Diese Diplomarbeit betrachtet das Thema Kommunikation am Arbeitsplatz Krankenhaus durch unterschiedlichste Brillen. Umfangreiche kommunikationswissenschaftliche als auch dialogpädagogische und betriebssoziologische Literatur bilden das grundlegende Material, mit dem gearbeitet wurde. Durch neue, zum Teil ungewohnte Herangehensweisen an die Thematik entstand eine breit angelegte Arbeit, die ein komplexes Bild der möglichen Kommunikationsformen zwischen Arzt und Pflegeperson gibt. Den Übergang vom theoretischen zum empirischen Teil bildet der Text "The Doctor-nurse-game revisited" von Stein et. al. Drei amerikanische Ärzte beschreiben darin die Beziehung zw. Pflegepersonen und Ärzten als eine Art Spiel mit klar definierten Hierarchien, das zum Ziel hat, offene Konflikte zu vermeiden. Das Vertrauen von Patienten in die allmächtige Profession Medizin soll damit gestützt werden. Durch immer stärker spürbare Professionalisierungsbestrebungen von Pflegepersonen bekommt das "Doctor-nurse-game" neue Spielregeln. Solche Neuorientierungen gehen zwangsläufig mit dem Aufdecken von Statuskonflikten einher und zeigen sich am deutlichsten in veränderten Kommunikationsformen. Die zum Teil bedrückenden Forschungsergebnisse bestätigen die Vermutung, dass nach wie vor starke Machtstrukturen am Arbeitsplatz Krankenhaus existieren. Weder Pflegenden noch Ärzten gelint es, Konflikte aus einer Metaperspektive heraus zu betrachten. Da Interessenskonflikte meist mit Statuskonflikten verknüpft sind, ist es notwendig, auch die Beziehungsebene miteinzubeziehen. Erst dann kann symmetrische Kommunikation gelingen. Das Betrachten der Sachebene alleine wird der Komplexität dieser Konflikte nicht gerecht. Anhand qualitativer Leitfadeninterviews konnten etliche interessante Ergebnisse entschlüsselt werden. Diese wurden nicht nur der klassischen kommunikationswissenschaftlichen Literatur sondern auch philosophischen Überlegungen gegenübergestellt. Die Schwerstarbeit Kommunikation, die Pflegende jeden Tag erbringen, wird noch nicht als Arbeitsleistung anerkannt. Mittels Lewis Hyde und seiner Theorie des Gabentauschs wird zu dieser Problematik ein ungewohnter Bogen gespannt, der in der Dialogphilosophie Bubers seine Fortsetzung findet. Die Forschungsergebnisse sind insofern mit Vorsicht zu betrachten, da nur Diplomiertes Pflegepersonal interviewt wurde. Die Sicht der Ärzte zu diesem Thema fehlt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Der Weg zum Thema
