In der vorliegenden Arbeit wird die Figur des Werthers aus dem Roman "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang Goethe im Hinblick auf seine Fixierung und Erhöhung Lottes untersucht. Durch diese Fixierung wirkt Werther orientierungslos und scheint seinen Platz in der Gesellschaft nicht finden zu können, was am Ende in den Selbstmord führt.
Werther scheint bei Lotte Geborgenheit und Schutz zu suchen und sie als Mutterersatz zu sehen. Doch ist Lotte nicht eher ein Wunschbild Werthers? Füllt Werther sie nicht viel mehr mit seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen aus? Warum Werther so fixiert auf Lotte ist, seine Gedanken und Gefühle auf sie projiziert und sie über ihre Person erheben zu scheint, soll durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds mit besonderem Blick auf den Ödipuskomplex geklärt werden.
Doch auch Lottes eventuelle Mitschuld an Werthers Selbstmord soll hier untersucht werden. Lottes „exzessive Mutterbindung“ und ihr „Bestreben, die durch den Tod der Mutter unwiederbringlich zerstörte Einheit der Familie in einer mythischen Realität wiederherzustellen“ scheinen Werthers ödipale Neigungen zum Vorschein zu bringen oder sie auf jeden Fall zu bestärken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grund und Folgen der ödipalen Konstellationen im Werther
2.1. Der Ödipuskomplex
2.2. Mutter- und Vaterfiguren im Werther
2.3. Lotte als reale Person oder bloße Fiktion Werthers?
2.3.1. Die ersten Begegnungen von Lotte und Werther
2.3.2. Lotte als Phantasma
2.3.3. Lotte als „Schattenriss“
2.3.4. Lotte als Mutterfigur
2.4. Lottes Mitschuld an Werthers Selbstmord
2.4.1. Lottes Mutterbindung und ihre Sehnsucht nach einer intakten Familie
2.4.2. Lottes Gefühle für Werther
2.5. Die Art und Weise von Werthers ödipalen Neigungen
2.5.1. Werthers Ausgangssituation
2.5.2. Werthers Suchen nach einer Mutter in der Natur
2.5.3. Werther und die Gesellschaft
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther" aus psychoanalytischer Perspektive, mit dem primären Ziel, Werthers Scheitern und seinen Suizid als Folge einer pathologischen Fixierung auf eine Mutterfigur zu erklären.
- Analyse von Werthers Ödipuskomplex und seiner kindlichen Wunschvorstellungen.
- Untersuchung von Lotte als Projektionsfläche und Mutterersatz.
- Evaluation der Mitschuld Lottes durch ihre eigene exzessive Mutterbindung.
- Die Rolle der Natur als mütterliche Identifikationsinstanz.
- Werthers Unfähigkeit zur Integration in die gesellschaftliche Realität.
Auszug aus dem Buch
2.3.2. Lotte als Phantasma
Werther erhöht Lotte im Laufe seiner Briefe immer mehr, so dass sie schon fast als unerreichbar erscheint. Er betitelt sie mit religiösen Titeln, bezeichnet sie sehr oft als „heilig“ oder auch als „Engel“. Dinge, die sie berühr hat, sind für Werther zu religiösen Artefakten geworden: „In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, du hast sie berührt, geheiligt“. Man könnte schon fast von einem Wahn sprechen, denn sogar Menschen, die in ihrer Nähe waren würde Werther gerne in den Arm nehmen und küssen, wie seinen Diener, den er am 18. Juli zu Lotte schickte, weil er selber nicht konnte, aus dem einzigen Grund, „einen Menschen um (sich) zu haben, der ihr heute nahe gekommen wäre.“
Diese Erhöhung Lottes findet aber nicht nur auf der mentalen und sprachlichen Ebene statt, auch physisch führt Werther sie fort. In einer Situation spricht Werther davon, dass er sich „gern vor ihr niedergeworfen (hätte) wie vor einen Propheten“, in einer späteren Situation, als Lotte von ihrer Mutter spricht, tut er dies gar und auch sein Lieblingsplatz bei Lotte scheint zu ihren Füßen zu sitzen. Werthers Erhöhung von Lotte führt soweit, dass er sich selbst fast als unwürdig sie zu lieben darstellt und von seiner Liebe zu ihr als Sünde spricht.
Lotte wird von Werther wohl wirklich zur Phantasma erhöht, was vielleicht auch an der Art, wie Werther sein Leben reflektiert und verarbeitet, liegt. Werther hat keinen direkten Ansprechpartner, mit dem er über Lotte und seine Gefühle zu ihr reden kann, er schreibt nur Briefe an seine freund Wilhelm, in denen er beim Schreiben sich das Geschehene erst einmal wieder in Erinnerung rufen muss und genau an diesem Punkt besteht die Gefahr der Erhöhung Lottes, wie schon der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan anmerkte: „Erinnerungen an vergangene Ereignisse werden in Übereinstimmung mit unbewusstem Begehren kontinuierlich neu geformt“ und die Neuformung könnte in diesem Fall zu einer Erhöhung Lottes führen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, die sich mit Werthers Fixierung auf Lotte und der psychoanalytischen Bedeutung seines Scheiterns befasst.
