Typen und Funktion des Gracioso im Theater von Tirso de Molina


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Person Tirso de Molinas und seiner Werke

3. Die Figur des Gracioso im Theater des Mittelalters bis Lope de Vega

4. Der Gracioso bei Tirso de Molina
4.1. Gracioso als Element des Komischen
4.1.1. Wortwitz
4.1.2. Fäkalienkomik
4.1.3. Der Gracioso und Religion
4.1.4. Antifeminismus und Sexualität
4.2. Der Gracioso als Handlungsträger
4.2.1. Der Gracioso als aktives Element in der Comedia
4.3. Das Herr-Diener Verhältnis

5. Die Sozialsatire im Theater von Tirso de Molina

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

PRIMÄRTEXTE

SEKUNDÄRTEXTE

1. Einleitung

Der spanische Mönch Gabriel Téllez, war unter seinem Pseudonym Tirso de Molina Dramaturg, Dichter und Schriftsteller im Siglo de Oro.

Neben seiner literarischen Aktivität machte er sich vor allem als Dramaturg einen Namen, wobei sein Werk weit gefächtert ist, von dem philosophisch-theologischen Drama wie El condenado por desconfiado bis zur comedia de enredo, wie Don Gil de las calzas verdes. In der Literaturkritik gilt Tirso de Molina neben Lope de Vega und Calderón de la Barca, als der dritte große Vertreter des spanischen Barocktheaters. Stilistisch liegt er näher an seinem Vorbild Lope de Vega, Calerdón gehört schon zu der Generation neuer Dramatiker, deren Werke eher an ein höfisches, als an ein volkstümliches Publikum gerichtet sind.

Tirsos wohl bekanntestes Werk El burlador de Sevilla o convidado de piedra ist zugleich dramatische Ur-Form des Don Juan Mythos, der später Modell war für Dom Juan von Moliére und die Oper Don Giovanni von Mozart.

Die vorliegende Arbeit richtet aber ihr Augenmerk nicht auf die Hauptfiguren wie Don Juan oder Don Gil, sondern auf die Nebenfigur des Gracioso. Dieser ist „el que dize gracias“, oder auch „el que en las Comedias y Autos tiene papel festivo y chistoso, con que divierte y entretiene“, und ist je nach Werk criado, lacayo, Bauer oder Hirte. Anstatt auf die Hauptfiguren richte ich mein besonderes Augenmerk auf die Nebenperson des gracioso, und zwar auf Petisco aus El condenado por desconfiado, Caramanchel aus Don Gil de las calzas verdes, Tarso aus El vergonzoso en palacio und Catalinón aus El burlador de Sevilla. Anhand ausgewählter Textpassagen aus den vier Dramen möchte ich das Typische dieser Nebenfigur und ihre Funktion im Drama erläutern und dadurch herausfinden, wie notwendig sie in den Werken des Tirso de Molina ist.

Anzumerken ist, dass in einigen Werken über den Gracioso im spanischen Barocktheater Catalinón auf Grund der Autorenfrage[1] nicht aufgezählt ist, ich habe mich auf die Literatur beschränkt, die El burlador de Sevilla auch wirklich Tirso de Molina zuschreiben.

2. Zur Person Tirso de Molinas und seiner Werke

Es gibt keine sicheren Angaben hinsichtlich der Biographie Tirso de Molinas, angenommen wird, dass er im Januar 1581 in Madrid geboren wurde. 1601 trat der dem Orden de la Merced im Konvent von Guadalajara bei und verstarb schließlich im Februar 1648, im Alter von 67 Jahren.

