Das Tagebuch "Eulalio Ceballos Suárez"

Eine Analyse des empathielenkenden Potentials der narrativen Strukturen innerhalb des Kapitels die zweite Niederlage: 1940 des Romans "Die blinden Sonnenblumen"


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Empathielenkung
2.1. Empathie, Mitleid, Sympathie
2.2. Ebene des epischen Berichts (E1)
2.3. Ebene der persönlichen Erzählinstanz (E2)
2.4. Ebene der Figurenrede (E3) S

3. Die blinden Sonnenblumen – zweite Niederlage: 1940
3.1. Der Herausgeber (E2
3.2. Das Tagebuch (E3)
3.2.1. Das Empathiepotential
3.2.2. Die Steuerung des Mitleids
3.2.3. Wirkt Eulalio Ceballos Suárez sympathisch?

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Innerhalb Alberto Méndez' Roman Die blinden Sonnenblumen, der von vier verschiedenen furchtbaren Schicksalen während des spanischen Bürgerkriegs berichtet, sticht insbesondere die zweite Niederlage: 1940 hervor. Méndez' Geschichte des jungen Dichters, der bei dem Versuch vor der franquistischen Armee zu fliehen sowohl seine Frau als auch seinen Sohn verliert und dies in einem Tagebuch festhält, scheint eine besondere Wirkung auf den Leser zu haben und galt in den Rezensionen des Romans mitunter als „emotional schwer auszuhalten.“[1] Doch woher nimmt diese Geschichte ihre emotionale Wirkung? Verursacht die narrative Struktur des Textes, der die Situation des jungen Mannes in gewisser Weise ungefiltert dem Leser präsentiert, die starke emotionale Rezeption? Um dieser Frage nachzugehen, befasse ich mich mit der Empathielenkung innerhalb des Werks und werde in der Analyse darstellen, wie der Text die Rezeption des Lesers zu steuern versucht. Von einer Analyse der anderen Erzählungen innerhalb Alberto Méndez' Roman möchte ich im Rahmen dieser Hausarbeit absehen.

In einem ersten Schritt werde ich auf die Theorie der textimmanenten Empathielenkung eingehen. Ich greife dafür auf ein von Verena Barthel ausgearbeitetes Modell zur Untersuchung rezeptionslenkender Strukturen zurück. Nach einem kurzen Überblick über die grundlegenden Annahmen zur Empathielenkung innerhalb der Literatur, werde ich Verena Barthels Analysemodell vorstellen, mit dem ich im Anschluss daran das Kapitel die zweite Niederlage: 1940 aus Die blinden Sonnenblumen auf ihre empathielenkenden Strukturen untersuchen werde. Abschließend möchte ich in meiner Schlussbetrachtung auf die gewonnenen Erkenntnisse meiner Hausarbeit eingehen.

2. Empathielenkung

Der folgende Abschnitt meiner Beobachtungen befasst sich mit der Thematik der Empathielenkung in literarischen Texten, die danach fragt, wie das literarische Werk die Empfindung von Empathie, Mitleid und Sympathie gegenüber den Figuren steuert. Bereits innerhalb der Poetik setzt sich Aristoteles mit der Lenkung von Rezipientenempathien auseinander. Die Tragödie sollte beim Publikum „Jammer“ und „Schaudern“ hervorzurufen (Mitleid und Furcht), wodurch es zur seelischen Reinigung des Publikums kommt[2]. Schon in der antiken Tragödie wurde also bewusst die Empathie des Publikums gegenüber der Figur gelenkt, um die katharsis zu bezwecken.

Empathie, Mitleid und Sympathie sind demnach nicht einfach für literarische Figuren vorgegeben. Sie ergeben sich vielmehr aus narrativen Strategien, die der Autor nutzt, um die Empfindung des Rezipienten gegenüber der Figur zu steuern. Das Konzept der Empathielenkung bezieht sich dementsprechend auf die Rezeption der intendierten Wirkung des Textes auf seine Leser[3]. Aus diesem Rezeptionsbezug der Empathielenkung heraus ergibt sich die methodische Frage, wie und wo der Rezipient zu greifen, sowie der Prozess der Empathielenkung zu sehen ist. Die Frage nach der Empathielenkung literarischer Texte untersucht das Wirkungspotential des Werkes auf einen im Text implizierten, innertextuell greifbaren Rezipienten[4]. Empathie, Mitleid und Sympathie sind als Intentionen des Textes zu verstehen, die ein idealer, werkimmanenter Rezipient mit hoher Wahrscheinlichkeit verstehen und übernehmen könnte. Da sich ihre Lenkung und Förderung aus dem erzählerischen Strukturen und Techniken des literarischen Textes heraus ergeben, bilden das Werk und seine narratologische Untersuchung den Hauptbestandteil dieses Ansatzes.

