Wissenschaftliche Ausarbeitung zur eigenen Lektüreautobiografie


Hausarbeit, 2009

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Vorstellung der verwendeten Studien
2.1. Kurzvorstellung der Studie von Werner Graf
2.2. Kurzvorstellung der Studie von Bettina Hurrelmann

3. Familiärer Hintergrund und soziologische Einordnung der Familie

4. Phasen der literarischen Sozialisation
4.1. Vorschulalter und die primäre literarische Initiation
4.2. Alphabetisierung und erste eigene Kinderlektüre
4.3. Lesen in der Pubertät und in der Adoleszenz
4.4. Leseverhalten im Erwachsenenalter

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Wir leben in einer Gesellschaft, die durch eine sehr große Medienvielfalt geprägt ist. Das Buch zählt dabei zu den wichtigsten Medien und ist im privaten als auch im beruflichen Alltag fest integriert. Es ist daher unumstritten, dass die Kompetenz Bücher zu lesen eine wichtige Rolle im Privat- und Berufsleben einnimmt.[1]

Im Rahmen meines Studiums für das Lehramt an berufsbildenden Schulen habe ich die Vorlesung „Einführung in die literarische und Lesesozialisationsforschung“, sowie das begleitende Tutorium besucht. Beide Veranstaltungen beschäftigten sich mit der Frage, wie aus Kindern und Jugendlichen Leserinnen und Leser werden.

Im Hinblick auf meinen zukünftigen Beruf als Deutschlehrer, ist es von großer Bedeutung mich mit meiner eigenen Lesegeschichte auseinander zu setzen. Es ermöglicht mir ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche Weichen für eine erfolgreiche Lesekarriere gestellt werden müssen. Mit dem Wissen über die Abläufe der Lesesozialisation, wird es mir im Berufsleben möglich sein, mich besser in meine Schüler hineinzuversetzen, um sie entsprechend fördern zu können.

In der folgenden wissenschaftlichen Ausarbeitung beschäftige ich mich mit dem Verlauf meiner persönlichen Lesesozialisation. Obwohl es sich um meine eigene Leseautobiografie handelt, werde ich die Analyse in der 3. Person schreiben. Ich glaube so eine größere Distanz zu meiner eigenen Lesegeschichte schaffen zu können.

In meiner Arbeit werde ich mich vorrangig auf die Studien von Werner Graf und Bettina Hurrelmann et al. beziehen. Dabei gehe ich davon aus, dass Torben nach Werner Grafs Studie der Kategorie der „Nicht- bzw. Wenigleser“ zuzuordnen ist. Desweiteren ordne ich ihn nach Bettina Hurrelmann et al. als „unerwarteten Wenig-Leser“ ein. Diese These soll in der folgenden Arbeit anhand der oben angeführten Theorien überprüft werden.

Zunächst möchte ich die beiden verwendeten Studien vorstellen. Daraufhin werde ich den familiären Hintergrund genauer betrachten und die Familie sozialogisch einordnen. Im Anschluss werde ich die Lektüreautobiografie Torbens analysieren. Seine Lesegeschichte werde ich dabei in vier Abschnitte unterteilen, beginnend mit der Vorschulzeit und endend mit seinem heutigen Leseverhalten.

2. Vorstellung der verwendeten Studien

2.1. Kurzvorstellung der Studie von Werner Graf

In der Studie „Fiktionales Lesen und Lebensgeschichte – Lektüreautobiographien der Fernsehgeneration“ untersucht Werner Graf, ob und wie Menschen im Medienzeitalter zu Lesern werden. Graf geht davon aus, dass die Lesesozialisation aus den Phasen Vorschulzeit, Grundschulzeit, Pubertät, Adoleszenz sowie Erwachsenenalter besteht.

In der Vorschulzeit kommt es zunächst zur „primären literarischen Initiation“. Angeregt vom Vorlesen und dem Beobachten von Familienmitgliedern beim Lesen, wird das Interesse des Kindes an Büchern geweckt.

