Entrepreneurial Orientation von Gründern

Eine empirische Betrachtung


Diplomarbeit, 2010
233 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Unternehmensgründer
2.1 Unternehmensgründungen
2.2 Originäre und derivative Gründer

3 Entrepreneurial Orientation
3.1 Entrepreneurship
3.2 Entwicklungsstadien des EO-Konzepts
3.3 EO-Konzept nach Lumpkin und Dess
3.3.1 EO-Dimensionen
3.3.1.1 Autonomie
3.3.1.2 Innovationsneigung
3.3.1.3 Risikobereitschaft
3.3.1.4 Proaktivität
3.3.1.5 Aggressives Wettbewerbsverhalten
3.3.2 EO und Performance

4 Gründer und Entrepreneurial Orientation
4.1 Untersuchungsdesign
4.1.1 Methodik der Untersuchung
4.1.2 Auswertung

5 Resultate
5.1 Ausprägung der Autonomie
5.2 Ausprägung der Innovationsneigung
5.3 Ausprägung der Risikobereitschaft
5.4 AusprägungderProaktivität
5.5 Ausprägung des aggressiven Wettbewerbsverhaltens
5.6 Entrepreneurial Orientation der befragten Gründer
5.6.1 Zusammenhang zwischen der organisatorischen und persönlichen Ebene der EO
5.6.2 Bewertung der Ergebnisse
5.6.3 Originäre und derivative Gründer im Vergleich
5.7 Auswirkungen der Entrepreneurial Orientation auf die Unternehmensperformance

6 Zusammenfassung und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Gründungen und Liquidationen 1997 - 2008 in Deutschland

Abb. 2: Formen der Unternehmensgründung

Abb. 3: Entwicklungsstufen der "Organizational Entrepreneurship Theory"

Abb. 4: Konzeptioneller Rahmen des EO-Konzepts nach Lumpkin und Dess

Abb. 5: Relative und absolute Innovationen nach Unternehmensgröße im verarbeitenden Gewerbe

Abb. 6: Ergebnisse einer Befragung unter 108 schweizerischen KMU bezüglich ihrer Entrepreneurial Orientation

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Unternehmensübersicht (originäre Gründung)

Tab. 2: Unternehmensübersicht (derivative Gründung)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

In Interviews mit Politikern oder wichtigen Wirtschaftswissenschaft- lern, sowie in Vor- und Geleitworten wissenschaftlicher Bücher zur Thematik der Unternehmensgründungen wird immer wieder der hohe Stellenwert der Unternehmensgründungen hervorgehoben. Wettbe- werbspolitische, technologiepolitische, strukturpolitische, beschäfti- gungspolitische und gesellschaftspolitische Bedeutung wird den Un- ternehmensgründungen zugeschrieben (van Elkan 1998: 1). Kurzum: Sie „[…] stellen oftmals die Hoffnungsträger der wirtschaftlichen Ent- wicklung dar.“ (Moog 2004: V)

Betrachtet man aktuelle Zahlen der Gründungsforschung in Deutsch- land, so ist die Hoffnung jedoch getrübt. Erstmals seit über 30 Jahren verzeichnet die jährliche Gründungs- und Liquidationsstatistik des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn einen negativen Gründungs- saldo (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Gründungen und Liquidationen 1997 - 2008 in Deutsch- land

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (15.03.2010).

Im Vergleich zum Jahr 2007 sank die Zahl der Gründungen 2008 um 6,2 % und zudem auf den niedrigsten Stand seit 1990 (IfM Bonn, 15.03.2010). Die Gründe dafür sind vielfältig. Als ein Grund wird unter anderem auch das pessimistische Gründungsklima in Deutsch- land im Vergleich zu anderen Ländern, wie zum Beispiel den USA, herangezogen. Die Deutschen haben eine eher negative persönliche Einstellung zu ihrer Eignung zum Unternehmertum (BMWi, 15.03.2010). Vielleicht spielen bei dieser pessimistischen Haltung auch weitere Zahlen aus der Gründungsforschung eine Rolle. So wur- de zum Beispiel im Rahmen der Münchner Gründerstudie ermittelt, dass nur 66 % der neu gegründeten Betriebe in den ersten fünf Jahren am Markt überleben (Schulz, 15.03.2010). Nach einer Studie inner- halb des DFG-Forschungsprojekts zu „Daten und Analysen des Grün- dungsgeschehens in Deutschland“ scheidet in der Regel sogar

„[…] jeder zweite neugegründete Betrieb im Laufe seiner ersten fünf Lebensjahre wieder aus dem Markt aus.“ (Grotz/Otto, 15.03.2010) Auch eine Studie von Weißhuhn und Wichmann bestätigt diese Er- gebnisse (Weißhuhn/Wichmann 2000: 92).

Wenn man sich die Überlebensraten neu gegründeter Unternehmen in den ersten fünf Jahren anschaut, dann trifft ein Zitat des ehemaligen Wirtschaftsjournalisten Nico Fickinger den Nagel auf den Kopf: „Die jungen Unternehmen sind zunächst nicht viel mehr als Gesellschaften mit beschränkter Hoffnung.“ (Fickinger, 15.03.2010) Aber nicht nur die gescheiterten Neugründungen trugen zum negativen Gründungs- saldo im Jahr 2008 bei. 35,5 % der Unternehmen, die im Jahr 2008 Insolvenz anmelden mussten, waren älter als zehn Jahre (Creditre- form, 22.03.2010).

Doch woran liegt es, dass manche Unternehmensentwicklungen er- folgreich verlaufen und manche nicht? Für diese Frage existieren viel- fältige Antwortmöglichkeiten. Aber sie soll in der vorliegenden Arbeit gar nicht geklärt werden, sondern sie soll uns weiterleiten zu einer

anderen Frage: Wie können die Erfolgschancen einer originären oder derivativen Unternehmensgründung erhöht werden?

Eine Antwort auf diese Frage kann das Konzept der Entrepreneurial Orientation geben. Es liefert einen Ansatz zur strategischen Ausrich- tung des Unternehmens hinsichtlich der Dimensionen Autonomie, Innovationsneigung, Risikobereitschaft, Proaktivität und Wettbe- werbsverhalten, um den Erfolg des neu gegründeten oder übernom- menen Unternehmens zu erhöhen.

