Phänomenologie der Wahrnehmung. Eine Philosophische Analyse des Autismus


Masterarbeit, 2010

71 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Zum Autismus
2.1 Grundlagen des Autismus
2.1.1 Historischer Überblick
2.2 Der Autismus als Gegenstand der Psychologie
2.3 Persönliche Erfahrungen

3 Phänomenologie der Wahrnehmung
3.1 Zur Phänomenologie der Wahrnehmung
3.1.1 Phänomenologie der Wahrnehmung und Autismus
3.1.2 Formen von Wahrnehmungen
3.2 Emotionalität und Bewusstsein
3.3 Intentionale Aspekte

4 Ethische Grundhaltung in der Betreuungsarbeit

5 Zusammenfassung und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Wer nach der Bedeutung des Autismus fragt, sieht sich fast nur mit medizinisch-biologischen sowie psychologischen Erklärungsmustern konfrontiert.1 Dabei wird der Autismus als eine schwere Entwicklungsstörung in der Sprache und sozialen Kommunikation aufgefasst, die unter die Kategorie der angeborenen sowie unheilbaren Krankheiten subsumiert wird. Autisten gelten sodann als Menschen mit Wahrnehmungs- und Kommunikationsproblemen. Abgekapselt vom sozialen Umfeld versinken sie in ihr Innenleben.2

Nach medizinisch-psychiatrischen Kriterien ist der Autismus bereits im dritten Lebensjahr diagnostizierbar. Sind neuropsychologische Befunde symptomatisch für ein psychisches Leiden, reichen sie allerdings nicht aus, um die tatsächlichen Handicaps der Wahrnehmung bei Kindern und Jugendlichen mit autistischen Verhaltensweisen adäquat zu untersuchen. Denn die Wahrnehmung ist kein passives Moment der Sinne, sondern ein aktiver Prozess der Informationsaufnahme, der von einem Komplexreiz über die Sinnesorgane im zentralen Nervensystem koordiniert und verarbeitet wird. Die Wahrnehmung versetzt sodann den Menschen in die Lage, sich der Sinnesorgane zu bedienen, um mit seiner Umwelt und Mitmenschen zu kommunizieren oder in Kontakt zu treten.

Die Dinge der Welt sehen, hören (Fernsinne), fühlen, riechen, (Nahsinne) schmecken, sie einverleiben und auf sie wirken, gehören ebenso zu den Mechanismen der Wahrnehmung wie das Sammeln von Eindrücken und Erfahrungen. Die Wahrnehmung ermöglicht daher den Zugang zur Innen- und Außenwelt und verhilft nicht zuletzt zum Erkennen von sehr komplexen Zusammenhängen. Ob dieser komplexe Prozess beim frühkindlichen Autismus tatsächlich nicht möglich ist und woran dies liegt, soll in den nächsten Kapiteln aus der Perspektive der Philosophie näher beleuchtet werden.

In der Philosophie wird die Wahrnehmung einerseits als eine Manifestation eines objektiven Vorgangs (Perzeption), d.h. das Abbild der objektiven Realität im Bewusstsein beschrieben. Dabei handelt es sich um die Aufnahme sowie die Verarbeitung der aufgenommenen sensorischen Reize (Umwelt- und Körperreize) bis zu ihrem Antreffen im Gehirn. Mit der Objektivität ist nichts anderes als die adäquate Widerspieglung der Gegebenheiten der Wirklichkeit der Welt im menschlichen Geist gemeint. Andererseits ist der Vorgang der Wahrnehmung subjektiv (Apperzeption) insofern, als die Verarbeitung der Sinneseindrücke zu subjektiven Empfindungen und damit zur individuellen Ausgestaltung des Wahrgenommenen führt. Mit anderen Worten, das subjektive Erleben erfolgt durch Verankerung des Leibes in der Sinnenwelt. Die Subjektivität stellt daher die Grundlage und die Voraussetzung für das Lernen, das Sprechen und die geistige Entwicklung dar.