2. Grund und Folgen der ödipalen Konstellationen im Werther: Theoretische Herleitung des Ödipuskomplexes und Untersuchung der Charakterkonstellationen im Roman.
2.1. Der Ödipuskomplex: Definition des Ödipuskomplexes nach Freud und Fromm als psychologisches Fundament der Untersuchung.
2.2. Mutter- und Vaterfiguren im Werther: Darstellung der familiären Hintergründe von Werther und Lotte sowie deren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung.
2.3. Lotte als reale Person oder bloße Fiktion Werthers?: Analyse, inwieweit Werther Lotte als reale Frau wahrnimmt oder als Projektionsfläche für seine Wünsche instrumentalisiert.
2.3.1. Die ersten Begegnungen von Lotte und Werther: Beschreibung des ersten Aufeinandertreffens und Werthers sofortiger Faszination.
2.3.2. Lotte als Phantasma: Untersuchung der Idealisierung Lottes durch Werther bis hin zur religiösen Überhöhung.
2.3.3. Lotte als „Schattenriss“: Analyse der Unfähigkeit Werthers, Lottes reales Bild zu erfassen, und die daraus resultierende Abstraktion.
2.3.4. Lotte als Mutterfigur: Betrachtung von Lottes familiärer Rolle als Ersatz für Werthers fehlende Geborgenheit.
2.4. Lottes Mitschuld an Werthers Selbstmord: Untersuchung, inwieweit Lottes eigenes Verhalten und ihre Bindung an die verstorbene Mutter zur Eskalation beitragen.
2.4.1. Lottes Mutterbindung und ihre Sehnsucht nach einer intakten Familie: Analyse von Lottes Bestreben, die mütterliche Rolle rituell zu perpetuieren.
2.4.2. Lottes Gefühle für Werther: Untersuchung der Ambivalenz zwischen Lottes Verlobung mit Albert und ihrer unbewussten Projektion auf Werther.
2.5. Die Art und Weise von Werthers ödipalen Neigungen: Zusammenfassende Darstellung von Werthers psychischer Ausgangslage.
2.5.1. Werthers Ausgangssituation: Analyse von Werthers Herkunft und seinem Fluchtversuch aus der städtischen Welt.
2.5.2. Werthers Suchen nach einer Mutter in der Natur: Interpretation der Natur als Projektionsraum für mütterliche Geborgenheit und später als Symbol für den Tod.
2.5.3. Werther und die Gesellschaft: Untersuchung der Diskrepanz zwischen Werthers Wunsch nach naturnaher Gemeinschaft und der gesellschaftlichen Realität.
3. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, die Werthers Suizid als tragische Konsequenz der ungelösten Fixierung auf eine Mutterfigur bestätigen.
Schlüsselwörter
Werther, Johann Wolfgang Goethe, Psychoanalyse, Ödipuskomplex, Mutterbindung, Lotte, Projektion, Phantasma, Selbstmord, Scheitern, Geborgenheit, Wunschbild, Familiensehnsucht, Empfindsamkeit, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Scheitern von Goethes Romanfigur Werther durch eine psychoanalytische Brille, wobei der Fokus auf ungelösten kindlichen Bindungsmustern liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themenfelder umfassen den Ödipuskomplex, die literarische Figurenkonstellation, das Konzept der Projektion und die soziokulturellen Aspekte der Empfindsamkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, inwiefern eine pathologische Fixierung auf eine Mutterfigur (Lotte) sowie die Unfähigkeit zur Emanzipation von der Mutter die Ursache für Werthers Suizid darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt Methoden der Psychoanalyse, insbesondere die Konzepte von Sigmund Freud und Erich Fromm, um Werthers Handlungen und Wahrnehmungen zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der ödipalen Konstellationen, die psychologische Rolle Lottes als Mutterersatz und die Untersuchung der gegenseitigen Mitschuld an der tragischen Entwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Werther, Ödipuskomplex, Mutterbindung, Projektion, Selbstmord und psychoanalytische Literaturinterpretation.
Warum wird Lotte in dieser Untersuchung nicht nur als Geliebte, sondern als Mutterfigur gesehen?
Aufgrund von Werthers früher Kindheit und seinem Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit ersetzt er das Bild seiner leiblichen Mutter durch die idealisierte Lotte, die diese mütterlichen Rollen (Versorgung, Pflege) für ihn verkörpert.
Welche Rolle spielt die Natur für die psychische Verfassung Werthers?
Die Natur fungiert für Werther als mütterliche Identifikationsinstanz. Im Verlauf des Romans wandelt sich dieses Bild jedoch symbolisch von einer lebensspendenden Kraft hin zum offenen Grab, was seine Suizidgedanken verdeutlicht.
Inwiefern trägt Lotte laut der Analyse eine Mitschuld?
Lotte selbst versucht aufgrund ihrer eigenen exzessiven Mutterbindung, das Bild ihrer verstorbenen Mutter in einer "mythischen Realität" zu bewahren, was dazu führt, dass sie Werther in seiner unbewussten Fixierung bestärkt.
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- Anna Kneißl (Author), 2008, Werthers Fixierung auf eine Mutterfigur als Grund für sein Scheitern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152037