Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Kontext der Sozialtherapie unter besonderer Berücksichtigung der krankheitsspezifischen Störungs- und Therapiemodelle


Studienarbeit, 2010

32 Seiten


Leseprobe

GLIEDERUNG

1. EINLEITUNG
1.1 PERSONLICHE MOTIVATION
1.2 FRAGESTELLUNG
1.3 AUFBAU DER ARBEIT

2. DIE SOZIALTHERAPIE
2.1 AUFGABEN UND ZIELE
2.2 DAS INTROSPEKTIVE KONZEPT

3. DIE PERSONLICHKEITSSTORUNG
3.1 ALLGEMEINE DIAGNOSTISCHE KRITERIEN NACH DEM DIAGNOSTISCHEN UND STATISTISCHEN MANUAL PSYCHISCHER STORUNGEN IV (DSM-IV) UND DER INTERNATIONAL CLASSIFICATION OF DISEASES (ICD-10)
3.2 ERKLARUNGSMODELLE
3.2.1 DAS VULNERABILITATS-STRESS-MODELL
3.2.2 DAS BIOPSYCHOSOZIALE MODELL
3.2.3 DIE OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIE NACH KERNBERG

4. DIE BORDERLINE-PERSONLICHKEITSSTORUNG
4.1 DIE DIAGNOSTISCHEN KRITERIEN NACH DSM-IV UND ICD-10
4.2 PRAVALENZ
4.3 FALLBEISPIEL
4.4 STORUNGSMODELLE
4.4.1 DIE BORDERLINE-PERSONLICHKEITSORGANISATION NACH KERNBERG
4.4.2 DER VERHALTENSTHERAPEUTISCHE ANSATZ

5. STORUNGSSPEZIFISCHE THERAPIEMODELLE
5.1 DIALEKTISCH-BEHAVIORALE THERAPIE (DBT)
5.1.1 WIRKSAMKEIT DER DBT IM STATIONAREN KONTEXT
5.2 UBERTRAGUNGSFOKUSSIERTE PSYCHOTHERAPIE (TFP)
5.2.1 WIRKSAMKEIT DER TFP
5.3 DIE DBT UND TFP IM DIALOG

6. SCHLUSSFOLGERUNGEN
6.1 BEDEUTUNG FUR DIE SOZIALTHERAPIE
6.2 REFLEXION

QUELLENANGABEN

1. EINLEITUNG

1.1 PERSONLICHE MOTIVATION

Ich habe mich fur das Thema der Borderline-Personlichkeitsstorung entschieden, da ich neben meinem Studium der Sozialen Arbeit in einer sozialtherapeutischen Wohngruppe fur psychisch kranke Jugendliche und junge Erwachsene nach § 35a SGB VIII arbeite und ich somit regelmaBig mit Menschen in Kontakt trete, die an einer Borderline-Personlichkeitsstorung erkrankt sind. Ich mochte mit dieser Arbeit meinen Wissensstand uber die Erkrankung erweitern, da mein Umgang mit den Bewohnern bislang weitestgehend intuitiv verlauft, dass bedeutet ohne empirisches Hintergrundwissen uber diese Personlichkeitsstorung. Es interessiert mich, welche verschiedenen Storungsmodelle es gibt, die eine Personlichkeitsstorung im Allgemeinen und speziell die Borderline-Storung erklaren. Zudem stelle ich mir die Frage, wie eine sozialtherapeutische Einrichtung, wie diese in der ich arbeite, von einer anderweitigen betreuten Wohnform, die nicht sozialtherapeutisch ausgerichtet ist, unterschieden werden kann. Mir ist bislang noch nicht ganz klar, wie die Sozialtherapie zu definieren ist, da ich auch in „meiner“ Einrichtung keine spezifischen Methoden beziehungsweise keine sozialtherapeutischen Handlungsweisen feststellen kann. Bestehen uberhaupt reine sozialtherapeutische Methoden oder ist jede Sozialarbeit eine soziale Therapie, da sie sich stets an den Problemlagen und Systemen benachteiligter Menschen orientiert? Die Frage nach der Definition von Sozialtherapie steht zwar nicht im Mittelpunkt meiner Arbeit, ich erachte es dennoch als sinnvoll, in dieser Arbeit auf die Definition von Soziotherapie einzugehen, da diese die Basis dafur ist, um meine eigene Arbeit besser verstehen zu konnen und die Wohngruppe, in der ich arbeite, hinsichtlich der allgemeinen Definition zu uberprufen. Zudem ist es mir wichtig, die Therapiemoglichkeiten der Borderline- Personlichkeitsstorung darzustellen, damit mir bewusst wird, welche Methoden und Interventionsmoglichkeiten es fur sozialtherapeutische Einrichtungen gibt, die Symptomatiken dieser Personlichkeitsstorung abzumildern.