In der Grundschulzeit bedarf das Kind nach dem Schriftspracherwerb keiner Anregung mehr von außen, denn es kann sich aufgrund der Freude beim Lesen selbst motivieren.

Mit Beginn der Pubertät kommt es daraufhin zu einer „Lesekrise“, in der der kindliche Lesestoff seine Attraktivität verliert und das Lesen aufgrund mangelnder Motivation unterbrochen wird. Am Ende dieser Phase entstehen drei verschiedene Lesetypen. Zum einen der „Nicht- bzw. Wenigleser“, der seine Lesekarriere abbricht, weil ihm der Übergang zum befriedigenden Lesen nicht gelingt. Zum anderen bilden sich der, meist männliche, „Sach- und Fachbuchleser“ heraus, der die fiktionale Lektüre nicht fortsetzt, sowie der „Belletristik-Leser“, der die fiktionale Lektüre fortsetzt und überwiegend dem weiblichen Geschlecht angehört.[2]

2.2. Kurzvorstellung der Studie von Bettina Hurrelmann

In der Studie „Leseklima in der Familie“ untersucht Bettina Hurrelmann in Zusammenarbeit mit Michael Hammer und Ferdinand Nieß, welchen Beitrag die Familie zur erfolgreichen Lesesozialisation ihrer Kinder leistet.

Die Studie belegt, dass das Leseverhalten der Kinder in engem Zusammenhang mit dem Bildungsniveau der Eltern steht. Darüber hinaus können fünf verschiedene Mediennutzungsmuster unterschieden werden: Die „Intensivnutzer vieler Medien“, die „Intensivnutzer von Büchern“, die „Intensivnutzer von Computermedien“, die „durchschnittlichen Mediennutzer“ sowie die „Intensivnutzer weniger Medien“.

Aus der Studie ergibt sich, dass die Familie den größten Einfluss auf die Leseentwicklung von Kindern hat. Die Lesefreude und Lesefrequenz der Kinder hängt dabei zum Großteil von der Lesebereitschaft der Eltern, insbesondere von der der Mutter, ab. Sofern die Lesetätigkeit kommunikativ in den Familienalltag eingebunden ist, kann dies besonders zum eigenen Lesen motivieren. Neben der Familie ist die Schule eine wichtige Instanz zur Leseförderung. Aber auch das Geschlecht beeinflusst das Leseverhalten von Kindern. Insgesamt ergeben sich aus den Ergebnissen der Studie vier verschiedene Typisierungen von Leseverhalten, denen die Kinder zugeordnet werden können. Hurrelmann nennt diese „erwarteten Leser“, „erwarteten Wenig-Leser“, „unerwarteten Leser“ und „unerwarteten Wenig-Leser“. Auf die Kriterien des Letzeren werde ich in der folgenden Analyse noch genauer eingehen.[3]

3. Familiärer Hintergrund und soziologische Einordnung der Familie

Torben wurde 1985 als ältester Sohn der Familie geboren. Zwei Jahre später kam sein Bruder zur Welt. Seine Eltern schlossen nach ihrem Realschulabschluss eine kaufmännische Ausbildung ab. Torbens Vater arbeitete, bis zu seinem Tod im Jahr 2006, als Verwaltungsangestellter. Die Mutter von Torben wurde nach seiner Geburt Hausfrau. Aus den Angaben zum monatlichen Einkommen des Elternfragebogens ergibt sich, dass Torben aus einer Mittelschichtfamilie stammt.

Im Elternfragebogen gibt die Mutter an, dass die Familie über einen sehr hohen Medienbesitz verfügt. Torben besitzt im Alter von 10 Jahren bereits einen eigenen Fernseher, Radio, Kassettenrekorder, Walkman, CD-Player sowie eine Stereoanlage. Neben zahlreichen elektronischen Medien besitzt die Familie auch eine große Anzahl an Printmedien. Im Haushalt gibt es sowohl eine Tageszeitung als auch Illustrierte, eine Fernsehzeitschrift und sonstige Zeitschriften. Den Buchbesitz der Familie schätzt die Mutter auf 55 Stück. Torben selbst besitzt im Alter von 10 Jahren erst 15 eigene Bücher. Vergleicht man diese Zahlen mit denen aus der Hurrelmann Studie lässt sich feststellen, dass der Buchbesitz deutlich unter dem Durchschnitt von 250 Büchern liegt.[4]

