„International Society Constructivism“ oder „Not All the Way Down“? - Konstruktivistische Elemente in der Englischen Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Uberblick Englische Schule

2. Uberblick Konstruktivismus

3. Der Versuch eines Vergleichs
3.1 Epistemologie und Methodologie
3.1.1 Epistemologie und Methodologie der Englische Schule
3.1.2 Epistemologie und Methodologie des Konstruktivismus
3.1.3 Vergleich der epistemologischen und methodologischen Aussagen
3.2 Ontologische Annahmen der beiden Ansatze

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Derzeit erlebt die Befassung mit Normen, Ideen und Identitaten in der Disziplin der Intemationalen Beziehungen eine nie dagewesene Aufmerksamkeit. Lange wurde die Disziplin der Intemationalen Beziehungen[1] von rationalistischen Ansatzen dominiert. Sowohl neorealistische als auch neoliberale und neoinstitutionalistische Theorien erklarten die sozialen Dimension in der intemationalen Politik fur irrelevant oder sehen in zwischenstaatlichen Kooperationen und Vereinbarungen nicht viel mehr als das strategische Verfolgen eigener vorgegebener Interessen. Spatestens in den 1990er Jahren wurde dieses rationalistische Paradigma unter großer Aufmerksamkeit von konstruktivistischen Ansatzen herausgefordert. Aus dieser Perspektive werden die intemationalen Beziehungen als etwas zutiefst soziales betrachtet. Identitaten und Interessen der Akteure werden als etwas gesehen, was erst diskursiv erzeugt und maßgeblich von intersubjektiven Regeln, Normen und Institutionen bestimmt wird (Reus-Smit 2002: 488). Dabei wird jedoch oft ubersehen, dass es mit der Englischen Schule bereits fruher eine Forschungsrichtung gab, welche sich durchaus mit der Bedeutung von Normen in den intemationalen Beziehungen beschaftigte. Ihre Vertreter hatten sich nie dem „amerikanischen“ Rationalismus verschreiben und stattdessen die soziale Dimension der intemationalen Beziehungen betont (Reus-Smit 2002: 488). In diesem Sinne kann man auch die Wiederentdeckung der Englischen Schule interpretieren. Nachdem sie bereits wahrend der 1980er Jahre beinahe in Vergessenheit geriet, finden sich erst in den 1990er Jahren wieder vermehrt Beitrage, welche sich mit ihr beschaftigen (Daase 2006: 243).

Die Verwandtschaft zwischen der Englischen Schule und dem Konstruktivismus ist keinesfalls unbemerkt geblieben. So findet sich beispielsweise bei Gert Krell in einem Uberblick Kapitel uber den Konstruktivismus die Aussage:

„Etwas ketzerisch fuge ich hinzu, dass es auch in den IB immer schon konstruktivistisches Denken gegeben hat, nur hat man das fruher nicht so genannt. So konnte man sagen, die 'englische Schule' habe den Konstruktivismus vorweggenommen“ (Krell 2004: 347).

Auch die Haußgkeit, mit der sich Vertreter beider Richtungen in Beitragen mit dem jeweils anderem Lager befassen, ist auf die Nahe beider Ansatze zuruckzufuhren. Zahlreiche Beitrage von den neuen Vertretern der Englischen Schule, wie Tim Dunne, Barry Buzan, Richard Little oder Higemi Suganami, versuchen die gegenseitige Anschlussfahigkeit beider Traditionen auszuloten und/oder auf die Vorreiterrolle der Englischen Schule fur den Konstruktivismus hinzuweisen. Ebenso beschaftigen sich auch prominente Vertreter des Konstruktivismus mit der Englischen Schule. Dabei geben sich die Konstruktivisten der Englischen Schule durchaus wohlgesonnen. Exemplarisch hierfur das Bekenntnis Finnemores: „Like many American constructivists, I am an admirer of English School scholarship and have found it extremely helpful in my own work.“ (Finnemore 2001: 509). Trotz derartiger Sympathiebekundungen mangelt es von konstruktivistischer Seite nicht an Kritik an den Ansatzen der klassischen Englischen Schule, beziehungsweise ihren neuen Vertretern. Sei es, weil sie den konstruktivistischen Pfad nicht zu Ende gegangen seien (Adler 2005: 171) oder weil es ihnen an Klarheit uber ihre methodischer und theoretischer Annahmen fehle, wodurch es Wissenschaftlern außerhalb der Englischen Schule schwer gemacht wurde, Anknupfungspunkte zu finden (Finnemore 2001: 509).

