In Deutschland gibt es eine lange Tradition der Diskussion über das perfekte Schulsystem. Spätestens seit dem „PISA – Schock“ sollte dies jedem aufgefallen sein. Doch ist diese deutsche Unsicherheit bezüglich ihres Schulsystems (und dem oft daraus resultierenden blinden Aktionismus der einzelnen föderalen Staaten, siehe G8) nicht neu. Der einzige Unterschied, der sich zu anderen Zeiten und Vertretern neuer Schulkonzepte feststellen lässt, ist die enorme mediale Wirksamkeit des Themas und die ihr bezeugte Aufmerksamkeit, die oft zurückzuführen ist auf die verunsicherten, meist nur mit einem Kind ausgestatteten Eltern(teil) in Furcht um seine Zukunft.
Im Besonderen wird in dieser Diskussion als Vertreter besonders guter, aber auch gleichzeitig besonders schlechter Reformbemühungen, die Gesamtschule angeführt. Politiker, die zumeist Widersacher von Reformen und Fürsprecher des Etablierten (nicht nur) in Bildungsfragen sind, stehen dem Gesamtschulkonzept somit eher abwehrend gegenüber und stellen es als schlechtes Konzept dar. Dem entgegengesetzt sehen Elternverbände oder sozial engagierte Gruppierungen die Gesamtschule als Chance für mehr Chancengleichheit und einzige Rettung für das deutsche Schulwesen.
Doch wer behält Recht in dieser, mit äußerst starken Emotionen aufgeladenen Diskussion? Ist es möglich die Gesamtschule, wie sie 1969 als Schulversuch flächendeckend in Deutschland eingeführt wurde, als ein heilbringendes, oder teuflisches Werk endgültig zu klassifizieren?
Im Folgenden werde ich vor allem auf diese zuletzt gestellten Fragen eingehen, sie erörtern und mittels fundierter Textzeugnisse ein persönliches Fazit ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historischer Abriss
3 Die Ziele der Gesamtschule und deren Bilanzierung
3.1 Die Durchlässigkeit der Schulsysteme im Vergleich
3.2 Integration in Gesamtschulen
3.3 Chancengleichheit an Gesamtschulen
4 Fazit
5 Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Gesamtschule in Deutschland durch einen kritischen Vergleich mit dem traditionellen dreigliedrigen Schulsystem. Ziel ist es, die Wirksamkeit der Gesamtschule hinsichtlich der zentralen bildungspolitischen Kriterien Durchlässigkeit, Integration und Chancengleichheit zu evaluieren, um zu prüfen, ob sie als zukunftsfähige Alternative zum etablierten Schulwesen gelten kann.
- Historische Entwicklung der Gesamtschulbestrebungen in Deutschland.
- Analyse der Durchlässigkeit und Mobilität innerhalb verschiedener Schulsysteme.
- Evaluation von Integrationsmodellen für behinderte und nichtbehinderte Schüler.
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg.
- Kritische Bilanzierung der Gesamtschule im Vergleich zum traditionellen Schulsystem.
Auszug aus dem Buch
3.2 Integration in Gesamtschulen
Im TS wird traditionell davon ausgegangen, dass geistig- und lernbehinderte Schüler in separaten Schulen unterrichtet werden, die auf die speziellen Bedürfnisse der behinderten Schüler ausgerichtet sind und Förder-, oder Sonderschule genannt werden. Anders in der GS: Hier kommt ein Integrationsmodell zum Einsatz, welches behinderte und nichtbehinderte Schüler miteinander unterrichtet, welches aber noch weiter erprobt wird, also nicht flächendeckend eingesetzt wird. Man könnte von einer „Koedukation“ behindertet und nichtbehinderter Schüler sprechen. Diese Integrationsversuche an Gesamtschulen werden meist in Hamburg durchgeführt (1993/94: 14 GS)15
Zunächst ein kurzes Beispiel: An einer GS mit Integrationsklasse werden 28 nichtbehinderte mit sechs behinderten Kindern zusammen unterrichtet. Fünf davon sind geistig-, einer lernbehindert. Vor allem der geistig behinderte Junge R. fällt durch sein Verhalten besonders auf. Die Beobachtung findet in einem zwei- Jahres- Zeitraum in der Sekundarstufe I statt. 16
Der Junge R. durchläuft verschiedene Phasen in der fünften bis zur siebten Klasse. Anfänglich ist die Haltung der nicht behinderten Schüler abweisend. Dies wandelt sich mit der Zeit durch konstruktive Auseinandersetzungen mit R.s Befinden und Handeln und dies ermöglicht ihm wiederum am Ende der siebten Klasse seine, in der fünften Klasse gezeigten Fluchtreaktionen und für die Klasse störendes Verhalten, in selbstbewussteres Auftreten zu verwandeln. Auch die Einsicht R.s wird durch das Verhalten der Mitschüler gefördert, so dass er sein Verhalten oft begreift und den Willen der anderen Klassenkameraden respektiert.17
Was lässt sich nun aber grundlegend über die Konzeption des Integrationsansatzes sagen und in wie weit kann man den Fall R. als eine gelungene Integration deuten?
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährige, emotionsgeladene Debatte um das deutsche Schulsystem und definiert die Gesamtschule als zentrales, jedoch kontrovers diskutiertes Reformmodell.
2 Historischer Abriss: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung pädagogischer Reformideen nach, von Comenius und Humboldt bis hin zur Wiedereinführung des dreigliedrigen Systems nach 1945.
3 Die Ziele der Gesamtschule und deren Bilanzierung: Hier werden die theoretischen Zielsetzungen der Gesamtschule dargelegt und der methodisch schwierige Vergleich mit dem traditionellen Schulsystem eingeleitet.
3.1 Die Durchlässigkeit der Schulsysteme im Vergleich: Untersucht wird die Mobilität der Schüler innerhalb des Systems, wobei die Gesamtschule eine deutlich höhere Durchlässigkeit bei gleichzeitig geringeren Schulabbruchraten aufweist.
3.2 Integration in Gesamtschulen: Das Kapitel diskutiert Chancen und Probleme der gemeinsamen Unterrichtung von behinderten und nichtbehinderten Schülern sowie den hohen personellen und materiellen Aufwand.
3.3 Chancengleichheit an Gesamtschulen: Es wird analysiert, inwieweit die Gesamtschule die soziale Selektivität des deutschen Bildungswesens mildern kann und ob der Schulerfolg tatsächlich stärker von der Begabung als von der sozialen Herkunft abhängt.
4 Fazit: Das Fazit stellt die Vorzüge der Gesamtschule heraus und fordert eine Abkehr von der starren Tradierung sozialer Positionen im traditionellen Schulsystem.
5 Schlussbemerkung: Der Autor reflektiert die Beschränkungen der Arbeit und weist auf weitere notwendige Forschungsfelder wie die Finanzierbarkeit und bauliche Voraussetzungen hin.
Schlüsselwörter
Gesamtschule, Traditionelles Schulsystem, Durchlässigkeit, Integration, Chancengleichheit, Bildungsreform, Schulversuch, soziale Herkunft, Bildungsbeteiligung, Sekundarstufe I, Selektion, Leistungsprinzip, Koedukation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bilanziert das Schulkonzept der Gesamtschule in Deutschland und vergleicht es kritisch mit dem traditionellen, dreigliedrigen Schulsystem.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Pfeiler der Untersuchung sind die Durchlässigkeit des Schulsystems, die Integration behinderter Schüler in den Regelschulbetrieb sowie die soziale Chancengleichheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu beurteilen, ob die Gesamtschule eine gerechtere und flexiblere Alternative zum etablierten Schulwesen darstellt und inwieweit sie ihre hochgesteckten pädagogischen Ziele erreicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Arbeit verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse einschlägiger bildungswissenschaftlicher Studien und Berichte, um die unterschiedlichen Perspektiven auf das Gesamtschulkonzept empirisch zu untermauern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Mobilität und Durchlässigkeit, Fallbeispiele zur Integration in Gesamtschulen sowie eine statistisch fundierte Analyse zur Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Chancengleichheit, Gesamtschulhypothese, Integrationsmodell, soziale Selektivität und Reformpädagogik geprägt.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse zur Integration an Gesamtschulen?
Integration wird als pädagogisch wertvoll für die soziale Entwicklung der Schüler bewertet, ist jedoch durch hohen finanziellen und organisatorischen Aufwand in der Fläche schwer umsetzbar.
Wie bewertet der Autor die Chancengleichheit im Vergleich der Systeme?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Gesamtschule durch die spätere Selektion eine geringere Verzerrung nach sozialer Herkunft aufweist und somit chancengerechter agiert als das traditionelle System.
- Arbeit zitieren
- Martin Mehringer (Autor:in), 2009, Gesamtschule - eine kurze Bilanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156677