1.2 Die Pflegeperson leistet kommunikative Schwerstarbeit
1.3 Verwendete Literatur
1.4 Web 2.0 und Atlas.ti – hilfreiche Werkzeuge
1.5 Forschungsdesign
1.5.1 Das Forschungsziel
1.5.2 Stichprobe und Feldzugang - Datenaufbereitung und –auswertung
1.5.3 Weitere Überlegungen
1.6 Verwendete Theorien
1.7 Allgemeines
2 Wir reden miteinander – die Theorie von Schulz von Thun
2.1 Anatomie der Nachricht – vom Sender zum Empfänger
2.2 Die vier Ohren des Empfängers
2.3 Die Interaktion von Sender und Empfänger
2.4 Metakommunikation
2.5 Die vier Seiten (Quadratur) der Nachricht
2.5.1 Selbstoffenbarungsseite
2.5.2 Sachseite
2.5.3 Beziehungsseite
2.5.4 Appellseite
2.6 Kommunikationsstile
2.6.1 Der helfende Stil
2.6.2 Der aggressiv-entwertende Stil
2.6.3 Der sich beweisende Stil
2.6.4 Der bestimmend-kontrollierende Stil
2.7 Richtige Kommunikation in jeder Situation
2.7.1 Das Innere Team
2.7.2 Das Oberhaupt
2.7.3 Konflikte im Team
2.7.4 Stammspieler vs. Antipoden
2.7.5 Die Aufstellung
2.7.6 Stimmige Kommunikation
3 Kommunikationstheorie nach Watzlawick
3.1 Die Axiome Watzlawicks und dazugehörige Störungen der Kommunikation
3.2 Struktur von Kommunikationsprozessen
4 Das dialogische Prinzip nach Martin Buber
4.1 Einleitung
4.2 Vom Ich zum Du
4.3 Vom Ich zum Es
4.4 Vergegnungen
4.5 Authentizität
4.6 Verantwortung und Sprache
4.7 Das Zwischen
5 Autorität – Macht
5.1 Amtsautorität vs. personaler Autorität
5.2 Macht
5.3 Autoritäre und machtbehaftete Kommunikation
6 Organisation
7 Autorität in der Organisation
7.1 Autoritätsbegriffe
7.2 Der Legitimationsprozess
7.3 Akzeptanz als Motor der Kooperation
7.4 Gelungene Kommunikation als Grundlage zur Kooperation
8 Die Pflege als Gabe – Kommunikation als Gabe?
9 The Doctor-nurse game
9.1 Zeit für ein neues Spiel
9.2 1967
9.3 Veränderungen
9.4 1990
9.5 Neue Spielregeln
10 Empirischer Teil – Forschungsdesign
10.1 Überlegungen zur Forschungsmethode
10.2 Das Interview
10.2.1 Das Leitfaden-Interview
10.2.2 Das narrative Interview
10.3 Vorbereitung der Interviews
10.3.1 Leitfadenerstellung
10.3.2 Auswahl und Zusammensetzung der Interviewpartner
10.3.3 Aufzeichnung
10.4 Durchführen der Interviews
10.4.1 Interviewen als Tätigkeit
10.4.2 Das Briefing
10.4.3 Während des Interviews
10.4.4 Ende des Interviews
10.5 Transkription
10.6 Daten computerunterstützt auswerten
11 Qualitative Datenanalyse mit Atlas.ti
11.1 Grundidee von Atlas.ti
11.2 Arbeitsablauf
11.3 Der Forschungsbericht
11.4 Grundformen des Interpretierens nach Mayring
11.5 Wie wurde codiert?
11.6 Interpretation des Netzwerks
11.7 Schwierigkeiten bei der Forschung?
12 Auswertung und Interpretation der Forschungsergebnisse
12.1 Wie beeinflussen Kommunikationsprozesse Machtstrukturen im Krankenhaus?
12.1.1 Der mächtige Arzt
12.1.2 Ein Versuch Machtstrukturen aufzubrechen
12.1.3 Einfühlsamer Machtgebrauch - gelingende Zusammenarbeit zwischen Arzt und Pflegeperson
12.1.4 Machtbeziehungen innerhalb der Pflege
12.2 Sind Autoritäten die Grundlage für bestimmte Kommunikationsformen und umgekehrt – werden erst durch bestimmte Redensarten Autoritäten festgemacht?
12.2.1 Der autoritäre Arzt
12.2.2 Die Pflegeperson als Autorität
12.2.3 Positives Erleben von Autorität – legitimierte Autoritäten
12.2.4 „Must-haves“ einer Autorität
12.3 Gibt es ein Muster oder Regelmäßigkeiten, die Hierarchien bestätigen oder ist Kommunikation zwischen Pflegepersonen und Ärzten ein komplett vielschichtiges Geschehen, das gar nicht erfassbar ist?
12.4 Wie könnte sich Kommunikation am Arbeitsplatz Krankenhaus weiterhin entwickeln?
12.4.1 Personale Autorität Pflegeperson
12.4.2 Formale Autorität Pflegeperson
12.4.3 Strukturen als Hemmnisse – wie Konflikte latent gehalten werden
12.4.4 Vermeidungsstrategien
12.4.5 Deeskalationsstrategien
12.4.6 Präventionsstrategien
12.5 Wie kann Kommunikation zwischen Pflegenden und Ärzten verbessert werden?
12.5.1 Umfangreiche Fachkompetenz
12.5.2 Erweiterte kommunikative Kompetenz
12.5.3 Erweiterte soziale Kompetenz
12.6 Bubers Dialogpädagogik - die wunderbare Utopie gelingender Kommunikation
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die komplexen Kommunikationsprozesse und Machtverhältnisse zwischen Ärzten und Pflegepersonal im Krankenhaus. Das primäre Ziel ist es, Regelmäßigkeiten in der Kommunikation aufzudecken, die bestehende Hierarchien stabilisieren oder in Frage stellen, und Wege zu einer gelingenden, dialogorientierten Kommunikation aufzuzeigen.