Nach Angaben der Mutter werden die meisten Printmedien täglich genutzt. Ebenfalls werden Fernsehapparat, Radio sowie Computer täglich gebraucht. In dem Fragebogen wird deutlich, dass der Vater hauptsächlich die Tageszeitung oder Zeitschriften liest. Den Fernseher nutzt er jedoch deutlich länger als die Printmedien. Die Mutter hingegen verbringt fast täglich eine Stunde mehr mit dem Lesen, als mit dem Fernseher.

Die hohe Anzahl an verschiedenen Zeitschriften als auch die große Vielfalt an elektronischen Medien, lässt darauf schließen, dass die Familie trotz eines geringen Buchbestandes sehr medienbezogen lebt. Aus diesem Grunde kann Torbens Familie der Gruppe der „Intensivnutzer vieler Medien“ zugeordnet werden.[5]

Betrachtet man das Mediennutzungsmuster der Familie, deutet dieses daraufhin, dass Torben sich zu einem Leser entwickeln wird. Hurrelmann stellt fest, dass die Kinder von Eltern, die eine breite Medienpalette intensiv nutzen, gerne lesen.[6] Weiterhin belegt die Studie jedoch auch, dass sich nicht alle „Medienkinder“ zu Bücherlesern entwickeln.[7] Für die Leseentwicklung spielen neben dem Mediennutzungsmuster noch andere Faktoren eine wichtige Rolle, wie beispielsweise das Muster der Familieninteraktion und –kommunikation. Graf schreibt hierzu in seinem Aufsatz „Fiktionales Lesen und Lebensgeschichte“:

„Bestimmend für die frühe literarische Förderung des Kindes ist das Verhalten der Eltern.[…] Auch repräsentative Erhebungen zeigen, dass für einen buchorientierten Beginn der literarischen Sozialisation besonders das Leseklima in der Familie wichtig ist […].“[8]

Torbens Mutter ist eine begeisterte Leserin, die an einem Wochentag etwa 170 Minuten, an einem Wochenendtag 150 Minuten liest. Hurrelmann bezeichnet die Mutter als „das bedeutendste Lesevorbild“ und schreibt ihrer Lesehäufigkeit und –dauer eine entscheidende Bedeutung für die Lesesozialisation ihrer Kinder zu.[9] Die Mutter gibt im Fragebogen an, dass sie fast ausschließlich liest, wenn sie tagsüber alleine ist. Situationen, in denen alle Familienmitglieder gemeinschaftlich zusammen sitzen und jeder für sich liest, kommen in der Familie von Torben nie vor. Daraus ist zu folgern, dass das Lesen für die Mutter Privatsache ist. Demzufolge hat Torben seine Mutter nur relativ selten beim Lesen beobachten können. Die Beobachtung der Erwachsenen, speziell der Mutter, beim Lesen ist jedoch für die Leseentwicklung von Kindern sehr wichtig. Laut Graf nimmt das Kind bereits bevor es selbst lesen kann das Lesen als mögliche spätere Tätigkeit war, sofern „im Wahrnehmungsraum des Kindes gelesen wird“.[10] Auch Hurrelmann beschreibt diesen Umstand: „Kinder erfahren durch Beobachtung und Koordinierung, welchen Wert das Buch für Leser hat.“[11] Ihre Studie belegt darüber hinaus, dass eine fehlende Integration des Lesens in das Tagesgeschehen besonders häufig in Familien von „unerwarteten Wenig-Leser“ zu beobachten ist.[12]