Unter den neuen Vertretern der Englischen Schule wird die Nahe zum Konstruktivismus unterschiedlich gesehen. Am weitesten geht Tim Dunne, fur ihn hat der Konstruktivismus „a longer history in International Relations44, welche er mit der Englischen Schule beginnen lasst (Dunne 1995: 372). Er geht so weit, dass er fur die Englische Schule die Bezeichnung international society constructivism44 (Dunne 1995: 379) verwendet und spricht von „classical constructivists like Bull44 (Dunne 1995: 384). Zustimmung findet die Position, den Konstruktivismus bereits fruher zu verorten, auch bei dem Konstruktivisten Alexander Wendt. So außert sich Wendt, dass, auch wenn die Englisch Schule sich nicht explizit mit der Identitatsbildung von Staaten befasse, sie doch das international System als eine Gemeinschaft sehe, welche von geteilten Werten bestimmt werde. Er nennt namentlich Tim Dunnes Argumentation uberzeugend und stimmt ihm darin zu, dass die Englische Schule „a forerunner of contemporary constructivist IR theory44 sei (Wendt 1999: 31). Auch sieht er, dass bereits in der Nachkriegszeit wichtige konstruktivistische Ansatze fur die international Politik von Karl Deutsch, Ernst Haas und Hedley Bull vorangetrieben wurden (Wendt 1999: 3). Wendt platziert die Englische Schule in seiner Matrix der Theorien der Internationalen Beziehungen als eine von vier Schulen in dem Holismus/Idealismus Quadranten und nennt die dort verorteten Ansatze allesamt konstruktivistisch (Wendt 1999: 31f).

Ist die Englische Schule also einfach eine fruhe Variante des Konstruktivismus, wie Dunne und Wendt argumentieren? Das sich hier stellende Problem ist, was uberhaupt die Englische Schule aussagt und welche Voraussetzungen ein Ansatz erfullen muss, um „konstruktivistisch“ genannt werden so konnen. Je nach Auffassung kommt man auch bei der Frage nach dem Verhaltnis zwischen der Englischen Schule und dem Konstruktivismus zu ganz unterschiedlichen Schlussen.

Der wohl differenzierteste Beitrag in der Debatte stammt von dem Konstruktivisten Christan Reus-Smit, der das Problem eines vorurteilsbehafteten „dialogue of stereotypes" zwischen den Vertretern beider Schulen feststellt. Wahrend er anerkennt, dass beide Seiten viele Gemeinsamkeiten teilen, beruht fur ihn ein Großteil der beidseitig betonten Nahe auf einer verzerrten gegenseitigen Wahrnehmung, bei der allzu oft bewusst und unbewusst in der anderen Seite nur das gesehen wurde, was einem selbst gelegen erscheine (Reus-Smit 2002: 489f). Fur ihn ist der erste Schritt fur ein besseres gegenseitiges Verstandnis, „to recognise the inherent complexity and diversity of both constructivism and the English School“ (Reus- Smit 2002: 492)[2]. Dem Ratschlag, zunachst die innere Komplexitat und Diversitat beider Ansatze anzuerkennen, soll hier gefolgt werden. Die Vielzahl der unterschiedlichen Vorstellungen, fur die Wissenschaftler die Namen der beiden Ansatze verwenden, fuhrt zu einer Unubersichtlichkeit und letztendlich zur Unmoglichkeit, die beiden Ansatze jeweils allgemeingultig zu bestimmen. Wurde man versuchen, den Konstruktivismus mit der Englischen Schule zu vergleichen, stunde man vor der Aufgabe, zwei Puddings ubereinander an die Wand zu nageln.

