Spielgruppen). Um dem entgegenzuwirken werden Kinder heute schon früh in Krabbel- und Kinderkreise gebracht, später ihre Freizeit mit den verschiedensten Aktivitäten verplant (Tanz-, Musik-, Malkurse u. ä.). Kinder entwickeln in diesen familienfremden Gruppen ein anderes Sozialverhalten als mit Geschwistern innerhalb einer Familie. Ganzheitliche familiäre Erfahrungen können innerhalb dieser gezielt ausgewählten Gruppen nicht gemacht werden.[9]

2. Die Familie im Spannungsfeld von Wirtschaft, Politik und Bildungswesen

Die in der heutigen Zeit feststellbaren Veränderungen hinsichtlich der Gesellschaftsstruktur sind nahezu unumstritten. Darüber jedoch, welche Institutionen oder Wandlungen dafür Verantwortung zu tragen haben, gehen die Meinungen auseinander.

Noch im 19. Jahrhundert sehen sich lediglich die Männer den unterschiedlichen und schwierigen Anforderungen von Politik, Wirtschaft und Familie ausgesetzt, während die Frauen den Sinn ihres Lebens als Hausfrauen in der Familie finden sollen und mit dieser Lösung zunächst recht zufrieden sind.[10] Durch die im Laufe des 20. Jahrhunderts stattfindenden Veränderungen im Zuge der Emanzipation der Frauen hinsichtlich wirtschaftlicher Umstrukturierung und der gleichzeitig unzugänglichen Reformen im Bereich finanzpolitischer Arbeit, ist der heutige Konflikt in der Familienpolitik recht deutlich zu machen.

[...]


[1] Nave-Herz, Rosemarie: Familie heute: Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, Primus

Verlag: Darmstadt 1997, S. 7

[2] Jabs, Edwin (Pfarrer Dipl. Psych.): Dokumentation der Festveranstaltung anläßlich des 30jährigen Bestehens

der Familienberatungsstelle Wetzlar, Hrsg.: Beratungsstelle für Familien-, Ehe- und Lebensfragen e. V., Wetz

lar 1998, S. 21

[3] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: a.a.O., S.8

[4] Vgl. ebenda, S. 9f

[5] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie: a.a.O., S. 12

[6] Vgl. ebenda, S. 14f

[7] Vgl. ebenda, S. 15f

[8] Vgl. ebenda, S. 21

[9] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie, S. 22ff

[10] Vgl. Kaufmann, Franz-Xaver: Modernisierungsschübe, Familie und Sozialstaat, Hrsg: Geschichtliche und

gesellschaftliche Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt, Band 12, R. Oldenburg Verlag: München

1995, S. 9

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Wandlungstendenzen der Familie und sozialpolitische Reaktionsmuster
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Fachbereich Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Einführungsseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
21
Katalognummer
V1514
ISBN (eBook)
9783638109413
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandlungstendenzen, Familie, Reaktionsmuster, Einführungsseminar
Arbeit zitieren
Gerlinde Weinzierl (Autor), 1998, Wandlungstendenzen der Familie und sozialpolitische Reaktionsmuster, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1514

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