Das Leseklima der Familie Schneider ist außerdem durch eine fehlende Kommunikation über das Gelesene getrübt. Eine derartige „Störanfälligkeit der Kommunikation über Bücher“ ist ebenfalls überwiegend in Familien zu finden, in denen sich die Kinder zu „unerwarteten Wenig-Lesern“ entwickeln.[13] Laut den Angaben der Mutter im Fragebogen, gibt es außerdem keine gemeinsamen Buchinteressen. Dennoch kommt es vor, dass die Mutter gelegentlich die Bücher ihrer Kinder liest, jedoch liest sie diese nur selten zu ihrem eigenen Vergnügen. Diese soziale Einbindung des Lesens ist allerdings für die Entwicklung zum Leser überaus wichtig. Hurrelmann stellt in ihrer Studie fest, dass gerade diejenigen Kinder am stärksten gefördert werden, die in ihren Familien gemeinsame Lesesituationen erleben, gemeinsame Buchinteressen entwickeln, sowie erfahren, dass man sich über Bücher auch gesprächsweise austauschen kann.[14] Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben wird dem Kind damit signalisiert, „ dass das Lesen dem Rückzug und der Abgrenzung von anderen Familienmitgliedern dient“.[15] Torben wurde dadurch von den Leseerfahrungen der Mutter ausgeschlossen. Er hat nie gelernt, dass das Lesen dem Leser Gratifikation bietet, sodass er kaum etwas Positives mit dem Lesen in Verbindung bringt. Hurrelmann beschreibt diesen Sachverhalt als weiteres Kennzeichen der Gruppe der „unerwarteten Wenig-Leser“.[16]

Der Vater ist kein Leser. Er liest lediglich 30 Minuten Zeitung am Tag, um sich über die aktuellen Ereignisse zu informieren. Für das Leseverhalten von Torben ist das Lesen des Vaters daher irrelevant. Die Studie von Bettina Hurrelmann belegt, dass die Wirkung des Lesevorbildes spezifisch an das Medium Buch gebunden ist.[17] Darüber hinaus geht aus der Leseautobiografie von Torben und dem Elternfragebogen hervor, dass der Vater sich konsequent aus der Lesesozialisation von Torben heraushält und daher auch in keiner Phase erwähnt wird. Diese Tatsache kann ebenfalls ein Grund dafür sein, dass Torben zu einem „Nicht- bzw. Wenigleser“ wurde, denn Kinder die nur von einem Elternteil gefördert werden, haben erwartungsgemäß geringere Chancen für eine erfolgsreiche Leseentwicklung.[18]

Den Angaben des Elternfragebogens ist zu entnehmen, dass die Eltern mit Torben fast ausschließlich über die Schule sprechen. Eine Kommunikation über Gefühle und Persönliches findet kaum statt. Diese Art der eingeschränkten Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern beschreibt Hurrelmann als „rigide und interaktionsarm“[19]. In einem solchen emotionalen distanzierten Familienklima werden die Kinder häufig zu „unerwarteten Wenig-Lesern“, denn insbesondere Gespräche über situationsabstrakte Themen haben einen lesefördernden Effekt.[20] Diese Tatsache ist ein weiterer Grund dafür, dass Torben später nur wenig liest. Darüber hinaus wurde von Hurrelmann et al. festgestellt, dass diese Kinder häufig überdurchschnittlich viel fernsehen. In diesem Zusammenhang unterscheidet sich Torbens Verhalten von der Stichprobe. Er nutzt den Fernseher an einem Werktag nur etwa 60 Minuten, an einem Wochenendtag durchschnittlich 90 Minuten. Mit dieser Nutzungsfrequenz liegt Torben sogar unter dem Durchschnitt der Stichprobe.[21] Folglich widmet sich Torben entgegen der Studie nicht dem Fernseher, sondern anderen Freizeitbeschäftigungen.