Anhand von sechs Fallstudien soll ermittelt werden, wie hoch die Entrepreneurial Orientation bei sechs befragten Unternehmensgrün- dern und ihren Unternehmen ausgeprägt ist und ob sich originäre und derivative Gründer hinsichtlich der Entrepreneurial Orientation unter- scheiden. Des Weiteren soll untersucht werden, ob ein Zusammen- hang zur Unternehmensperformance hergestellt werden kann.

2. Unternehmensgründer

Bevor man sich mit der Person des Unternehmensgründers und des Unternehmensnachfolgers auseinandersetzen kann, muss zunächst geklärt werden, was unter einer Unternehmensgründung bzw. einer Unternehmensnachfolge zu verstehen ist. Denn daraus definiert sich letztlich, wodurch sich die beiden Gründerpersönlichkeiten, auf rein sachlicher Ebene betrachtet, unterscheiden lassen.

2.1 Unternehmensgründungen

Der Begriff der Unternehmensgründung wird je nach Blickwinkel unterschiedlich definiert. Die eng gefassten, finanziell-juristischen und technisch-organisatorischen Definitionen sollen an dieser Stelle außer Acht gelassen werden, da eine Definition im weiteren Sinne bei einer ökonomischen Betrachtung zu bevorzugen ist (Hering/Vincenti 2005: 5). Diese fasst eine Unternehmensgründung als kreativen Vorgang auf, bei dem ein gegenüber der Umwelt abgrenzbares System entstanden ist, welches in dieser Form zuvor nicht existierte (Szy- perski/Nathusius 1999: 25).

Unternehmensgründungen können mit Hilfe diverser Unterschei- dungsmerkmale in verschiedene Kategorien eingeteilt werden. Eine Möglichkeit der Differenzierung ist das Kriterium der Systemgestal- tung bzw. Strukturexistenz. Hierbei wird berücksichtigt, in welchem Maße bei der Gründung auf bereits existierende betriebliche Struktu- ren zurückgegriffen werden kann. Demnach unterscheidet man die beiden unternehmungsbezogenen Grundformen der originären und derivativen Gründung (Szyperski/Nathusius 1999: 26-27). Bei einer originären Gründung, oder auch Aufbaugründung, wird die Unter- nehmensgründung ohne bereits bestehende Unternehmensstrukturen durchgeführt. Wesentliche Unternehmensbestandteile werden also neu gebildet. Eine derivative Gründung, auch Übernahmegründung ge- nannt, liegt im Gegensatz dazu vor, wenn bereits existierende Struktu- ren verwendet werden können. Diese Art der Gründung ist mit einem vergleichsweise geringeren Risiko verbunden, als die originäre Grün- dung. Durch die Übernahme bestehender Unternehmensstrukturen sind aber andererseits die Freiräume bei der Gestaltung des Unter- nehmens stark eingeschränkt, während bei der Aufbaugründung dies- bezüglich ein großer Spielraum besteht (Szyperski/Nathusius 1999: 27).

Eine weitere Möglichkeit der Abgrenzung richtet sich nach dem Grad der Abhängigkeit von bereits bestehenden Unternehmen und führt zu den personenbezogenen Gründungsformen. Wenn das gegründete Un- ternehmen von anderen, bereits bestehenden Unternehmen unabhän- gig und somit selbstständig ist, spricht man von einer selbstständigen Gründung. Besteht bei dem neu gegründeten Unternehmen jedoch eine rechtliche oder wirtschaftliche Abhängigkeit zu einem bereits existierenden Unternehmen, so bezeichnet man diese Gründungsform als unselbstständige Gründung (Szyperski/Nathusius 1999: 26).

Kombiniert man die beiden Differenzierungen miteinander, so erhält man vier verschiedene Basiskombinationen von Gründungsformen (siehe Abb. 2), die als Unternehmensgründung im weiteren Sinn be- trachtet werden (Szyperski/Nathusius 1999: 28-29):

- Selbstständig-originäre Gründung

Wird auch als Unternehmensgründung im engeren Sinn betrach- tet, da innerhalb des Gründungsprozesses tatsächlich ein neues und selbstständiges Unternehmen entsteht.

- Selbstständig-derivative Gründung

Typische Beispiele für diese Form der Gründung sind die Über- nahme eines Unternehmens oder die aktive Teilhaberschaft an einem Unternehmen. In dem extremen Fall, dass sich die Unter- nehmensstrukturen nur durch den Wechsel der Unternehmerper- son verändern, steht hier die Persönlichkeit des Gründers beson- ders im Fokus.

- Unselbstständig-originäre Gründung

Der Aufbau neuer, abgrenzbarer Wirtschaftseinheiten durch ein existierendes Unternehmen, wie z. B. die Gründung eines Toch- terunternehmens, zählt zu den abhängigen Aufbaugründungen. Diese Form der Gründung wird dann gewählt, wenn die Nut- zung bereits bestehender Unternehmensstrukturen nicht sinnvoll erscheint oder zu hohe Kosten damit verbunden sind.

- Unselbstständig-derivative Gründung

Diese Form der Unternehmensgründung wird auch als abhängi- ge Übernahmegründung bezeichnet. Wie dieser Begriff vermu- ten lässt, wird eine bestehende Wirtschaftseinheit in ein anderes Unternehmen eingegliedert. Da es hierbei nicht zwingend zu strukturellen Veränderungen der Wirtschaftseinheit kommt, sondern sich lediglich die Eigentumsverhältnisse ändern, bezeichnet man diese Gründungsform außerdem als unechte Grün- dung.

Da eine scharfe Abgrenzung zwischen den einzelnen Gründungsarten nicht immer möglich ist, existieren natürlich auch Mischformen. Hier- zu gehören beispielsweise Franchising oder „Sponsored Spin Offs“ (Hering/Vincenti 2005: 9).

Abb. 2: Formen der Unternehmensgründung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Erstellung in Anlehnung an Szyperski/Nathusius 1999: 27, sowie Hering/Vincenti 2005: 10.

