Körper als Geschlechtsnachweis?

Intersexualität als Chance zur Dekonstruktion des binären Geschlechtersystems


Hausarbeit, 2010

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorbemerkungen
2.1 Definition: Intersexualität
2.2 Medizinische Rahmenbedingungen
2.3 Rechtliche Rahmenbedingungen

3 Bedeutung für die Gender Studies

Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mitte 2009 tobte eine bis dato eher ungewöhnliche Diskussion durch die internationale Presse: „Mediengerüchte: Lady Gaga und die Schniedelfrage" (Schlagzeile: stern.de, Heidböhmer 2009). Hierbei ging es nicht um sexuelle Präferenzen der zu diesem Zeitpunkt erfolgreichen Künstlerin „Lady Gaga", sondern vielmehr um die Frage, ob es sich bei ihr um einen Mann oder eine Frau - oder um eben etwas anderes, in der Presse als „Zwitter" oder „Hermaphrodit" bezeichnet, handle.1 Erst nach einigen Wochen voll Dementierungen wie Bestätigungen sämtlicher Gerüchte, hieß es schließlich Aufatmen für die verwirrte Fangemeinde: „Lady Gagas Auftritt bei der Grammy­Verleihung am Sonntag in Los Angeles dürfte nun auch die letzten Zweifler überzeugen: Die Lady ist tasächlich (sic!) eine richtige Frau" (Kreiszeitung.de 2010, Hervorhebung A.W.).

Dieses kurze Beispiel soll zeigen, wie tief die Binarität des Geschlechtersystems in unserer Gesellschaft verhaftet ist. Intersexuellen Menschen, Menschen die sich nicht eindeutig dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen lassen, wird mit Unverständnis, Vorurteilen und Diskriminierung begegnet. Beinahe verzweifelt versucht man sie in eine der beiden vorgegebenen Kategorien zu pressen und erst, wenn dies wie im Falle Lady Gagas gelungen scheint, beruhigen sich die Gemüter wieder. In seinem sich mit Transsexualität auseinander setzendem Werk „Geschlechtswechsel" schreibt Volkmar Sigusch dazu:

„Wir leben in einer Welt, in der es allem Anschein nach nur weibliche und männliche Wesen, nur Frauen und Männer gibt. Begegnen wir einem Menschen, ordnen wir ihn in eines der beiden Kästchen ein, im Allgemeinen (sic!) ohne zu überlegen. Gelingt uns das nicht automatisch, sind wir verwirrt. Denn das Grundgesetz der Geschlechtlichkeit heißt in unserer Kultur nun einmal: entweder weiblich oder männlich, entweder Frau oder Mann. Gewaltig ist deshalb der allgemeine Druck, ebenso sichtbar wie unsichtbar, sich selbst einem der beiden Geschlechter zuzuordnen. Und wehe denen, die das nicht können/wollen (Anm. A.W.).“ (Sigusch 1995, S. 7f.)

Was für transsexuelle Menschen gilt, gilt in diesem Fall für intersexuelle Menschen umso verstärkter. Allein das Verwenden von Begrifflichkeiten wie „Zwitterwesen" oder „Hermaphroditen" in den Medien zeigt, wie wenig sich mit dieser Thematik überhaupt auseinander gesetzt wird - und das obgleich in der BRD jedes Jahr etwa 150 intersexuelle Kinder geboren werden2.

Im Zuge dieser Hausarbeit versuche ich auf eben jene Missstände aufmerksam zu machen und die Lebenswelt intersexueller Menschen darzustellen. Darüber hinaus möchte ich am Beispiel Intersexualität verdeutlichen, dass der Körper und das biologische „sex" des Menschen eben nicht eine einfache Gegebenheiten sind, sondern ebenso einer gewissen Konstruktion unterliegen wie das binäre Geschlechtssystem im Allgemeinen.