Die Freizeit verbringt die Familie häufig mit gemeinsamen Fernsehabenden. Als gemeinsame Fernsehinteressen werden Sportsendungen sowie Unterhaltungs-, Quiz- und Musikshows angegeben. Gemeinsame Kinobesuche, Ausflüge oder andere Unterhaltungsaktivitäten kommen jedoch nur selten vor. Auch der Kontakt zu Freunden und Bekannten ist sehr gering. Dass Familien nur wenig Zeit für gemeinsame Unternehmungen und Sozialkontakte aufbringen, ist nach Hurrelmann ein weiteres Kennzeichen einer „rigiden und interaktionsarmen“ Struktur innerhalb der Familie.[22]

Es hat sich gezeigt, dass nicht nur die intensive Nutzung vieler Medien und tägliches Lesen in der Familie allein dazu führen, dass sich das Kind zu einem Leser entwickelt. Aufgrund einer rigiden und interaktionsarmen Familienstruktur kommt es nicht selten zu „unerwarteten Wenig-Lesern“.

4. Phasen der literarischen Sozialisation

4.1. Vorschulalter und die primäre literarische Initiation

Torben schreibt in seiner Leseautobiografie, dass ihm und seinem Bruder fast täglich abends von seiner Mutter vorgelesen wird. Aus dem Interview mit seiner Mutter geht hervor, dass sie Torben ab etwa 2 ½ Jahren regelmäßig vor dem Schlafengehen vorliest.

Wie bereits in der Vorstellung der Studie „Fiktionales Lesen und Lebensgeschichte“ von Werner Graf erwähnt, geht dieser davon aus, dass Kinder durch eine „primäre literarische Initiation“ zum Lesen angeregt werden. Diese Initiation erfolgt häufig unter anderem durch das Vorlesen in der Familie, wie es auch bei Torben der Fall ist.[23]

Auffallend ist, dass nur die Mutter für das Vorlesen in der Familie zuständig ist. Sie besitzt in dieser Phase der Leseentwicklung eine besonders wichtige Rolle. Die Mutter erweist sich laut Graf als „die Zentralfigur der frühen literarischen Sozialisation“[24], denn bereits vor Beginn der Lesekarriere kann das Kind durch das Vorlesen viele Leseanregungen bekommen und die Neugier auf Bücher geweckt werden.[25]

Die lesepädagogische Bedeutsamkeit des Vorlesens ist nach Hurrelmann et al. unumstritten, jedoch kommt es auch darauf an wie sich die Vorlesesituation zwischen Erwachsenem und Kind gestaltet.[26]

In der Familie von Torben ist die gesamte Vorlesesituation sehr interaktionsarm. Aus dem Interview mit der Mutter ist zu entnehmen, dass über das Vorgelesene kaum gesprochen wird, sondern das Zuhören im Vordergrund steht. Sofern das Buch bebildert ist, zeigt die Mutter Torben diese nur auf Nachfrage. Es ist daher davon auszugehen, dass das Vorlesen nur der Beruhigung dienen soll. Petra Wieler hat in ihrer Studie „Vorlesen in der Familie“ gezeigt, wie wichtig eine offene Interaktion beim Vorlesen für eine erfolgreiche Leseentwicklung ist.[27] Den gesamten Vorleseprozess ordne ich nach Wieler als „geschlossenes Vorlesen“ ein, da die Kommunikation während des Vorlesens sehr interaktionsarm ist und sich auf das „Mitteilen eines Textes“ beschränkt. Im Gegensatz zum „offenen Vorlesen“, bei der das Kind als aktiver Gesprächspartner auftritt, ist diese nur wenig lesefördernd.[28]

Das Vorlesen ist fest in den Familienalltag integriert, daher wird es von Torben als „Einschlafritual“ bezeichnet. Für Torben scheint das Vorlesen in seiner Kindheit sehr wichtig gewesen zu sein, denn er schreibt „gemeinsam haben wir drei uns köstlich […] amüsiert“. Mit Bezug auf das Familienklima, scheint das Vorlesen, neben den gemeinsamen Fernsehabenden, die einzige Situation zu sein, in der Torben die Zuneigung seiner Mutter erfährt. Graf beschreibt diesen sozialen Wert des Vorlesens folgendermaßen: „Gratifikation bietet das Vorlesen besonders durch das Zusammensein mit Bezugspersonen, die Geborgenheit und Zuneigung schaffen.“[29]