Um eine Behauptung, wie die von Gert Krell, nach dessen Ansicht man sagen konnte, „die 'englische Schule' habe den Konstruktivismus vorweggenommen" (Krell 2004: 347) zu uberprufen, soll hier danach gefragt werde, in welchem Umfang bereits bei den Grundern der Englischen Schule konstruktivistische Elementen vorhanden waren. Aufgrund der eben angesprochenen Uneindeutigkeit, ist es hierfur notwendig, verschiedene Lesarten des Konstruktivismus vorzustellen. Ohnejedoch eine Wertung daruber abzugeben, was denn das richtige Verstandnis des Konstruktivismus ist, soll dies vielmehr aufzeigen, auf welchen unterschiedlichen Verstandnissen der konstruktivistischen Perspektive die verschiedenen Beurteilungen uber das Verhaltnis zur Englischen Schule beruhen. So soll am Ende etwas mehr Klarheit in das Verhaltnis zwischen Englischer Schule und Konstruktivismus gebracht und die Frage geklart werden, ob die Wissenschaftsgeschichte des Konstruktivismus in den Intemationalen Beziehungen wirklich, wie dies Dunne impliziert, umgeschrieben werden muss.

Nach einem Uberblick uber die Englische Schule und den Konstruktivismus soil hierzu versucht werden, den Vergleich anhand von zwei Kategorien zu systematisieren. Zunachst sollen die epistemologischen und methodologischen Positionen der beiden Ansatze diskutiert werden. In einem zweiten Schritt wird dann die den Ansatzen zugrunde liegende Ontologie betrachtet. Dabei soll vor allem deutlich werden, dass die unterschiedliche Urteile uber das Verhaltnis zwischen Konstruktivismus und Englischer Schule vor allem darauf zuruck zu fuhren sind, wie die unterschiedlichen Vorstellungen der Autoren daruber aussehen.

1. Uberblick Englische Schule

Wie oben bereits angesprochen, gestaltet es sich schwierig die Englische Schule zu fassen und es gibt Zweifel, inwiefern es sich dabei uberhaupt um ein koharentes Forschungsprogramm handelt (Daase 2006: 243). Unstrittig ist zumindest, dass die Englische Schule ihren institutionellen Ausgangspunkt mit dem British Committee on the Theory of International Politics, welches Mitte der 1960er Jahren von den Britischen Historikern Herbert Butterßeld und Martin Wight etabliert wurde, besitzt. Dort bildete sich ein Kreis von Personen, die sich dieser Schule verpflichtet fuhlten und zu denen als prominente Vertreter auch Adam Watson und vor allem Hedley Bull gezahlt werden konnen (Daase 2006: 244). Um die Mitglieder der Englischen Schule bestimmen zu konnen, nennt Dunne, neben dem Bekenntnis zu der oben genannten Forschungstradition des „British Committee“, als weitere Kriterien ein normatives Verstandnis fur die Theorie der Internationalen Beziehung und das Verfolgen eines interpretativen Ansatzes (Daase 2006: 244). Am trefflichsten ist die Englische Schule jedoch wohl als ein Cluster mit einer geteilten „pattern of thought“ zu bezeichnen, bei der es keine allzu klaren Zugehorigkeitskriterien gibt (Sugami 2001: 404).

Einen ersten Eindruck daruber, worum es den Mitgliedern des Britisch Committee ging, zeigt eine Selbstbeschreibung uber die Unterschiede zu den amerikanischen Kollegen, welche Herbert Butterßeld und Martin Wight im Vorwort des fur die Englische Schule bedeutsamen Sammelbandes „Diplomatic Investigations" ausfuhren:

„The British have probably been more concerned with the historical than the contemporary, with the normative than the scientißc, with the philosophical than the methodological, with principles than policy“ (Butterßeld/Wight 1966: 12).

