Die Willensstruktur bei Harry G. Frankfurt

Folgen bezüglich des Personenseins und der Verantwortung


Seminararbeit, 2010

22 Seiten, Note: 0,7 (15 Punkte)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Struktur des Willens einer Person
1.1. Die Bedeutungen des Begriffes „Wünschen“ und ihre Differenzierungen
1.1.1. Wünsche erster Stufe und Wünsche zweiter Stufe
1.1.2. Wünsche erster Stufe und der Wille
1.1.3. Wünsche zweiter Stufe und Volitionen zweiter Stufe
1.2. Die Kriterien für das Personsein hinsichtlich der Willensstruktur
1.2.1. Die Vernunft als Merkmal der Volitionen zweiter Stufe
1.2.2. Unterscheidung zwischen einer Person und einem triebhaften Wesen

2. Die Folgen der Willensstrukturen für Willensfreiheit und Verantwortlichkeit
2.1. Die Willensfreiheit
2.1.1. Unterscheidung zwischen Willens- und Handlungsfreiheit
2.1.2. Die Bedingungen für einen freien Willen
Die Probleme der Willensfreiheit
2.1.3.1. Die Frage nach Volitionen höherer Stufen
2.1.4. Der Sinn der Frage nach Willensfreiheit
2.2. Die moralische Verantwortlichkeit
2.2.1. Die Bedingungen für moralische Verantwortlichkeit hinsichtlich der Willensstruktur eines Wesens
2.2.2. Überlegungen zur Verantwortlichkeit anhand von Beispielen
2.3. Der Grund für die Frage nach Willensfreiheit und moralischer Verantwortlichkeit

3. Kritik und Einwände an Frankfurts Betrachtungen
3.1. Handlungen, die nicht dem Willen bzw. dem Wunsch erster Stufe entsprechen
3.2. Die Lücken bei der Bildung des Willens
3.3. Evtl. Erweiterung des Personenbegriffes anhand durchschlagender Volitionen

4. Schlussgedanken

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Man hätte erwarten sollen, daß kein Problem dauerhafter im Mittelpunkt philosophischen Interessens stehen würde, als die Aufgabe, zu verstehen, was wir selbst unserem Wesen nach sind.“[1]

Frankfurts Ansicht nach muss dem missverstandenen und missbrauchten Begriff >Person< wieder mehr Gehör verschafft werden, weshalb er sich damit beschäftigt, dieses Wort im philosophischen Sinne zu ergründen und dessen Eigenschaften herauszufiltern. Denn hierbei, laut Frankfurt, handelte es sich nicht um die Unterscheidung der Mitglieder der eigenen Spezies von denen anderer Arten, wie es in der Biologie der Fall sei.[2] Er ist der Meinung, dass „ (...) ein wesentlicher Unterschied zwischen Personen und anderen Kreaturen in der Struktur des Willens einer Person zu finden(...)“[3] sei. Deshalb untersucht er in dem Kapitel Willensfreiheit und der Begriff der Person aus seinem Werk Freiheit und Selbstbestimmung die Willensstruktur derjenigen, die wir als Personen bezeichnen dürfen, und die derjenigen, die wir eben nicht so nennen dürfen. Somit analysiert er die Struktur von Wunschzuständen, wobei er ein Modell von höherstufigen Wünschen verwendet, und stellt fest, welche notwendigen Eigenschaften dieses Modells eine Person besitzen muss. Auf Grundlage dieser Ausführungen spricht er anschließend über seine Definition von Willensfreiheit und der damit verbundenen moralischen Verantwortlichkeit.

Ich werde Frankfurts Stellung herausarbeiten und prüfen, ob seine Erläuterungen einerseits für mich, und andererseits in sich schlüssig sind. Zunächst werde ich untersuchen, welche Willensstruktur man, laut Frankfurt, besitzen muss, um seiner Meinung nach als Person (oder nicht als Person) gelten zu können. Im Anschluss werde ich darauf zu sprechen kommen, welcher Bedeutung diese Willensstrukturen hinsichtlich der Willensfreiheit und moralischen Verantwortlichkeit zukommen, bevor ich meine eigene Kritik zu seinen Ausführungen anknüpfe und einige seiner Gesichtspunkte detaillierter betrachte.