Im Verlauf dieser Diplomarbeit soll der Fokus auf die selbstständig- originäre Gründung und die selbstständig-derivative Gründung gelegt werden. In beiden Fällen kommt der Unternehmerpersönlichkeit, also dem Gründer oder Nachfolger, eine besondere Bedeutung zu. Somit haben auch deren Persönlichkeitsmerkmale, Neigungen, Motive und Ziele bei diesen Gründungsformen eine große Bedeutung.

2.2 Originäre und derivative Gründer

Ebenso wie beim Unternehmer-Begriff existieren auch bei der Defini- tion des Unternehmensgründers in der Wissenschaft abweichende Auffassungen. So definiert das Institut für Mittelstandsforschung Bonn Unternehmensgründung als „[…] selbstständig originäre Grün- dung, d. h. Schaffung einer selbstständigen neuen Wirtschaftseinheit (operationalisiert als Betriebsgründung einer Hauptniederlassung oder "Echte" Gründung eines Kleingewerbebetriebs).“ (IfM Bonn, 07.01.2010) Demnach sind also nur selbstständig-originäre Gründer als Unternehmensgründer anzusehen.

Klandt hingegen ist der Meinung: „Unternehmensgründer ist derjeni- ge, der Gründungsaktivitäten in Bezug auf eine neue Unternehmung aufgenommen hat […].“ (Klandt 1984: S. 38) Nachdem die Grün- dungsaktivität vollendet ist, werden Gründer zu Unternehmern. Ge- nauer ausgedrückt, werden originäre Gründer zu Gründungsunter- nehmern und derivative Gründer zu Derivativ-Unternehmern (Klandt 1984: 39). Der Begriff Unternehmensgründer umfasst demnach so- wohl den originären Gründer, als auch den derivativen Gründer.

Im Verlauf dieser Diplomarbeit wird der Definition von Klandt ge- folgt. Originäre und derivative Gründer werden unter dem Oberbegriff

„Unternehmensgründer“ zusammengefasst.

Ist von einem originären Gründer die Rede, so handelt es sich um den Initiator einer selbstständig-originären Unternehmensgründung.

Die Begriffe Unternehmensnachfolger oder derivativer Gründer um- fassen die Gründerpersonen, die ein bestehendes Unternehmen über- nommen haben. Dies ist dann der Fall, „[…] wenn das Eigentum an einem Betrieb und die damit verbundene Leitungsmacht von einem bisherigen Eigentümer abgegeben werden (Nachfolge) und der neue Eigentümer durch die Übertragung Eigentum und Leitungsmacht an

dem betrieblichen Faktorensystem erhält, um damit am Markt tätig zu werden (Übernahmegründung).“ (Hering/Olbrich 2003: 11)

3. Entrepreneurial Orientation

Im folgenden Kapitel soll der Begriff Entrepreneurial Orientation de- finiert und seine einzelnen Dimensionen sowie die verschiedenen Ausprägungen näher erläutert werden. Da der Begriff Entrepreneurial Orientation stark mit dem Themenfeld Entrepreneurship verknüpft ist, muss man sich zunächst mit dem Thema Entrepreneurship befassen, ehe man näher auf Entrepreneurial Orientation eingehen kann.

3.1 Entrepreneurship

Das Themenfeld Entrepreneurship ist ein relativ junges Forschungs- gebiet (Cooper 2003: 21), dessen Grenzen noch nicht genau definiert worden sind (Koppl/Minniti 2003: 81). Es wurden bisher zwar ver- schiedene Perspektiven des Entrepreneurship untersucht, eine allum- fassende Charakterisierung existiert jedoch nicht (Lumpkin/Dess 1996: 135).

Die frühere Literatur sieht „going into business“ als das Hauptthema von Entrepreneurship (Lumpkin/Dess 1996: 136). So definieren bei- spielsweise Low und MacMillan Entrepreneurship als „creation of new enterprise“ (Low/MacMillan 1988: 140). In der Folge fand je- doch eine Neuorientierung des Forschungsfelds Entrepreneurship statt. Dem heutigen Stand entspricht am ehesten die Definition nach Shane und Venkataraman (Low 2001: 20). Sie sehen ein Problem dar- in, dass bisher vor allem der Entrepreneur, wer er ist und was er tut, im Mittelpunkt der Forschung stand (Shane/Venkataraman 2000: 218). Neben dem Phänomen „presence of enterprising individuals“ (Shane/Venkataraman 2000: 218) darf aber auch das Phänomen der

„presence of lucrative opportunities“ (Shane/Venkataraman 2000: 218) nicht außer Acht gelassen werden. Shane und Venkataraman definieren Entrepreneurship daher “[…] as the scholarly examination of how, by whom, and with what effects opportunities to create future goods and services are discovered, evaluated, and exploited. Conse- quently, the field involves the study of sources of opportunities; the processes of discovery, evaluation, and exploitation of opportunities; and the set of individuals who discover, evaluate, and exploit them.” (Shane/Venkataraman 2000: 218) Zudem sehen sie drei Fragesätze als elementar wichtig für die Forschung an: „(1) why, when and how op- portunities for the creation of goods and services come into existence;

(2) why, when and how some people and not others discover and exploit these opportunities; and (3) why, when and how different mo- des of action are used to exploit entrepreneurial opportunities.“ (Sha- ne/Venkataraman 2000: 218)

3.2 Entwicklungsstadien des EO-Konzepts

Das Konzept der Entrepreneurial Orientation hat ebenso wie das For- schungsgebiet Entrepreneurship über Jahre hinweg verschiedene Ent- wicklungsstadien durchlaufen (siehe Abb. 3).

Das Konzept der Entrepreneurial Orientation hat seine Wurzeln im grundlegenden Werk von Joseph A. Schumpeter aus dem Jahr 1934, das als Basis der heutigen Entrepreneurship-Forschung gilt. Er ver- knüpft den Unternehmer mit den Begriffen Innovation, Initiative, Au- torität, Voraussicht und Risikobereitschaft (Schumpeter 1993: 99-139).

Danny Miller und Peter H. Friesen identifizierten elf sog. „strategy- making dimensions“, von denen sie drei als „entrepreneurial dimensi- ons“ betrachteten (Miller/Friesen 1978: 929). Eine Firma, die nach dem Prinzip der Entrepreneurial Orientation handelt, ist für Miller demnach ein Unternehmen „[…] that engages in product-market inno- vation, undertakes somewhat risky ventures, and is first to come up with ‚proactive’ innovations, beating competitors to the punch.“ (Miller 1983: 771)

Abb. 3: Entwicklungsstufen der "Organizational Entrepreneur- ship Theory"

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Erstellung in Anlehnung an Boehm 2008: 67.