2 Vorbemerkungen

2.1 Definition: Intersexualität

Was ist Intersexualität? Intersexualität, ehemals als Zwittrigkeit oder Hermaphroditismus3 bezeichnet, meint ein Bündel „vielfältiger geschlechtlicher Varianten, die den Geschlechtsvarianten ,männlich’ und ,weiblich’ gleichwertig sind" (de Silva 2008, 51). Mit anderen Worten: Davon ausgehend, es existierten nur zwei, sich einander ausschließend definierte Geschlechter4 - Mann und Frau - bezeichnet Intersexualität als medizinischer Oberbegriff ein „Dazwischen" bzw. eine nicht eindeutig treffbare Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter. Hertha Richter-Appelt (2007), Psychoanalytikerin in der Abteilung für Sexualforschung des Universitätsklinikums in Hamburg­Eppendorf, erläutert hierzu: „Entsprechen die geschlechtsdeterminierenden und -differenzierenden Merkmale des Körpers (Chromosomen, Gene, Hormone, Keimdrüsen, äußere Geschlechtsorgane) nicht alle demselben Geschlecht, spricht man von Intersexualität" (236).5

Beachtenswert ist, obgleich Richter-Appelt des Weiteren darauf hinweist, dass eben deshalb die Bezeichnung „Intersexualität" verwendet werde, da er nicht den Begriff „Störung" enthalte, die „Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)" doch noch 2002 definierte: „Störungen [werden] als intersexuell bezeichnet, wenn sich die äußeren und/oder inneren Geschlechtsorgane in unterschiedlich starker Ausprägung entgegen dem chromosomalen Geschlecht entwickeln" (zit. nach de Silva 2008, 56; Hervorhebung A.W.).

2.2 Medizinische Rahmenbedingungen

Wie bereits erläutert, umfasst der medizinische Begriff Intersexualität eine Vielzahl von Kategorien, um Menschen zu erfassen, welche sich körperlich nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen lassen. Diese Kategorien beziehen sich dabei auf das chromosomale, das gonodale (die Keimdrüsen betreffend), das hormonale, das genitale (innere Geschlechtsorgane) und letztlich das morphologische Geschlecht (äußere Geschlechtsorgane) und lassen sich in verschiedene Diagnosegruppen unterteilen (vgl. dazu: Richter-Appelt 2007). Die häufigsten davon sollen hier kurz und knapp vorgestellt werden:

Das Adrenogenitale Syndrom (AGS)

Bei dieser mit am besten untersuchten Diagnosegruppe handelt es sich um eine Störung der Nebennierenfunktion. Beim klassischen AGS entwickeln sich bereits beim Neugeborenen zu Uterus, Tuben, etc. äußerlich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordenbare Merkmale, wie Klitorishypertrophie, Mikropenis6, oder eine Verkürzung der Vagina (beim nichtklassischen AGS treten die Veränderungen des Phänotyps erst im Laufe der Pubertät auf) (vgl. ebd.). Richter-Appelt erläutert hierzu, die an AGS „leidenden" Kinder würden überwiegend als Mädchen aufgezogen.

Die Androgenresistenz bzw. Androgeninsensitivität (AIS) Auch als Androgenrezeptordefekt oder testikuläre Feminisierung bezeichnet, handelt es sich bei AIS um eine verminderte bis fehlende Wirkung der männlichen Geschlechtshormone bei Personen eines 46,XY-Karyotyps7. Hierbei unterscheidet man zwischen kompletter (CAIS - oder auch Goldberg- Maxwell-Morris-Syndrom) und partieller, bzw. inkompletter

Androgeninsensitivität (PAIS - auch Reifenstein-Syndrom). Im ersten Fall entstehen trotz männlichen Karyotyps äußerlich weibliche Geschlechtsorgane. Menschen mit CAIS werden in aller Regel, so Richter-Appelt, als Mädchen großgezogen, bei denen erst in der Pubertät mit Ausbleiben der weiblichen Pubertätsentwicklung und einer daraus resultierenden Untersuchung der 46,XY-Chromosomensatz offenbart wird (vgl. ebd.). Bei Personen mit PAIS hingegen, seien meist schon von Geburt an uneindeutige Genitalien zu erkennen, ähnlich zum AGS. Auch hier wird in der Regel je nach äußerem Erscheinungsbild entschieden, ob das Kind als Junge oder als Mädchen aufgezogen wird.