Mit ihrer Vorliebe fur eine historische Betrachtung der internationalen Beziehungen, ihrer Skepsis gegenuber Ansatzen, die sich als „scientißc“ bezeichnen und den Vorrang des Philosophischen gegenuber einer ausgefeilten Methodik sind schon bereits einige wesentliche Punkte genannt, welche spater im Vergleich mit dem heutigen Konstruktivismus diskutiert werden mussen.

Das zentrale Kennzeichnungsmerkmal der Englischen Schule istjedoch ein Verstandnis der internationalen Beziehungen entlang von drei Kategorien. Zunachst war es Wight, der mit den drei „Rs“ drei Traditionen in der politischen Geistesgeschichte unterschied. Unter „Realismus“ fasste er dabei eine pessimistische Weltsicht, in der Anarchie, Machtpolitik und Krieg die internationalen Beziehungen bestimmen. Als „Revolutionismus“ verstand Wight einen kosmopolitischen Idealismus, dessen Vertreter im Glauben an die Existenz universeller Werte auf die Errichtung einer Weltgesellschaft hinarbeiten. Der „Rationalismus“ hingegen erkenne zwar die politischen Realitaten der Welt an, glaube jedoch an die Vernunft im Menschen. Eine bessere Welt durch soziale Institutionen sei moglich. (Daase 2006: 247). Mit dem Ziel der Nutzbarmachung fur die Analyse der Internationalen Beziehungen, greift auch Hedley Bull auf Wights drei Traditionen zuruck, verwendet sie jedoch eher im Sinne von Kategorien. Bull verwendet fur die Kategorien allerdings die Bezeichnungen realistisch, universalistisch und internationalistisch und fur die Traditionen, nach den fur ihn jeweils beispielhaften Theoretikern, hobbesianisch, kantianisch oder grotianisch (Daase 2006: 247). Ein Streitpunkt in der Debatte um die Englische Schule, welcher auch fur das Verhaltnis zum Konstruktivismus bedeutsam ist, ist die Frage, ob fur die Englische Schule alle drei Traditionen, beziehungsweise Kategorien, gleichsam wichtig sind, oder ob die Englische Schule den Rationalismus[3] bevorzugt. Ein pluralistisches Verstandnis der Englischen Schule findet sich bei Richard Little.

[...]


[1] Entsprechend der Konventionen bezieht sich „Internationale Beziehungen“ mit großem „I“ geschrieben auf die wissenschaftliche Teildisziplin, wohingegen mit „internationale Beziehungen“ der Gegenstand gemeint ist.

[2] Reus-Smit geht esjedoch vor allem um das gegenwartige Verhaltnis und die Moglichkeiten der gegenseitigen Befruchtung, weshalb die von ihm vorgenommene Gegenuberstellung fur die hier vorliegende Fragestellung zwar hilfreiche Anhaltspunkte liefert,jedoch in eine etwas andere Richtung fuhrt.

[3] Hier sei auf die Mehrdeutigkeit des Begriffs „Rationalismus“ hingewiesen, der neben der hier beschriebenen Verwendung mit einer ganzlich anderen Bedeutung in der Debatte um den Konstruktivismus auftaucht.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
„International Society Constructivism“ oder „Not All the Way Down“? - Konstruktivistische Elemente in der Englischen Schule
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Vertiefung der Theorien der Internationalen Beziehungen - Niklas Schörnig
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V154344
ISBN (eBook)
9783640667437
ISBN (Buch)
9783640667710
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Englische Schlule, Konstruktivismus, IB-Theorien
Arbeit zitieren
Christoph Schlimpert (Autor), 2010, „International Society Constructivism“ oder „Not All the Way Down“? - Konstruktivistische Elemente in der Englischen Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154344

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