- Analyse von Kommunikationsmodellen (Schulz von Thun, Watzlawick) in Bezug auf den Krankenhausalltag.
- Untersuchung der Bedeutung von Macht und Autorität in der Organisation Krankenhaus.
- Empirische Erhebung durch qualitative Interviews mit Pflegepersonen zur Darstellung ihrer Sicht auf die Kommunikation mit Ärzten.
- Diskussion über die Rolle der Pflege als "erotische Gabe" im Sinne von Lewis Hyde.
- Reflexion über Dialogpädagogik nach Martin Buber als Lösungsansatz für Konflikte und Hierarchieprobleme.
Auszug aus dem Buch
Die Pflegeperson leistet kommunikative Schwerstarbeit
Die Gesundheits- und Krankenpflege ist von ständiger Interaktion des interdisziplinären/therapeutischen Teams, welches den Patienten umgibt, begleitet. Hierzu gehören z.B. Personen aus folgenden Berufsgruppen: Krankenpflege, ärztlicher Dienst, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Angehörige, Seelsorger usw.. Für die Koordination zwischen den verschiedenen Berufsgruppen sorgt die Pflegeperson. Die dadurch entstehenden Beziehungen, die den beruflichen Alltag dominieren, werden kommuniziert. Pflege ist ein kommunikativer Prozess, dem in vielen Pflegebüchern ein eigenes Kapitel gewidmet ist.
Diese Aufzählungen beinhalten eine wesentliche Schlüsselkompetenz von Pflegepersonen: Kommunikationskompetenz! Wir möchten hier nur ein Beispiel der kommunikativen Leistung einer Pflegeperson zur Veranschaulichung herausgreifen. Sterbende Patienten und deren Angehörige sind einfühlsam zu begleiten. Latasch und Knipfer beschreiben in ihrem Buch „Anästhesie Intensivmedizin Intensivpflege“ die Begleitung der Angehörigen folgendermaßen:
Bei der Begleitung der Angehörigen sterbender Patienten bieten die Pflegenden ihre Hilfe an, ohne sich aufzudrängen. Sie achten z.B. durch Lockerungen von Besuchsregelungen darauf, dass Angehörige genügend Zeit haben, um in Ruhe von dem Sterbenden Abschied nehmen zu können. Hilfreich für die Angehörigen ist auch, wenn sie aktiv in den Pflegeprozess eingebunden werden. Dabei macht die Pflegekraft auf Erfolge aufmerksam, ohne falsche Hoffnungen zu wecken. (Latasch, Knipfer 2004, S.7)
Pflegepersonen sollen Angehörige in den Sterbeprozess mit einbeziehen und Erfolge des Sterbenden klarmachen, dabei jedoch keine Hoffnungen wecken. Was ist ein „Erfolg“ eines sterbenden Menschen? Ist dies, wenn er keine Schmerzen verspürt, keine Atemnot hat oder Angehörige um das Sterbebett versammelt sind? Wie soll man als Pflegeperson auf Erfolge aufmerksam machen? Dazu gibt es keine passende Antwort. Situationsgerechte Kommunikation ist von Nöten. Dabei leisten Pflegepersonen Schwerstarbeit, denn Feingefühl, Intelligenz und Fachwissen sind notwendig. Diese Leistungen werden jedoch negiert und nicht verrechnet. Im Gegensatz dazu stellen Tätigkeiten wie z.B. Medikamente verabreichen, bei der Körperpflege behilflich sein, oder den Arzt bei der Visite unterstützen, Leistungen dar, die in Geld umgewandelt werden. Das Gespräch mit den Angehörigen ist eine Zusatzleistung, die „nebenbei“ geht und somit gratis ist. Worte sind meist mehr als Taten. Die Fähigkeit zur Kommunikation kristallisiert sich hier als Schlüsselkompetenz der Pflegeperson heraus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den persönlichen Weg der Autoren zum Forschungsthema, die Relevanz der kommunikativen Arbeit von Pflegepersonen und das Forschungsdesign der Arbeit.
2 Wir reden miteinander – die Theorie von Schulz von Thun: Dieses Kapitel führt in die Grundlagen der zwischenmenschlichen Kommunikation ein, mit besonderem Fokus auf die Quadratur der Nachricht und Kommunikationsstile.
3 Kommunikationstheorie nach Watzlawick: Hier werden die Axiome Watzlawicks auf das Krankenhausumfeld angewandt, um Störungen in Kommunikationsprozessen besser zu verstehen.