1.2 FRAGESTELLUNG

Die im vorherigen Punkt beschriebenen Fragen dienen lediglich zur Erweiterung meiner eigenen Kenntnisse bezuglich der Borderline-Personlichkeitsstorung. Meine Fragestellung, die ich in dieser Arbeit bearbeiten mochte, ist: Inwieweit sind die speziell fur die Borderline-Storung entwickelten Therapiemethoden der Ubertragungsfokussierten Psychotherapie (TFP) und der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) in der Praxis der Sozialtherapie anwendbar? Hintergrund meiner Fragestellung ist der Wunsch, die sozialtherapeutische Arbeit mit den Klienten zu verbessern, um gegebenenfalls Anderungsvorschlage in der Einrichtung, in der ich arbeite, machen zu konnen. Mir ist bewusst, dass ich im Rahmen dieser Arbeit nicht praktisch uberprufen kann, inwieweit die oben genannten Manuale tatsachlich in der Sozialtherapie angewendet werden konnen. Vielmehr soll mir meine Fragestellung behilflich sein, die beiden Manuale kennen zu lernen, so dass ich am Ende der Arbeit zu der Erkenntnis gelangen mochte, ob die Wohngruppe den richtigen Rahmen fur eine Einfuhrung der beiden Therapiemethoden bieten wurde.

1.3 AUFBAU DER ARBEIT

Ich erachte folgenden Aufbau als sinnvoll: Zunachst werde ich die Aufgaben und Ziele der Sozialtherapie vorstellen sowie das introspektive Konzept (Kapitel 2). In dem Kapitel 3 werde ich auf die Personlichkeitsstorungen im Allgemeinen, insbesondere auf die diagnostischen Kriterien nach dem DSM-IV und dem ICD-10 sowie auf die verschiedenen Erklarungsmodelle eingehen. AnschlieGend werde ich bezogen auf die Borderline-Personlichkeitsstorung die diagnostischen Kriterien nach dem DSM-IV und ICD-10 vorstellen und ein Fallbeispiel aus meiner Praxis geben. Des Weiteren werde ich die storungsspezifischen Erklarungsmodelle von O. Kernberg und der Verhaltenstherapie darstellen (Kapitel 4). Im Kapitel 5 werde ich die Ubertragungsfokussierte Psychotherapie und die Dialektisch-Behaviorale Therapie darstellen und anschlieGend die beiden Manuale miteinander vergleichen. AbschlieGend werde ich Schlussfolgerungen fur die Sozialtherapie ziehen, insbesondere fur die Wohngruppe, in der ich arbeite und meine Arbeit reflektieren.

