Die Doppelwegstruktur in Heinrich von Veldeke’s Eneasroman


Essay, 2008

10 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Resümee der bisherigen Schwerpunkte und Denkanstöße

2. Das Bild des Helden II: Anwendung der Doppelwegstruktur

3. Doppelweg und die Gebundenheit an die Außenwelt

Literatur:

1. Resümee der bisherigen Schwerpunkte und Denkanstöße

Die Tatsache, dass Veldeke kein Original im eigentlichen Sinne ist, sondern eine Umgestaltung der Vorlage Vergils und des Romans vorgenommen hat, stellt die Arbeit mit dem Text vor eine Herausforderung der besonderen Art.

Entschließt man sich, Vergil und seine Aeneis in die Interpretation miteinzubeziehen, beschäftigt sich der Rezipient des 20. Jahrhunderts mit einer Zeitspanne, die doppelt so weit weg ist, wie das 12. Jahrhundert, die Entstehungszeit von Veldekes Eneasroman, von der Jetztzeit.

Die schwierige Überlieferungslage des Textes ist hierbei eine weitere Herausforderung.

Für die Vorstellung der Geschlossenheit von Veldekes Werk ergibt sich daraus resultierend der Anspruch, dass dieses entschieden historisiert werden muss. Somit stellt sich die ganz grundsätzliche Frage nach der Bedeutung, wenn man im 12. Jahrhundert einen derartigen Roman hat. Dabei spielt die komplexe Überstrukturiertheit des Textes, sein poetisches Konzept, mit der Freiheit der Sprache zusammen und bildet einen wichtigen Aspekt für den historischen Text.

Die Wiedererzählung Veldekes (die sie trotz ihrer deutlichen Umgestaltung und veränderten Schwerpunktsetzung ohne Frage ist) lässt sich in den Kontext der Antikerezeption des MA einbetten. Vergil ist einer der Schulautoren des 12. Jahrhunderts. Er ist allseits bekannt. Zudem steht die Rezeption französischer, damals überaus moderner Literatur, hoch im Kurs.

Vor diesem Hintergrund ist auch die rhetorische Kategorie der Stofffindung, invenire, zu sehen, die schließlich explizit das Finden und nicht das Erfinden bezeichnet.

2. Das Bild des Helden II: Anwendung der Doppelwegstruktur

Im Kontext des invenire und Umgestaltens wird in der Forschung die Anwendung der so genannten Doppelwegstruktur als der wesentlichste Einsatz mittelhochdeutscher Autoren beurteilt.[1]

Die Doppelwegstruktur als doppelter Cursus im höfischen Roman ist definitorisch folgendermaßen festgelegt:

Der Held findet in der ersten Episode (I) seine Minne. Dies lässt sich mit seiner gesellschaftlichen Funktion als Herrscher jedoch schwer in Einklang bringen.

Insofern behandelt die zweite Episode (II) den Versuch, Minne und gesellschaftliche Verantwortung in einem Kompromiss zu vereinen.

Dabei lässt sich folgende Gliederung vornehmen: Flucht – Schiffahrt – Dido-Episode: Minne zur Herrscherin und Eroberung Karthagos – Unterweltsfahrt – Schiffahrt – Minne zu Lavinia und Eroberung Italiens.

Als erster Anwendungsversuch steht die Minne von Eneas und Dido zur Diskussion.

Flucht, Schiffahrt und die Dido-Episode I entsprechen. Auffällig ist an dieser Stelle allerdings, dass Minne und Regieren hier keineswegs in Konflikt miteinander stehen, sondern die Eroberung des Herzens ist auch diejenige der Stadt. Dies bestätigt auch der Erzähler, V. 708: sine mohte nicht gewinnen/ dehein here mit gewalt.

Die Herrscherin der mächtigen Stadt verliebt sich in den Fremdling, V. 746ff: in diu frouwe Dido/ starke minnen began/ daz nie wib einen mann/ harder mohte geminnen, und sobald sich die beiden Liebenden in Hochzeit vereinigt haben, ist Eneas der Regent der Stadt, V 1953: der here Eneas/ da vil gewaldeclichen was/ unde geminnet was da.

Bisher zeigt die Episode I der Minne keinerlei Charakteristika eines inneren Konflikts des Helden zwischen seinen Emotionen und Pflichten.

Dennoch ist der Konflikt vorhanden: Atypischerweise nicht mit seinen Pflichten als Herrscher in der Stadt Karthago, sondern mit denen des zukünftigen Gründers und Herrschers von Rom und damit auch mit seiner Verpflichtung gegenüber dem Fatum.

Eneas informiert bei seiner Ankunft in Karthago offen über seine Mission, V 1224ff: do hub ich mich dannen/ [...] und wolde zu Italjen varen/ uber das mere breite, verschweigt sie jedoch später, V 1628ff: zû Italjen in daz lant/ dâ hine was sîn will,/ des gesweich her aber stille.

Folglich stimmt der Wille der Götter mit dem des Helden später nicht mehr überein, wie noch zu Beginn der Karthago-Episode. Daraufhin erneuern die Götter streng die Anweisung, Italien aufzusuchen und nicht in Karthago zu verweilen. Dagegen gäbe es keinen Einspruch zu erheben und so beugt sich Eneas, obwohl darüber Schmerz empfindet (vgl. V 1953-1970).

Trotz aller Widerstände der Königin Karthagos und des eigenen Abschiedsschmerzes erneuert der Held bekennend erstens die Notwendigkeit sowie die Unentrinnbarkeit seiner Verpflichtung, V 2157f: moht ich den goten widerstân/ ich hete ez gerne getân oder V. 2173f: diu not dwinget mich dar zu.

[...]


[1] Fromm, Hans: Doppelweg. In:Werk-Typ-Situation: Studien zu poetologischen Bedingungen. Hugo Kuhn zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Ingeborg Glier und Gerhard Hahn. Stuttgart 1969. S. 64-79.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Doppelwegstruktur in Heinrich von Veldeke’s Eneasroman
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Mediavsitik HS
Autor
Jahr
2008
Seiten
10
Katalognummer
V156055
ISBN (eBook)
9783640701193
ISBN (Buch)
9783640701049
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Doppelweg, Doppelwegstruktur, Veldeke, Eneas, Aenaeis, Vergil, Heinrich, Eneasroman, Konzeption
Arbeit zitieren
Jan Schultheiß (Autor), 2008, Die Doppelwegstruktur in Heinrich von Veldeke’s Eneasroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156055

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