4 Das dialogische Prinzip nach Martin Buber: Das Kapitel widmet sich der Dialogphilosophie als mögliche neue Haltung in der beruflichen Kommunikation, weg von rein funktionalen Strukturen.
5 Autorität – Macht: Diese Sektion klärt die Begriffe Macht und Autorität und untersucht deren Zusammenspiel im Krankenhauskontext, insbesondere zwischen Arzt und Pflegeperson.
6 Organisation: Hier wird der Krankenhausbetrieb als politisches System definiert, in dem Strukturen und Prozesse das kommunikative Verhalten maßgeblich beeinflussen.
7 Autorität in der Organisation: Das Kapitel vertieft den Legitimationsprozess von Autorität und die zentrale Rolle der Akzeptanz für eine gelingende Kooperation.
8 Die Pflege als Gabe – Kommunikation als Gabe?: Hier wird Pflegearbeit aus einer kulturtheoretischen Perspektive betrachtet, wobei Kommunikation als „erotische Gabe“ definiert wird.
9 The Doctor-nurse game: Dieses Kapitel analysiert das historische und aktuelle Verhältnis zwischen Arzt und Pflege anhand des bekannten Konzeptes des "Doctor-nurse-game".
10 Empirische Teil – Forschungsdesign: Der empirische Teil beschreibt detailliert die methodische Vorgehensweise, die Auswahl der Interviewpartner und die Durchführung der qualitativen Interviews.
11 Qualitative Datenanalyse mit Atlas.ti: Dieses Kapitel erläutert den Einsatz der Software Atlas.ti zur strukturierten Auswertung der gewonnenen Daten.
12 Auswertung und Interpretation der Forschungsergebnisse: Das zentrale Kapitel interpretiert die Ergebnisse in Bezug auf Machtstrukturen, Autorität, Kommunikation und Konfliktlösungsstrategien im Krankenhaus.
Schlüsselwörter
Kommunikation, Krankenhaus, Autorität, Macht, Arzt, Pflegeperson, Dialogpädagogik, interdisziplinäre Zusammenarbeit, Statuskonflikte, Rollenbilder, Pflege, Interaktion, Machtstrukturen, Führung, Arbeitsklima.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die kommunikativen Strukturen und Machtverhältnisse zwischen zwei zentralen Akteuren im Krankenhaus, nämlich Pflegepersonen und Ärzten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen Kommunikationsmodelle, Organisationssoziologie, Machtstrukturen im Krankenhaus, die Philosophie des Dialogs nach Buber sowie spezifische berufliche Rollenklischees.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit zielt darauf ab, Kommunikationsmuster aufzudecken, zu analysieren, wie Machtstrukturen die Kommunikation beeinflussen, und Wege zur Verbesserung dieser Zusammenarbeit zu finden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen einen qualitativen Forschungsansatz, basierend auf Leitfadeninterviews mit diplomiertem Pflegepersonal und einer Auswertung mittels der Software Atlas.ti.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil (Theorien von Schulz von Thun, Watzlawick, Buber, Hyde) und einen empirischen Teil, der die Ergebnisse der Interviews interpretiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kommunikation, Autorität, Macht, Arzt, Pflegeperson, Dialog, Krankenhaus und Zusammenarbeit.
Warum spielen "erotische Gaben" nach Lewis Hyde eine Rolle in der Untersuchung?
Das Konzept hilft den Autoren, die „unsichtbare“ und nicht finanziell entlohnte kommunikative Leistung der Pflege als wertvollen Beitrag sichtbar zu machen.
Was wird unter dem "Doctor-nurse-game" verstanden?
Es beschreibt das historisch gewachsene, hierarchische und oft komplementäre Spiel zwischen Arzt und Pflege, in dem offene Konflikte vermieden werden und Pflegepersonen passiv agieren.
Was schlagen die Autoren vor, um die Kommunikation zu verbessern?
Sie plädieren für eine größere Selbstbemächtigung des Pflegepersonals, eine stärkere Akademisierung des Berufsstandes sowie eine offene, dialogorientierte Gesprächskultur im Sinne des "Zwischen" nach Buber.
- Citar trabajo
- Martha Fuchs (Autor), Andrea Maria Foidl (Autor), 2010, Kommunikation zweier Autoritäten im Krankenhaus am Beispiel Pflegeperson und Arzt, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157772