Aus der Leseliste geht hervor, dass Torben häufig „Kinderklassiker“ vorgelesen bekommt, die die Mutter bereits kennt. Torben stellt in seiner Biografie treffend fest, dass die Mutter diese Bücher wahrscheinlich bewusst gewählt hat, weil sie sich so in ihre eigene Kindheit zurückversetzt fühlt. Dieses Phänomen wurde auch in der Hurrelmann Studie in der Familie eines „unerwarteten Wenig-Lesers“ beobachtet.[30]

Aus der Leseautobiografie geht hervor, dass Torbens Mutter ihn regelmäßig mit in die örtliche Bücherei nimmt, um neue Bücher zum Vorlesen auszuleihen. Die Hurrelmann Studie belegt, dass der Besuch von Buchläden und Büchereien die effektivste Form der elterlichen Leseförderung darstellt.[31] Es ist allerdings auch zu bemerken, dass davon ausgegangen wird, dass die Kinder dadurch „Kompetenzen in der Auswahl und im Erwerb von Büchern aufbauen“ können.[32] Torben kann diese Kompetenzen jedoch erst während seiner Grundschulzeit erwerben, auf die ich im späteren Verlauf dieser Arbeit eingehen möchte. In der Vorschulzeit ist es stets seine Mutter, die für ihn die Bücher auswählt. Während die Mutter sich zurückzieht, um für sich selbst ein Buch auszuwählen, hat Torben die Möglichkeit sich in einer „Leseecke“ eines der zahlreichen Bilder- und Kinderbücher anzusehen. Die Leseförderung der Mutter durch die Besuche der Bücherei begrenzt sich somit auf das selbstständige Anschauen von Bilderbüchern sowie der Erfahrung, die Bücherei als Institution kennenzulernen. Aus dem Elternfragebogen geht hervor, dass es zudem keine gemeinsamen Besuche von Buchläden gab. Aufgrund des geringen Buchbesitzes der Familie, als auch der Aussage, dass die Vorlesebücher entweder aus der Kindheit der Mutter oder der Bücherei stammen, ist davon auszugehen, dass die Familie nur äußerst selten Bücher selbst kauft.

Dies wird wahrscheinlich auch der Grund dafür sein, dass Buchgeschenke in Torbens Kindheit nur sehr selten vorkommen. Primär schenken ihm seine Verwandten Bücher. In seiner Leseautobiografie schreibt Torben, dass es nur ein Buch gab, das er sich in seinem Leben zum Geburtstag wünschte. Dies lässt darauf schließen, dass Torben in seiner Kindheit keine Neugier auf Bücher aufbauen konnte.

Neben dem Vorlesen gibt es laut Hurrelmann jedoch noch andere Formen der „prä- und paraliterarischen Kommunikation“. Hierzu zählen alle Formen der mündlichen Kommunikation, wie das Erfinden von Märchen und Geschichten oder der kreative Umgang mit Sprache im Rollenspiel.[33] Die Hurrelmann Studie zeigt, dass durch das aktive Einbeziehen von Kindern die Leselust geweckt wird, was sehr förderlich für den Übergang von Mündlichkeit zur Schriftlichkeit ist und eine positive Entwicklung der Lesepraxis begünstigt.[34] Diese Art der Kommunikation wird in der Familie von Torben nicht praktiziert, sodass festgestellt werden kann, dass Torbens Leseentwicklung von seiner Familie nicht optimal gefördert wurde. Obwohl die Mutter im Fragebogen angibt, dass ihr die Leseentwicklung ihres Sohnes am Herzen liegt, scheint sie diese nur bedingt gefördert zu haben. Nach Graf kann davon ausgegangen werden, dass sich diese zum Teil fehlgeschlagene „primäre literarische Initiation“ negativ auf die folgenden Phasen von Torbens Lesesozialisation ausgewirkt hat.[35]

4.2. Alphabetisierung und erste Kinderlektüre

Der Graf Studie zufolge ist die Kindheit in der Grundschulzeit bei späteren Lesern von „intensiver, privater Kinderlektüre“ geprägt. [36] Das Leseverhalten von Torben weicht in dieser Phase deutlich von diesem Ideal ab.

