Das Verhältnis zwischen dem Ersten und Zweiten Testament

Eine allgemeine Einführung in die theologische Ethik des Ersten Testaments


Seminararbeit, 2005
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2.0. Beispiele für missverstandene Perikopen
2.1. Die Zehn Gebote
2.2. Das Talionsgesetz
2.3. Die Fluch- und Rachepsalmen

3. Die Pluralität der Bibel

4. Die Ethik Gottes im Neuen Testament

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

Hinter der Formulierung „Theologische Ethik im Ersten Testament“ verbirgt sich die Frage nach einer möglichen Unterscheidung zwischen dem alttestamentlichen und dem neutestamentlichen Gott anhand einer Betrachtung von dessen ethischen Handeln in beiden Testamenten. Beim Überfliegen der beiden Testamente mag mancher Leser den Eindruck eines Gegensatzpaares entwickeln: auf der einen Seite glaubt er beim Ersten Testament (ET) einem gesetzesbewussten, strengen, komplizierten Gott zu begegnen, der den Sünder blutigst niederschlägt. Auf der anderen Seite des Zweiten Testaments (ZT) dagegen sieht der Leser einen Protagonisten für das Herzliche und einen Überwinder von rechtlichen Spitzfindigkeiten, der als liebender Vater dem Sünder mit offenen Armen entgegenläuft. Dadurch kann sich sicherlich die Frage aufdrängen, ob beim Wechsel vom Ersten Testament zum Zweiten Testament nicht verschiedenartige moralische und ethische Auffassungen Gottes aufgezeigt werden. Dies hieße damit nichts anderes, als dass Jesus eine neue Gottesethik gepredigt habe!

Eine solche Sichtweise ist durchaus nicht ungewöhnlich, findet man doch selbst in seriös wirkender Literatur genau dasselbe Bibelverständnis. So schreibt beispielsweise der Wissenschaftsjournalist Hans Maduk:

„Bittere Zweifel am Alten Testaments hegen jene, die in ihm auf der Suche nach dem gütigen und weisen Großvater sind. Sie vermissen das mütterliche und den durchgreifenden Trost, das Menschliche, Herzliche. […] Den von Zweifeln geplagten Suchenden sei als Trost mit auf dem Weg gegeben, dass das Alte Testament zwar von Werken, Gesetzen und Opfern spricht, mit denen man Gott gefallen kann; das Neue Testament aber redet von Christus als einzigem Weg, auf welchem dem Menschen Rettung zuteil wird. […] Wer beim Lesen des Alten Testaments Hemmungen empfindet und seinen Weg zu Gott erschwert sieht, denn wer mag schon einen blutbesudelten Jahwe lieben, der lasse es beiseite und nehme das Neue Testament zur Hand.“[1]

Selbst während meines Studiums an einer amerikanischen Bibelschule (!) wurde von einigen Lehrkräften eine solche Vorstellung vermittelt. Diese Bibelakademie ging z.T. von dem hermeneutischen Grundsatz aus, dass das Erste Testament vollständig spiritualisierend, allegorisch und typologisch auf Christus ausgelegt werden müsse, u.a. mit dem Verweis auf 2 Kor 3, 15f.: „Bis heute liegt, wenn Mose vorgelesen wird, eine Hülle auf ihrem [der Juden] Herzen. Sobald sich aber jemand zum Kyrios hinwendet, wird die Hülle weggenommen.“

Der Meinung einiger theologischer Lehrkörper zufolge stellte das ET eine Art „Kontrast-“, „Selektions-“ oder „Relativierungsmodell“[2] zum ZW dar, weshalb es ihnen nicht verwunderlich erschien, dass Gott nach Jesu Kreuzessühne vermeintlich andere Einstellungen zu Tage kommen ließ. Die Lehrer würden dabei wahrscheinlich von einem „linearen Offenbarungsevolutionismus“[3] sprechen.

Meiner Meinung nach hatten diese Lehrkörper insofern recht, als dass es im ET tatsächlich einige sehr blutige Passagen gibt - man denke dabei nur an die von Jahwe autorisierten Vernichtungskriege gegen die alteingesessenen Völker des Gelobten Landes im Buch Exodus.

Aber: Völlig außer acht gelassen wurde bei dieser Beschreibung nicht nur, dass manche neutestamentliche Passage ebenfalls einen recht blutrünstigen Charakter innehat. Gleichzeitig wurde der Umstand übergangen, dass das ET ebenfalls einen gnädigen, barmherzigen Gott präsentiert.