In Madrid kam Tirso de Molina in Kontakt mit den Werken des Lope de Vega, der dort agierte und der schon vor Molinas Eintritt in den Konvent sein großes Interesse am Theater weckte. Er war sein Leben lang der Meinung „de que el cultivo de las letras puede armonizarse con los fines más altos de la profesión religiosa“ .[2]

Nach Missionsaufenthalten in Santo Domingo kehrte er nach Spanien zurück, wo er unter anderem Theologie in Segovia unterrichtete und seine wohl bekanntesten Werke schrieb. Den wohl härtesten Schlag erhielt er, als die Junta de Reformación ihm 1625 ein Schreibverbot erteilte:

„Tratóse del escándalo que causa un fraile mercedario, que se llama el Maestro Téllez, por otro nombre Tirso, con comedias que hace profanas, y de malos incentivos y ejemplos. Y por ser caso notorio, se acordó que se consulte a su Majestad de que el confesor diga al Nuncio lo eche de aquí a uno de los monasterios más remotos de su religión, y le imponga excomunión latae sentidae para que no haga comedias ni otro género de versos profanos. Y esto se haga luego.“[3]

Nach einer Zwangszeit in Sevilla nahm Tirso das Schreiben wieder auf und veröffentlichte unter anderem El burlador de Sevilla. Durch seinen Freund und Lehrer Padre Molina, der 1630 zum catedrático de Folosofía moral in der Universtität von Salamanca ernannt wurde, wurde Tirso selbst 1632 zum definidor provincial von Castilla. Die 1630-1636 Jahre waren geprägt von großer Aktivität Tirsos, er schrieb unter anderem Don Gil de las calzas verdes, El vergonzoso en palacio und El condenado por desconfiado. Erneut wurde er strafversetzt, erst nach Cuenca und schließlich nach Soria.

Im Februar 1648 starb Bruder Gabriel Téllez im Konvent de Almazán, ohne seinen Traum noch einmal nach Madrid zurückzukehren verwirklichen zu können. „Los sueños sueños son“, lautet ein berühmter Vers Tirso de Molinas.

3. Die Figur des Gracioso im Theater des Mittelalters bis Lope de Vega

Tirsos großes Vorbild Lope de Vega schreibt, dass er seinem Stück La francesilla mit der Figur Tristan der Erschaffer eines neuen Types sei, des gracioso oder figura del donaire: “y repare en paso en que fue la primera en que se introdujo la figura del donaire, que desde entonces dio tanta ocasión a las presentes“.

Es gibt verschiedene Meinungen darüber, ob es nicht schon vor Tristan in La Francesilla die Figur des Gracioso im Theater Lope de Vegas gab. Anzunehmen ist, dass Tristan und jede andere Figur des Gracioso wohl ihren historischen Ursprung in den lateinischen Comedias von Terencia und Plauto haben, sowie in der italienischen Comedia und dem teatro prelopista aus Spanien.

Maria Santomauro zitiert in ihrer Arbeit „ El gracioso en el teatro de Tirso de Molina“ Maria Hesseler, die eine Liste von Charakteristika erstellt hat, die sowohl auf den römischen Sklaven in den Werken von Plauto passen, als auch auf den Gracioso von Lope de Vega:

1.Parodie der Haupthandlung
2. a) Beteiligung an der Handlung als treuer Ratgeber, ferner durch Verkleidung und dergleichen
b) ohne Anteilnahme an der Handlung
3. Realismus, Spott, Zynismus
4. Bildung, Kenntnisse der Antike
5. Vorwitz
6. Witzige Sprache besonders durch lustige Anekdoten, Wortspiele und Wiederholungen
7.Prahlerei und Feigheit
8. Kritik an den Frauen
9. Kritik an den Zeitverhältnissen
10. Habgier
11. Esslust[4]

Als einzige Person im Drama wird der Gracioso immer bei seinem Vornamen benannt und schon allein dadurch sein niedriger gesellschaftlicher Status verdeutlicht.

Seine Kleidung im Theater ist oftmals ein Narrenkostüm, der jeweiligen Situation und des Stückes angepasst, andere Protagonisten betonen oft die Lächerlichkeit seines Aussehens. Oft bittet der Gracioso seinen Herren auch um neue Kleidung als Belohnung. Selbst wenn er mit seinem Herren die Kleider tauscht, so bleibt er doch stets eine hässliche Figur, mal ist er zu dick, mal zu dünn, es fehlen ihm die Haare oder er verbreitet schmutzige Gerüche.

Wie auch die römischen Sklaven erzählt der Gracioso Anekdoten und Geschichten, macht sich lustig über die Bedeutung mancher Wörter und über seinen Eigennamen und die anderer Personen des Werkes.

