Luhmanns systemfunktionaler Ansatz - Schule als formale Organisation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1 Terminologische Grundlagen

2 Formalisierung am Beispiel Schule

3 Funktionen und Folgen der Formalisierung
3.1 Formalisierung und Stabilitat
3.2 Informalitat und Elastizitat

Schlussbetrachtung

Literatur

Einleitung

Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann beschaftigt sich in seinem 1964 erstmals erschienen Fruhwerk „Funktionen und Folgen formaler Organisation" mit dem Wesen formalisierter Sozialsysteme. Er entwickelt einen ganz eigenen theoretischen Zugang, in welchem er die Grundannahmen der traditionellen Organisationswissenschaft in Frage stellt. Diese setzen soziale Ordnungen als etwas Absolutes und endlos Bestehendes voraus, an Entsprechend richtet sich jegliches menschliche Handeln innerhalb der Organisation in harmonischer Kausalitat daran aus. Ein solches ..Maftstab-Denken"[1] biete zwar anschauliche Einfachheit, werde jedoch nicht den eigentlich viel komplexeren, weit verzweigten Vorgangen menschlichen Handelns in formalen Systemen gerecht. Organisation erschlieftt sich demnach nicht uber Menschen, sondern uber Kommunikationsstrukturen. Auf der Basisannahme, dass menschliches Handeln nicht auf Individuen oder absolute Werte zuruckfuhrbar ist, analysiert Luhmann unter der ihm eigenen Systemperspektive. Danach sind Handlungen immer einem oder mehreren Systemen mit je eigenen pragenden Anforderungsstrukturen zugehorig. Da die Erwartungsstrukturen in Form von Werten und Regeln sich nicht auf etwas absolut bereits Vorhandenes - auf etwas „Seiendes“[2] - begrunden, besteht fur alle sozialen Systeme die Notwendigkeit, durch Leistungen ihren Bestand gegenuber „differenzierten, veranderlichen Umwelten"[3] zu sichern. Mit der Formalisierung wird ein besonders hohes Maft an Systemstabilitat erzeugt. Dennoch sind Organisationen keine technischen Apparate, sondern auf menschlichen Kommunikationen beruhend. Die Formalitat bietet nur Rahmen und Grenzen, als Orientierungsgrundlage fur das menschliche Handeln und bestimmt somit die Leistungsfahigkeit des Systems, die innere Ordnung nach auften „relativ invariant"[4] zu halten.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, auszugsweise anhand des praktischen Beispiels der Schule als eine formale Organisation, Luhmanns Grundgedanken zu den funktionalen Zusammenhangen formaler und informaler Systemleistungen nachzugehen. Dabei soll vor allem ein analytischer Aspekt besondere Berucksichtigung finden, welcher seinem Werk innerhalb der Organisationswissenschaft wegweisende Bedeutung gab. Formalisierte Sozialordnungen weisen neben „besonders herausgehobenen formalen Erwartungen“[5] als Grundlage der Organisation eine Vielzahl faktischer Verhaltensweisen auf, die sich Ersteren nicht zuordnen lassen. So entspricht die faktische Verhaltensstruktur innerhalb formaler Systeme ganz wesentlich auch informalen Erwartungen. Am Gedanken des Systemerhalts orientiert, wird speziell der Frage nachgegangen, welche Bedeutung diesen, in der formalen Erwartungsstruktur nicht ausdrucklich festgeschriebenen, informalen Erwartungsstrukturen am Beispiel der Organisation Schule und ausfuhrlicher an der Position des Lehrers zukommt.

Die vorliegende Arbeit basiert auf den Ausarbeitungen der oben benannten Monographie. Damit orientieren sich theoretische Aussagen und Definitionen am entsprechenden zeitlichen Entwicklungsstand Luhmanns Theorie. Das gewahlte Beispiel dient der Veranschaulichung der Theorie, nicht jedoch der eigenstandigen Auseinandersetzung mit der Problematik des gesellschaftlichen Erziehungssystems, welches spater von ihm auch eine ausfuhrliche Auseinandersetzung fand.

