Einzelnen Vokabeln können Leben und Erfahrung einen Akzent verleihen, der sie ihrem alltäglichen Sinn völlig entfremdet und ihnen einen Schreckensnimbus verleiht, den niemand versteht, der sie nicht in ihrer fürchterlichsten Bedeutung kennengelernt hat (DF, S. 13).
Dieser Stil, diese Technik, so hieß es, ließen keinen Ton zu, nicht einen, der nicht in der Gesamtkonstruktion seine motivische Funktion erfüllte (DF, S. 651).
Der Roman Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde gehört mit zu den bedeutendsten Werken Thomas Manns. Es ist die Geschichte des Komponisten Adrian Leverkühn, der, um in der Musik Neues zu schaffen, einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Mann selbst hat zwei Jahre vor seinem Tod geschrieben, dass der Doktor Faustus sein liebstes Werk sei:
Der Faustus-Roman ist mir am teuersten, einfach weil er mich am teuersten zu stehen gekommen ist, mich Herzblut gekostet hat, […] an diesem Buch hänge ich wie an keinem anderen. Wer es nicht mag, den mag ich sogleich nicht mehr.
Das Augenmerk dieser Untersuchung liegt auf der Verführung des Protagonisten Adrians durch den Teufel. Es wird sich herausstellen, dass, anders als in anderen vor Manns Roman erschienenen Faust-Dichtungen, der Teufel nicht nur in einer Figur anwesend ist, sondern sich dessen Präsenz leitmotivisch durch den ganzen Roman zieht. Diese Leitmotive gilt es zu untersuchen. Es sind eben die „einzelnen Vokabeln“ und die Töne, die allesamt „in der Gesamtkonstruktion ihre motivische Funktion erfüllen“ und den „Schreckensnimbus“ des Romans ausmachen.
Vor der Untersuchung der leitmotivischen Funktion der Teufelsfiguren in Doktor Faustus sollen die Herkunft und die Bedeutung des Leitmotivs als erzähltechnisches Mittel herausgestellt werden. So wird auf den spezifischen Gebrauch dieses dramatischen und zugleich epischen Mittels bei Richard Wagner einzugehen sein. Thomas Manns Werk ist geprägt von den ästhetischen und philosophischen Diskursen Richard Wagners, Friedrich Nietzsches und Arthur Schopenhauers. Insbesondere der Bezug auf Wagner und Nietzsche erscheint auf den ersten Blick erstaunlich, da Mann der ästhetischen Konzeption Wagners folgte, aber gleichzeitig Nietzsches Wagner-Kritik akzeptiert und in seinem Werk berücksichtigt hat. Vor allem Wagners Leitmotivtechnik, die als dramatisches Mittel für seine Opern konzipiert war, beeinflusste das Gesamtwerk Thomas Manns maßgeblich.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Leitmotiv
2.1. Das Leitmotiv bei Wagner
2.2. Nietzsche contra Wagner – Komposition als Demagogie
2.3. Thomas Mann zwischen Wagner und Nietzsche
2.4. Das Leitmotiv bei Thomas Mann
3. Die Teufelsfiguren in Doktor Faustus
3.1. Adrians Anfälligkeit für das Dämonische
3.2. Die Teufelsfiguren
3.2.1. Wendell Kretzschmar
3.2.2. Die Hallenser Studienzeit – Privatdozent Schleppfuß und Professor Kumpf
3.2.3. Hetaera Esmeralda
3.2.4. Der Auftritt des Teufels
4. Schlussbetrachtungen – Die leitmotivische Funktion der Teufelsfiguren in Doktor Faustus
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Untersuchung analysiert die leitmotivische Funktion der Teufelsfiguren in Thomas Manns Roman Doktor Faustus. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie das durch Richard Wagner geprägte Mittel des Leitmotivs von Thomas Mann adaptiert wird, um das Thema der Verführung des Protagonisten Adrian Leverkühn und die Verführbarkeit des deutschen Volkes darzustellen.
- Die Leitmotivtechnik in der Tradition Richard Wagners und deren Bedeutung für Thomas Mann.
- Die philosophische Auseinandersetzung zwischen den Ansätzen Wagners und Nietzsches im Werk Manns.
- Die textimmanente Analyse der verschiedenen Teufelsfiguren (Kretzschmar, Schleppfuß, Kumpf, Esmeralda) als Präfigurationen des Diabolischen.
- Die leitmotivische Verknüpfung von Musik, Krankheit, Genie und Teufelspakt im Hinblick auf das deutsche Schicksal.
Auszug aus dem Buch
3.1. Adrians Anfälligkeit für das Dämonische
Die späteren Teufelsszenerien werden schon in den ersten Kapiteln vorbereitet, indem bereits in der Darstellung von Adrians Jugendjahren hervorgehoben wird, wie leicht er sich verführen lässt. Dieses leitmotivische Vorbereiten auf die später auftauchenden Teufelsfiguren und –helfer soll anhand der Beispiele von Adrians Geburtsstadt Kaisersaschern, den Experimenten von Adrians Vater Jonathan und dem Hofhund Suso verdeutlicht werden. Die fiktive Stadt Kaisersaschern steht in erster Linie für Deutschland. Neben dieser Bedeutung wird offenbar, dass die Stadt Kaisersaschern aufgrund ihrer Geschichte und ihrer Bewohner den Hang des jungen Adrians zum Diabolischen und Dämonischen evoziert. So heißt es etwa von Seiten des Erzählers, dass, auch wenn die Bewohner friedliebend seien, man sich ruhig hätte denken können,
daß plötzlich eine Kinderzug-Bewegung, ein Sankt-Veits-Tanz, das visionär-kommunistische Predigen irgendeines ‚Hänselein’ mit Scheiterhaufen der Weltlichkeit, Kreuzwunder Erscheinungen und mystischem Herumziehen des Volks hier ausbräche (DF, S. 52).
Die Bewohner von Kaisersaschern sind von Natur aus leicht verführbar und haben einen Hang zum Diabolischen, wie die Anspielung auf den Teufel („Sankt-Veits-Tanz“) deutlich macht. Es ist die Rede von einem „Typus von ‚altem Weib’“, der „zu gewissen Zeiten ohne weiteres im Verdachte des Hexentums“ gestanden haben könnte, so dass Adrian Leverkühn und der Erzähler und Adrians Jugendfreund Serenus Zeitblom in einer vom Dämonischen geprägten Stadt aufwachsen (DF, S. 53). Später sagt Zeitblom, dass Kaisersaschern „die Stadt der Hexen und Sonderlinge“ (DF, S. 114) sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf die Untersuchung der Teufelsverführung im Roman und stellt die zentrale Bedeutung der Leitmotivtechnik heraus.
2. Das Leitmotiv: In diesem theoretischen Teil wird die Herkunft der Leitmotivtechnik bei Wagner analysiert, Nietzsches Kritik daran beleuchtet und Thomas Manns Synthese aus beiden Positionen untersucht.
3. Die Teufelsfiguren in Doktor Faustus: Das Hauptkapitel interpretiert die verschiedenen Teufelsfiguren und deren Rolle bei der leitmotivischen Vorbereitung von Adrians Pakt.
4. Schlussbetrachtungen – Die leitmotivische Funktion der Teufelsfiguren in Doktor Faustus: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und deutet die leitmotivische Struktur als Spiegelung des deutschen Schicksals und der historischen Verführbarkeit.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Doktor Faustus, Leitmotiv, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer, Teufel, Dämonie, Adrian Leverkühn, Motivgewebe, Symbolkonstituierung, Deutschland, Mythos, Musik, Verführbarkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die leitmotivische Konstruktion des Teuflischen und Dämonischen in Thomas Manns Roman Doktor Faustus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Anwendung der Leitmotivtechnik nach Richard Wagner, die philosophische Dialektik zwischen Nietzsche und Wagner sowie die Darstellung des deutschen Schicksals durch die Figur Adrian Leverkühn.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll analysiert werden, wie die Teufelsfiguren leitmotivisch als Instrumente der Verführung fungieren und wie sie den Pakt Adrians mit dem Teufel im Roman vorstrukturieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textimmanente Analyse der erzählerischen Strukturen sowie eine wissenschaftliche Untersuchung der Literaturgeschichte und der philosophischen Grundlagen (insbesondere Schopenhauer und Feuerbach).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Teufelsfiguren, von Kretzschmar und Schleppfuß bis hin zu Esmeralda, sowie deren Funktion innerhalb des komplexen Motivgefüges des Romans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Leitmotiv, Teufelspakt, Deutschlandroman, musikalische Demagogie und Dämonologie charakterisiert.
Warum spielt die Stadt Kaisersaschern eine wichtige Rolle?
Kaisersaschern dient als fiktiver Raum, der durch seine Geschichte und Atmosphäre den Hang des Protagonisten Adrian zum Diabolischen und Dämonischen von Beginn an fördert.
Welche Funktion hat die Figur der Hetaera Esmeralda?
Esmeralda verkörpert den Sündenfall und die sexuelle Komponente der Verführung; sie ist das „Dämonische schlechthin“, durch deren Infizierung Adrian seine geniale, aber verhängnisvolle produktive Kraft gewinnt.
Ist der Teufel im Roman als reale Person zu verstehen?
Die Arbeit lässt offen, ob der Teufel als eigenständige Person auftritt oder als Hirngespinst aufgrund der Krankheit Adrians; sie betont jedoch, dass der Teufel leitmotivisch als ständiger Begleiter präsent ist.
- Quote paper
- Patrick Trapp (Author), 2009, Thomas Mann - Doktor Faustus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152781