Als Torben in die Grundschule kommt, muss er feststellen, dass ihm das Lesenlernen große Schwierigkeiten bereitet, speziell mit dem Vorlesen hat er Probleme. In seiner Leseautobiographie berichtet er, dass er beim Vorlesen immer rot im Gesicht wird, weshalb ihn seine Mitschüler als „rote Tomate“ bezeichnen. Es kann vermutet werden, dass sich diese negative Erfahrung auch auf sein Leseverhalten als Erwachsener ausgewirkt hat, denn er schreibt, dass es ihm auch heute noch unangenehm ist vor vielen Menschen vorzulesen. Graf hat festgestellt, dass besonders spätere „Nicht- bzw. Wenigleser“ häufig Probleme mit dem Lesenlernen in der Schule haben. Als Grund nennt Graf, dass in der Vorschulzeit nicht genügend Leseförderung betrieben wird, wie es auch in Torbens Familie der Fall ist.[37] Aufgrund des bereits beschriebenen Familienklimas, speziell des Leseverhaltens der Mutter, hat Torben in der Vorschulzeit nie gelernt, dass das Lesen Freude bereiten kann. Die Fähigkeit, beim Lesen Lust zu empfinden, besitzt Torben daher nicht, da diese im sozialen Kontext erlernt werden muss.[38] Infolgedessen erhält Torben für seine Mühen beim Lesenlernen keine Gegenleistung. Seine Leseschwäche kann deshalb auf seine daraus resultierende geringe Motivation zum Lesenlernen zurückgeführt werden.

[...]


[1] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 15 ff.

[2] Vgl. Graf 1995, S. 97 ff.

[3] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 15 ff.

[4] Vgl. ebd., S. 35

[5] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 36

[6] Vgl. ebd., S. 37

[7] Vgl. ebd., S. 38

[8] Graf 1995, S. 100 f.

[9] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 38

[10] Graf 1995, S. 101

[11] Hurrelmann 1997, S. 136

[12] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 55

[13] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 55

[14] Vgl. Hurrelmann 1997, S. 136

[15] Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 55

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 38

[18] Vgl. ebd., S. 42

[19] Vgl. ebd., S. 47

[20] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 46 f.

[21] Vgl. ebd., S. 36

[22] Vgl. ebd., S. 47

[23] Vgl. Graf 1995, S. 99 ff.

[24] Graf 1995, S. 104

[25] Ebd., S. 99

[26] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 41

[27] Vgl. Wieler 1997, S. 319

[28] Vgl. ebd., S. 317 f.

[29] Graf 2007, S. 22

[30] Vgl. Hurrelmann, Hammer, Nieß 1993, S. 326

[31] Vgl. ebd., S. 42

[32] Vgl. ebd.

[33] Vgl. ebd., S. 41

[34] Vgl. ebd., S. 41 f.

[35] Vgl. Graf 1997, S. 106

[36] Vgl. Graf 1995, S. 107

[37] Vgl. ebd., S. 103

[38] Vgl. ebd., S. 106

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Wissenschaftliche Ausarbeitung zur eigenen Lektüreautobiografie
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur und Ihre Didaktik)
Veranstaltung
Orientierung auf Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
34
Katalognummer
V151779
ISBN (eBook)
9783640635207
ISBN (Buch)
9783640635528
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lektüreautobiografie, Leseautobiografie, Lesesozialisation, Analyse, Leser, Entwicklung, Bettina Hurrelmann, Werner Graf, Lesemodi, Einführung Lesesozialisationsforschung, Orientierung auf Literatur, Orientierung auf Sprache, Leuphana, Leuphana Universität, Lüneburg, Garbe, Dahlke, LAB, Lesebiografie, Lesebiographie
Arbeit zitieren
Torben Schneider (Autor), 2009, Wissenschaftliche Ausarbeitung zur eigenen Lektüreautobiografie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151779

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