1. Die Struktur des Willens einer Person

Seine These „Es ist denkbar, daß Mitglieder noch zu entdeckender oder auch bekannter nichtmenschlicher Arten Personen sein können. Und es ist genauso denkbar, daß einige Mitglieder der Spezies >Mensch< keine Personen sind“[4] stellt Frankfurt zu Anfang seiner Untersuchungen auf und begründet diese mit seiner Ansicht, dass man, um herauszufinden, wer als Person bezeichnet werden darf und wer nicht, deren Willensstruktur untersuchen müsse. Menschen seien nicht die einzigen Wesen, welche Wünsche besäßen oder Wahlentscheidungen treffen könnten, doch sie können, laut Frankfurts Meinung, eine Fähigkeit ihr eigen nennen, die sich im Bilden von >Wünschen zweiter Stufe< ausdrückt.[5] Wohingegen Tiere Wünsche oder Motive besäßen und meist versuchen würden, ihnen nachzugehen, können Menschen, wie Frankfurt schreibt, zudem wünschen, einen bestimmten Wunsch zu haben bzw. nicht zu haben oder auch, diesen umzusetzen. Solch eine Fähigkeit, die Frankfurt als >reflektierende Selbstbewertung< bezeichnet, besäße kein Tier außer der Mensch und stellt sich im Folgenden als ein bedeutendes Merkmal in der Willensstruktur einer Person heraus.

1.1. Die Bedeutung des Begriffes „Wünschen“ und ihre Differenzierungen

Frankfurt bezeichnet die Verben >mögen/wünschen< als schwer fassbar und weist darauf hin, dass sich aus dem Satz >A möchte Xen<, also z.B. dem Satz >Ich möchte essen< viel mehr Bedeutungen ablesen lassen, als man es eigentlich tut.[6] Man könnte damit z.B. meinen, dass ich mir nicht bewusst bin, dass ich essen möchte, oder auch, dass ich ganz bewusst essen möchte, oder vielleicht auch, dass ich das Empfinden habe, essen zu wollen, es aber nicht wirklich möchte etc. Frankfurt will hierbei ausdrücken, dass es sehr viele Arten von Wünschen gibt, auf die er zum Teil zuvor schon zu sprechen kam, welche er aber im Folgenden genauer ausführt.

Die Begriffe >Wunsch<, >Wille<, <Wunsch zweiter Stufe< und >Volition zweiter Stufe< bedürfen bei ihm einer Analyse und genaueren Definition, um die Willensstruktur einer Person und die späteren Kriterien für Willensfreiheit zu verstehen.

1.1.1. Wünsche erster Stufe und Wünsche zweiter Stufe

Den Begriff der Wünsche gebraucht Frankfurt in einem sehr weiten Sinne. Jede Neigung und jedes Angezogensein, etwas zu tun, zählen darunter.[7] [8] Wie eben schon angedeutet, unterteilt Frankfurt Wünsche zunächst in >Wünsche erster Stufe< und >Wünsche zweiter Stufe< , wobei sich Wünsche erster Stufe direkt auf eine Handlung beziehen, und Wünsche zweiter Stufe sich auf diese Wünsche erster Stufe beziehen. Das setzt voraus, dass man den Wunsch noch nicht auf erster Stufe besitzt, den zu haben man sich wünscht. „Jemand hat einen Wunsch erster Stufe, wenn er dies und das tun oder nicht tun möchte, und er hat einen Wunsch zweiter Stufe, wenn er einen bestimmten Wunsch erster Stufe haben oder nicht haben möchte.“ Man könnte dieses Prinzip noch weiterführen, indem man bedenkt, dass über der zweiten Stufe eine dritte erreicht werden könnte, dessen Wünsche sich auf die Wünsche zweiter Stufe beziehen, doch Frankfurt arbeitet nur mit zwei Stufen.[9]

Es reicht ihm zudem nicht aus, Wünsche nur hinsichtlich ihrer Gegenständlichkeit zu differenzieren, sondern für ihn ist ebenfalls der Wirkungsgrad dieser entscheidend.

1.1.2. Wünsche erster Stufe und der Wille

Wenn man einen Wunsch erster Stufe >A möchte Xen< untersucht, also einen Wunsch, der eine Handlung in Betracht zieht, so kann man, laut Frankfurt, an einem solchen Satz nicht ablesen, wie stark dieser Wunsch ist, zu Xen.[10] Wünsche erster Stufe besäßen zwar stets eine handlungswirksame Kraft, doch für Frankfurt ist es entscheidend, herauszufiltern, wie stark diese ist. Denn es könnte sein, dass dieser Wunsch nur einer unter vielen ist und bei weitem nicht der stärkste, oder auch „ (...) daß es ebendieser Wunsch ist, der A veranlaßt oder dazu bewegt zu tun, was er tatsächlich tut (...)“.[11] Somit greift er erneut Unterscheidungsmerkmale auf, welche sich auf Wünsche erster Stufe beziehen. Eine Spezialisierung eines Wunsches erster Stufe ist der >Wille<. Nach Frankfurt ist der Wille derjenige Wunsch, der den Handelnden zu einer Handlung bewegt (bzw. dazu bewegen wird oder würde). Es handelt sich hierbei also um einen Begriff, der identisch mit einem Wunsch erster Stufe ist, und zwar mit dem effektiven oder handlungswirksamen Wunsch. Nur wenn die Handlung auch ausgeführt wird, kann man, wie Frankfurt schreibt, hinsichtlich des Wunsches, der den Handelnden bewegte, von einem Willen sprechen.[12] Während der Begriff des Wunsches ein allgemeiner ist, ist der Begriff des Willens eine Spezialisierung derart, das der Wille einer Person der jeweils handlungseffektive Wunsch ist.[13]

