Vorurteile in der interkulturellen Kommunikation

Zwei Buchrezensionen


Seminararbeit, 2009
17 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Thema: Vorurteile in der interkulturellen Kommunikation

„Menschen, -wenn sie sich in einem Wald befinden, sehen sie keinen Wald, sie sehen das, was sie von dem Wald bereits wissen.“ (Rösch, S. 64)

Rezension I

Rösch, Olga (Hrsg.): Stereotypisierung des Fremden. Auswirkungen in der Kommunikation

Dieses Buch fasst die Denkansätze verschiedener Autoren zusammen, die sich mit den Problemen der interkulturellen Kommunikation auseinandersetzen. Dabei wird deutlich, dass für einen toleranten und verständnisvollen Umgang mit fremden Kulturen eine gewisse Kenntnis über das Vorhandensein von Einstellungen, Vorurteilen und Stereotypen, die mitunter unseren noch so guten Willen untergraben können, von Vorteil sein kann. Das Buch vermittelt eher die Suche nach neuen Wegen, die die Forschung der interkulturellen Kommunikation vorantreiben, um Differenzen zwischen unterschiedlichen Kulturen verstehen zu können und bessere Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. So gliedert sich das Buch in zwei Teile, indem zunächst der Forschungsstand der Stereotypenbildung beschrieben wird, um im folgenden Abschnitt konkrete Beispiele zu liefern, die sich mit dem Umgang von Stereotypen bei dem Aufeinandertreffen zweier Kulturen beschäftigen. Der in das Thema einführende Text wurde von Alexander Thomas erstellt, dessen Wirken in der interkulturellen Forschung bereits wichtige Anstöße gab. Ein unzureichendes Vorgehen im interkulturellen Austausch ist seiner Meinung nach der intensivere Kontakt zwischen unterschiedlichen Gruppen, welcher vorhandene Vorurteile durch das Entdecken von Gemeinsamkeiten beseitigen kann („Kontakthypothese“). Es besteht nämlich dennoch die Möglichkeit, dass Vorurteile bewusst bestätigt, bzw. verfestigt werden. Thomas verweist darauf, dass Vorurteile als „[...] eine bestimmte Unterkategorie sozialer Einstellungen“ (S. 14) verstanden werden sollten, wobei die Alltagssprache die Kategorie Vorurteil meist nur im negativen Sinne verwendet. Die psychologische Vorurteilsforschung geht davon aus, dass Vorurteile, unabhängig ob positiv oder negativ gefärbt, emotionale Werturteile eines Menschen sind, dem es objektiv jedoch an Wissen fehlt, damit dieses Urteil in der Realität auch standhält. „Damit bezieht sich der Vorurteilsbegriff auf die Vielfalt unseres naiven, alltäglichen und selbstverständlichen Urteilsverhaltens“ (S. 15). Thomas geht außerdem auf die sozialen und psychologischen Funktionen von Vorurteilen ein und macht damit besonders deutlich, welche Schwierigkeiten aufkommen, wenn es darum geht, das Vermögen der Menschen für vorurteilsfreie und gerechte Urteile zu stärken.

Mit Bezug auf aktuelle Forschungsbefunde vervollständigt er den Ansatz der „Kontakthypothese“ mit wichtigen Kriterien, die eingehalten werden müssen, um eine erfolgreiche kulturelle Begegnung zu schaffen. Vor allem betont er die Bedeutsamkeit eines gemeinsamen Ziels. Diese Idee wurde bereits durch das bekannte sozialpsychologische Gruppenexperiment von Muzafer Sherif in den 70- er Jahren bestätigt, in dem Annäherung und Abgrenzung zwischen einzelnen Gruppen eines Ferienlagers einzig auf Grund bestimmter gemeinsam durchgeführter Aufgaben beobachtet werden konnten. Umso näher sich die Gruppenmitglieder einer Gruppe kommen, umso stärker entsteht auch der Abgrenzungswunsch zu „Fremdgruppen“.