Damit schafften Miller und Friesen die Grundlage für weitere For- schungen von Covin und Slevin, sowie Lumpkin und Dess. Die Defi- nition der Entrepreneurial Orientation von Lumpkin/Dess, basiert auf den Ergebnissen von Miller/Friesen und Covin/Slevin. Ihr Konzept bietet somit einen ganzheitlichen Ansatz und dient deshalb als Basis für diese Diplomarbeit. Das Konzept der Entrepreneurial Orientation nach Lumpkin und Dess wird darum im folgenden Kapitel näher er- läutert.

3.3 EO-Konzept nach Lumpkin und Dess

Das Konzept der Entrepreneurial Orientation nach Lumpkin und Dess schließt an den dritten Fragensatz von Shane und Venkataraman (Ka- pitel 3.1) an. Es behandelt, welche Strategie ein Unternehmen verfol- gen sollte, um sich bietende Marktchancen bestmöglich ausnutzen zu können.

Entrepreneurial Orientation „[…] refers to the processes, practices, and decision-making activities that lead to new entry. […] Thus, it involves the intentions and actions of key players functioning in a dynamic generative process aimed at new-venture creation.“ (Lump- kin/Dess 1996: 136-137)

Das Lancieren von new ventures durch Start-up Unternehmen, bereits existierende Unternehmen oder durch „internal corporate venturing“ (Burgelman 1984: 154) beschreibt also den Inhalt von Entrepreneur- ship, während sich Entrepreneurial Orientation auf die Prozesse be- zieht, die zu new ventures führen (Lumpkin/Dess 1996: 136).

3.3.1 EO-Dimensionen

Um den „entrepreneurial process“ zu charakterisieren und zu kenn- zeichnen, haben sich fünf Dimensionen, die zum Teil den identifizier- ten Dimensionen von Miller und Friesen entsprechen, als hilfreich erwiesen (Lumpkin/Dess 1996: 137):

- autonomy (Autonomie)
- innovativeness (Innovationsneigung)
- risk-taking (Risikobereitschaft)
- proactiveness (Proaktivität)
- competitive aggressiveness (aggressives Wettbewerbsverhal- ten)

Lumpkin und Dess sind der Ansicht, dass die o. g. Dimensionen bei Unternehmen nicht unbedingt hoch ausgeprägt sein müssen, damit ein Unternehmen im Sinne von Entrepreneurship agiert. Sie gehen viel- mehr davon aus, dass die einzelnen Dimensionen innerhalb eines ge- gebenen Kontextes unabhängig voneinander variieren. Als Beispiel führen sie die Unternehmen Sony und Matsushita an, die trotz sehr unterschiedlicher Ausprägungen im Bereich der Innovationsneigung, beide als Unternehmen mit starker EO angesehen werden können (Lumpkin/Dess 1996: 150-151).

3.3.1.1 Autonomie

Mit dem Begriff Autonomie umschreiben Lumpkin und Dess das freie Handeln einer Person oder eines Teams, um eine Idee oder Vision voranzubringen und zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen (Lumpkin/Dess 1996: 140).

Dabei existieren zwei unterschiedliche Formen autonomen Verhal- tens. Die autokratische Form von Autonomie, welche vor allem in kleineren Unternehmen vorkommt, ist dadurch gekennzeichnet, dass wichtige Entscheidungen oder risikoreiche Aktionen von einem star- ken Leader bzw. einer starken Führungspersönlichkeit ausgehen. Dies ist in kleineren Firmen oftmals der Gründer oder Eigentümer, der sei- ne zentralen Visionen durchsetzen möchte und somit das Handeln der Unternehmung bestimmt (Lumpkin/Dess 1996: 141; Mintzberg 1973: 45). Zur besseren begrifflichen Abgrenzung, wird diese autokratische Form von Autonomie in der Folge als top-down-Strategie bezeichnet, da, wie oben beschrieben, wichtige Entscheidungen von oben herab durchgesetzt werden.

Bei der zweiten Form der autonomen Entscheidungsfindung werden Ideen und Visionen nicht von oben herab vorgegeben, sondern auch von niedrigeren Hierarchieebenen kreiert und in die Führungsebenen hineingetragen (Lumpkin/Dess 1996: 141; Hart 1992: 338). Entschei- dend bei dieser Art der Organisation ist, dass die Mitglieder des Un- ternehmens autonom und unabhängig agieren können und somit nicht durch interne Barrieren gehemmt werden (Lumpkin/Dess 1996: 140-141). Diesem Prinzip folgend, versuchen viele größere Unter- nehmen ihre Organisationsstruktur flacher zu gestalten und Autoritä- ten an kleinere Operationseinheiten abzugeben, um den Grad der Au- tonomie zu erhöhen (Pinchot 1985: 1). Diese Form autonomen Ver- haltens, wird im Verlauf dieser Arbeit mit dem Begriff der bottom-upStrategie umschrieben, da Ideen und Visionen aus den unteren Ebenen nach oben getragen werden.

3.3.1.2 Innovationsneigung

Die zweite Dimension Innovativeness bzw. Innovationsneigung spie- gelt wider, wie groß die Neigung der Unternehmung oder des Unter- nehmers ist, neue Ideen, Neuheiten, Experimente oder kreative Pro- zesse zu unterstützen, die letztlich in neuen Produkten, Dienstleistun- gen oder innovativen technologischen Prozessen münden könnten (Lumpkin/Dess 1996: 142). Sie stellt den grundsätzlichen Willen dar, von bereits existierenden Technologien und Verfahrensweisen abzu- weichen, sowie über den aktuellen Stand der Technik hinaus zu gehen (Kimberly 1981: 84).