2.1. Empathie, Mitleid, Sympathie

Innerhalb der Betrachtung empathielenkender Strukturen narrativer Texte erscheint es sinnvoll, zunächst Empathie, Mitleid und Sympathie zu definieren, da deren Lenkung und Förderung innerhalb dieser Hausarbeit betrachtet werden soll.

Empathie (ein Kunstbegriff der gleichbedeutend ist mit Einfühlung), bezeichnet „die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Erlebensweise anderer Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühls- und Stimmungslage nachzuempfinden“[5]. Die Grundbedingung für dieses Nachempfinden ist, dass eine Person um die Bewusstseinsinhalte der anderen Person weiß, die zur Einstellung führt, die nachempfunden werden soll. Hierbei ist es wichtig anzumerken, dass der Begriff der Empathie keine Wertschätzung der anderen Person und deren Bewusstseinsinhalte umfasst, sondern lediglich das Verstehen des Verhaltens meint[6].

Mitleid meint „das Erleben von Leid, Schmerz und Not anderer wie eigenes Erleiden, das sich in tätiger Hilfe, Nachsicht und Rücksichtnahme gegenüber dem Leidtragenden äußert“[7]. Es bildet insofern eine Sonderform der Empathie, weil das Leid als Bewusstseinsinhalt nicht nur verstanden, sondern als schlimm empfunden und mitgetragen wird. Mitleid ist jedoch nicht immer gleich. Kontextabhängig kann sich Mitleid unterschiedlich ausgestalten und ist Teil einer subjektiven Einschätzung. Bei unverdient empfundenen Leid wird ein moralisch legitimiertes Mitleid empfunden, während ein oberflächlich erscheinendes Leid ein affektives Mitleid erzeugt. Verdient erscheinendes Leid generiert hingehen Schadenfreude bzw. rational verweigertes Mitleid[8].

Auch Sympathie erscheint als eine Sonderform der Empathie. Sie bezeichnet „im weiteren Sinn die Zuneigung und das positive Gefühl eines Menschen gegenüber einem Mitmenschen […]; im engeren Sinn Zustimmung, die auf einem ein- und nachfühlenden Erleben (Empathie) der gefühlsmäßigen Einstellung eines anderen beruht[...]“[9]. Sie benötigt also die positive Wertschätzung der Einstellung des Gegenübers, die durch das Verstehen der Bewusstseinsinhalte dieser Person ermöglicht wird.

2.2. Ebene des epischen Berichts

Die Ebene des epischen Berichts befasst sich mit dem Bericht eines unpersönlichen, allwissenden Erzählers[10], bzw. dem Kommunikationsniveau zwischen den unpersönlichen sendenden und den empfangenden Personen[11]. Hierbei lassen sich empathie-, mitleid- und sympathielenkende Techniken gut voneinander unterscheiden und getrennt betrachten.

[...]


[1] Katharina Grazin: „Lebendig begraben“. In: die tageszeitung vom 19.12.2005 (online abrufbar unter http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/12/19/a0166), o. S.

[2] Vgl. Aristoteles: Poetik. Griechisch/ Deutsch. Übersetzt von Manfred Fuhrmann. Ditzingen 1982, S. 19

[3] Vgl. Manfred Pfister: „Zur Theorie der Sympathielenkung im Drama“. In: Werner Habicht / Ina Schabert (Hg.): Sympathielenkung in den Dramen Shakespeares. München: 1978. S. 21ff

[4] Vgl. ebd., S. 25

[5] Brockhaus. Enzyklopädie in 30 Bänden. 21. Auflage. Mannheim 2006. Band 8, S. 22

[6] Vgl. Barthel, Verena: Empathie, Mitleid, Sympathie . Rezeptionslenkende Strukturen mittelalterlicher Texte in Bearbeitung des Willehalm-Stoffs. Berlin 2008. S. 31ff

[7] Brockhaus (2006), Band 18, S. 560

[8] Vgl. Barthel (2008), S. 33ff

[9] Brockhaus (2006), Band 26, S. 732

[10] Vgl. Barthel (2008), S. 60

[11] Vgl. Fieguth, Rolf: „Zur Rezeptionslenkung bei narrativen und dramatischen Werken“. In: Sprache im technischen Zeitalter 47 (1973). S. 186

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Tagebuch "Eulalio Ceballos Suárez"
Untertitel
Eine Analyse des empathielenkenden Potentials der narrativen Strukturen innerhalb des Kapitels die zweite Niederlage: 1940 des Romans "Die blinden Sonnenblumen"
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Spanische Literatur der Gegenwart
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V152990
ISBN (eBook)
9783640648887
ISBN (Buch)
9783640648979
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spanische Gegenwartsliteratur, Die blinden Sonnenblumen, Emotionslenkung in der Literatur
Arbeit zitieren
Dennis Zagermann (Autor:in), 2010, Das Tagebuch "Eulalio Ceballos Suárez", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152990

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Tagebuch "Eulalio Ceballos Suárez"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden