„Kommunikationswissenschaft?! Was macht man denn damit?“ – wie oft musste
ich in den letzten fünf Jahren diese Frage beantworten. Inhalt und Nachdruck
meiner Antwort haben sich über die Jahre verändert: Am Anfang war es eher ein
unbeholfenes „Alles, was mit Kommunikation zu tun hat.“ Das „Glaube ich“
habe ich mir dazu gedacht. Nach dem dritten Semester, die Zeit meiner Zwischenprüfung,
stellte ich mir die Sinnfrage: „Nichts!“, „Bücher lesen und dumme
Theorien lernen!“ oder „Bald gar nichts mehr!“ war in diesem Moment der Verlorenheit
zwischen Erwartung und Realität aus meinem Mund zu hören. Ich
nutzte ein Auslandspraktikum, um mir darüber klar zu werden, ob ich überhaupt
weiter studieren werde, ob ich nicht lieber eine Ausbildung machen sollte,
endlich die Ärmel hochkrempeln und richtig was tun. Wie man sieht, habe ich
weitergemacht – und auch eine neue Antwort parat: „Professionell kommunizieren,
was denn sonst!?“.
Die Frage, was man mit dem gewählten Studium später einmal anfangen möchte
oder kann, muss jeder Student irgendwann beantworten. Tatsache ist, dass ein
Studium eine Station auf dem Weg in die Berufstätigkeit ist – die konkrete Stellung
allerdings, die es dabei einnimmt, hängt sowohl von dem persönlichen
Weg, als auch von (hochschul-) politischen, gesellschaftlichen und arbeitsmarktbezogenen
Faktoren ab.
So hat sich gerade im 19. und 20. Jahrhundert die Funktion der Hochschule einschneidend
verändert: von einer geistigen Bildungsinstitution für soziale Eliten
hat sie sich mittlerweile zu einem multifunktionalen Dienstleistungsunternehmen
entwickelt.1 Weitgehende Akademisierung der Berufswelt und die gleichzeitige
Vergesellschaftung der Wissenschaft machen eine immer stärkere Verzahnung
von Berufspraxis und Wissenschaft unumgänglich. Eine Folge davon ist,
dass berufsorientierte, wissenschaftlich basierte Ausbildung mittlerweile eine
zentrale Aufgabe der Hochschule beschreibt. Historie und gegenwärtige Konzeption
vor allem wissenschaftlicher Studiengänge stehen diesem Anspruch jedoch
derzeit noch entgegen. Gleichzeitig werden Stimmen laut, die sich deutlich gegen eine Koppelung wissenschaftlicher Ausbildung an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes
wenden.
Vor diesem Hintergrund, der im Laufe meiner Arbeit eingehend beleuchtet wird,
stellt sich die Frage, welche Rolle berufs- oder praxisorientierte Aspekte im Rahmen
eines wissenschaftlichen Studiengangs spielen und welche Erwartungen
damit verbunden sind.[...]
1Vgl.Schneekloth,Ulrich,Hochschulen,1990.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Mehr Praxisbezug! Das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis
1.1 Funktionswandel der Hochschulen
1.1.1 Historische Aspekte zum Praxisbezug
1.1.2 Vorgaben des Hochschulgesetzes
1.2 „Praxisbezug“
1.2.1 Motive für Praxisbezug
1.2.1.1 Legitimation
1.2.1.2 Weg in die Profession
1.2.1.3 Marketing- und Motivationsargument
1.2.1.4 Studentische Prioritäten
1.2.2 Herausforderungen im Kontext von Praxisbezug
1.2.2.1 Missachtung des Bildungsauftrages
1.2.2.2 Fremde Kompetenzen
1.2.2.3 Einzelinitiativen statt umfassender Studiumsreformen
1.2.2.4 Instrumentalisierung
1.2.2.5 Und zu guter Letzt: „Entthematisierung“?
1.2.3 Fragmente einer Definition
1.2.4 Fazit und Versuch einer Definition
1.3 Hochschule als Qualifikationsinstanz
1.3.1 Studiumskonzeptionen und -abschlüsse
1.3.2 Ausbildung von Schlüsselqualifikationen
1.3.3 Integration in wissenschaftliche Arbeit
1.3.4 Kooperationen und Praxisveranstaltungen
1.3.5 Praxisinitiativen, Simulationen und Praktika
1.4 Zusammenfassung
2. Das Praxisreferat am IfKW
2.1 Entstehung
2.2 Entwicklung bis heute
2.2.1 Finanzierung
2.2.2 Angebotsformen
2.2.3 Kommunikation und Vermarktung
2.3 Studien zum Praxisreferat
2.3.1 Image- und Akzeptanzanalyse, Karl Pauler, WS 1998
2.3.2 Konzeption des Online-Praxisreferats, Thomas Wolf, WS 1998
2.3.3 Inhaltsanalyse der Stellenangebote, Martina Korff, SS 2002
3. Studienperspektiven nach Reinhard Gawatz
4. Forschungsfragen und Umsetzung im Fragebogen
4.1 Forschungsfragen
4.2 Methode, Grundgesamtheit und Stichprobe
4.2.1 Methode
4.2.2 Grundgesamtheit
4.2.3 Stichprobe
4.3 Fragebogen
4.4 Pretest
5. Ergebnisse der Studentenbefragung am IfKW
5.1 Soziodemographische Daten
5.2 Studiumsentscheidung
5.2.1 Einflüsse der beruflichen Vorgeschichte
5.2.2 Nutzen des Studiums
5.3 Verhältnis von Studium und Beruf
5.3.1 Gründe für berufliche Tätigkeit
5.3.2 Einfluss von Berufsvorstellungen auf die Studiumsgestaltung
5.3.3 Berufsvorbereitung im Rahmen des Studiums
5.3.4 Studentische Nebentätigkeiten
5.4 Bachelor-/Master-System
5.5 Praxisreferat
5.5.1 Konkurrenz des Praxisreferats
5.5.2 Stellenangebote
5.5.3 Art und Bereich der gesuchten Tätigkeit
5.5.4 Erfahrungen
5.5.5 Konzeptionelle Veränderungen des Praxisreferats
5.6 Praxisbezug
5.7 Studienperspektiven
5.7.1 Verteilung auf die Studienperspektiven
5.7.2 Studienperspektiven und das Verhältnis von Studium und Beruf
5.7.2.1 Wissenschaftlerperspektive
5.7.2.2 Professionsperspektive
5.7.2.3 Akademikerperspektive
5.7.2.4 Karriereperspektive
5.7.2.5 Sachbearbeiterperspektive
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von wissenschaftlicher Ausbildung und beruflicher Praxis im Fach Kommunikationswissenschaft. Das zentrale Ziel ist es, die Erwartungen von Studenten an die praktische Berufsvorbereitung zu analysieren und die Akzeptanz sowie die Rolle des Praxisreferats am Institut für Kommunikationswissenschaft (IfKW) der LMU München zu bewerten.
- Verhältnis zwischen akademischem Studium und Anforderungen der Berufspraxis
- Analyse der studentischen Erwartungen an die praktische Berufsvorbereitung
- Evaluierung des Praxisreferats als Schnittstelle zwischen Universität und Wirtschaft
- Untersuchung von Studienperspektiven zur Identifikation von Erwartungshaltungen
- Vergleich von Qualifikationsangeboten mit den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes
Auszug aus dem Buch
1.2 „Praxisbezug“
Bei jeder Befragungsrunde, die ich für meine Magisterarbeit durchgeführt habe wiederholte sich dasselbe Spiel. Ich betrat den Seminarraum, bewaffnet mit einem dicken Stapel Fragebögen und der Ausstrahlung nie enden wollender Motivation. Die Studenten, denen nicht schnell genug eine gute Ausrede einfiel, überließen sich teils mit gequälter, teils mit wissender Mine den neugierigen Bögen.
Ein Kreuz folgte dem anderen, angestrengte Mimik wechselte sich mit nachdenklicher oder überraschter ab. Gegen Ende wurde es spannend. Der Schlusssatz meines Fragebogens lautet: „Keine Kreuzchen mehr: Bitte nutze doch die Rückseite des Fragebogens, um kurz mit eigenen Worten zu beschreiben, wie Du für Dich ‚Praxisbezug’ definierst.“ Die Atmosphäre wurde ab diesem Punkt deutlich geschäftiger. Fast jeder konnte und wollte etwas zu diesem Thema sagen.