3.3.1.3 Risikobereitschaft

Der Begriff Risiko hat, je nachdem in welchem Kontext er verwendet wird, verschiedene Bedeutungen. Im Bereich der strategischen Risi- ken eines Unternehmens kann man drei Risikoarten voneinander un- terscheiden (Dess/Lumpkin 2005: 152):

- Business risk-taking involves venturing into the unknown without knowing the probability of success. This is the risk associated with entering untested markets or committing to unproven technologies.
- Financial risk-taking requires that a company borrow heavi- ly or commit a large portion of its resources in order to grow. Risk is used in this context to refer to the risk/return tradeoff that is common in financial analysis.
- Personal risk-taking refers to the risks that an executive as- sumes in taking a stand in favor of a strategic course of ac- tion. Executives who take such risks stand to influence the course of their whole company and their decisions can also have significant implications for their careers.

Der erste Punkt bezieht sich darauf, dass Risikobereitschaft immer damit in Verbindung steht, sich in eine gewisse Unsicherheit hinaus- zuwagen (Baird/Thomas 1985: 231-232).

Die zweite angesprochene Art der Risikobereitschaft, die finanzielle Risikobereitschaft, entspricht der Auffassung von Miller und Friesen, die Risikobereitschaft wie folgt definieren: „Risk-taking rates the de- gree to which managers are willing to make large and risky resource committments, i. e., those which have a reasonable chance of costly failures.“ (Friesen/Miller 1978: 923)

Im Zusammenhang der Entrepreneurial Orientation lässt sich der Be- griff Risikobereitschaft wie folgt definieren: Risikobereitschaft ist der Grad der Bereitwilligkeit eines Unternehmens, eine sich bietende Möglichkeit zu nutzen, obwohl der Erfolg unsicher ist, und mutig zu agieren, ohne die Konsequenzen zu kennen (Dess/Lumpkin 2005: 152).

3.3.1.4 Proaktivität

Schon in der frühen Entrepreneurship-Forschung stellten Forscher wie zum Beispiel Schumpeter die hohe Bedeutung von Eigeninitiative hinaus (Schumpeter 1993: 138). Lieberman und Montgomery sehen die Nutzung des „first-mover advantage“ als die beste Strategie, um Marktchancen auszunutzen. Durch die Nutzung von Asymmetrien des Marktes, kann der „first mover“ ungewöhnlich hohe Profite erwirt- schaften (Lieberman/Montgomery 1988: 41). Auch hier steht das Er- greifen von Initiative im Mittelpunkt.

Die Dimension Proaktivität steht somit für das Übernehmen von Initi- ative, durch das Antizipieren und Verfolgen neuer Chancen sowie das Partizipieren an aufkommenden Märkten (Lumpkin/Dess 1996: 146).

Für Miller und Friesen agiert ein Unternehmen proaktiv, wenn es die Umwelt durch die Einführung neuer Produkte, Technologien oder verwaltungstechnischer Innovationen umgestaltet (Miller/Friesen 1978: 923).

Die hohe Bedeutung von Proaktivität innerhalb des EO–Konzepts tritt vor allem dann zu Tage, wenn man eine weitere Definition des Beg- riffs heranzieht: Proaktives Handeln ist das Vorausahnen zukünftiger Probleme, Bedürfnisse oder Veränderungen (Webster´s Ninth New Collegiate Dictionary 1991: 937). Proaktives Handeln setzt demnach eine vorausschauende Perspektive voraus, die begleitet wird von in- novativen Aktivitäten und Wagnissen (Lumpkin/Dess 1996: 146).

3.3.1.5 Aggressives Wettbewerbsverhalten

Junge Unternehmen sind aufgrund der „liability of newness“ benach- teiligt, was sich in der Überlebensrate im Vergleich zu etablierten Firmen widerspiegelt (Stinchcombe 1965: 148). Wirtschaftswissen- schaftler sehen deshalb ein aggressives und intensives Wettbewerbs- verhalten als einen wichtigen Faktor für das Überleben und den Erfolg junger Unternehmen an (Lumpkin/Dess 1996: 148).

Competitive aggressiveness bezieht sich dabei auf die Neigung eines Unternehmens, seine Mitbewerber direkt und intensiv herauszufor- dern, um Eintritt in den Markt zu erlangen, die eigene Marktposition zu verbessern oder die Konkurrenten zu überragen. Dabei kann sich das Unternehmen entweder reaktiv verhalten oder die direkte Kon- frontation mit dem Mitbewerber suchen (Lumpkin/Dess 1996: 148-149).

Covin und Slevin sehen das aggressive Wettbewerbsverhalten als ein Element der Proaktivität und die Begriffe somit als austauschbar (Co- vin/Slevin 1989: 79). Lumpkin/Dess sind jedoch der Meinung, dass sich das Wettbewerbsverhalten darauf bezieht, in welcher Beziehung ein Unternehmen zu den anderen Wettbewerbern steht und wie es auf bestehende Trends reagiert, während Proaktivität beschreibt, wie sich ein Unternehmen gegenüber neuen sich bietenden Marktchancen ver- hält (Lumpkin/Dess 1996: 147). Sie unterscheiden deshalb diese bei- den Dimensionen.

3.3.2 EO und Performance

Wie in Kapitel 3.3.1 beschrieben, variieren die einzelnen Dimensio- nen innerhalb eines Kontextes. Dieser Kontext wird bestimmt durch interne und externe Faktoren, die in der folgenden Grafik als „Organi- zational Factors“ und „Environmental Factors“ bezeichnet werden. Sie haben entscheidenden Einfluss darauf, wie EO gestaltet werden muss, damit ein Unternehmen erfolgreich agiert.

Abb. 4: Konzeptioneller Rahmen des EO-Konzepts nach Lumpkin und Dess

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Erstellung in Anlehnung an Lumpkin/Dess 1996: 152.

Abbildung 4 stellt die Zusammenhänge zwischen den EO- Dimensionen, internen und externen Faktoren, sowie der Performance eines Unternehmens dar. In Zeiten der Globalisierung und der immer kürzer werdenden Produkt- und Unternehmenslebenszyklen ist es für Unternehmen unerlässlich, unablässig sich bietende Marktchancen zu nutzen. Eine konsequente Ausrichtung der Unternehmensstrategie nach EO hilft dabei und führt dazu, dass ein Unternehmen erfolgreich am Markt agiert (Wiklund/Shepherd 2003: 1309). So haben empirische Untersuchungen bereits gezeigt, dass eine positive Beziehung zwischen Entrepreneurial Orientation und Unternehmensperformance besteht (Wiklund 1999: 37) und EO deshalb als Basis für einen nach- haltigen Wettbewerbsvorteil angesehen (Covin/Miles 1999: 47).