2. DIE SOZIALTHERAPIE

2.1 AUFGABEN UND ZIELE

Der Begriff „Soziale Therapie" wurde bereits 1926 von Salomon und Wronsky eingefuhrt, doch bis heute gibt es keine einheitliche Definition. Fest steht zunachst, dass der Gegenstand der Sozialtherapie, auch Soziotherapie genannt, die sozialen Problemlagen der Menschen sind, die sich aus einem komplexen Geflecht aus Beziehungen und Interaktionen ergeben. Diese Beziehungen vollziehen sich im Alltag und in den individuellen Lebenssituationen der Menschen und es ist genau das, was wir als sozial bezeichnen. Das Soziale ist demnach ein komplexer und vielschichtiger Gegenstand, der die Lebenssituation der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dieser Mittelpunkt ergibt sich aus den individuellen Zuweisungskriterien, wie beispielsweise Bildung und Geschlecht, lasst aber dennoch Raum fur eine individuelle Ausgestaltung, die sich aufgrund von den zur Verfugung stehenden Ressourcen in dem Alltagshandeln eines Menschen entfalten (vgl. Berger und Hradil, 1990). Stehen aber fur die Bewaltigung von bestimmten Problemen und Lebensumstanden nicht genugend oder keine geeigneten Ressourcen zur Verfugung, kann es dazu fuhren, dass sich die Menschen „nicht mehr sozial zurechtfinden" (Richter 1978a, S. 66), so dass ein Intervenieren der Sozialtherapie erforderlich wird. Diese deckt die komplexen Zusammenhange der verschiedenen Faktoren auf, die dazu fuhrten, dass der Mensch die soziale Orientierung verlor. Da die Faktoren meist sehr komplex und vielfaltig sind, so kann der Sozialen Therapie kein eindeutiges Aufgabengebiet zugrunde gelegt werden. „Sozialtherapie richtet ihr Augenmerk auf die soziale Umwelt als einem der maGgeblichen ursachlichen Faktor(en) fur Krankheit und Gesundheit" (ebenda, S. 168). Sie setzt demnach nicht die (psychische) Krankheit eines Menschen in eine Beziehung zu der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, so wie es beispielsweise in anderen Bereichen der Sozialen Arbeit gehandhabt wird, sondern betrachtet das Individuum mit seinen Ressourcen im Kontext seiner direkten Umwelt. Diese Betrachtungsweise, die als Milieutherapie bezeichnet wird, hat demnach die Funktion, bewusst und planmaGig die Umgebungsbedingungen des Klienten umzugestalten, um ein (weitestgehend) beschwerdefreies Leben fuhren zu konnen. Frieboes (2005) erlautert, dass der Begriff der Sozialtherapie durch die Intervention im sozialen Umfeld sowie durch die therapeutische Beeinflussung (psychischer) Erkrankungen definiert wird. „Bei der soziotherapeutischen Intervention konne es sich um einzelne (...) MaGnahmen, wie z.B. familientherapeutische Gesprache, (...) das Versetzen eines Patienten in eine ganz andere soziale Umgebung (...) handeln" (ebenda, S. 38). Zusammenfassend lasst sich feststellen, dass der Sozialtherapie keine einheitliche Definition zugrunde gelegt werden kann. Dies gestaltet sich schwierig, da die Milieutherapie als Zentrum der Soziotherapie in die einzelnen Lebensbereiche der Patienten, in die Familie, in den Freizeitbereich und/oder in den Arbeitsplatz eingreift. Aus diesem Grund ist es kaum moglich, spezifische Methoden der Soziotherapie festzulegen (und dennoch mochte ich im nachsten Punkt die Methode von Richter vorstellen) und bestimmte Interventionen auf alle Klienten zu generalisieren. Sie vollzieht sich stets im Zusammenhang von komplexen Beziehungen und Systemen, die sich aus der individuellen Lebenswelt des Klienten ergeben.

2.2 DAS INTROSPEKTIVE KONZEPT

Das introspektive Konzept ist eine von Richter (1974) entwickelte sozialtherapeutische Methode um „unbewuGt einwirkende soziale Determinanten aus ihren emotionellen Auswirkungen in Individuen oder Gruppen zu erschlieGen" (Richter 1977, S. 197). Richter meint damit, dass alle Individuen, die in einer sozialtherapeutischen Interaktion miteinander in Kontakt treten, unbewusst bestimmte Motive mit in die Situation einbringen, die durch den Status, der Funktion und das Zusammenspiel von Abhangigkeit und Autonomie gepragt sind. Beispielsweise haben die Sozialtherapeuten, die aufgrund ihrer Profession einen hoheren Status besitzen, andere Motivationen, die sie in den Interaktionsprozess einbringen als der Klient, der sich in einem Abhangigkeitsprozess zum Sozialtherapeuten befindet. Durch die unterschiedlichen Motive kommt es im sozialtherapeutischen Setting, beispielsweise in einer Einzelbehandlung oder Gruppentherapie, zu Konflikten, die unter den im Interaktionsprozess involvierten Personen ausgetragen werden. Die Konflikte werden haufig als personliche Konflikte gedeutet, ohne dass der Kontext, in dem Interaktion stattfindet, berucksichtigt wird. Das introspektive Konzept ist ein Verfahren zur Analyse von Interaktionsprozessen und zielt auf das emotionale Erleben des Einzelnen ab. Durch Selbstreflexionen der Sozialtherapeuten und der Klienten ermoglicht die introspektive Methode Ruckschlusse auf noch nicht aufgearbeitete Konflikte seitens des Klienten, auf Beziehungskonflikte in seinem sozialen Umfeld sowie auf institutionelle Schwierigkeiten und Rahmenbedingungen zu ziehen. Haufig sind ausgetragene Konflikte zwischen Klient und Sozialtherapeut ein Resultat von institutionellen Voraussetzungen. Mit Hilfe des introspektiven Konzeptes sollen impulsive Emotionen vermindert, Schuldgefuhle und Vorurteile abgebaut und das eigene Verhalten durch die Reflexion von vergangenen Erfahrungen besser verstanden werden. Es ist eine Methode um „objektive Tatbestande uber emotionelle Erfahrungen zu erfassen" (ebenda). Die Grundlage des introspektiven Konzeptes sind die strategischen Prinzipien der Paar- und Familientherapie, die ich an dieser Stelle aufgrund meines begrenzten Rahmens nicht erlautern mochte. Diese Methode ist in allen Institutionen, die sozialtherapeutisch ausgerichtet sind, anwendbar. Allerdings verlangt sie eine hohe Bereitschaft zur Selbstreflexion bei allen beteiligten Personen (vgl. Wirth, 1979).

3. DIE PERSONLICHKEITSSTORUNG

3.1 ALLGEMEINE DIAGNOSTISCHE KRITERIEN NACH DEM DIAGNOSTISCHEN UND STATISTISCHEN MANUAL PSYCHISCHER STORUNGEN IV (DSM-IV) UND DER INTERNATIONAL CLASSIFICATION OF DISEASES (ICD-10)

Das DSM wurde von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA) herausgegeben und dient zur Diagnostik von psychischen Erkrankungen. Im Gegensatz zu den sogenannten Symptomstorungen, zu denen unter anderem die Angststorung zugeordnet wird, zeichnen sich Personlichkeitsstorungen als ein uberdauerndes, unflexibles, den Betroffenen oder seine Umwelt schadigendes Muster von innerem Erleben und Verhalten aus, das uber einen langen Zeitraum bestehen bleibt und nicht auf den Einfluss auGerer Faktoren, beispielsweise Drogen oder auf hirnorganische Schadigungen und Psychosen zuruckzufuhren ist. Das Verhaltensmuster weicht in einem hohem MaGe von den soziokulturellen Erwartungshaltungen der Umwelt ab und betrifft die Beziehungsgestaltung, Impulskontrolle, Kognition und Affekt. Aufgrund der komplexen Storungen von zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltungen werden Personlichkeitsstorungen auch als interpersonelle Storungen bezeichnet (vgl. Fiedler, 1995).

Die folgende Tabelle des DSM-IV stellt die Kriterien dar, die vorhanden sein mussen, damit eine Personlichkeitsstorung diagnostiziert werden kann:

Tabelle 3.1: Allgemeine Diagnostische Kriterien einer Personlichkeitsstorung nach DSM-IV

A: Ein uberdauerndes Muster von innerem Erleben und Verhalten, das merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht. Dieses Muster manifestiert sich in mindestens 2 der folgenden Bereiche:

1. Kognition,

2. Affektivitat,

3. Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen,

4. Impulskontrolle,

B. Das uberdauernde Muster ist unflexibel und tiefgreifend in einem weiten Bereich personlicher und sozialer Situationen.

C. Das uberdauernde Muster fuhrt in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeintrachtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.

D. Das Muster ist stabil und langdauernd und sein Beginn ist zumindest bis in die Adoleszenz oder ins fruhe Erwachsenenalter zuruckzuverfolgen.

E. Das uberdauernde Muster lasst sich nicht besser als Manifestation oder Folge einer anderen psychischen Storung erklaren.

F. Das uberdauernde Muster geht nicht auf die direkte korperliche Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zuruck.

(vgl. APA, 1996, S. 712)

Im ICD-10, herausgegeben von der WHO, werden die Diagnostischen Leitkriterien einer Personlichkeitsstorung wie folgt beschrieben: „Die charakteristischen und dauerhaften inneren Erfahrungs- und Verhaltensmuster des Betroffenen weichen insgesamt deutlich von kulturell erwarteten und akzeptierten Vorgaben ("Normen") ab. Diese Abweichung auGert sich in mehr als einem der folgenden Bereiche: Kognition, Affektivitat, zwischenmenschliche Beziehungen und die Art des Umgangs mit ihnen. Die Abweichung ist so ausgepragt, dass das daraus resultierende Verhalten in vielen personlichen und sozialen Situationen unflexibel, unangepasst oder auch auf andere Weise unzweckmaGig ist (nicht begrenzt auf einen speziellen "triggernden" Stimulus oder eine bestimmte Situation). Personlicher Leidensdruck und nachteiliger Einfluss auf die soziale Umwelt oder beides sind deutlich dem oben beschriebenen Verhalten zuzuschreiben" (Moller, 2000, S. 1525). Auch im ICD-10 werden ebenso wie im DSM-IV Verhaltensanderungen aufgrund von organischen Erkrankungen oder als Folge von Substanzgebrauch als Ausschlusskriterium fur eine Personlichkeitsstorung angefuhrt. Bedeutsam fur die Diagnosestellung ist des weiteren, dass die Verhaltensanderung bis in das fruhe Erwachsenenalter beziehungsweise bis in die Adoleszenz zuruckverfolgt werden kann. Beide Klassifikationssysteme sind in ihren allgemeinen diagnostischen (Leit-) Kriterien somit identisch. Allerdings gibt es bei der Anordnung der spezifischen Typen von Personlichkeitsstorungen kleinere Unterschiede, auf die ich an dieser Stelle jedoch nicht eingehen werde. Stattdessen mochte ich abschlieGend auf Herpertz und SaG (2003) eingehen, die deutliche Kritik an den Diagnoseverfahren des DSM und ICD auGern. Sie wenden ein, dass in den Symptomlisten der spezifischen Personlichkeitsstorungen ahnlich lautende Merkmalsformulierungen auftauchen, so dass einer Person durchaus mehrere Personlichkeitsstorungen zugeschrieben werden konnen. Des weiteren weisen Herpertz und SaG auf die prototypische Diagnostik hin, die beinhaltet, dass zwei Personen mit unterschiedlichen Verhaltensmerkmalen aufgrund der Symptomlisten die selbe Diagnose gestellt bekommen konnen. Zudem sei die Kategorisierungen der spezifischen Storungen nicht empirisch nachgewiesen worden (vgl. ebenda).

3.2 ERKLARUNGSMODELLE

3.2.1 DAS VULNERABILITATS-STRESS-MODELL

Das Vulnerabilitats-Stress-Modell (Diathese-Stress-Modell) wurde 1994 von Fiedler entwickelt und ist ein Interaktionsmodell, das sich auf den Verlauf von Personlichkeitsstorungen bezieht sowie auf die Bedingungen, die fur eine Aufrechterhaltung und Auslosung von Personlichkeitsstorungen verantwortlich sind. Eine groGe Bedeutung hat nach Fiedler die Vulnerabilitat. Diese kennzeichnet die besondere Empfindsamkeit eines Menschen gegenuber Stressoren und sozialen Anforderungen und ist abhangig von diathetischen und psychosozialen Pradispositionen. Die diathetische Pradisposition beinhaltet das ungunstige Zusammenwirken von Erbeinflussen beziehungsweise von pra-, peri- oder postnatalen Traumata. Die Traumata wirken sich negativ auf die Personlichkeitsentwicklung aus, was wiederum zu einer erhohten Krankheitsbereitschaft fuhrt. Die diathetische Pradisposition kann sich durch eine psychosoziale Uberforderung in der fruhen Kindheitsphase, beispielsweise durch negative familiare Verhaltnisse oder ungunstige soziale Einflusse, weiter verstarken (vgl. Fiedler, 1994, S.125). Nach dem Vulnerabilitats-Stress-Modell sind Personlichkeitsstorungen somit Storungen des zwischenmenschlichen Beziehungsverhaltens. Die folgende Abbildung zeigt noch einmal das Zusammenspiel von diathetischen Faktoren und psychosozialen Erfahrungen.

Abbildung 3.2.1: Das Vulnerabilitats-Stress-Modell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Fiedler, 1994, S. 126)

Das Modell verdeutlicht zudem, die Bedeutung von protektiven Faktoren, die bei der Auspragung von Personlichkeitsstorungen eine zentrale Rolle einnehmen. Das soziale Netz dient weitestgehend als Auffangbecken fur Storungen. Fuhlt sich der Betroffene von seiner Umgebung akzeptiert und verstanden, so kann er auf starke Ressourcen zuruckgreifen, die das Ausmafc der Personlichkeitsstorung mindern.

Fur die Sozialtherapie bedeutet dies, dass eine Intervention auch im Kontext des sozialen Umfeldes erfolgen muss, beispielsweise durch ambulante familientherapeutische Sitzungen.

3.2.2 DAS BIOPSYCHOSOZIALE MODELL

Das biopsychosoziale Modell nach Uexkull und Wesiack (1996) definiert Menschen als lebende Einheiten, die sich in unterschiedlichen Systemen bewegen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Kontext der Sozialtherapie unter besonderer Berücksichtigung der krankheitsspezifischen Störungs- und Therapiemodelle
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Soziale Therapie
Autor
Jahr
2010
Seiten
32
Katalognummer
V155451
ISBN (eBook)
9783640697618
ISBN (Buch)
9783640697830
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Borderline-Persönlichkeitsstörung, Sozialtherapie, TFP, DBT
Arbeit zitieren
Stefanie Füllgrabe (Autor), 2010, Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Kontext der Sozialtherapie unter besonderer Berücksichtigung der krankheitsspezifischen Störungs- und Therapiemodelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155451

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Kontext der Sozialtherapie unter besonderer Berücksichtigung der krankheitsspezifischen Störungs- und Therapiemodelle



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden