Wenn Menschen als leibliche Wesen ins Dasein gelangen, treten sie unvermeidlich und ohne vorherige Zustimmungsmöglichkeit in schon bestehende Sprachgemeinschaften und damit in größere, übergreifende Sinnzusammenhänge ein, die im Laufe der Zeit ihr Bewusstsein und damit das Verhältnis der Menschen zu sich, den Mitmenschen und der Welt prägen. Alles „In-der-Welt-sein“ (Heidegger) heißt daher auch immer "In-der-Gesellschaft-sein" (Berger/Luckmann), da das „soziale A priori“ die Entwürfe für die primäre Welt- und Selbstinterpretation bereitstellen.
In der vorliegenden Arbeit werden zwei solcher Konstruktions-Konzepte behandelt, die vermehrt die gesellschaftliche Präformierung der menschlichen Weltauslegung in den Vordergrund rücken. Dazu wird zum einen die Idee des Konstruktivismus bei Berger/Luckmann untersucht, deren bahnbrechendes Werk „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ eine Alltagswende in der Wissenssoziologie hervorrief und die dynamische Dialektik von Gesellschaft und Mensch und deren Wirklichkeitserfassung analysiert. Ferner werden vornehmlich zwei Werke des französischen Philosophen und Pioniers der Postmodernendebatte Jean-Francois Lyotard wissenssoziologisch interpretiert und dessen Idee von der Konstruktivität von Welt herausgearbeitet. Dabei werden besonders auf das „Ende der großen Erzählungen“ und die sich daraus ergebenden, sozialen Konsequenzen und die damit verbundenen Hoffnungen eingegangen.
In Gesamtzusammenhang beider Ansätze werden u. a. Bereiche wie Anthropologie, Sozialisation, Individualität, Wissen, Macht und die Bedeutung der Sprache für die Weltsicht thematisiert.
In einem letzten, abschließenden Schritt werden beide Konzeptionen auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hin befragt.
Gliederung
Einleitung
1. Ein Gedankenexperiment als Themeneinführung
1.2 Wissenschaftliche Vorgehensweise
Hauptteil:
2. Die Idee des Konstruktivismus bei Berger/ Luckmann
2.1 Anthropologische Prämissen
2.1.1 Die Voraussetzungen des Wirklichkeitsbezugs der Alltagswelt
2.1.2 Bedeutung der Sprache für den Entwurf von Wirklichkeit
2.2 Externalisierung: Wie der Mensch sich seine gesellschaftliche Welt entwirft
2.2.1 Ablagerung von Wissen und Weitergabe des Gewussten
2.2.2 Die Legitimation der Teile und des Ganzen
2.3 Objektivierung: Gesellschaft als objektiv(iert)e Wirklichkeit
2.4 Internalisierung: Wie der Mensch von der Gesellschaft entworfen wird
2.4.1 Primäre Sozialisation
2.4.2 Sekundäre Sozialisation und der Riss in der Wirklichkeitsauffassung
2.5 Die dynamische Dialektik der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit
2.6 Die Grenzen der Konstruierbarkeit
3. Die Idee des Konstruktivismus bei Francois Lyotard
3.1 Einige Gedanken über anthropologische Voraussetzungen
3.2 Vom Ende der Erzählungen: Lyotard als skeptischer Sozialkonstruktivist
3.2.1 Historische Belege für den Niedergang der großen Erzählungen
3.2.2 Der offene Wirklichkeitsbezug und die Folgerungen
3.3 Die sozialen Konsequenzen
3.3.1 Die postmoderne Perspektive auf die Gesellschaft
3.3.2 Die Atomarisierung der Gesellschaft
3.3.3 Die hervorgehobene Stellung des Individuums im sozialen Geflecht
3.3.4 Die Entgrenzung der Institutionen
3.4 Wider den Messbarkeits- und Effizienzzwang
3.5 Die Hoffnungen nach dem Ende der großen Erzählungen
Schluss:
4. Markante Unterschiede in den Konstruktionskonzepten bei B/L und Lyotard
4.1 Zurück zum Anfang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die unterschiedlichen Konzepte der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit bei Peter Berger/Thomas Luckmann und Jean-Francois Lyotard zu vergleichen und deren soziologische Relevanz sowie die Grenzen der Konstruierbarkeit zu analysieren.
- Sozialkonstruktivismus nach Berger und Luckmann
- Die Rolle von Sprache und Institutionen bei der Weltkonstitution
- Die postmoderne Sichtweise von Lyotard und der Zerfall der großen Erzählungen
- Kritik am Effizienzzwang und die Vision einer pluralistischen Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
1. Ein Gedankenexperiment als Themeneinführung
Man stelle sich vier Personen vor: Einen selbsternannten neoliberalen Jungunternehmer, einen Philosophiestudenten, der sich als überzeugten Existenzialisten ausgibt, einen vierzig Stunden in der Woche Routinedienstleistung erbringenden Lagerarbeiter, der sich selbst als „normalen Menschen“ bezeichnet und einen eingefleischten Postmodernisten. Und man stelle sich ferner vor, dass man diesen zeitgenössischen Personen die Aufgabe erteilt, getrennt voneinander, aber zum gleichen Zeitpunkt, für die gleiche Dauer durch die Einkaufspassage einer bestimmten Stadt zu gehen und nach Beendigung dieses experimentellen Spaziergangs die gewonnenen Eindrücke und Erlebnisse, äußere wie auch innere Begebenheiten, ex post zu beschreiben - was wäre wohl das Ergebnis dieser kleinen qualitativen Forschungsstudie? Mit hoher Wahrscheinlichkeit wären vier inhaltlich und stilistisch völlig von einander verschiedene narrative Weltentwürfe das Resultat dieses kleinen Experiments.