Die Darstellung der Bibelschule ist somit in dem Sinne total einseitig, als dass sie die Ambivalenz der Gottesdarstellungen (Plural!) in beiden Testamenten übersieht.

Man könnte zwar gegen die christliche Vorstellung von einem unbarmherzigen Droh- und Rachegott der Juden den einfachen logischen Einwand ins Feld führen, dass weder heute ein ganzes Volk von Juden noch damals der „schriftgemäße“ Jesus samt seinen Zeitgenossen an einem dermaßen schlimmen Willkürrichter hängen und ihn verehren würden. Doch ist leider zu befürchten, dass mit dieser Argumentation nicht viel gewonnen wäre: Dieses rein vernunftbedingte Gegenargument ließe selber nämlich unberücksichtigt, dass Menschen gerade auf Grund von religiösen Überzeugungen oftmals physisch wie psychisch ungesunde Lasten auf sich nehmen. Dazu könnte man z.B. überzeugte Mormonen zählen, deren Glauben Bluttransfusionen und Operationen verbietet. Der Einwand, dass Menschen sich keinen belastenden Gott aufbürden würden, ist damit im Hinblick auf die Wirkmächtigkeit des Glauben hinfällig.

Der Versuch der vorliegenden Hausarbeit soll deshalb darin bestehen, anhand der Exegese einiger ausgewählter alttestamentlicher Passagen die positiven Charakterzüge Jahwes zu beleuchten. Wenn wir das so nicht wahrnehmen, dann liegt dies m. E. in unserem selektiven oder fehlenden Wissen um Bibel und jüdische Kultur.

2.0. Beispiele für missverstandene Perikopen

2.1. Die Zehn Gebote

Ein anschauliches Beispiel für sich völlig kontrastierende Wahrnehmungen bieten die verschiedenen Rezeptionsweisen der Zehn Gebote, auch „Dekalog“ genannt.

In der christlichen Glaubensunterweisung wurden die Zehn Gebote bisher oftmals so behandelt, als ob es sich um zehn Plagen handeln würde.[4] Die Gründe für dieses negative Verständnis fallen unterschiedlich aus: Wenn Jesus, der Christus, beispielsweise in der Exegese der Paulinischen Briefe oftmals als Gegensatz zum Gesetz gesehen wird[5], dann liegt der (freilich äußerst oberflächliche) Analogieschluss nicht weit, sich ebenfalls von den Zehn Geboten als eine schlupflochlose Liste von Gesetzen, als eine sehr konzentrierte Form von Gesetz zu distanzieren. Da man außerdem den Begriff „Gebot“ oftmals im juridischen Kontext verwendet, schwingt nach deutschem Sprachempfinden bereits in der Bezeichnung „Gebot“ ein Klang von Verbot und Einschränkung mit. Man „gebietet“ schließlich nur etwas im Rahmen einer Befehlserteilung von oben herab. Der kasuistische Eindruck wird sprachlich noch durch die unpersönliche und imperativische Soll- Satzung eines jeden Gebots weiter ausgebaut, so dass der Dekalog letztlich wie ein Katechismus von kompromisslosen Moralgesetzen wirkt.

Der bloße Wortlaut stimmt jedoch nicht mit dem eigentlichen Sinn überein. Um die jüdische Sichtweise über den Dekalog nachvollziehen zu können, muss er aus einer heilsgeschichtlichen Perspektive betrachtet werden. Die Zehn Gebote sind nämlich innerhalb der Befreiungsgeschichte des jüdischen Volks überliefert.[6] Vor der Übergabe der Gebote stellt sich JHWH als der Gott vor, der die Angesprochenen aus der Knechtschaft Ägyptens befreit hat:

„Ich bin JHWH, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägyptens, aus dem Haus der Sklaverei“

(meine Übersetzung von Ex 20, 2; Dtn 5,6).

Dieser Eröffnungsvers ist nach christlicher Auffassung die Einleitung des Dekalogs, quasi der erste Teil der Perikope. Deshalb separiert man ihn von der Auflistung der Gebote, welche als ein zweiter, abgesonderter Teil angesehen wird. Im jüdischen, talmudischen Verständnis dagegen stellt der Eröffnungsvers bereits - trotz des Fehlens der sonst typischen Soll- Satzung - das erste Gebot dar, damit auf jeden Fall die Zusammengehörigkeit aller Verse herausgestellt wird. Diese unterschiedlichen Wertungen des Eröffnungsverses bedingen die Weichen zum Verständnis des Dekalogs: Bezieht man den Eröffnungsvers nicht aktiv in den Dekalog mit ein (wozu die christliche Variante von zwei Teilen verleitet), dann erkennt man nicht, dass die Gebote von den Juden auf dem Hintergrund einer Errettung, einer Erlösung aufgefasst werden.