Damit hat sich nur ein weiteres Mal bewiesen, was seit jeher problematisch ist: jeder kennt den Begriff, alle benutzen ihn – aber niemand fragt, was der andere damit meint. Machen wir uns also auf den Weg:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Mehr Praxisbezug! Das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis: Dieses Kapitel erörtert den Funktionswandel der Universität von einer reinen Bildungsinstitution hin zu einer Einrichtung, die auch berufsqualifizierende Aspekte integriert, und diskutiert das Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis.
2. Das Praxisreferat am IfKW: Hier wird die Entstehung und Entwicklung des Praxisreferats am Institut für Kommunikationswissenschaft nachgezeichnet, inklusive der Finanzierung, Angebotsformen und bisheriger Studien zur Akzeptanz.
3. Studienperspektiven nach Reinhard Gawatz: Dieses Kapitel führt das Konzept der Studienperspektiven ein, um die unterschiedlichen Einstellungen und Erwartungen von Studenten gegenüber Studium und Beruf theoretisch einzuordnen.
4. Forschungsfragen und Umsetzung im Fragebogen: Die Methodik der Untersuchung, einschließlich der Forschungsfragen, der Stichprobenziehung und des Aufbaus des Fragebogens, wird detailliert dargelegt.
5. Ergebnisse der Studentenbefragung am IfKW: Der umfangreiche Hauptteil präsentiert und interpretiert die empirischen Daten der Befragung zu den Themen Soziodemographie, Studiumsentscheidung, Praxisreferat und berufliche Perspektiven.
Schlüsselwörter
Kommunikationswissenschaft, Praxisbezug, Praxisreferat, Berufsvorbereitung, Studium, Studienperspektiven, Akademisierung, berufliche Qualifikation, Schlüsselqualifikationen, Hochschulreform, studentische Umfrage, IfKW, LMU München, Berufsfelder, Arbeitsmarkt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das Spannungsfeld zwischen der wissenschaftlichen Ausbildung in der Kommunikationswissenschaft und den Anforderungen der beruflichen Praxis.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind der Funktionswandel der Hochschule, der Praxisbezug im Studium, die Konzeption des Praxisreferats sowie studentische Erwartungen und Berufsvorstellungen.
Was ist die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Untersuchung geht der Frage nach, welche Rolle berufs- oder praxisorientierte Aspekte in einem wissenschaftlichen Studiengang spielen und wie das Praxisreferat die Berufsvorbereitung unterstützt.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer standardisierten, schriftlichen Befragung von 222 Studenten sowie einer Inhaltsanalyse von Stellenanzeigen des Praxisreferats aus den Jahren 2000 bis 2002.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil wertet die Studentenbefragung aus, beleuchtet das Praxisreferat am IfKW, stellt Studienperspektiven vor und analysiert, wie Studenten ihr Studium im Hinblick auf den Berufseinstieg gestalten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Praxisbezug, Kommunikationswissenschaft, Berufsqualifikation und der Zusammenhang zwischen Studium und erwerbswirtschaftlicher Tätigkeit.
Welche spezifische Rolle spielt das Praxisreferat?
Das Praxisreferat fungiert als Schnittstelle, die Praktika vermittelt und den Austausch zwischen Institut und Wirtschaft durch einen Praxisbeirat zu fördern versucht.
Zu welchem Ergebnis kommt die Arbeit bezüglich der beruflichen Vorbereitung?
Die Arbeit stellt fest, dass Studenten eine reine theoretische Ausbildung ablehnen und eine Kombination aus wissenschaftlicher Bildung und praktischer Erfahrung anstreben, wobei das Praxisreferat als nützliche, aber in der Kommunikation verbesserungswürdige Einrichtung wahrgenommen wird.
- Citar trabajo
- Martina Korff (Autor), 2002, Praktische Berufsvorbereitung im Rahmen eines wissenschaftlichen Studiengangs - Band 1, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15693