Die vorliegende Arbeit geht folgenden Fragen nach: Ist die neuropsychologische Diagnostizierbarkeit des infantilen Autismus als Wahrnehmungsstörung philosophisch begründbar? Kann eine Sozialisation unter normalen und humanen Bedingungen eine positive Veränderung der geistigen Entwicklung der Kinder hin zu einer autonomen (selbst bestimmten) Lebensführung bewirken? Welche Rolle kann dabei eine philosophisch-praktische Betreuung spielen? Zur Untersuchung dieser Fragen werden phänomenologische Reflexionsmethoden sowie persönliche Erfahrungen in der praktischen Arbeit mit betroffenen Kindern herangezogen. Diese Abhandlung verfolgt das Ziel, ein neues Verständnis des Autismus über alle Stereotype und Vorurteile hinweg zu erreichen.

2 Zum Autismus

2.1 Grundlagen des Autismus

2.1.1 Historischer Überblick

Mit den Untersuchungen von Jean Itard (1774-1838) über einen vermeintlich wilden im Wald gefundenen Jungen im Jahr 1799 begann die wissenschaftliche Erforschung an Menschen ohne soziale Kontakte. Jean Itard selbst war von Beruf Arzt und Taubstummenlehrer. Aus seinen Berichten über das Verhalten der „wilden“ Kinder zogen die späteren Psychiater und Psychologen parallele Symptome mit autistischen Verhaltensweisen: Unverständliche Sprechlaute, Selbstbezogenheit, Aggressionen.

Doch erst Eugen Bleuler (1857-1939) schuf den Begriff des Autismus, den er der Schizophrenie zuordnete.3 Dabei setzte er sich ebenso mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud wie mit Fragen der geistigen Gesundheit und Krankheit intensiv auseinander.4 Den Autismus bezeichnete Bleuler als einseitige und eingeengte Selbstbezogenheit sowohl im Denken, als auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Bleuler stellte immer wieder fest, dass seine schizophrenen Patienten den Kontakt mit der sozialen Umwelt stets abbrachen, sich aus ihrer Lebenswelt zurückzogen und sich von der Realität abwandten. Danach sprachen sie noch kaum (Mutismus) und bewegten sich nicht mehr (Stupor).

Obschon Bleuler psychische Erkrankungen diagnostizierte, konnte er sie aus Mangel an medikamentösen Mitteln, die damals nicht vorhanden waren, nicht klinisch therapieren. So griff er ausschließlich auf persönlichen Kontakt mit seinen Patienten, auf seine Zuneigung zu ihnen zurück und erreichte damit eine Verbesserung der Krankheitssymptome. Nach dem Ausklingen eines schizophrenen Schubes erlangten die Patienten wieder ihre Sprache und
Mobilität. Dadurch lag nahe, dass auch der Autismus ein Grundsymptom der Zurückgezogenheit und Distanzierung war, das behebbar ist. Denn nach dem Ausklingen des schizophrenen Schubes erlangten die Patienten ihre Sprache und Mobilität wieder. Diese positive Erfahrung trug u. a. nicht zuletzt zur Abschaffung von klassischen Irrenanstalten, in denen die mentale Situation der Betroffenen nur schlechter wurde bei.

Nach Bleuler war Leo Kanner (1896-1981) der erste Kinderpsychiater, der den frühkindlichen Autismus unabhängig von der Schizophrenie beschrieb. Bei seiner Untersuchung wies er ein eigenständiges Krankheitsbild bei Kindern auf, das er in einem 1943 veröffentlichten Artikel als „frühkindlichen Autismus“ (early childhood autism) bezeichnete.5 Als charakteristisch für diese Kindererkrankung nannte Kanner die Kontaktstörungen, die Selbstbezogenheit und die fehlende interpersonale Kommunikation. In der gleichen Zeit wies 1944 der Kinderpsychiater Hans Asperger (1906-1980) in einem Aufsatz auf ähnliche, mit Bleuler vergleichbare, Verhaltensweisen bei Kindern mit vermeintlich geistigen Behinderungen hin. Er bezeichnete dieses Erscheinungsbild als „autistische Psychopathie“. 6

Asperger bescheinigte diesen Kindern Intelligenz, merkte aber zugleich an, dass sie große Schwierigkeiten hatten, sich an die soziale Umgebung anzupassen oder den Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen. Ihnen sei zudem die pedantische Sprache gemeinsam, auch wenn sie besondere Interessen und Fähigkeiten auf einzelne Gebiete hätten. Trotz einiger Meinungsverschiedenheiten sind sich die Experten darüber einig, dass Kanner (in den USA) und Asperger (in Österreich) ihre Erkenntnisse unabhängig von einander gewonnen haben, da sie weder voneinander wussten noch wegen des Weltkrieges keinerlei Kontaktmöglichkeit gehabt hatten.

Da sich die beiden Positionen widersprachen, wurden sie in der Wissenschaft stets voneinander abgegrenzt. Erst seit den Arbeiten von Lorna Wing7 wird die autistische Psychopathie (das sog. Asperger Syndrom) und der frühkindliche Autismus Kanners als Kontinuum betrachtet.

In neuerer Zeit hat sich der Autismusbegriff erheblich ausgeweitet. So wird der frühkindliche Autismus heute als eine Form einer Autismus - Spektrum – Störung (ASS) aufgefasst. Es wird ein Kontinuum gedacht, das je nach Intensität der Ausprägung vom frühkindlichen Autismus bis zu dem Asperger-Syndrom reicht.
Allgemein werden drei Typen von Autismusspektren (frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom) unterschieden, die ineinander übergehen, wobei die Übergänge innerhalb des Autismusspektrums als auch zur „Normalität“ fließend sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammengefasst sind die auf Kanner und Asperger zurückgehenden und für die Wissenschaft relevanten Hauptmerkmale des Autismus

- die Unfähigkeit, Beziehungen aufzubauen
- die Verzögerung in der Erntwicklung von Sprache
- der nicht kommunikative Gebrauch der gesprochenen Sprache
- das Beharren auf Unveränderlichkeit
- die Unbeherrschbarkeit und die damit verbundene Neigung zu Wutanfällen
- die Unfähigkeit zu pluraler Wahrnehmung.

Doch diese dem Autismus heute zugeschriebenen Merkmale stützen sich nicht auf organ-medizinische Befunde, sondern werden aus reinen Beobachtungen abgeleitet. Ist der frühkindliche Autismus eine tiefer greifende Entwicklungsstörung, so hängt sie auch mit den Schwächen in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie stark ritualisierten Verhaltensweisen zusammen. Die Zurückgezogenheit ist nichts anderes als das Ergebnis einer unerträglichen Form der sozialen Isolation.

Zurückgezogenheit, in sich gekehrtes, eingeschränktes und auf sich selbst bezogenes Verhalten lässt die betroffene Kinder in einer unerträglichen Form der Isolation leben. So schreibt am 21.09.1992 Birger Sellin in seinem Buch „ich will kein in mich mehr sein“:

„reden tut gut / tierisch ist das gebrüll / wieso kann ich es nicht lassen / einfach alles in einfachen worten alles sagen / ich dichte erst jetzt ein lied über die freude am sprechen / ein lied für stumme autisten zu singen in anstalten und / irrenhäusern / nägel in astgabeln sind die instrumente / ich singe das lied aus der tiefe der der hölle / und rufe erklärt den gesang zu eurem lied und rufe / alle stummen dieser welt / erklärt den gesang zu eurem lied / taut die eisigen mauern auf / und wehrt euch ausgestoßen zu werden / wir wollen eine neue generation der stummen sein / eine scharr mit gesängen und neuen liedern / wie es die redenden noch nicht vernommen haben / unter allen dichtern fand ich keinen stummen / so wollen wir die ersten sein / und unüberhörbar ist unser gesang / ich dichte für meine stummen schwestern / für meine stummen brüder / und soll man hören und einen platz geben wo wir unter / euch alle wohnen dürfen / in einem leben dieser gesellschaft.“ 8

Dieses meist von ihrer Umwelt nicht Verstandene und schwer zu Ertragende lässt betroffene Eltern und Geschwister aus Scham in einer anderen Form der Isolation leben. In Betroffenen - Selbsthilfegruppen versuchen sie einen Raum zu finden, ihrer Sprachlosigkeit eine Form zu geben.

2.2 Der Autismus als Gegenstand der Psychologie

In der Psychologie wird die Autismus- Spektrum- Störung als eine Verhaltensstörung oder eine Dysfunktion bei der Weiterleitung der Informationsüberträger (Signale im Gehirn) aufgefasst. Es wird heute davon ausgegangen, dass dem Autismus eine genetisch bedingte Störung zu Grunde liegt. In intensiven neurologischen Forschungen konnte aber bis heute keine strukturelle oder funktionale Störung des zentralen Nervensystems festgestellt werden, die autismusspezifisch wäre.9 Die Störung wird über das Verhalten definiert. Dabei bezieht man sich auf Kinder, die nicht fähig sind, ihre Gefühle sprachlich auszudrücken oder auf andere Menschen bewusst zuzugehen. Abgesperrt gegen das soziale Milieu, versinken sie in ihrer eigenen Gedankenwelt. In der gegenwärtigen Autismusforschung geht man von einer Trias der Hauptstörungsbereichen: Soziale Interaktion, verbale und nonverbale Kommunikation und Imagination aus.10

In seinem Vortrag in der internationalen Konferenz für Bindung und frühe Störungen der Entwicklung vom 24. und 25. Oktober 2009, die an der Ludwig-Maximilians-Universität in München stattfand, berichtete David Oppenheim11 über Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten, wonach er und sein Team in Haifa (Israel) herausfanden, dass autistische Kinder entgegen früherer Ansichten sehr wohl Bindungen zu ihren Bezugspersonen entwickeln. Eine bedeutende Anzahl, beinahe die Hälfte, entwickeln sogar eine sichere Bindung. Damit sieht er Beobachtungsstudien aus den 1980ern bestätigt.

In Verbindung mit der Wahrnehmung wird autistischen Kindern eine schwache zentrale Kohärenz unterstellt. Unter schwacher Kohärenz versteht man einen Wahrnehmungsstil, der detail bezogen ist. Es wird die komplexe Information nicht kontextuell als Ganzes im Gesamtzusammenhang wahrgenommen.12 Die bevorzugte Aufnahme und Verarbeitung von Einzelheiten führt zu Schwierigkeiten beim Erfassen, Einordnen und Verstehen von Zusammenhängen, was eine Schwäche im kontextuellen und begrifflichen Denken impliziert. Aus der Erfahrung lässt sich sagen, dass gerade Kinder mit autistischen Problemen mehr detail - orientiert sind, als dass sie holistisch wahrnehmen. Sie fühlen, riechen, hören, sehen sehr intensiv, ohne ihren Empfindungen eine Bedeutung oder Ausrichtung geben zu können. Diese Seinsweise beeinträchtigt ihre sozialen Interaktionen.