Indem man den Dekalog historisch-situativ liest, d.h. indem man versucht, sich in die damalige geschichtliche Situation des jüdischen Volkes hinein zu versetzen, könnte man das mit dem Dekalog einhergehende Glücksgefühl gut nachvollziehen.

Angenommen, man selbst wäre in einer Fremdbestimmung versklavt, würde zu unerträglicher Fronarbeit gezwungen, die erst mit einem brutalen Tod endete, hätte nicht ausreichend Nahrung und müsste miterleben, wie die eigenen Kinder ermordet würden, dann könnte man die Not und Verzweiflung des jüdischen Volks zu Zeiten dessen Aufenthalts in Ägypten spüren. Und erst dann könnte man realisieren, was für eine Loslösung die Israeliten empfunden haben müssen, als ihr Gott in das Geschehen eingriff und sie mit starker Hand aus diesem Leid führte, womit er ihnen ihre Selbstbestimmung, ihre Familien und ihr Leben zurückgab.

Dieses Ereignis stellt einen fundamentalen Einschnitt in das Selbstverständnis des gesamten jüdischen Volkes dar, weshalb man beim jährlichen achttägigen (!) Pessachfest alles auf die Vergegenwärtigung des damals Geschehenen anlegt: „Jeder ist in jedem Alter und Geschlecht verpflichtet, sich so zu betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen.“[7] Denn, wie die Pessach- Haggada ausführt, „[…] nicht unsere Vorfahren allein hat der Heilige, gepriesen sei Er, erlöst, sondern mit ihnen hat er auch uns erlöst.“

Auf dem Hintergrund einer Befreiung erhalten die Gebote einen weitaus liberaleren Charakter, was gerade Christen nachempfinden könnten, eifern doch viele von ihnen nach der Amnestie von ihren Sünden um eine Jesusnachfolge durch die Umsetzung des (Liebes-) Gebots Christi.

[...]


[1] Vgl. MADUK, Hans: „Tod ohne Moral. Gott Jahwe und Prophet Ezechiel“, Düsseldorf 1986, S. 90- 92.

[2] Vgl. ZENGER, Erich: „Einleitung ins Alte Testament“, 4. Aufl. Stuttgart 2001, S. 17.

[3] Vgl. ZENGER, Erich: „Ein Gott der Rache?“, Freiburg im Breisgau 1994, S. 37.

[4] Vgl. LENZEN, Verena: „Die Zehn Gebote im Rahmen theologischer Ethik“; in: Welt und Umwelt der Bibel (Nr. 17): „Die Zehn Gebote“; Stuttgart 2000, S. 64.

[5] Vgl. z.B. Röm 7, 1-6 oder 10, 4, wo Jesus als „Ende des Gesetzes“ dargestellt wird. Sofern nicht anders angegeben, zitiere ich die Bibel nach der Einheitsübersetzung.

[6] Vgl. LOHFINK, Norbert: „Bibelauslegung im Wandel“, Frankfurt am Main 1967, S. 150- 157.

[7] Vgl. BAUMANN, Arnulf (Hrsg.): „Was jeder vom Judentum wissen muss“, 8. Aufl.

Gütersloh 1983, S. 72f. und 84f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis zwischen dem Ersten und Zweiten Testament
Untertitel
Eine allgemeine Einführung in die theologische Ethik des Ersten Testaments
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Katholische Fakultät)
Veranstaltung
„Geh also! Ich bin mit deinem Mund” – Einführung in die alttestamentliche Prophetie und die Methoden der Exegese
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V153534
ISBN (eBook)
9783640656912
ISBN (Buch)
9783640656967
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erste Testament, Zweite Testament, Zehn Gebote, Dekalog, Talionsgesetz, Rachepsalmen, Offenbarungsevolutionismus
Arbeit zitieren
Dipl. theol. Peter Hubertus Erdmann (Autor), 2005, Das Verhältnis zwischen dem Ersten und Zweiten Testament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/153534

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