Aus Abbildung 4 wird ersichtlich, welche Indikatoren als Erfolgs- kennzahlen der Unternehmensperformance von Lumpkin und Dess herangezogen werden. Es handelt sich hierbei um Umsatz, Marktan- teil, Rentabilität, die Gesamtleistung sowie die Zufriedenheit der Sta- keholder.

4. Gründer und Entrepreneurial Orientation

In Kapitel 3 wurde Entrepreneurial Orientation vor allem aus der stra- tegischen Managementperspektive des Gesamtunternehmens betrach- tet. Doch gerade in kleinen und mittleren Unternehmen ist diese stra- tegische Managementperspektive stark mit der Person des Unterneh- mers verknüpft (Mintzberg 1973: 45; Wiklund/Shepherd 2003: 1310; Hering/Vincenti 2005: 7). Dort bestimmen die Visionen, Ziele und Konzepte der Führungspersönlichkeit die Strategie des Unternehmens und seine Positionierung am Markt (Mintzberg/Waters 1985: 260). Auch Shane und Stuart belegen in einer empirischen Untersuchung, dass die Gründerperson ein maßgeblicher Erfolgsfaktor für junge Un- ternehmen ist (Shane/Stuart 2002: 154). So sind die Erfahrungen der Gründerperson „[…] in den Feldern Marketing/Vertrieb und Pla- nung/Strategie sowie möglichst in der Branche des jungen Unterneh- mens überaus erfolgskritisch […].“ (Schefczyk/Pankotsch 2002: 32) Der Entrepreneur agiert demnach nicht ausschließlich als Gründerper- son, sondern zeitgleich als Führungskraft, Manager und Initiator und hat dadurch großen Einfluss auf die Unternehmensentwicklung (Wup- perfeld 1993: 16).

Deshalb stellt sich die Frage: „Does there exist a personal (individual- level) entrepreneurial orientation […]?“ (Krueger, 06.01.2010) Wenn dem so ist, existiert Entrepreneurial Orientation nicht nur in Form einer „entrepreneurial firm“ (Miller 1983: 771), sondern auch auf der Ebene der Unternehmerpersönlichkeit.

In der vorliegenden Arbeit soll deshalb geklärt werden, wie ausge- prägt die einzelnen Dimensionen der Entrepreneurial Orientation bei den Unternehmen und auch bei den Gründerpersonen sind. Weiterhin soll untersucht werden, ob sich originäre Gründer und derivative Un- ternehmensgründer hinsichtlich der Ausprägung der einzelnen Dimen- sionen unterscheiden. Fraglich ist zudem, wie sich der jeweilige Grad der Entrepreneurial Orientation auf die Unternehmensperformance auswirkt. Diese Fragen sollen mit Hilfe von sechs Fallstudien geklärt und näher erläutert werden sowie einen Ausblick auf mögliche For- schungsbereiche bieten.

4.1 Untersuchungsdesign

Wie in Kapitel 3.2 dargelegt, ist das Gebiet der Entrepreneurial Orien- tation noch ein relativ junges Forschungsfeld. Vor allem die Betrach- tung des individuellen Levels von EO findet in der Forschung bisher kaum Beachtung. Dies gilt ebenso für Entrepreneurial Orientation im Kontext mit der Gründerperson. Deshalb wurde für diese Diplomar- beit die qualitative Fallstudie als Forschungsmethode gewählt. Denn sie ist vor allem dann geeignet, wenn ein Themengebiet gar nicht oder kaum erforscht wurde (Eisenhardt 1989: 548). Auch Punch bestätigt diese Ansicht, wenn er sagt, dass qualitative Fallstudien gerade in Si- tuationen angebracht sind, in denen „[…] knowledge is shallow, frag- mentary, incomplete or non-existent.“ (Punch 2005: 147)

Die vorliegende Arbeit basiert auf qualitativen Interviews mit sechs Gründern kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU)1 verschiedener Branchen, deren Gründung jeweils einige Jahre zurückliegt. Es wird also eine ex-post Betrachtung durchgeführt. Bei den sechs befragten Unternehmern handelt es sich um jeweils drei originäre Gründer und drei derivative Gründer. Eine Übersicht der ausgewählten Unterneh- men mitsamt weiterführenden Informationen finden sie in den folgen- den Tabellen, unterteilt nach der originären und derivativen Grün- dungsform:

Tab. 1: Unternehmensübersicht (originäre Gründung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Erstellung.

Tab. 2: Unternehmensübersicht (derivative Gründung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Erstellung.

Die Interviews mit den Unternehmensgründern dauerten zwischen 20 Minuten und 72 Minuten. Alle Interviews wurden mit einem digi- talen Diktiergerät aufgenommen und anschließend transkribiert. Die transkribierten Interviews sind im Anhang aufgeführt.

4.1.1 Methodik der Untersuchung

Als Befragungsform wurde bei der vorliegenden Arbeit das offene, teilstandardisierte Leitfadeninterview gewählt. Bei offenen Interviews werden dem Befragten keine festen Antwortmöglichkeiten vorgege- ben, sondern er hat die Möglichkeit frei zu antworten und somit die Punkte, die ihm bei einer Thematik am Bedeutsamsten erscheinen, zu formulieren (Mayring 1990: 47). Vorteilhaft dabei ist, dass der Inter- viewer überprüfen kann, ob er vom Befragten verstanden wurde. Wei- terhin kann der Befragte seine subjektiven Perspektiven und Deutun- gen darlegen, und zudem selbst größere Zusammenhänge im Verlauf des Interviews entwickeln (Kohli 1978: 7-11).

