Organisationen sind auf duale Weise bestimmt durch eine formelle und informelle Ordnung. Jenseits aller formalen Strukturen laufen im Hintergrund der Organisation verborgene Prozesse ab. Sie ergänzen die formalen und tragen zum Erhalt, zur Steuerung und zur Entwicklung von Organisationen bei. Hierbei wird die Frage aufgeworfen, wie Individuen und Organisationen Entscheidungen treffen können.
In der vorliegenden Seminararbeit wird Informalität aus zwei Blickwinkeln betrachtet, und es wird analysiert, wie Akteure ihre unterschiedlichen Interessen innerhalb einer Hierarchie, auch gegen Widerstreben durchzusetzen versuchen.
Die erste Betrachtung beschäftigt sich mit der Mikropolitik – einem alltäglichen Phänomen in Organisationen. Es wird darauf eingegangen, was grundsätzlich hierunter zu verstehen ist, welche Personen daran teilnehmen, wie die Gestaltungsmöglichkeiten und die Konsequenzen daraus aussehen.
Die zweite Betrachtung stellt das „Mülleimer-Modell“ der Entscheidungsfindung mit ihrem komplexen Geflecht von ineinander fließenden Strömungen dar.
Die Funktion der Macht, politische Spiele und die Rationalität bilden die Rahmenbedingungen für die informelle Organisationsgestaltung. Hinzu kommen die unterschiedlichen Möglichkeiten der Entscheidungsbildung.
Abschließend kommt es zu einer kritischen Zusammenfassung und einem
perspektivischen Ausblick.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Organisatorische Entscheidungsbildung
2.1 Mikropolitik
2.1.1 Definitorische Begriffsbestimmung
2.1.2 Teilnehmer an mikropolitischen Aktivitäten
2.1.3 Formen mikropolitischen Handelns
2.1.4 Ambivalente Folgen mikropolitischen Handelns
2.2 Mülleimer-Modell
3. Mikropolitik und Mülleimer-Modell im Vergleich
3.1 Macht
3.2 Spiele
3.3 Rationalität
3.4 Wege der Entscheidungsfindung
4. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die informelle Seite der Organisation durch die Analyse zweier theoretischer Ansätze – der Mikropolitik und des Mülleimer-Modells – zu beleuchten und deren Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten im Kontext organisationaler Entscheidungsbildung herauszuarbeiten.
- Grundlagen der Mikropolitik (Definition, Akteure, Handlungsformen und Folgen)
- Das Mülleimer-Modell als Abbild organisationaler Anarchien
- Vergleichende Analyse der Konzepte Macht und politische Spiele
- Untersuchung der Rolle von Rationalität bei Entscheidungen
- Diskussion verschiedener Wege und Strategien der Entscheidungsfindung
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Definitorische Begriffsbestimmung
Tom Burns der den Begriff der „micropolitics“5 erstmalig als Entwurf politischer Handlungsprozesse in Organisationen verwendete, definiert Mikropolitik „über den Grad, in dem andere Personen als Ressource in Konkurrenzsituationen zur Durchsetzung politischer Ziele instrumentalisiert werden“6. Er betrachtet Mikropolitik dabei aus zwei Blickwinkeln: zum einen als Aktivität einer Person um die eigene Karriere voranzutreiben, sowie zum anderen als das Bemühen mehrerer Personen zur innovativen Veränderung bestehender sozialer Systeme.7
Eine weitere Definition liefert Henry Mintzberg: „[P]olitics refers to individual or group behavior that is informal, ostensibly parochial, typically divisive, and above all, in the technical sense, illegitimate – sanctioned neither by formal authority, accepted ideology, nor certified expertise (though it may exploit any one of these).”8
In den deutschsprachigen Raum führte Horst Bosetzky den Begriff der Mikropolitik ein. Er versteht darunter „den Versuch des einzelnen Organisationsmitgliedes, persönliche Ziele (organisationsbezogene wie individuelle) durch das Eingehen von Koalitionen (Seilschaften, Promotionsbündnissen) mit anderen Personen und Gruppierungen innerhalb und außerhalb der Organisation schneller und besser zu erreichen.“9
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel führt in die Dualität formeller und informeller Organisation ein und skizziert das Vorhaben, die Mikropolitik und das Mülleimer-Modell zur Analyse informeller Entscheidungsprozesse heranzuziehen.
2. Organisatorische Entscheidungsbildung: Hier werden die beiden Kernkonzepte detailliert vorgestellt; während Mikropolitik als täglicher Einflussversuch mit Machtstreben definiert wird, beschreibt das Mülleimer-Modell Organisationen als "organisierte Anarchien" mit zufälligen Entscheidungsprozessen.
3. Mikropolitik und Mülleimer-Modell im Vergleich: Dieses Kapitel stellt beide Modelle gegenüber und untersucht sie anhand der Kriterien Macht, politische Spiele, Rationalität und konkrete Entscheidungswege.
4. Zusammenfassung und Ausblick: Der abschließende Teil fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Notwendigkeit sowie die Schwierigkeit, informelle Prozesse in komplexen Organisationen wissenschaftlich zu durchdringen.
Schlüsselwörter
Mikropolitik, Mülleimer-Modell, Organisation, Entscheidungsbildung, Macht, Machtspiele, begrenzte Rationalität, informelle Organisation, Koalitionen, organisierte Anarchie, Interessen, Strategie, Taktik, Entscheidungsgelegenheiten, Ambiguität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die informellen Prozesse innerhalb von Organisationen und wie diese die Entscheidungsbildung beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Mikropolitik als aktives Machtstreben von Akteuren und das Mülleimer-Modell, das Entscheidungen als ungeordnete, zufällige Ereignisse in "organisierten Anarchien" betrachtet.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist ein systematischer Vergleich der beiden Ansätze (Mikropolitik und Mülleimer-Modell), um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der organisationalen Entscheidungsfindung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Seminararbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse basiert, um die Konzepte zu charakterisieren und vergleichend gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung beider Modelle und deren detaillierten Vergleich hinsichtlich Macht, Spielen, Rationalität und der tatsächlichen Wege der Entscheidungsfindung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Schlüsselwörtern gehören Mikropolitik, Mülleimer-Modell, organisierte Anarchie, informelle Organisation, Macht und begrenzte Rationalität.
Wie unterscheidet sich die Rationalität in den beiden Modellen?
Während in der Mikropolitik von einer zweckrationalen (wenn auch begrenzten) Handlung der Akteure ausgegangen wird, lässt das Mülleimer-Modell aufgrund der hohen Ambiguität und Unordnung kaum noch von einer zugrundeliegenden Rationalität sprechen.
Was versteht man unter dem "Don Corleone-Prinzip" in diesem Kontext?
Es handelt sich um eine mikropolitische Strategie, bei der durch strategisch erbrachte Hilfeleistungen oder Gefälligkeiten ein Geflecht von moralischen Schuldnern erzeugt wird, um diese später zur Gegenleistung zu verpflichten.
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- Patrick Siedler (Autor), 2009, Organisatorische Entscheidungsbildung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157156