So würde ersterer zum Beispiel vornehmlich die Kaufhäuser mit den leuchtenden Firmenlogos im Blick haben, welche ihm Indizien für Leistungsbereitschaft, Effizienz und den Erfolg des Unternehmertums sind, die durch ihre Risikobereitschaft Güter und Waren anbieten, die die Lebensqualität der Konsumenten anheben. Vermutlich würde die offenkundige Reserviertheit der Passanten in seinen Augen die These des homo economicus bestätigen, in dem er feststellt, dass jeder mit sich beschäftigt ist, mit seinem ganz persönlichen Glück und so auf dem Wege einer sozialisierten Egozentrik an jeden gedacht ist. Vielleicht würde er auch schildern, dass ihm beim Anblick eines mit Nadelstreifenanzug gekleidetem Herren ein wohlmeinendes Lächeln übers Gesicht gehuscht sei, weil er vermutete einem Gleichgesinnten begegnet zu sein, wohingegen der verwahrloste Obdachlose, der auf dem Asphalt kniend um ein Almosen bettelt, in ihm Verachtung erregt, da er das Humankapital in sich und damit den potentiellen Nutzen zum Wohl der Gesellschaft ungenutzt lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
2. Die Idee des Konstruktivismus bei Berger/ Luckmann: Die Autoren begründen, wie Menschen durch Sprache und Institutionalisierung eine stabile, soziale Wirklichkeit erschaffen, die als objektiv wahrgenommen wird. Dieser Prozess wird als dialektisch zwischen Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung beschrieben.
3. Die Idee des Konstruktivismus bei Francois Lyotard: Lyotard analysiert den Niedergang der großen Erzählungen und die daraus resultierende Fragmentierung der Gesellschaft in diskursive Sprachspiele. Er betont die Notwendigkeit von Pluralität und die kritische Distanz zur totalitären Welterklärung.
4. Markante Unterschiede in den Konstruktionskonzepten bei B/L und Lyotard: Diese Gegenüberstellung verdeutlicht, dass Berger/Luckmann einen stärkeren Fokus auf die stabile, sozial vermittelte Ordnung legen, während Lyotard die politische und appellative Befreiung des Subjekts durch den Zusammenbruch totalitärer Narrative in den Vordergrund rückt.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Sozialkonstruktivismus, Wissenssoziologie, Berger, Luckmann, Lyotard, Postmoderne, Metaerzählungen, Sprache, Wirklichkeitskonstruktion, Identität, Institutionen, Sprachspiel, Pluralität, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion und wie verschiedene theoretische Ansätze – konkret der Sozialkonstruktivismus von Berger/Luckmann und die postmoderne Philosophie von Lyotard – erklären, wie Menschen ihre soziale Welt entwerfen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rolle der Sprache, die Bedeutung von Institutionen, der Prozess der Sozialisation, der Niedergang der großen Erzählungen der Moderne und die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf das Individuum.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Konzepte beider Theorieansätze aufzuzeigen, diese kritisch zu vergleichen und ihre Bedeutung für unser Verständnis von Realität und Freiheit in einer pluralistischen Gesellschaft zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und dem Vergleich zweier soziologisch/philosophischer Paradigmen (Berger/Luckmann vs. Lyotard) zur Konstruktion von Wirklichkeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert den Sozialkonstruktivismus von Berger/Luckmann und kontrastiert diesen mit Lyotards postmodernem Ansatz, insbesondere im Hinblick auf den "Widerstreit" und die Fragmentierung gesellschaftlicher Diskurse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Konstruktivismus, Wissenssoziologie, Postmoderne, Sozialisation, Metaerzählungen, Sprachspiel und individuelle Weltentwürfe.
Wie unterscheiden sich Berger/Luckmann und Lyotard in ihrer Auffassung von Wirklichkeit?
Berger und Luckmann betonen die dialektische Stabilität und die Notwendigkeit von Sinnwelten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, während Lyotard die Destabilisierung dieser totalitären Sinnwelten als Chance für ein Mehr an Freiheit und Diversität begrüßt.
Was meint Lyotard mit der "Atomarisierung der Gesellschaft"?
Damit beschreibt er das Verschwinden übergeordneter gemeinsamer Legitimationssysteme, durch die der Einzelne zunehmend auf sich selbst zurückgeworfen wird, aber gleichzeitig zum aktiven Experimentator seiner eigenen "kleinen Erzählungen" werden kann.
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- Dipl. - Päd. Mario Stenz (Author), 2005, Wirklichkeit und Gesellschaft: Die Idee des Konstruktivismus bei Berger/Luckmann und J.-F. Lyotard, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151736