Der Autor formuliert aus dieser Erkenntnis heraus eine Handlungsmöglichkeit für internationale Begegnungen. Erst in der Interaktion und in einem nicht zu oberflächlichen Kontakt können Vorurteile abgebaut werden und Sympathie und Verständnis entstehen. Gleichsam legt der Autor Wert darauf, die Schwierigkeiten im Austausch zwischen Gruppen und Menschen, verursacht durch eben diese Strategien, uns unsere Realität zu kreieren, nie aus dem Blick zu lassen. Die Kategorienbildung in Eigen- und Fremdgruppe ist ein unabdingbares Element der Konstruktion unserer sozialen Welt und wird daher in der interkulturellen Kommunikation immer eine Rolle spielen. Tatsächlich schätzen wir Fremdgruppen viel allgemeiner ein und machen dies anhand weniger Kriterien fest. Daraus folgen Stereotypisierungen, wobei der Autor keine klare Abgrenzung zwischen den Begriffen Vorurteilen und Stereotypen findet. Es wird nur der Eindruck vermittelt, dass Stereotypen im Bewusstsein der Menschen noch fester verankert zu sein scheinen als Vorurteile. Im nächstfolgenden Abschnitt erklärt die Autorin Magdalena Roclawski etwas detaillierter, was in der Wissenschaft unter Stereotypisierungen verstanden wird und verdeutlicht dies mit Hilfe der Gegenüberstellung von polnisch-deutschen Stereotypen. Der Begriff Stereotyp fand erstmalig in den 20-er Jahren Einzug in die Sozialpsychologie. Walter Lippmann verwendete diese Typisierung um „das Erfassen der Wirklichkeit durch den Menschen“ zu beschreiben. (S. 31) Zwar sind laut der Autorin seine Ausführungen nicht auf einen wissenschaftlichen Anspruch zurückzuführen, geben jedoch einige Erklärungsansätze treffend wieder. Nach Lippmann gibt es drei elementare Zuschreibungen: Ein Stereotyp bildet sich nicht durch eigene Überlegungen, sondern wird von der sozialen und kulturellen Umwelt geprägt, außerdem ist es meist emotional gefärbt und veränderungsresistent. Ein Stereotyp ist stark in unsere Erlebnis- und Handlungswelt eingeflochten und ist demnach sehr schwer zu unterbinden: „Stereotype sind Produkte der sozialen Kategorisierung, die ein zentraler kognitiver Prozess der Segmentierung und Organisation der sozialen Umwelt in Gruppen oder Kategorien sind“ (S. 33).

Auch die Autorin bemüht sich um eine Abgrenzung zwischen Stereotypen und Vorurteilen. Ihrer Meinung nach bilden sich Vorurteile vor allem aus den vorhandenen Stereotypen und sind negativ, während Stereotype auch einer neutralen Wertung entsprechen können. In einem späteren Abschnitt fugt sie allerdings hinzu, dass auch ein Stereotyp in den seltensten Fällen positiv behaftet ist. Eine interessante Ebene erreicht die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vorstellung von Putnam und seiner These des Stereotypengebrauchs im sprachwissenschaftlichen Sinne. Nach Putnam erfüllt das Stereotyp in der Kommunikation vor allem die Funktion der Verständigung. Denn in einem bestimmten kulturellen und sozialen Umfeld ist es weniger wichtig, welche Eigenschaften Objekte oder Personengruppen haben können, sondern welche Eigenschaften der Mehrheit bekannt sind. Beispielsweise geht man davon aus, dass Tiger gestreift sind, obwohl einige Tigerarten keine Streifen haben (S. 36). Innerhalb einer Gruppe, in der das Stereotyp bekannt ist, erleichtert dies die Kommunikation. Somit können Stereotype auch einen positiven Effekt haben, wenn durch das Vorhandensein kollektiver Einstellungen und Vorstellungen der Informationsaustausch begünstigt wird.

In Kapitel 4 bezieht sich Roclawski konkret auf stereotype Äußerungen im deutsch-polnischen Kontext. Zunächst beschreibt sie das nationale bzw. ethnische Stereotyp als Stimmungsbarometer, welches im Grunde die aktuelle politische und wirtschaftliche Beziehung zu einer Nation widerspiegelt. Besonders negative Stereotype können also auf eventuelle Konfliktsituationen zurückgeführt werden. Die Autorin stellt daraufhin empirisches Material vor, welches die Stereotypen auf deutscher und auf polnischer Seite wiedergibt. Im Anschluss daran folgt die Analyse dessen im Hinblick auf den historischen Kontext.