Eine andere Form von Wahrnehmungsbesonderheit bei autistischen Kindern ist, nicht mit den fünf Sinnesorganen gleichzeitig operieren zu können. Einzelne Reize aus den verschiedenen Wahrnehmungskanälen werden nicht miteinander kombiniert, sodass nur ein Wahrnehmungsmodus benutzt wird.13 Die Synästhesie ist eine Wahrnehmungsbesonderheit, die bei Künstlern wie auch bei hochbegabten Autisten und Savants (frz.: Wissende) vorkommt: Vermischung von Informationen aus verschiedenen Sinneskanälen. Daniel Tammet, der zu den Savants zählt, schreibt dazu:

„Zahlen sind meine Freunde und sie sind ständig um mich. Jede ist einzigartig und hat ihre ganz eigene “Persönlichkeit“. Elf ist freundlich und fünf ist laut, während vier still und schüchtern ist“.14 Interessant ist, dass Daniel Tammet zu seiner mathematischen Begabung mit Hilfe der Synästhesien innerhalb kürzester Zeit Fremdsprachen erlernen konnte. So lernte er isländisch in einer Woche.

Wie bereits angedeutet, hat sich das medizinische Bild des Autismus seit Leo Kanner erheblich verbessert. Kanners Erkenntnisse brachten nicht nur grundlegende Reformen der diagnostischen Verfahren sowie der therapeutischen Maßnahmen, sondern führten auch zu einer Abkehr von pauschalen oder vagen Fallbeschreibungen. Seitdem wird der Autismus in der medizinischen Psychiatrie und Psychologie als eine schwere und chronisch verlaufende, tiefgreifende Entwicklungsstörung aufgefasst, die bei Kindern spätestens bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres auftritt. Dabei handelt es sich um „eine tiefgreifende Beziehungs- und Kommunikationsstörung, welche die Kinder unfähig macht, zu anderen Personen, selbst zu den eigenen Eltern, ein normales emotionales Verhältnis herzustellen.“15

Zusammengefasst wird den autistischen Kindern folgende Eigenschaften zugeschrieben:

- soziale Zurückgezogenheit
- abnorme Beziehung zu Gegenständen, zu Menschen und zu sich selbst
- in der sozialen Interaktion mangelndes Interesse an und abweisendes
Verhalten zu Erwachsenen und Kindern
- keine Freundschaften und kein affektives Eingehen auf andere
- im Spielverhalten kein Blickkontakt, Anlächeln oder Nachahmung
kein imaginatives Spiel
- repetitives und stereotypes Verhalten und Bewegungen
- in der Kommunikation keine Zeigegeste, Nicken oder Kopfschütteln
- echolalische bzw. keine funktionale Sprache, sprachliche Rituale

oder Ausbleiben von Sprache. 16

Psychologisch gesehen beeinträchtigt der Autismus die geistige Entwicklung17 eines Kindes und wirkt sich sehr negativ auf die soziale Interaktion sowie auf seine Beziehungs- und Kommunikationsgestaltung aus. Hinzu kommen qualitative Einschränkungen der zwischenmenschlichen Beziehungen und sonstigen Aktivitäten sowie zahlreiche Verhaltens­auffälligkeiten, die besonders für das Umfeld im alltäglichen Umgang mit dem Kind sehr belastend sind. Nicht zuletzt zu erwähnen sind Symptome wie Essstörungen, Schlaf- und Reinlichkeitsprobleme, Aggressivität, Selbstverletzungen etc., die den Familien und sozialen Betreuern oft schwer zu bewältigende Schwierigkeiten bereiten. So muss sich das gesamte Umfeld von Kindern mit Autismus darauf gefasst machen, für einen in seiner Selbständigkeit sehr eingeschränkten Menschen die volle Verantwortung während seines ganzen Lebens zu tragen.

Zur Operationalisierung von psychischen Störungen und Krankheiten orientieren sich Wissenschaft, Forschung und Praxis an der 10. Ausgabe der International Classifikation of Desease (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation.18 Der frühkindliche Autismus wird nach dem psychiatrischen Klassifikationssystem ICD-10 den gravierenden Entwicklungs­störungen und nicht mehr, wie früher, den Psychosen zugerechnet. Es ist eine essentielle Entwicklungsstörung in den Bereichen der motorischen, sprachlichen, kognitiven und sozialen Funktionen.

Internationalen Studien zufolge befinden sich von 10.000 untersuchten Kindern zwischen vier und achtzehn im Autismusspektrum, wobei Jungen drei- bis viermal häufiger betroffen sind als die Mädchen.19 Dabei wird zudem deutlich,

dass der frühkindliche Autismus unabhängig von der ethnischen oder sozialen Zugehörigkeit vorkommt, da Kinder aller Nationalitäten und Schichten davon betroffen sind. Spricht man nun vom frühkindlichen Autismus, so wird damit die

Behinderung oder die Störung in der Sprache, der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Informationen verbunden. Nach John K. Wing liegt ein Autismus vor, wenn ein Kind nicht imstande ist, visuelle und auditive Sinneseindrücke sinngemäß so zu verarbeiten, wie dies bei den als normal sich entwickelnden Kindern der Fall ist. Aus dem Autismus scheinen sich unvermeidbare Kommunikationsprobleme zu ergeben, Verhaltensabnormitäten und emotionale Schwierigkeiten, die wiederum eine Anhäufung sekundärer Behinderungen zur Folge haben.20

Neben dieser psychischen Beschreibung gibt es hinsichtlich der Ätiologie21 eine Tendenz hirnorganische Ursachen für den Autismus verantwortlich zu machen. Nach Joachim Bauer wird vermutet, dass der autistischen Störung „eine Funktionseinschränkung verschiedener Spiegelneuronensysteme zu Grunde liegt. Allerdings ist unklar, ob es sich um eine primäre Dysfunktion im Bereich der biologischen Grundausstattung handelt oder ob autistische Kinder in den Monaten nach ihrer Geburt, warum auch immer, weniger Gelegenheit zu wechselseitiger, spiegelnder Kommunikation hatten. Es ist möglich, dass beides eine Rolle spielt.“22 Um so wichtiger ist die Früherkennung und intensive Frühförderung von betroffenen Kindern sowie eine Entlastung der Eltern. Gleichwohl wird versucht, die Ätiologie des Autismus aus der individuellen Lebensgeschichte des Kindes zu erklären. So betrachten Nico Tinbergen und Elisabeth A. Tinbergen die Ursache des Autismus als eine zentrale Funktionsstörung vor allem im emotionalen Bereich und in der Motivation und nicht als organisches Leiden. 23

Genetische und biochemische Untersuchungen haben bis heute noch keine eindeutigen Befunde ergeben. Trotz aller Differenzierungsversuche unterliegt der Autismus in der Forschung multikausalen Erklärungen. Dabei stehen neurobiologische, biochemische, genetische und entwicklungspsychologische Ansätze zueinander in einem Konkurrenzverhältnis. So wird in dieser Arbeit versucht, eine philosophische Lösung in diesem Meinungsstreit vorzuschlagen.

2.3 Persönliche Erfahrungen

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die persönliche Erfahrung bei der Betreuung von zwei Kindern aus dem Autismus-Spektrum. Dabei wird der Akzent auf die Wahrnehmung gesetzt, wobei es mir darum geht, zu zeigen, dass auch die mangelnde Intentionalität ein Hindernis sowohl für die Wahrnehmung als auch für die Bewusstseinsentwicklung der betroffenen Kinder darstellt.

Zu den Kindern, die Namen wurden aus datenrechtlichen Gründen verändert: Simon und Boris werden vom Fachpersonal des ambulanten, sozialpädagogischen Trägers „Sonne“ GmbH im Rahmen der Eingliederungshilfe als Einzelfallhilfe gemäß Sozialgesetzbuch XII im Rahmen der pädagogischen, ambulanten Hilfen betreut. Seit dem 01.01.2000 wurde in den ambulanten Hilfen zur Erziehung im Zuge der Professionalisierung dieser Arbeit die Durchführung der Hilfen vom Senat für Bildung anerkannten Trägern für Kinder- und Jugendarbeit übertragen. So entstand der Träger „Sonne“, der sich von Anfang an als einziger ambulanter Träger in den Erziehungshilfen in Berlin auf dem Gebiet der frühkindlichen Entwicklungs- und Regulationsstörungen spezialisierte. Der größte Teil der zu betreuenden Kinder kommt aus dem Autismusspektrum.

Mit dem IX. Sozialgesetzbuch (SGB IX), das seit dem 1. Juli 2001 in Kraft getreten ist, in Verbindung mit dem XII. Sozialgesetzbuch (SGB XII) wurden an Stelle der Fürsorge die rechtlichen Vorraussetzungen für die Rehabilitation und die Förderung zur gleichberechtigten, gesellschaftlichen Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft geschaffen.
In diesem Rahmen konnten nunmehr Behinderte und schwer behinderte Kinder und Jugendliche durch die ambulante Eingliederungshilfe als Einzelfallhilfe betreut werden. In diesem Kontext hatte „Sonne“ die Betreuung von Simon und Boris übernommen. An dieser Stelle möchte ich mich bei den Kindern und ihren Familien bedanken, die mir erlaubten, über diese Entwicklungsprozesse im Rahmen meiner Arbeit zu berichten. Mein Dank gilt auch dem Träger „Sonne“ und der Kollegin, die das Informationsmaterial überließ.

Neben Beratungsgesprächen mit den Eltern fanden Gespräche mit den Helfern aus den verschiedenen Institutionen, die in der Betreuung der Kinder mitwirkten, statt. Um das helfende System zu optimieren, den Informationsaustausch unter den verschiedenen Helfersystemen aufrechtzuerhalten und Kommunikationsstörungen an den verschiedenen Schnittstellen der Akteure zu minimieren, wirkte ich beratend mit. Die Betreuung erfasst ein weites Spektrum unterschiedlicher Beratungssituationen. Zu meinen Aufgaben gehörte hauptsächlich die pädagogische Einzelbetreuung und Entwicklungsförderung der Kinder und Jungendlichen sowie die Beratung der Eltern zu übernehmen.

a) Simon

Simon wurde im 8. Schwangerschaftsmonat geboren. werden, Nachdem die Kindesmutter das Fruchtwasser im 8. Monat verloren hatte, wurde der Geburtsvorgang eingeleitet. Es ergaben sich leichte Komplikationen. Die Geburt wurde durch den Einsatz der Saugglocke vollendet. Da das Baby sehr schwach war, wurde es erst nach zehn Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Die Anfangsphase war für Eltern und Kind sehr schwierig. Die Eltern berichteten, dass Simon Tags wie Nachts schrie. Seine Pflege war sehr zeitintensiv. Sie berichten, dass sein Verhalten von Anfang an sehr schwierig war, und er sich kaum beruhigen ließ. Der Mutter fiel auf, dass er sich nicht gerne streicheln ließ. Es war für die jungen Eltern bedrückend, und sie waren mit ihrem Erstgeborenen überfordert. Mit drei Jahren wurde der Junge deshalb in einem Berliner Krankenhaus vorgestellt. Dabei erfuhr die Familie, dass Simons Verhalten im Autismusspektrum lag. Die Eltern konnten sich nun erklären, weshalb ihr Junge keinen Körperkontakt zuließ, den Blickkontakt mied und z.B. auf seinen Namen nicht reagierte, wenn er angesprochen wurde. Sie erfuhren auch, dass Schlaf- und Essstörungen, Verhaltensauffälligkeiten sowie eine psychomotorische Schwäche im Autismusspektrum vorkommen können. Ein Jahr später wurde der Familie eine Einzelfallhilfe empfohlen. Mit der Durchführung sollte eine auf dem Gebiet erfahrene Fachperson beauftragt werden. Durch die heilpädagogische Förderung sollte Simon gefördert werden, da er deutliche Entwicklungsverzögerungen in allen Bereichen aufwies. Mit vier Jahren lag sein Entwicklungsstand weit unter zwei Jahren.