Die Arbeit gliedert sich in drei unterschiedliche Teile. Den Anfang bildet die Einfuhrung in begriffliche Zusammenhange, die das theoretische Grundgerust seiner Arbeit ausmachen. Darauf aufbauend widmet sich der zweite Teil der Frage, was unter der Formalisierung und Differenzierung von Systemen zu verstehen ist. Beispiele formaler Konstruktion werden anhand der Organisation Schule praktisch nachvollzogen. Der dritte Teil setzt sich mit der Bedeutung der Formalitat und der Informalitat fur den Systemerhalt auseinander. Zum Einen werden Aspekte der Stabilisierung und Rationalitat als Ergebnis der Formalisierung nachvollzogen. Dabei wird jedoch nicht der Anspruch auf Vollstandigkeit erhoben. Da die Formalisierung einer sozialen Ordnung sich nicht auf einfache Kausalzusammenhange reduzieren lasst, erfordert die Betrachtung der Funktionsstruktur zum Anderen die Auseinandersetzung mit Fragen der Flexibilitat und Elastizitat von Organisationen. Hier kommt die tragende Rolle informaler Strukturen zum Ausdruck.

1 Terminologische Grundlagen

Gesellschaftliches Zusammenleben ist gemaft Luhmanns theoretischer Perspektive von einer inneren Ordnung bestimmt, die sich verschiedensten sozialen Systemen zuordnen lasst. Bevor jedoch geklart werden kann, was ein „soziales System" ausmacht, muss klargestellt werden, was unter dem Systembegriff zu verstehen ist. Danach lasst sich alles als System bezeichnen, was ein Innen und ein Auften aufweist. Es beinhaltet eine Ordnung, die sich nach auften, gegenuber ihrer Umwelt, abgrenzt. Damit ist das System durch eine „relative Invariant[6] charakterisiert. Bezogen auf das gesellschaftliche Zusammenleben gibt es spezieller die sozialen Systeme. Sie „bestehen nicht aus konkreten Personen mit Leib und Seele, sondern aus konkreten Handlungen"[7]. Mehrere Handlungen stehen in einem Sinnzusammenhang und sind gegenuber einer Umwelt abgrenzbar. Die Handlungen orientieren sich an der inneren „Ordnung der Verhaltenserwartungen, die den Systemzusammenhang definieren"[8]. Auf der Grundlage der abgrenzbaren Erwartungsstruktur, an der sich Handlungen orientieren, ist das soziale System in der Lage uber einen langeren Zeitraum relativ unabhangig gegenuber Wechselfallen der Umwelt zu bestehen. Die Stabilisierung der Erwartungsstruktur bestimmt maftgeblich uber den Fortbestand.

Ein Beispiel fur ein soziales System ist die Freundschaft. Das Innere des Systems ist alles, was sich zwischen bspw. zwei personalen Aktionssystemen, also Personen abspielt, die in einer freundschaftlichen Verbindung zueinander stehen. Das Auftere betrifft alle Handlungen bzw. Kommunikationen, welche nicht in einem unmittelbaren Sinnzusammenhang mit der Freundschaft stehen. Strukturiert ist sie durch verschiedene Verhaltenserwartungen, deren Sinn dem Fortbestand der Freundschaft trotz immer neuer und teils widerspruchlicher Umgebungssituationen dient. Die Erwartungen beziehen sich typischerweise auf Loyalitat, gegenseitige Unterstutzung, Vertrauen usw. als Orientierungsgrundlage kunftigen Verhaltens.

Erwartungen sind nicht einfach vorhanden und immer die gleichen. In elementaren Ordnungen, wie die Freundschaft auch eine ist, entwickeln sich diese im Prozess der Generalisierung. Durch Kommunikation generalisieren sich die Erwartungen auf drei Ebenen, die in der Summe die notwendige Stabilitat fur den Systembestand erzeugen. Erwartungen werden (1) zeitlich, (2) sachlich und (3) sozial generalisiert. (1) zeitliche Generalisierung meint: die Geltung geht uber den Einzelfall hinaus, erhalt somit Normqualitat. Auf der (2) sachlichen Ebene verstetigt sich die Kombination verschiedener Verhaltenserwartungen zu einem typischen Rollenbild. Wenn sich bestimmte Erwartungen oder Rollenbilder (3) sozial bestatigen, ist das Ausdruck eines Konsens‘ innerhalb einer Gruppe. Der Konsens geht dabei uber den Personenkreis der unmittelbar Beteiligten hinaus. Die Generalisierung von Erwartungen erzeugt eine stabile Ordnung als Grundlage fur ein soziales System. Innerhalb elementarer Sozialsysteme konnen auch widerspruchliche Situationen eine gewisse Toleranz erfordern.[9]

Die innere Widerspruchlichkeit, die sich als Unsicherheitsfaktor auf die Erwartungsstabilisierung auswirken kann, soll uber den Weg der Formalisierung von Erwartungen ausgeschaltet werden. Damit ist der gedankliche Ubergang zum formalisierten Sozialsystem vollzogen. Als formalisiert gelten soziale Systeme, deren Erwartungen teilweise formalisiert sind und damit generelle Geltung fur die interne Handlungsorientierung besitzen. Mit der Formalisierung von Erwartungen wird ein Hochstmaft an Generalisierbarkeit erreicht.[10] Die Anerkennung wird zur Bedingung der „Mitgliedschaft“[11] in der Organisation.