Der Begriff des teilstandardisierten Interviews bezieht sich nicht auf den Freiheitsgrad des Befragten, sondern auf den Freiheitsgrad des Interviewers. Er hat bei einem teilstandardisierten Interview keinen starren Fragenkatalog, sondern einen lockeren Leitfaden vorliegen. In ihm sind die wichtigsten Aspekte und zentralen Fragen für das Inter- view zusammengestellt und die einzelnen Themengebiete des Inter- views in einer sinnvollen Abfolge aufgeführt. Außerdem beinhaltet er Formulierungsvorschläge für den Interviewer (Mayring 1990: 45-48). Der Fragensteller kann sich an dem Leitfaden orientieren, muss ihn aber nicht streng befolgen. So können z. B. Fragen aus dem Interview- leitfaden außer der Reihe gestellt werden, wenn das Interview dadurch einem natürlichen Gesprächsverlauf näher kommt (Gläser/Laudel 2004: 39-40). Darüber hinaus treten während des Interviews immer wieder neue Aspekte zu Tage, die nicht im Leitfaden vermerkt sind. Auch in diesen Fällen wird sich der Interviewer nicht streng an die

Leitfadenfragen halten, sondern spontan auch sog. Ad-hoc-Fragen formulieren (Mayring 1990: 49; Gläser/Laudel 2004: 40).

Der Leitfaden für diese Arbeit wurde in Anlehnung an bereits existie- rende EO-Studien entwickelt. Einige Aspekte wurden den Fragebögen von Dess/Lumpkin (2005: 153) und Zellweger/Mühlebach/Sieger (2008: 28-29) entnommen und um weitere eigene Fragen ergänzt.

4.1.2 Auswertung

Die erste Phase der Auswertung eines qualitativen Interviews ist die Transkription. Sie ist Voraussetzung für die folgenden Schritte der Analyse (Lamnek 2005: 403). In der empirischen Sozialforschung versteht man unter Transkription „[…] das Verschriftlichen verbaler und ggf. auch von nonverbaler Kommunikation.“ (Kuckartz 2010: 38) Dabei „[…] existieren verschiedene Transkriptionsregeln mit unter- schiedlicher Genauigkeit nebeneinander.“ (Kuckartz 2010: 41) In der qualitativen Sozialforschung sind die Anforderungen im Normalfall eher gering. So wird z. B. auf eine genaue Protokollierung von Dialek- ten oder Sprachfärbungen verzichtet. In dieser Arbeit erfolgt die Transkription deshalb auch den einfachen Transkriptionsregeln nach Kuckartz/Dresing/Rädiker/Stefer, die nur leicht angepasst wurden (Kuckartz/Dresing/Rädiker/Stefer 2007: 27-28):

- Es wird wörtlich transkribiert. Eventuell vorhandene Dialek- te werden nicht transkribiert.
- Sowohl Sprache als auch Interpunktion werden leicht geglät- tet, d. h. an das Schriftdeutsch angenähert.
- Alle Angaben, die einen Rückschluss auf eine befragte Per- son erlauben, werden anonymisiert.
- Deutliche, längere Pausen werden durch (Pause) markiert.
- Besonders betonte Begrifflichkeiten werden durch Un- terstreichungen gekennzeichnet.
- Zustimmende bzw. bestätigende Lautäußerungen der Inter- viewpartner - wie z. B. Mhm, Aha etc. - werden nicht trans- kribiert, sofern sie den Redefluss der jeweils anderen Person nicht unterbrechen.
- Lautäußerungen der Interviewteilnehmer, die eine Aussage unterstützen oder verdeutlichen, werden in Klammern no- tiert.
- Auslassungen werden durch Auslassungspunkte (…) darge- stellt.
- Absätze des Interviewers werden durch ein „I“, die der be- fragten Person durch ein eindeutiges, codiertes Kürzel ge- kennzeichnet.
- Jeder Sprecherwechsel wird durch eine Leerzeile zwischen den Sprechern deutlich gemacht. Dadurch wird die Lesbar- keit erhöht.

Die anschließende Analyse der Interviews erfolgt durch eine einfache Interpretation im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse.

5. Resultate

In den folgenden Abschnitten werden die Ergebnisse der Fallstudien präsentiert. Es wird sich dabei an den einzelnen Dimensionen der Entrepreneurial Orientation orientiert und diese der Reihe nach abge- arbeitet. Anschließend erfolgt eine Auswertung der Ergebnisse im Hinblick auf mögliche Unterschiede zwischen originären und deriva- tiven Unternehmensgründern, sowie auf eine mögliche Verknüpfung von Entrepreneurial Orientation und Unternehmensperformance.

5.1 Ausprägung der Autonomie

Wie in Kapitel 3.3.1.1 beschrieben, unterscheiden Lumpkin und Dess zwei unterschiedliche Formen autonomen Verhaltens. Neben den dort angesprochenen Formen der Autonomie, ist es jedoch interessant, noch auf einen weiteren Punkt einzugehen, der ebenfalls mit dem Begriff Autonomie in Verbindung steht: Der Wunsch nach Unabhän- gigkeit und somit der Wunsch danach, selbst über die eigenen Hand- lungen zu bestimmen. Der Drang nach Handlungsfreiheit wird von verschiedenen Wissenschaftlern als eine zentrale Unternehmereigen- schaft angesehen. Entrepreneure sind Menschen, die ihren eigenen Weg gehen, selbst in Aktion treten und ihre eigenen Entscheidungen treffen (Longenecker/McKinney/Moore 1988: 65-66). Dies ist auch bei den befragten originären Unternehmensgründern der Fall. Das spiegelt zum Beispiel das Zitat von 56.32.foun wider, der den Schritt zur Unternehmensgründung unter anderem so begründet, dass er

„[…] jahrelang als Betriebsleiter in einem ähnlichen Betrieb beschäf- tigt war und mir dann ein Vorgesetzter vor die Nase gesetzt wurde, der mich dann in meinen Kompetenzen ein bisschen eingeschränkt hat. Wo ich dann minderwertige Arbeiten erledigen musste, habe ich dann entschieden: Das was ich in dem Unternehmen gemacht habe, das kann ich auch jetzt alleine machen […].“ (56.32.foun: 32-38) Selbst lukrative Angebote von diversen Unternehmen schlug 56.32.foun aus, um sich selbstständig zu machen (56.32.foun: 671-673). Er hatte immer den Gedanken „[…] selbst etwas zu machen – wie ich gerade sagte, dass 56.32.foun drauf steht, wo 56.32.foun drin ist – dass ich mich da schon selber verwirkliche und sage ‚Ich möchte das gerne so und so haben.’ ohne, dass ich da noch irgendwie einen anderen fragen muss.“ (56.32.foun: 680-684)

