Von Multi- zu Bipolarität

Amerikanische Außenpolitik von 1917-1945


Projektarbeit, 2010
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Die USA vor dem Ersten Weltkrieg

2. Die Ära Wilson
2.1 Die manichäische Falle
2.2 Der Weg in den Ersten Weltkrieg
2.3 Die USA im Ersten Weltkrieg

3. Der „Waffenstillstand“ von Versailles
3.1 Die USA in der Nachkriegsordnung

4. Die Ära Roosevelt
4.1 Der Weg in den Zweiten Weltkrieg
4.2 Die USA im Zweiten Weltkrieg

5. Die Nachkriegsordnung

6. Literatur-/Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Der Drang zum Empirebuilding hat die Geschichte der amerikanischen Nation seit ihren Anfängen entscheidend mitbestimmt. Der Expansionismus war stets eine fundamentale Triebkraft all ihrer Auseinandersetzungen mit fremden Mächten gewesen[1].

Die Vereinigten Staaten von Amerika sahen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts vielen weitreichenden Veränderungen und Herausforderungen gegenüber. Eine schwere Wirtschaftskrise, soziale Unruhen und Massenarbeitslosigkeit begünstigten einen Wandel im politischen Denken vieler Amerikaner. Es wuchs die Einsicht, dass soziale Entwicklungen hinter wirtschaftlichen zurückgeblieben waren und dass die Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung nicht länger ihrer Eigendynamik und Eigengesetzlichkeit überlassen werden durften. Die christlich dominierte Gesellschaft der USA verlangte nach einem werteorientierten Politikstil und fand ihn in der „progressiven Bewegung“[2]. Der Drang der „progressives“, Demokratie, Menschenrechte und das Selbstbestimmungsrecht der Völker als grundlegende Forderungen amerikanischer Außenpolitik zu verankern, drückte sich besonders in der „Politik der offenen Tür“ und dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 aus. An der Schwelle des 20. Jahrhunderts waren die USA als Großmacht im Konzert der Mächte angekommen. 1898 setzten sich die USA außerhalb der westlichen Hemisphäre auf den Philippinen fest, was von den „Anti-Imperialisten“ auf Ablehnung stieß[3]. Entgegen den Kontroversen zwischen Isolationisten und Progressiven, entwickelten sich die USA vor allem unter Theodor Roosevelt zu einem bedeutenden Spieler in der Weltpolitik, die dank des Konflikts der europäischen Mächte untereinander und der Neuordnung Asiens zum Hauptspieler in der Welt werden sollten. Da die USA mit dem Britischen Empire in friedlicher Koexistenz lebte, sollte Deutschland durch seine antibritische Politik zum Hauptfaktor des Aufstiegs sowohl der USA wie auch der Sowjetunion werden[4]. Die Arbeit soll neben einer Darstellung der Entwicklung der amerikanischen Außenpolitik vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg auch die Frage beantworten, welche Faktoren die Entstehung einer bipolaren Aufteilung der Interessensphären nach dem Zweiten Weltkrieg begünstigten.

1.1 Die USA vor dem Ersten Weltkrieg

„If we are to be a really great people, […] we must strive in good faith to play a great part in the world”[5]

Nachdem sich die Vereinigten Staaten im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, als Großmacht etabliert hatten, gab es neben dem Britischen Empire keinen ernsthaften Rivalen auf dem Weg zur „Superpower“. Bedingt durch den imperialen Zeitgeist und der Aufteilung der multipolaren Struktur der Welt, betätigten sich die USA an der Errichtung von Handels- und Militärstützpunkten auf den Philippinen, Hawaii, Puerto Rico, Guam und Samoa. Nach dem erfolgreichen Krieg gegen Spanien wurden Kuba, Panama und die Dominikanische Republik zu Protektoraten der USA. Mehrere dieser Länder wurden Zeugen militärischer Interventionen um strategische und wirtschaftliche Interessen zu sichern, ebenso wie Mexiko, Haiti und Nicaragua[6]. Der Ausbau der amerikanischen Kriegsflotte hatte schon vor 1890 begonnen und noch vor dem Ende des Jahrhunderts waren die USA unter den Seemächten der Welt vom zwölften auf den dritten Platz vorgerückt[7]. Wie in Europa verhalfen auch in den Vereinigten Staaten die wirtschaftlichen Wachstumsstörungen und die damit verbundenen sozialen Spannungen der 1880er und 1890er Jahre dem modernen Imperialismus zum Durchbruch. Der immer bedeutender werdende Außenhandel in Zeiten innerer Krisen wirkte sich vor allem als Triebkraft zum wachsenden Eifer einer amerikanischen Expansionspolitik aus. Amerikas einziger bedeutender Rivale im Pazifik, Japan, bereitete den US-Strategen seit jeher Sorge. Durch das diplomatische Geschick Theodor Roosevelts ließ sich ein Konflikt mit der aufsteigenden Macht im Osten, nach deren Sieg über Russland und dem von Roosevelt eingefädelten Friedensvertrag von Portsmouth 1905, abwenden. Neben Roosevelts Verdienst um einen möglichst friedlichen Umgang mit den rivalisierenden Großmächten (Friedensnobelpreis 1906), gehört seine Ausweitung der Monroe-Doktrin[8]. Roosevelt betonte den Grundsatz der non-intervention der europäischen Mächte in „panamerikanische“ Angelegenheiten und versprach für die Zukunft eine Ausübung der USA als „international police power“ um diesem Auftrag gerecht zu werden[9].

Durch militärische Interventionen und eine rigorose Umsetzung der politischen Ambitionen verschafften sich die Vereinigten Staaten als neue Weltmacht internationalen Respekt. Vor allem die von Präsident William H. Taft (1909-1913) vorangetriebene „Dollardiplomatie“ sollte den Einfluss der USA in Lateinamerika sichern, was aber weniger ihrem Prestige als vielmehr der US-amerikanischen Konzernwirtschaft zu Gute kam[10].

2. Die Ära Wilson

Als Woodrow Wilson 1913 Präsident wurde, schien ein Paradigmenwechsel in der amerikanischen Außenpolitik anzustehen. Es sei eine „Ironie“, so erklärte er, wenn er, bei seinen ganz auf die Innenpolitik konzentrierten Interessen, in Zukunft viel mit Außenpolitik zu tun haben würde[11]. Obwohl Wilson mit der Dollarpolitik seiner Vorgänger nicht in Verbindung gebracht werden wollte, hielt er an der „Politik der Offenen Tür“ fest[12]. Als die Balkankrise im August 1914 zum europäischen Hegemonialkrieg eskalierte, der auch auf die Kolonialgebiete Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens übergriff, erklärte Wilson die Neutralität der Vereinigten Staaten und bat die Bevölkerung, sich unparteiisch zu verhalten. Gefühlsmäßig und ideologisch stand Wilson als Progressiver den Westmächten näher als dem Deutschen Reich, das aus seiner Sicht Autokratie und Militarismus verkörperte und auf die Zerstörung des europäischen Gleichgewichts hinarbeitete[13]. Rein ökonomische Gründe sprachen ebenfalls für eine bevorzugte Behandlung der Entente. Die USA als zweitgrößter Industriestaat, der Bevölkerung nach, beteiligte sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges 1913, mit 32 % an der Weltindustrie-produktion und lag somit deutlich vor Großbritannien (13,6 %) und Deutschland (14,8 %)[14].

In Lateinamerika konkurrierten die USA besonders mit dem Britischen Empire und Deutschland sowie mit Frankreich um wirtschaftlichen Einfluss. Zu Europa und dem asiatischen Großraum hielten sie aber, bis auf den Stützpunkt auf den Philippinen, Distanz. Der amerikanische Kapitalexport war in den Jahren vor Ausbruch des Krieges erheblich gestiegen, doch besaßen die Vereinigten Staaten eine nicht unerhebliche Nettoschuldnerposition[15]. Der Kriegsausbruch ließ die meisten Amerikaner unerschüttert. Strategisch waren die USA nicht fest an eine bestimmte Nation gebunden um mit dem Kriegsausbruch sofort Partei ergreifen zu müssen. Doch die Forderung nach unparteiischer Neutralität war nicht leicht durchzuhalten. Wohl nur eine Minderheit von Iro- und Deutschamerikanern sympathisierte mit den Mittelmächten[16].

2.1 Die manichäische Falle

„Jedes Sendungsbewusstsein braucht zu seiner Realisierung den Feind.

Es braucht die konkrete Negation, das Antiprinzip, das Reich des Bösen,

das notfalls im Krieg bekämpft werden muss, um Fortschritt zu ermöglichen“[17]

Die Seiten die sich im Ersten Weltkrieg entwickelten schienen klar: Auf der einen Seite die Alliierten der Entente, allen voran England und Frankreich mit ihren demokratisch-parlamentarischen Strukturen und auf der anderen Seite die Mittelmächte: Das Deutsche Reich, das Wilson seit jeher als „undemokratisch“ und für den Weltfrieden als gefährlich einschätzte, sowie die ebenso „undemokratische“ Vielvölkermonarchie Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich. Obwohl sich Wilson wenig für außenpolitische Sachverhalte stark machen wollte, reflektierte sich seine progressive Innenpolitik zwangsläufig in der Außen- und Verteidigungspolitik seines Landes während des Ersten Weltkriegs[18]. So sehr der progressive Gedanke Wilsons von sozialer Gerechtigkeit, Chancengleichheit und einer „neuen Freiheit“ geprägt war, musste er sich ebenso im außenpolitischen Denken des Präsidenten wiederfinden. Durch Krieg der alten Mächte in Europa sah der Präsident diese Prinzipien von außen her in Frage gestellt. Wilson war von dem Gedanken beseelt, der Demokratie auch außerhalb der USA zu friedlicher Fortentwicklung zu verhelfen[19]. Der Logik des amerikanischen Kampfes für Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung, folgend, sahen viele Amerikaner, nach dem Muster des spätantiken Religionsstifters Mani, ihre Kriege als radikale Gegenüberstellung eines guten und eines bösen Weltprinzips. Das Deutsche Reich war bereits vor 1914 von allen europäischen Mächten die jenige, welche der größten Gefahr ausgesetzt war in die manichäische Falle des amerikanischen Sendungsbewusstseins zu geraten. Nicht zuletzt die wirtschaftliche Rivalität der beiden Staaten begünstigte die Favorisierung der Entente durch die USA[20]. Doch obwohl eine pro-britische Mehrheit von vornherein feststand, verhielt sich Wilson lediglich „neutral-parteiisch“, auch um seine Wiederwahlaussichten und seine innenpolitischen Ambitionen nicht zu gefährden[21].

2.2 Der Weg in den Ersten Weltkrieg

Als 1915 das Deutsche Reich beschloss, auch als Reaktion auf die von England verhängte „Hungerblockade“, einen unbeschränkten U-Boot-Krieg zu führen d.h. in einer um England gelegten Kriegszone alle Handelschiffe zu versenken, verschlechterten sich die Beziehungen zum Deutschen Reich dramatisch[22]. Da die Briten durch die Blockade den gesamten Handel der neutralen USA mit den Mittelmächten zum Erliegen gebracht hatten und das Deutsche Reich nicht nur als Verbündeter unmöglich wurde schien der Kriegseintritt der USA für viele als günstige Möglichkeit die wachsenden finanziellen Interessen zu sichern[23]. Als ein deutsches U-Boot im Mai 1915 vor Irland, das aus New York kommende britische Passagierschiff „Lusitania“ versenkte und dabei 128 Amerikaner mit in die Tiefe riss, kam es zu heftigen diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Washington und Berlin[24]. Die Wiederwahl Wilson 1916 verzögerte den amerikanischen Kriegseintritt. Die Masse der Amerikaner war einerseits von alliierter Kriegspropaganda beeinflusst, andererseits noch nicht bereit die amerikanische Neutralität aufzugeben und für den Segen Europas einen Blutzoll zu zahlen[25]. Als die Deutsche Regierung Wilson am 31. Januar 1917 mitteilte, dass deutsche U-Boote in Zukunft, in der Kriegszone, alle Handels- und Passagierschiffe, ohne Vorwarnung versenken würden, konnte der Präsident den amerikanischen Kriegseintritt allerdings nicht länger hinauszögern[26]. Der Ausbruch der Russischen Revolution und der Plan Berlins, sich im Falle eines Kriegseintrittes der Vereinigten Staaten gegen das Deutsche Reich mit Mexiko zu verbünden, dienten wohl als Tropfen die das Fass zum überlaufen brachten, um sowohl das amerikanische Volk, als auch den Präsidenten mit „missionarisch demokratischem Sendungsbewusstsein“[27] von der Notwendigkeit der amerikanischen Kriegsbeteiligung zu überzeugen.

[...]


[1] Man erinnere sich an die Angliederung der Westgebiete und den Kauf Alaskas 1867. Guggisberg, Geschichte der USA, II Die Weltmacht, S. 159.

[2] Besonders verbreitet beim „progressive movement“, dem viele wohlhabende Politiker aus der Ostküste angehörten, war der Spruch: „to make America over again“, Heideking, Geschichte der USA, S. 206.

[3] Gassert, Die USA im 20. und 21. Jahrhundert, in: Kleine Geschichte der USA, S. 356.

[4] Langdon, Review, S. 895.

[5] Theodor Roosevelt in einer Rede 1899, zitiert nach: Joseph A. Fry, Imperialism, American style, 1860-1916, S. 52.

[6] Ebd. S. 53.

[7] Guggisberg, Geschichte der USA, S. 161.

[8] Ebd., S. 166; Die von Präsident James Monroe 1823 verkündete Kernthese ging von einer Unabhängigkeit der amerikanischen Staaten von den europäischen Mächten aus und formulierte die Existenz zweier politischer Sphären (two spheres), betonte das Prinzip der Nichteinmischung (non-intervention) der USA in europäische Konflikte, forderte ein Ende aller Kolonialisierungsbestrebungen in der westlichen Hemisphäre (non-colonization) und kündigte ein Eingreifen der USA für den Fall an, dass die europäischen Kolonialmächte diese politischen Grundsätze ignorieren sollten.

[9] Ebd.

[10] Das friedliche Konzept der Dollardiplomatie was schon unter Theodor Roosevelt in China Verwendung fand, sollte den amerikanischen Einfluss in den betreffenden Ländern nicht durch Waffengewalt, sondern durch finanzielle und wirtschaftliche Abhängigkeit zu den USA sichern; Besonders deutlich tritt diese Form der Diplomatie in der „Politik der offenen Tür“ auf, welche bspw. China und Japan zwang ihre Häfen für amerikan. Waren zu öffnen, was gegenüber Japan 1853 erfolgte; Sh. auch: Fiebig-von Hase, Ranghild, William Taft, S. 275.

[11] Schwabe, Woodrow Wilson, S. 280.

[12] Gemeint ist eine besondere Form der Außen- und Wirtschaftspolitik, die ursprünglich die gleichen Handelsbedingungen der Großmächte in China bezeichnete; Jones, Maldwin A, The Limits of Liberty, American History 1607-1980, S. 407.

[13] Heideking, Geschichte der USA, S. 260.

[14] Gassert, S. 366; Das damalige Russische Reich kam zu mindest auf einen vierten Platz mit immerhin 8,2 %; Sh. auch: Junker, Von der Weltmacht zur Supermacht, S. 118.

[15] Junker, Von der Weltmacht zur Supermacht, S. 31.

[16] Ebd. S. 33.

[17] Junker, S. 14.

[18] Zum „progressive movement“ sh.: Hicks, John D, The Progressive Movement, in: Interpretations of American History, S. 141-156.

[19] Schwabe, Wilson, S. 281.

[20] Sh.: Junker, Von der Weltmacht zur Supermacht, S. 34.

[21] Heideking, Jürgen, Geschichte der USA, S. 261.

[22] Sh.: Schwabe, Wilson, S. 282.

[23] Seit Kriegsbeginn stiegen die Einkäufe der Allierten in den USA so rapide an, dass sie US-Industrie und Landwirtschaft aus einer akuten Wirtschaftsdepression befreiten. Nachdem d. Auslandsguthaben der Allierten erschöpft waren, vergab die Regierung Anleihen und wurden von einer Nettoschuldnernation zum größten Gläubiger der Welt (!); Sh.: Junker, S. 36.

[24] Zwar wollte Wilson nicht die allgemeine Aufregung nutzen um Berlin den Krieg zu erklären, doch sandte er eine harte Note an die dt. Regierung, die fast einem Ultimatum glich. Junker, S. 37.

[25] Die Mehrheit der Amerikaner stimmte erneut für Wilsons Demokratische Partei mit ihrem Slogan „He kept us out of war.“ Jones, Maldwin A., The Limits of Liberty, S. 419.

[26] Ebd.

[27] Koch, Thilo, Die Weltmächte im 20. Jahrhundert, Nordamerika, S. 77.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Von Multi- zu Bipolarität
Untertitel
Amerikanische Außenpolitik von 1917-1945
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (GSI)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V157879
ISBN (eBook)
9783640736652
ISBN (Buch)
9783640736775
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Multi-, Bipolarität, Amerikanische, Außenpolitik
Arbeit zitieren
Dominik Esegovic (Autor), 2010, Von Multi- zu Bipolarität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157879

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