Jugendsprache als Bereicherung oder Bedrohung der Standardsprache?


Hausarbeit, 2007

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Tnhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Charakteristika und Funktion
2.1 Standardsprache
2.2 Jugendsprache
2.2.1 Zum Problem der Heterogenitat
2.2.2 Soziokulturelle Stile
2.2.3 Eigenes Ding durchziehen: Warum gibt es uberhaupt eine Jugendsprache?

3. Zum Verhaltnis von Jugendsprache und Standardsprache
3.1 In der Sprachgeschichte
3.1.1 Jugendsprache als Bereicherung der Standardsprache
3.1.2 Jugendsprache als Bedrohung der Standardsprache
3.2 In der Gegenwart
3.2.1 Jugendsprache als Faktor des Sprachwandels
3.2.2 Beleg: Jugendsprache in Worterbuchern

4. Abschließende Uberlegungen

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Zweifellos ist der Forschungsgegenstand „Jugendsprache“ nicht nur eine aktuelle Er- scheinung der Gegenwartssprache, „es ist vielmehr ein historisches Phanomen, das weit in die Sprachgeschichte zuruckweistA[1] 1749 wird das erste Lexikon der Studentenspra- che von Robert Salmasius herausgegeben. So kann die historische Studentensprache mit ihrer fast zweihundert Jahre wahrenden Worterbuchtradition als erstes Exempel einer deutschen Jugendsprache dokumentiert werden.[2] Schon damals waren Abwandlung von Gewohntem, Mischung von Getrenntem, Umdeutungen und Differenzierungen des Wortschatzes in zentralen Lebensbereichen moglicherweise generationstypische Er- scheinungsweisen im Sprachgebrauch einer privilegierten Gruppierung von Jugendli- chen: „,Jugendsprachen’ erscheinen so als Ausdrucksformen soziokultureller Lebenssti- le im jeweiligen gesellschaftlich-historischen Kontext.“[3] Ferner werden gesellschaftli- che Verhaltnisse in Jugendsprachen vielschichtig gespiegelt und gegengespiegelt, indem Jugendliche auf unterschiedliche Weise (affirmativ, spottisch-ironisierend, karikierend oder auch auflehnend-oppositionell) auf zeitgeschichtliche Bedingungen Bezug neh- men.[4]

In der jungeren deutschen Sprachgeschichte nach 1945 avancierten die Ausdruckswei- sen von Halbstarken und Teens zum Gegenstand zeitgenossischer sprachkritischer und sprachpflegerischer Betrachtungen. Die Bewegung des Halbstarkentums der 50er Jahre und die bereits kommerzialisierte Form des Teenagertums der 60er verkorpern erste generationsspezifische soziokulturelle Lebensstile und konnen als Vorlaufer in der Ent- wicklung von heutigen Jugendsprachen und Jugendkulturen gelten.[5] Seit Beginn der 80er Jahre hat die Jugendsprachforschung in der Sprachwissenschaft einen raschen Aufschwung genommen. Im Anfangsstadium wurde zunachst die Traditi­on der lexikographischen Sammlungen aus der Sondersprachforschung fortgesetzt, wo- bei weiterhin von einer Allgemeingultigkeit jugendsprachlichen Gebrauchs ausgegan- gen wurde. Aber schon sehr bald „hatte die Forschung die Fiktion einer Homogenitat der Jugendsprache [...] verabschiedet.“[6] Dementsprechend sollte eigentlich nicht von „Jugendsprache“, sondern von „Jugendsprachen“ gesprochen werden, denn es gibt so viele Jugendsprachen wie es Jugendgruppen gibt. Folglich ist eine systematische Erfas- sung der Charakteristik sehr schwierig. Moglich ist sie dennoch in Kontrast zur Stan- dardsprache.

In dieser Hausarbeit werde ich zunachst versuchen, einige wichtige Charakteristika und Funktionen sowohl der Standardsprache als auch der Jugendsprache aufzuzeigen. Der Fokus liegt jedoch auf dem Verhaltnis von Jugendsprache zur Standardsprache. Ich werde zunachst darauf eingehen, wie dieses Verhaltnis in der Sprachgeschichte themati- siert wurde, um danach zu veranschaulichen, wie dies in der Gegenwart der Fall ist. Dabei soll die These belegt werden, dass Jugendsprache als Faktor des Sprachwandels angesehen werden kann. Die Untersuchungen Eva Neulands bilden hierfur die Grundla- ge.

2. Charakteristika und Funktion

2.1 Standardsprache

„In dem Lokal sorgten einige Leute gehorig fur Stimmung. “[7]

Die Standardsprache ist eine Standardvarietat der deutschen Sprache. Irrtumlich ware es anzunehmen, dass es diese schon immer gab, denn vielmehr ist ihre Entwicklung „das Produkt eines langwierigen historischen Ausgleichs- und Differenzierungsprozesses.“[8] Bis zur Ausbildung der Standardsprache wurden viele unterschiedliche Dialekte gespro- chen und eigentumliche und regional gebundene Schreibweisen verwendet. Demnach war Verstandigung immer nur in dem AusmaB moglich, als es die dialektalen Grenzen zuließen.

Heute gilt die Standardsprache als diejenige Varietat, die „im Hinblick auf gesellschaft- liche und kulturelle Leistungen [...] mit der großten Aufgabenvielfalt [verbunden ist].“ [9] Sie verwischt die Kommunikationsgrenzen der Dialekte und ist folglich uberregionales Verstandigungsmittel, das vor allem in gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen verwendet wird. Somit ermoglicht sie viel mehr Situationen, „in denen sie, ohne dass gesellschaftliche Sanktionen drohen, angewendet werden kann.“[10] In den allgemeinbil- denden Schulen ist die Standardvarietat nicht nur Unterrichtssprache, sondem auch Lehrgegenstand und ihre Beherrschung das „Ziel aller sprachdidaktischen Bemuhun- gen.“[11] Sie ist in Ausspracheworterbuchern, Grammatiken und Lexika kodifiziert, so- dass Sprachteilhaber sich auf die Richtigkeit ihrer Regeln verlassen und im Zweifelsfall auf diese verweisen konnen, denn sie „besitzt das hochste gesellschaftliche Prestige, da die Menschen in ihr das Ideal der Sprachrichtigkeit und den Ausdruck von Bildung se- hen.“ [12]

2.2 Jugendsprache

„In dem Schuppen zogen ein paar People schon eine heifie Show ab. “[13]

2.2.1 Zum Problem der Heterogenitat

Die Jugendsprache ist keine homogene Sprache der Jugendlichen, ebenso wenig wie die Jugendlichen eine homogene Sprechergruppe sind. Es gibt so viele Jugendsprachen wie es jugendliche Gruppen gibt -und das nicht nur nach generations-, schichtenspezifischen oder territorialen Merkmalen-, denn jede einzelne von ihnen kreist um spezifische Inte- ressen (z. B. Sport, Religion, Musik, etc.), die mit bestimmten Einstellungen und Uber- zeugungen zusammenhangen, die wiederum zu bestimmten Handlungen fuhren.[14] Infolgedessen ist es außerst schwierig, allgemeingultige Kriterien festzulegen, die diese besondere Sprechweise charakterisieren, denn „zu schnell wandelt sich da, was wir be- schreiben wollen [,..].“[15] Einige bezweifeln gar, dass es das Phanomen Jugendsprache gibt. So fuhren beispielsweise Gluck/ Sauer[16] an, dass sich der jugendsprachliche Wort- schatz immer aus bereits Bekanntem zusammensetze und auch die auf den ersten Blick unbekannten Bestandteile durch Nachdenken und mit Hilfe von Worterbuchern dechiff- rieren ließen. Auf der Ebene des Wortbestandes bleibe nicht viel, was nicht auch in ei- nem normalen Worterbuch zu finden sei.

Trotz kritischer Stimmen steht außer Frage, dass Jugendliche mit Sprache auf eine be­sondere Art umgehen. Dabei besteht weiterhin das Problem der Kategorisierung von Jugendsprache. Kann sie etwa unter dem Begriff der Umgangssprache gekennzeichnet werden? Die Umgangssprache wird in den klassischen Schichtungskonzepten der deut- schen Sprache als eine Ubergangszone zwischen der „reinen Form“ der Standardspra- che und den traditionellen Dialekten angesiedelt. Sie dient der uberregionalen, allge- mein verstandlichen Kommunikation und ist im Wesentlichen als eine mundliche Sprachform anzusehen. Es zeigt sich, dass der Sprachgebrauch Jugendlicher hochst fach- und adressatenspezifisch ist, bestimmte Kenntnisse und gemeinsame Vorerfah- rungen voraussetzt und deshalb eben nicht allgemein verstandlich ist. [17] Jugendsprache unter die Uberdachung der Umgangssprache zu stellen, erweist sich somit als nicht ge- eignet.

In der Varietatenlinguistik steht der Terminus der diastratischen (soziolektale) Varietat zur Verfugung. Hierbei handelt es sich um eine Varietat, die von verschiedenen sozialen Gruppen benutzt wird. Der Versuch, Jugendsprache darunter zu bestimmen, stoßt auf seine Grenzen: Welche soziale Gruppe ist gemeint? Jugend als homogene Altersgruppe, Jugendgruppen als Subkulturen oder Teilmengen sozialer Schichten? Des Weiteren ist zu bedenken, dass viele sprachliche Besonderheiten unter den Bedingungen der benutz- ten Medien zustande kommen. Außerdem sind manche sprachlichen Auffalligkeiten Jugendlicher auch in anderen Gruppen anzutreffen.[18]

Als Fazit ist soweit festzuhalten, dass eine sprachsystembezogene Sichtweise den Ei- genarten des Sprachgebrauchs Jugendlicher nicht gerecht wird und zu strikt ist, um die Dynamik und Komplexitat zu erfassen und die spezifischen Sprachunterschiede zu er- klaren. [19]

2.2.2 Soziokulturelle Stile

Eva Neuland[20] schlagt aus diesem Grande vor, von der sprachsystembezogenen Per- spektive zu einer sprecherbezogenen soziolinguistischen zu wechseln und den Sprach- gebrauch Jugendlicher unter dem Begriff der subkulturellen Stile zu erfassen, weil diese zusatzlich paralinguistische und nonverbale Merkmale (z. B. Lachen, Interjektionen, Mimik) aufweisen, wohingegen Varietaten hauptsachlich grammatisch und lexikalisch bestimmt werden.

Subkulturelle Stile werden nicht von Individuen „erfunden“, sondern setzen die Interak- tion in der Gruppe und gemeinsam geteilte Werte, Einstellungen und Interessen voraus. Sie tragen zur Identitatsstiftung innerhalb der Gruppe bei, gleichzeitig ermoglichen sie die Abgrenzung nach Außen. Die Stilbildung geschieht dadurch, dass bestimmte Sprachpraferenzen entstehen. Sprachliche Elemente werden aus verschiedenen kulturel- len und medialen Bereichen (also zunächst aus der Matrix der Standardsprache) entnommen und aus dem bestehenden Kontext herausgelöst, um diese in einen neuen, jugendsprachlichen Kontext einzubetten.

[...]


[1] Neuland 2003, S. 10.

[2] Vgl. ebd.

[3] Ebd. S. 11

[4] Ebd.

[5] Vgl. ebd. S. 11-12.

[6] Ebd. S. 12.

[7] Braun 1993, S. 52. Beachte die jugendsprachliche Variante dieses Zitates bei der nachsten Uberschrift.

[8] Schmidt 2004, S. 164.

[9] Braun 1993, S. 17.

[10] Konig 2005, S. 135.

[11] Bußmann 1983, S. 502.

[12] Schmidt 2004, S. 164.

[13] Braun 1993, S. 52.

[14] Vgl. Kramorenko 1995, S. 51.

[15] Neuland 1998, S. 71.

[16] Vgl. Gluck/ Sauer 1990, S. 108-109.

[17] Vgl. Neuland 2003, S. 135.

[18] Vgl. ebd. S. 137.

[19] Ebd. S. 137-138.

[20] Vgl. ebd. S. 139-143.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Jugendsprache als Bereicherung oder Bedrohung der Standardsprache?
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät, Germanistik)
Veranstaltung
Sprachkritik als angewandte Linguistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V154465
ISBN (eBook)
9783640671731
ISBN (Buch)
9783640671908
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendsprache, Bereicherung, Bedrohung, Standardsprache, Sprachwandel, Soziolinguistik
Arbeit zitieren
Aljona Merk (Autor), 2007, Jugendsprache als Bereicherung oder Bedrohung der Standardsprache?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154465

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