Auch bei den anderen originären Gründern spielt die Selbstbestim- mung eine entscheidende Rolle. Unter anderem deshalb wählte 58.34.foun den Weg ein eigenes Unternehmen zu gründen, anstatt wie sein Bruder in das elterliche Unternehmen einzusteigen. „Im Nachhi- nein ist das auch besser so, weil wenn da zu viele Leute drin sind… (Pause) Ich bin jetzt für mich alleine, ich kann machen was ich will. Also […] wenn ich mir jetzt ein Auto kaufen will, dann mache ich das, wenn ich es kann. Ich brauche nicht unbedingt noch einen ande- ren zu fragen.“ (58.34.foun: 53-57) Und auch 61.37.foun stellt die Bedeutung dieses Motivs heraus. „Das war immer wichtig und ist na- türlich für mich heute nach wie vor noch wichtig. Und es ist für mich zumindest eine enorme Befriedigung, dass ich also mir gegenüber sagen kann: Okay, im Grunde genommen bist du dir gegenüber ver- antwortlich. Im Prinzip bist du dein eigener Herr.“ (61.37.foun: 378- 382)

Für die derivativen Gründer war diese Art von Handlungsfreiheit von geringerer Bedeutung. Auf die Frage, ob er auch eine originäre Grün- dung in Erwägung gezogen hätte, falls eine Nachfolge nicht möglich gewesen wäre antwortete 57.33.succ: „Ja, das war mein Ziel. […] Weil ich für Autos geboren war.“ (57.33.succ: 507; 511-512) Bei ihm steht also der Aspekt der Selbstverwirklichung im Vordergrund, der ebenso wie die Selbstbestimmung zu den Pull-Motiven zählt (Galais 2004: 89).

Weder Selbstbestimmung noch Selbstverwirklichung waren die Moti- ve von 59.35.succ. Für ihn war schlicht und einfach „[…] der Weg so vorgezeichnet.“ (59.35.succ:118-119) „Mich hat an sich nie einer ge- fragt.“ (59.35.succ: 116) Auf die Frage, ob er auch ein Unternehmen gegründet hätte, wenn er nicht die Möglichkeit gehabt hätte die Nach- folge in einem bestehenden Unternehmen anzutreten, konnte 59.35.succ keine Antwort geben, „[…] weil sich die Situation einfach nicht gestellt hätte.“ (59.35.succ: 138-139) Daraus lässt sich schließen, dass weder der Wunsch nach Unabhängigkeit noch nach Selbstver- wirklichung bei ihm besonders hoch ausgeprägt sind.

Auch bei 60.36.succ war der Wunsch des Vaters, dass der Sohn das Unternehmen übernimmt, stark ausgeprägt (60.36.succ: 85-86). Er betont jedoch, dass der Schritt zur Unternehmensübernahme letztlich

„[…] ganz klar von mir […]“ ausging (60.36.succ: 95). Als Motiv für diese Entscheidung führt er zwar auch den „[…] Wunsch nach einer

gewissen Unabhängigkeit […]“ an, schiebt jedoch nach, dass dieser bei ihm eher gering ausgeprägt ist (60.36.succ: 134-136). Er wollte vielmehr die Chance nutzen, die ihm ein gut aufgestelltes, zukunfts- trächtiges Unternehmen bietet. Auch wenn 60.36.succ nicht die Mög- lichkeit gehabt hätte ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen, wäre ein eigenes Unternehmen sein Ziel geblieben. Die Neugier und der Drang etwas Neues und Nachhaltiges zu erschaffen und zu gestal- ten sind sein Antrieb (60.36.succ: 100-104; 127; 131-133).

Während die derivativen Gründer den Drang nach Handlungsfreiheit, wenn überhaupt als nachrangiges Motiv für die Unternehmensgrün- dung betrachten, ist es für die originären Unternehmensgründer ein wichtiger Aspekt. Als Zwischenfazit lässt sich demnach festhalten, dass Autonomie im Sinne von Selbstbestimmung bei originären Grün- dern in höherem Maße vorhanden ist, als bei Unternehmensnachfol- gern.

Bei den von Lumpkin und Dess beschriebenen Arten autonomen Ver- haltens, die hier zur besseren Abgrenzung als top-down-Strategie und bottom-up-Strategie bezeichnet werden, konnte anhand der Fallstu- dien keine gravierende Diskrepanz zwischen originären Gründern und Unternehmensnachfolgern festgestellt werden. Bei wichtigen und zu- kunftsweisenden Entscheidungen behalten sich die Gründer vor, allei- ne die Entscheidung zu fällen. Das belegen Aussagen wie „[…] das Haupt behalte ich mir vor.“ (57.33.succ: 145) oder „[…] wenn so wichtige Entscheidungen sind – ob das Maschinen sind, Investitionen, Mitarbeiter einstellen oder irgendwie so etwas – das mache ich schon alles dann selber.“ (56.32.foun: 207-209) Für 61.37.foun ist diese Form der Entscheidungsfindung eine logische Folge der Organisati- onsstruktur kleiner Unternehmen. Sein Unternehmen ist mit 15 Mitar- beitern „[…] von der Größenordnung so überschaubar, dass ich schlussendlich eigentlich in alle wesentlichen Entscheidungen einge- bunden werde.“ (61.37.foun: 71-73)

[...]


1 Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn definiert KMU als Unterneh- men, die bis zu 499 Mitarbeiter beschäftigen und unter 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr erwirtschaften (IfM Bonn, 08.03.2010). Dieser Definition wird in der vorliegenden Arbeit gefolgt.

Ende der Leseprobe aus 233 Seiten

Details

Titel
Entrepreneurial Orientation von Gründern
Untertitel
Eine empirische Betrachtung
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
233
Katalognummer
V157825
ISBN (eBook)
9783640708352
ISBN (Buch)
9783640708277
Dateigröße
1681 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diplomarbeit inklusive den kompletten qualitativen Interviews mit den befragten Gründern.
Schlagworte
Entrepreneurship, Entrepreneurial Orientation, Gründer, KMU, EO, Unternehmensstrategie, Unternehmen, Unternehmertum, Statistik, Unternehmer
Arbeit zitieren
Alexander Hausen (Autor), 2010, Entrepreneurial Orientation von Gründern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157825

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