So stellt Roclawski zum Beispiel die klare Gegenüberstellung zwischen Eigen- und Fremdgruppe fest, anscheinend mit der Intention der Interviewten in der Inszenierung des Gegenteiligen die Eigengruppe in ein angenehmeres Licht zu rücken. Außerdem wird als Ursache zu der Stereotypenbildung an erster Stelle die politische Konfliktlage gesehen. Die Analyse und die Ergebnisse erscheinen etwas wage in Hinblick auf eine relativ komplexe empirische Studie, die allerdings nur in vergleichsweise geringem Umfang dargestellt werden konnte. Dennoch wird der Leser ausreichend über den Forschungsstand, besonders über den sprachwissenschaftlichen, in Kenntnis gesetzt und gewinnt einen groben Eindruck über die Ursachen und Funktionen der Stereotyp enbildung.

Der nächste Absatz stammt von Ursula Wrobel und beschäftigt sich mit Stereotypisierungen im Kontext des digitalen Mediums - dem Internet. Verglichen werden dabei deutsche und US- amerikanische Webseiten. Die Autorin hat das Anliegen, kulturelle Muster aufzuspüren, die die Webdesigner bewusst oder unbewusst anwenden. Sie ist der Meinung, dass eine fehlende Rücksichtnahme der Kulturabhängigkeit die Kommunikation zwischen den Nationen stören und sogar unverständlich machen kann. Die interkulturelle Kommunikation im Raum des weltweiten Netzwerks zu beobachten, halte ich für besonders aufschlussreich. Auch hinsichtlich dessen, dass eine anonyme Begegnung mit fremden Kulturen in der digitalen Welt auch reale Begegnungen beeinflussen könnte. Die Autorin fokussiert vor allem die marktwirtschaftlichen Aspekte des Webdesigns und konzentriert sich daher auf die Faktoren, die verkaufsfördernd oder effizienzmindernd wirken könnten. Diese Zielsetzung hängt aber eng mit der Verständigungsproblematik zusammen. Auf einer Webseite werden Botschaften auf drei Ebenen überbracht: Auf der verbalen Ebene, der para-verbalen (Interpunktion usw.) und auf der visuellen Ebene - dem Layout. Unternehmen, die eine internationale Präsenz anstreben, kommen nicht umhin, eine Internetpräsenz zu entwickeln. Doch diese muss an die kulturellen Gewohnheiten angepasst sein. Die Autorin nennt diesbezüglich einige Beispiele, wie die Vorliebe der Brasilianer für sehr farbenfrohe Layouts oder die unterschiedliche Deutung bestimmter Redewendungen aus englischsprachigen Ländern. Sie ruft dem Leser ins Bewusstsein, dass ein „fehlgeleitetes“ Webdesignkonzept meist im Ethnozentrismus fußt, und dass bei jeder Form der Einschätzung von Webseiten aus anderen Kulturen kultureigene Maßstäbe angewendet werden. Der Ethnozentrismus ist also schwer zu eliminieren, kann aber durch das Bewusstmachen die Wertung etwas objektivieren. Dies sieht in der Anwendung nach Wrobel wie folgt aus: Bei der Untersuchung einer Webseite sollte nicht nach dem Warum geforscht werden, dies führe meist zu Spekulationen, denen es an wissenschaftlicher Basis fehle. Außerdem müsse sich der Wissenschaftler im Klaren darüber sein, dass, wie eben erwähnt, Subjektivität nie völlig verschwinden kann. Auch bei einer scheinbar neutralen Beschreibung spielen unsere sozialen und kulturellen Normen- und Wertesysteme eine Rolle. Die Autorin gibt damit die Problematik wieder, die injedem wissenschaftlichen Bereich, v. a. in den Sozialwissenschaften, erkannt und berücksichtigt werden muss. Daraufhin folgt eine Beispielanalyse einer deutschen Webseite, deren Internetpräsenz einen klar regionalen Bezugsrahmen schafft, der Stereotype bewusst inszeniert, um ein positives Image zu erzielen (Stereotyp: „Griechenland ist die kulturelle Wiege Europas“, S. 81). An dem genannten Beispiel wird der Zweck der Verwendung von Stereotypen, die in ihrem kulturellen Rahmen ihr Soll erfüllen, in einem anderen kulturellen Umfeldjedoch kaum zugänglich wären, besonders deutlich. Vornehmlich in medialen Bereichen, die sich durch ihre Schnelligkeit auszeichnen, so dass die Spanne zwischen dem Wahrnehmen und Verstehen der Botschaft nicht sehr groß sein sollte, sind unmissverständliche Hinweise und Zusammenhänge effektiver. Dafür erscheinen Stereotype ideal wirksam.

