Wenn man in der Erwachsenenbildung von „Interkulturellem Lernen“ spricht, denkt man zunächst an die interkulturelle Begegnung realer Menschen im ebenso realen Leben. Die Erwachsenenbildung arbeitet dabei mit unterschiedlichsten Begriffsbestimmungen für das Lernen zwischen oder von verschiedenen Kulturen. Diese sollen auch im ersten Kapitel einführend aufgeführt werden, um dann anhand ihrer Gemeinsamkeiten eine Basis für die weiteren Kapitel der Arbeit zu schaffen.
Doch wie verfährt man in der Erwachsenenbildung, wenn Erwachsene, die in Filmen auftauchen, von- und miteinander in interkulturellen Kontexten lernen? Wie kann man diese Lernsituationen analysieren ohne von wissenschaftlichen Deutungsweisen abzuweichen? Dafür und für das Interkulturelle Lernen im Allgemeinen können einige Stufen- und Phasenmodelle interkulturellen/kulturellen Lernens hilfreich sein.
Die vorliegende Arbeit geht auf drei dieser Modelle ein, das „Developmental Model of Intercultural Sensitivity“ von Milton J. Bennett von 1993, das Stufenmodell von Harald Grosch und Wolf Rainer Leenen von 1998 und das Spiralmodell Interkulturellen Lernens von Gisela Führing von 1996 und. Diese drei Modelle legen unterschiedliche Abläufe für den Interkulturellen Lernprozess fest, weshalb sie in dieser Arbeit stellvertretend für zahlreiche Modelle Interkulturellen Lernens ausgewählt wurden. Sie werden zunächst vorgestellt und im Speziellen auf den Film „Fremder Freund“ des Regisseurs Elmar Fischer aus dem Jahr 2003 angewendet. Sowohl die Analyse der Lernsituation im Film mithilfe des jeweiligen Modells als auch die abschließende Frage danach, wie die Erwachsenen im Film lernen, stehen dabei zur Debatte.
Die Anwendung der Modelle auf den Film „Fremder Freund“ ist dabei als ein Versuch zu verstehen, zu erforschen, ob die einzelnen theoretischen Modelle auf ein in der virtuellen Praxis stattfindendes, interkulturelles Lernen anwendbar sind. Die Frage danach, ob die Analyse von Lernsituationen in Filmen mithilfe solcher Modelle nützlich ist, wird schließlich im Fazit versucht zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.Definitionen Interkulturellen Lernens
2. Stufen Interkulturellen Lernens – Drei ausgewählte Modelle
2.1. Das Modell der Entwicklung Interkultureller Sensibilität nach Milton J. Bennett (1993)
2.2. Das Phasenmodell Interkulturellen Lernens nach Harald Grosch und Wolf Rainer Leenen (1998)
2.3. Das Spiralenmodell Interkulturellen Lernens nach Gisela Führing (1996)
3. Interkulturelle Situation im Film „Fremder Freund“
4. Die Anwendung der Modelle auf den Film
4.1. Anwendung des Bennettschen Modells auf den Film
4.2. Anwendung des Modells von Grosch und Leenen auf den Film
4.3. Anwendung des Spiralmodells Interkulturellen Lernens nach Gisela Führing
5. Kritik an den Modellen
6. Fazit: Lassen sich Stufen- und Phasenmodelle Interkulturellen Lernens auf das Lernen von Erwachsenen im Film anwenden?
7. Anhang
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit theoretische Stufen- und Phasenmodelle des interkulturellen Lernens als Analyseinstrumente für informelle Lernprozesse von Erwachsenen in Spielfilmen dienen können. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, ob die Analyse filmischer Lernsituationen mithilfe wissenschaftlicher Modelle nützlich ist, um interkulturelle Entwicklungen und Konflikte innerhalb virtueller Praxisbeispiele zu verstehen.
- Theoretische Grundlagen und Definitionsversuche zum Interkulturellen Lernen.
- Vorstellung und Vergleich dreier ausgewählter Lernmodelle (Bennett, Grosch/Leenen, Führing).
- Analyse der interkulturellen Interaktionen zwischen Chris und Yunes im Film „Fremder Freund“.
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit starrer Stufenmodelle auf dynamische und informelle Lernkontexte.
Auszug aus dem Buch
4.1. Anwendung des Bennettschen Modells auf den Film
Den Stufen des Bennetschen Models kann man in Relation zum Film bestimmte Szenen zuordnen. Jedoch fällt auf, dass der Lernprozess zwischen Chris und Yunes nach dem gegenseitigen ersten Kennenlernen der beiden Männer nicht durch eine ethnozentrische Sichtweise gekennzeichnet ist. Denn sie lernen sich ohne Vorurteile gegenüber der fremden Kultur kennen, was vielleicht daran liegen könnte, dass Yunes sehr angepasst an die westliche Kultur wirkt, denn er mag Formel 1, isst Schweinefleisch und trinkt Alkohol (vgl. Zobl 2004, S. 8). Das ethnozentrische Stadium scheint durch die Kontextbedingungen im Film erst nach dem ethnorelativen Stadium zu beginnen.
Man könnte behaupten, dass die Stufe der Akzeptanz bereits am Anfang des Zusammenseins der beiden Kulturen erreicht ist, denn wie im Modell ersichtlich, werden in dieser Stufe Verhaltensunterschiede und Wertunterschiede respektiert (vgl. Abb.1, Anhang). Das ist am Anfang des Films in Szene 5 dargestellt, in der Yunes von seiner Halskette erzählt, die seine Eltern ihm als Reserve in Notsituationen geschenkt haben (vgl. Zobl 2004, S.6).
Der Interkulturelle Lernprozess geht aber schrittweise in das ethnozentrische Stadium über, wenn Chris die plötzlich strenggläubige Haltung von Yunes nicht versteht. Es entstehen Vorurteile gegenüber der islamischen Kultur, die Yunes verstärkt in seinem Leben betont, beispielsweise in dem er sich einen Bart stehen lässt, plötzlich Formel 1 dekadent findet oder nach strengen Regeln betet und einen Raum betritt. Diese neuen Verhaltensweisen verstehen Chris und seine Freundin Julia nicht mehr. Nun scheint das ethnozentrische Stadium des Modells erkennbar. Yunes´ Verhalten wird sowohl negiert, abgewehrt als auch minimiert. Das zeigt die Szene, in der Chris Yunes überzeugen möchte nicht mehr so extrem zu sein und sein Aussehen (d.h. den Bart) negiert. Daraufhin rasiert sich Yunes den Bart ab (vgl. Zobl 2004, S.7), was zunächst als ein positiver Effekt für den Lernprozess gedeutet werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik des interkulturellen Lernens in der Erwachsenenbildung und Vorstellung der Forschungsabsicht anhand des Films „Fremder Freund“.
1.Definitionen Interkulturellen Lernens: Darstellung verschiedener wissenschaftlicher Definitionsversuche und Identifikation eines gemeinsamen Kerns als Basis für die weitere Arbeit.
2. Stufen Interkulturellen Lernens – Drei ausgewählte Modelle: Detaillierte theoretische Vorstellung der Ansätze von Bennett, Grosch/Leenen und Führing.
3. Interkulturelle Situation im Film „Fremder Freund“: Deskriptive Analyse der filmischen Handlung und der Ausgangslage der beiden Hauptcharaktere Chris und Yunes.
4. Die Anwendung der Modelle auf den Film: Praktische Erprobung der drei gewählten theoretischen Modelle an den konkreten Filmszenen.
5. Kritik an den Modellen: Theoretische Auseinandersetzung mit der Statik und den Grenzen der gewählten Lernmodelle in Bezug auf reale oder informelle Praxis.
6. Fazit: Lassen sich Stufen- und Phasenmodelle Interkulturellen Lernens auf das Lernen von Erwachsenen im Film anwenden?: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage unter Berücksichtigung des filmischen Lebenskontextes der Charaktere.
Schlüsselwörter
Interkulturelles Lernen, Erwachsenenbildung, Stufenmodelle, Phasenmodell, Spiralmodell, Bennett, Film, Fremder Freund, Interkulturelle Sensibilität, Informelles Lernen, Kulturelle Identität, Ethnozentrismus, Ethnorelativismus, Lernprozess, Filmanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Übertragbarkeit von theoretischen Stufen- und Phasenmodellen des interkulturellen Lernens auf die Analyse informeller Lernprozesse, wie sie in Spielfilmen dargestellt werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Neben der Definition interkulturellen Lernens stehen die Konzepte zur Entwicklung interkultureller Sensibilität und die Dynamik interkultureller Begegnungen im Fokus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu erforschen, ob wissenschaftliche Lernmodelle geeignet sind, um die oft komplexen und durch äußere Faktoren beeinflussten Lernsituationen von Erwachsenen in Filmen objektiv nachvollziehbar zu machen.
Welche wissenschaftlichen Modelle werden verwendet?
Es werden das „Developmental Model of Intercultural Sensitivity“ von Milton J. Bennett, das Stufenmodell von Grosch und Leenen sowie das Spiralmodell von Gisela Führing analysiert.
Was ist der Inhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil widmet sich der theoretischen Vorstellung dieser drei Modelle und deren anschließender Anwendung auf den Film „Fremder Freund“, um die Lernentwicklungen der Hauptcharaktere Chris und Yunes zu bewerten.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe Interkulturelles Lernen, Filmanalyse, Kompetenzentwicklung und kritische Theorie definieren.
Warum wird gerade der Film „Fremder Freund“ für die Analyse herangezogen?
Der Film eignet sich aufgrund seiner detaillierten Darstellung interkultureller Begegnungen und der Transformation der Charaktere besonders gut, um sowohl erfolgreiche als auch problematische Aspekte des Lernprozesses aufzuzeigen.
Welche Rolle spielt der „Abbruch“ des Lernprozesses im Spiralmodell?
Im Gegensatz zu den anderen Modellen erkennt das Spiralmodell von Gisela Führing explizit an, dass Lernprozesse unterbrochen werden oder stagnieren können, was die Analyse von Konfliktsituationen im Film präziser macht.
Welches Fazit zieht die Autorin hinsichtlich der Anwendbarkeit der Modelle?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Modelle als grober Orientierungsrahmen dienen können, jedoch die komplexe soziale Einbettung und die bewusste Inszenierung in Filmen bei der Analyse stets mitberücksichtigt werden müssen.
- Quote paper
- Annegret Schulze (Author), 2008, Stufen- und Phasenmodelle Interkulturellen Lernens , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152627