5a-Reduktase-Typ-II-Mangel (5a-RDM) 5a-Reduktase-Typ-II-Mangel meint eine Störung der Androgenbiosynthese, d.h., die Umwandlung von Testosteron in das wesentlich stärker wirkende Sexualhormon Dihydrotestosteron (zuständig für die äußere Entwicklung der männlichen Genitalien) funktioniert gar nicht oder nur eingeschränkt. Während der Phänotyp der Personen mit 5a-RDM (Karyotyp 24,XY) bei der Geburt meist als „unauffällig weiblich" (ebd., 242) oder aber als „gering vermännlicht"

[...]


1 Auslöser der Diskussion stellte ein Auftritt Lady Gagas auf dem Glansbury Festival 2009 dar. Auf diesem entstanden Fotos wie Videoaufnahmen, welche - offenbart durch ein (versehentlich) hoch gerutschtes Kleid - etwas zeigten, das in der allgemeinen Öffentlichkeit als Penis bezeichnet wurde.

2 „Der Bundesregierung liegen keine bundesweit einheitlichen Erfassungen und Statistiken vor. Aus diesem Grund wird auf die Erkenntnisse von Fachgesellschaften und Wissenschaft zurück­gegriffen. Danach sind genitale Fehlbildungen bei etwa 1:4500 Geburten zu beobachten. In Deutschland kommen etwa 150 Kinder mit entsprechender Auffälligkeit pro Jahr zur Welt. Die Gesamtzahl der Betroffenen mit schwerwiegenderen Abweichungen der Geschlechtsentwick­lung liegt in Deutschland bei etwa 8 000 bis 10 000 (Thyen et al. 2006)" (zit. nach Deutscher Bundestag 2007).

3 Dieser veraltete Ausdruck, welcher mittlerweile von Wissenschaft wie Betroffenen abgelehnt und als unsachgemäß bezeichnet wird, geht auf eine alte griechische Sage zurück: Der Sohn Hermes’ und Aphrodites, Hermaphroditos, verweigerte sich der Liebe einer Nymphe. Diese umarmte ihn als Reaktion auf seine Ablehnung jedoch so heftig, dass ihre Körper miteinander verschmolzen und ein „Zwischenwesen“ geschaffen wurde (vgl. Haeberle 2005).

4 Ich weise darauf hin, dass ich mich an dieser Stelle ausdrücklich von dieser Sichtweise distanziere und sie nur der Erklärung halber verwende.

5 Vgl. dazu Kapitel 2.2 Medizinische Rahmenbedingungen.

6 Es sollte erwähnt werden, dass zwischen der Diagnose „Klitorishypertrophie“ (Penisartige Vergrößerung der Klitoris über den „Normalwert“) und „Mikropenis“ (ein nach Definition und Vergleich mit „Normalwerten“ zu kleiner Penis) nur ein Unterschied von wenigen Zentimetern besteht. Die Zuordnung lässt sich also nicht immer eindeutig treffen und stellt oftmals eine Ermessensentscheidung des Arztes dar (vgl. dazu: Hamburger Forschungsgruppe Intersex 2008). Zur näheren Auseinandersetzung mit der mangelnden Betreuung und Aufklärung von Intersexuellen und ihren Eltern siehe: Thyen et. al. (2005).

7 Der Karyotyp bezeichnet vereinfacht ausgedrückt die Gesamtheit aller erkennbaren Chromosomeneigenschaften eines Individuums, also über wie viele und welche Chromosomen das Individuum verfügt. Bei nicht-intersexuellen Menschen wird die Zusammensetzung bei einer Frau als 46,XX - bei einem Mann als 46,XY angegeben.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Körper als Geschlechtsnachweis?
Untertitel
Intersexualität als Chance zur Dekonstruktion des binären Geschlechtersystems
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Geschlechterforschung: Theorien, Methodologie, Empirie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V155497
ISBN (eBook)
9783640676705
ISBN (Buch)
9783640676507
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Gender Studies, Intersexualität, Transsexualität, Sexualpädagogik, Sexualwissenschaft, Geschlechterforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Hermaphroditismus, Körper
Arbeit zitieren
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, B.A. Angela Wolter (Autor), 2010, Körper als Geschlechtsnachweis?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155497

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