Das nächste Themengebiet beschäftigt sich mit Stereotypen in der Werbung und im Speziellen in der russischen Werbung. Die Erläuterung des Begriffs Stereotyp und seine wissenschaftliche Relevanz wird in fast jedem Abschnitt thematisiert. Dadurch wird zwar die Bandbreite an theoretischen Konzepten deutlich, zugleich wird aber vieles wiederholt, was dem Leser bereits bekannt ist. Edgar Hoffman vermittelt zunächst die erhöhte Werbewirksamkeit von Stereotypen unabhängig vom kulturellen Umfeld.

Besteht jedoch eine symbolische Verbindung zwischen dem Produkt und dem ethnischen Hintergrund, kann dies zusätzlich die Aufmerksamkeit des Rezipienten erhöhen. Sowohl bewusst als auch unbewusst werden Denkweisen und Emotionen angeregt, die eine gewisse Nähe zu der dargestellten Situation herzustellen vermögen: „Die ethnisch bezogene, von vielschichtigen Denkstereotypen geprägte Mythologisierung einer Ware ist eine wichtige werbende Komponente“ (S. 108). So kommt es natürlich auch vor, dass die Werbetreibenden nicht einmal bewusst kulturell geprägte Stereotype einsetzen, sondern einzig auf Grund des eigenen Bezugsrahmens derartige Inhalte vermitteln. Die Unterschiede, die sich zwischen russischer und europäischer Werbung abzeichnen, sind relativ gering. Der Autor begründet dies mit den Globalisierungsprozessen, denen Russland stark ausgesetzt ist. Dargelegt werden sollte jedoch die von Hoffman eingeschätzte Einflussnahme der Werbung auf die Unveränderlichkeit von bestimmten Stereotypen. Seiner Meinung nach werden besonders in der Werbung Stereotype immer wieder aufgegriffen und dadurch gesellschaftlich manifestiert. Das Buch führt weitere kulturspezifische Beispiele der interkulturellen Kommunikation an, die in diesem Rahmen nur erwähnt seien und nicht genauer analysiert werden: Die interkulturelle Unternehmenskommunikation der Niederlande, die tschechische Kultur im Kontext des Organisations- und Arbeitslebens und die Darstellung deutsch­tschechischer Stereotype. Die nächstfolgenden Kapitel beschäftigen sich mit praktischen Grundlagen, auf die für den interkulturellen Austausch zurückgegriffen werden könnte, während der Fokus weiterhin auf die Problematik der Stereotypisierung gesetzt wird. Die Autorin Nazarkiewicz führt als erstes Hilfestellungen an, die auch in Trainingsseminaren angewendet werden könnten. Sie formuliert, dass sich Stereotype von allgemeinen Kategorienbildungen unterscheiden, und zwar in dem, wie sie kommuniziert werden. In ihrer Beschreibung und Analyse geht sie nach der methodischen „Konversationsanalyse“ vor. Dabei sollen bestimmte „Interaktionsmuster“ bei natürlichen Gesprächen nachvollziehbar gemacht werden, zum Beispiel die einfache Erwartungshaltung, dass auf ein „Bitte“ ein „Danke“ folgt. Bezogen auf die Formulierung von Stereotypen stellt die Autorin fest, dass damit oft starke emotionale Empfindungen mitschwingen, wie bspw. Empörung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Vorurteile in der interkulturellen Kommunikation
Untertitel
Zwei Buchrezensionen
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Sozialanthropologisches Institut)
Veranstaltung
Vorurteile und Diskriminierung
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V151835
ISBN (eBook)
9783640633777
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vorurteile, Diskriminierung, interkulturelle Kommunikation, Stereotype, Stereotypisierung, fremd, Ausländerfeindlichkeit, Segregation, Rösch, Brüß, türkisch, deutsch
Arbeit zitieren
Aron Hutmacher (Autor), 2009, Vorurteile in der interkulturellen Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151835

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