Der Gracioso bei Lope und Vorgängern dient zum Einen der Belustigung des Publikums und zum Anderen der Dramenhandlung. Durch die Rolle der Narren konnte Gesellschaftskritik deutlicher gemacht werden, indem der Autor in der Lage war seine Meinung auf humorvolle Weise in die Handlung einzufügen, ohne direkt werden zu müssen. Auch die Tatsache, dass die Person des Gracioso eher hässlich war, konnte darüber hinwegtäuschen, dass der Autor eher die Haltung des Narren als die des Protagonisten einnahm und ihn somit zu seinem zum Sprachrohr machte.

4. Der Gracioso bei Tirso de Molina

Auf den Gracioso bei Tirso de Molina treffen die gleichen Charakterisitka zu wie bei Lope und Vorgängern.

Laut Charles David Ley verfolgt der Gracioso bei Tirso de Molina “rumbos más o menos convenciales(…). La figura no le importaba esencialmente, y la empleaba para sacar efectos más o menos inmediatos.“[5]

Doch er fügt zugleich hinzu, dass Tirso de Molina „hombre de un enorme genio“ ist, der Schöpfer eines Theater, „que realmente es más bien juego de espíritu y obra de la inteligencia (…) que el de sus antecesores y contemporáneos.[6] und obwohl er der Figur des Gracioso keine besondere Bedeutung zukommen lässt, bewegt er sie doch mit mehr Können, Detailreichtum und Brillanz wie kein anderer. Der Gracioso hat auch bei Tirso de Molina zwei verschiedene Funktionen: Einerseits dient er der Erheiterung des Publikums und andererseits fungiert er als Stimme des Autors und dient der Dramenhandlung.

Nach Christoph Strosetzki verdeutlicht der Gracioso „ a través de sus palabras y su mera existencia, una respuesta subversiva a la moral oficial y a la visión del mundo aceptada por su señor y por el público“.[7]

4.1. Gracioso als Element des Komischen

Strosetzki sieht den Gracioso auch als Element des Karnevalesken und legt vier Kriterien fest, anhand derer sich dies belegen lässt:

1) familiaridad: fronteras sociales son transpasadas por intenso contacto humano
2) excentridad: comportamiento sensual o corporal (…) llevado a extremos y pasa a ser obsceno y grosero
3) messaliance: acercamiento de lo alto y de lo bajo, del grande y del pequeño, del sabio y del tonto
4) profanación: desgrada lo sacro a través de la columnia, la parodia y la falta de respeto

Im Folgenden werden diese Kriterien immer wieder auftauchen und als weiteres Mittel dienen, die Funktion des Graciosos zu verdeutlichen.

[...]


[1] Ist El burlador de Sevilla wirklich Werk Tirsos oder ist er Andrés de Claramonte zuzuschreiben?

[2] Vergl. Xavier A. Fernández, Estudio Preliminar aus Las comedias de Tirso de Molina: estudios y metodos de crítica textual,.S.6

[3] S.o. S.7

[4] María Hesseler: Studien zur Figur des Gracioso bei Lope de Vega und Vorgängern. Hildesheim 1933, Franz Borgmeyer, S. 14

[5] Charles David Ley, El gracioso en el teatro de la peninsula, Revista de Occidente, Madrid 1954, S. 195

[6] S.o. , S.195

[7] Christoph Strosetzki, El gracioso como elemento de la carnavalización, Revista anthropos: Huellas de conocimiento, Nr.5, 1999, S. 42

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Typen und Funktion des Gracioso im Theater von Tirso de Molina
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Tirso de Molina
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V152764
ISBN (eBook)
9783640646838
ISBN (Buch)
9783640647125
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hauptseminararbeit enthält Originalzitate auf Spanisch.
Schlagworte
Romanistik, Literaturwissenschaft, Siglo de Oro, Spanisches Theater, Spanien, Barock
Arbeit zitieren
Sarah Pabst (Autor), 2008, Typen und Funktion des Gracioso im Theater von Tirso de Molina, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152764

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