2 Formalisierung am Beispiel Schule

Schule ist ein formalisiertes soziales System. Sie ist durch eine teilweise formalisierte Erwartungsstruktur mit einer ubergeordneten Idee definiert, nach welcher das System organisiert ist. Die Idee rankt sich um die Bildung der Schuler durch Lehrer in
gesteuerten also formalisierten Bahnen. Diesen Bahnen[12] obliegt die Funktion fur Stabilitat, Erwartbarkeit und Klarheit zu sorgen, um eine relative Invarianz gegenuber der Umwelt sicher stellen zu konnen. Die diesbezuglich festgelegten Regelungen haben absoluten Geltungsanspruch. Sie definieren den Rahmen, an dem sich das Verhalten zu orientieren hat, und mit ihm die Grenzen des Systems.

Diese Regelungen lassen sich z.B. anhand der „Differenzierung“[13] in spezifische Untersysteme mit je eigenen Bestandsbedingungen deutlich machen. Dabei handelt es sich um die „Wiederholung der Systembildung im Inneren von Systemen“[14]. „Das Gesamtsystem wird fur die Untersysteme zu einer strukturierten Umwelt ,..“[15], welche Anforderungen vorgibt. Beispiele der formalen Differenzierung sind zum Einen die verschiedenen Schularten. Zum Anderen kommt es auch innerhalb derer in Form von Klasseneinteilung zu Differenzierungen des Systems Schule in kleinere Untersysteme. Auch das Lehramt bildet ein System fur sich. Und innerhalb dessen bilden die Lehrer einzelne Aktionssysteme, deren Handlungen sich allerdings nur teilweise mit dem System Schule oder Lehrer decken. Sie gehoren gleichzeitig anderen sozialen Systemen, wie z.B. Familie, Freunde, Stadtrat oder Sportverein an, die jeweils andere Erwartungen an das Verhalten stellen. Doch liegt der Focus der funktionalen Analyse, wie Luhmann sie entwickelt, nicht auf dem Menschen als Individuum, sondern auf Funktionszusammenhange von Handlungen innerhalb eines Systems - im konkreten Fall formal organisierter. Funktion verweist auf eine spezifisch theoretische Perspektive. Handlungen sind immer Resultat des Auswahlens aus einer Vielzahl anderer Handlungsoptionen.[16] Die Wahl orientiert sich an kommunizierten Verhaltenserwartungen. Im Folgenden wird das Lehramt als „Stelle“[17] mit spezifischen, formal vorgegebenen Rollenerwartungen naher beleuchtet.

Der formale Rahmen der Stelle als Lehrer ergibt sich unter anderem aus dem Schulgesetz und den jeweilig aktuellen Richtlinien des Kultusministeriums.

[...]


[1] Luhmann 1976, S. 395

[2] ebd., S. 396

[3] ebd., S. 396

[4] ebd., S. 24

[5] ebd., S. 29

[6] „Relative Invarianz [ist die, U.T.] Unabhangigkeit des Systems von Veranderungen der Umwelt." (ebd., S. 26)

[7] ebd., S. 25

[8] ebd., S. 26

[9] vgl. ebd., S. 56ff.

[10] vgl. ebd., S. 59

[11] ebd., S. 39

[12] Luhmann verwendet nicht den Begriff der Erwartungen als „Rahmen“ (ebd., S. 64).

[13] ebd., S. 76

[14] ebd., S. 76

[15] ebd., S. 77

[16] vgl. ebd., S. 382f.

[17] ebd., S. 142

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Luhmanns systemfunktionaler Ansatz - Schule als formale Organisation
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Luhmann-Lektüren: Ausgewählte Texte zur Gesellschaftstheorie Niklas Luhmanns
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V157397
ISBN (eBook)
9783640709243
ISBN (Buch)
9783640708994
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Niklas Luhmann, Organisation, Organisationstheorie, formal, informal, formale Systeme, formale Erwartungen, System, Umwelt, Systemerhalt, Flexibilität, Anpassung, Stabilität, Rationalität, relative Invarianz, Erwartungsstruktur, Handlungen, Generalisierung, Konsens, Schule, Lehrerrolle, Schülerrolle, Rollenerwartungen, Mitgliedschaftsrolle
Arbeit zitieren
Ulrike Triebel (Autor), 2008, Luhmanns systemfunktionaler Ansatz - Schule als formale Organisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157397

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