1.1.3. Wünsche zweiter Stufe und Volitionen zweiter Stufe

Auf Grundlage der Erweiterung des Begriffes des Willens, die Frankfurt vornahm, führt er eine dritte Unterscheidung an, die sich auf Wünsche zweiter Stufe beziehen, die Unterscheidung zwischen Wünschen und Volitionen zweiter Stufe (eine besondere Art von Wünschen zweiter Stufe). Auch hier betrifft diese Untergliederung den Gehalt eines Wunsches zweiter Stufe.

Wenn z.B. ein Mensch sich einfach nur aus Neugier wünscht, den Wunsch zu haben, eine Droge zu nehmen (also diesen Wunsch auf zweiter Stufe besitzt), aber nicht direkt, diese Droge auch zu nehmen (was der Wunsch erster Stufe wäre), kann diese Tat, also die Droge zu nehmen, nicht geschehen, da der Wünschende den Wunsch erster Stufe hat, sie nicht zu nehmen, und den Wunsch, den Wunsch zu haben, sie zu nehmen, nur auf zweiter Stufe besitzt. Ein Wunsch zweiter Stufe bringt also keine Handlung mit sich. Denn „Sein Wunsch, einen bestimmten Wunsch zu haben, den er nicht hat, braucht nicht ein Wunsch zu sein, daß sein Wille im mindesten ein anderer ist, als der, der er ist.“[14] Was also der Wünschende bloß wünscht zu wünschen, sagt nicht aus, was er eigentlich will.

Andererseits kann man sich, laut Frankfurt, ganz eindeutig wünschen, dass ein bestimmter Wunsch sein Wille sei, also man durch ihn zu einer Handlung veranlasst wird, die man dann auch ausführt. Das impliziert für Frankfurt aber, dass man diesen Wunsch schon auf erster Stufe besitzt. „Nur, wenn er Xen möchte, kann erübereinstimmend auch wünschend, daß sein Wunsch, zu Xen nicht bloß irgendeiner seiner Wünsche, sondern entscheidender: sein Wille sei.“[15] Hierbei bringt er ein Beispiel ein, indem eine Person sich wünscht, von dem Wunsch, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, motiviert zu werden. Dies schließt für Frankfurt ein, dass man den Wunsch, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren bereits hat. Durch die Volition zweiter Stufe kann man nun wünschen, dass ebendieser Wunsch derjenige sei, der einen zum Handeln veranlasst, das heißt, dass er der Wille sein soll. Die Person hat mit einer Voltion zweiter Stufe also den Wunsch, dass sie es wolle. [16]

[...]


[1] Harry G. Frankfurt: Willensfreiheit und der Begriff der Person in: ’’Freiheit und Selbstbestimmung”; S.66; Herausgegeben von Monika Betzler und Barbara Guckes; Akademie Verlag GmbH; Berlin 2001

[2] Vgl. ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Vgl. ebd. S. 67

[6] Vgl. Harry G. Frankfurt: Willensfreiheit und der Begriff der Person, S. 67

[7] Vgl. Edgar Hegner: „Der Begriff der Person- Die Willensstruktur als hinreichendes Personenmerkmal bei Harry G. Frankfurt“; S. 2; GRIN Verlag, Fribourg 2004

[8] Harry G. Frankfurt: Willensfreiheit und der Begriff der Person, S. 67

[9] Vgl. Anna Kusser: Zwei-Stufen-Theorie und praktische Überlegung in: Monika Betzler und Barbara Guckes: „Autonomes Handeln- Beiträge zur Philosophie von Harry G. Frankfurt“; S. 87; Akademie Verlag GmbH; Berlin 2000

[10] Vgl. ebd. S. 68

[11] Ebd.

[12] Vgl. Harry G. Frankfurt: Willensfreiheit und der Begriff der Person; S. 69

[13] Vgl. Anna Kusser: Zwei-Stufen-Theorie und praktische Überlegung; S. 87

[14] Harry G. Frankfurt: Willensfreiheit und der Begriff der Person; S. 70

[15] Ebd. S. 70 f.

[16] Ebd. S. 71

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Willensstruktur bei Harry G. Frankfurt
Untertitel
Folgen bezüglich des Personenseins und der Verantwortung
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Freiheit, Verantwortung, Strafe
Note
0,7 (15 Punkte)
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V158926
ISBN (eBook)
9783640718566
ISBN (Buch)
9783640718887
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harry Frankfurt, Willensfreiheit, Verantwortung, Personensein, freier Wille, Volitionen, unfrei, Wünsche
Arbeit zitieren
Anika Mehner (Autor), 2010, Die Willensstruktur bei Harry G. Frankfurt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158926

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