Bei Beginn der Einzelfallhilfe war Simon somit vier Jahre alt. Als ich Simon zum ersten Mal traf fiel mir auf, dass er nicht sprach. Auf Versuche, mit ihm zu kommunizieren, reagierte er nicht. Es schien, als hätte er keinen Kontakt zu seiner Umwelt. Oft hielt er sich die Ohren zu, wandte sich von anderen Personen ab, hatte keinen Blickkontakt. In seinem stereotypen Verhalten beschäftigte er sich mit dem Auf- und Zuschließen von Türen, An- und Ausschalten von Lichtschaltern oder Beobachten des Drehens der Waschtrommel während des Waschvorganges. Sein Lieblingselement war das Wasser. Mit Vorliebe trug er Schüsseln randvoll mit Wasser mit sich herum, um damit zu spielen. Hätte man ihn nicht eingegrenzt, wäre er in der Lage gewesen, die ganze Wohnung unter Wasser zu setzen.

Bei Tätigkeiten, die mit einer äußeren Änderung einhergingen, beispielsweise beim Versuch seine Kleider zu wechseln, zeigte er große Angst und versuchte sich der Situation zu entziehen. Er trug in der Wohnung immer dieselbe Jacke. Die Mutter berichtete, dass er die Jacke selbst beim Schlafen anbehielt. Versuche, ihm die Jacke wegzunehmen, führten dazu, dass keiner mehr nachts schlafen konnte. Simons heftige Reaktionen gingen mit Wutausbrüchen einher, sodass er lange brauchte, um sich beruhigen zu können. Weiterhin berichtete die Mutter, dass er nur ganz bestimmte Speisen zu sich nahm, die sie ihm als Häppchen verabreichte, während er in der Wohnung umherlief. Simon hatte außerdem ein herabgesetztes Schmerzempfinden. Er reagierte nicht auf kalt oder heiß. Achtete man nicht darauf, so konnte er sich beim Spielen mit heißem Wasser verbrennen, ohne entsprechend zu reagieren. Andererseits reagierte er auf leichte Berührungen übersensibel.

[...]


1 Sven Bölde (Hrsg): Autismus, Bern 2009, Christopher Gillberg, Mary Coleman: The Biology of the Autistic Syndrom, Clinics Developmental Medicine 2000, Nr. 135, 4

2 Christian Klicpera, Paul Innerhofer: Die Welt des frühkindlichen Autismus, München, Basel 2002, Frances Tustin: Autistische Zustände bei Kindern, Stuttgart, 1989

3 Eugen Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie, Berlin, Heidelberg, 1972, 12. Aufl., S. 400

4 Christian Scharfetter: Eugen Bleuler (1857-1939) Polyphrenie und Schizophrenie, Zürich 2006

5 Leo Kanner: „Autistic disturbances of affectiv contact“, Nerv Child (1943), S. 217 -250 Vgl. Eugen Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie, Berlin, Heidelberg, 1972, 12. Aufl. S. 560-62 Wegen seiner eugenischen und rassistischen Ansichten blieb Bleuler jedoch sehr umstritten.

6 Hans Asperger: “Die autistischen Psychopathen” im Kindesalter, Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 117, S. 76-136

7 Lorna Wing: The handicaps of autistic children – a comparative study. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 1969, 10, S.1-40. The syndrome of early childhood autism. British Journal of Hospital Medicine, 1970, 4, S. 381-392

8 Birger Sellin: ich will kein in mich mehr sein. Köln, 1993, S. 178

9 Vgl. Sven Bölte (Hrsg.): Autismus, Bern, 2009

10 Vgl. Christoph Müller, Susanne Nussbeck: Informationsverarbeitung bei Kindern mit Autismus, Hamburg, 2006. Christoph Müller: Autismus und Wahrnehmung, Marburg 2007

11 David Oppenheim hat einen Lehrstuhl für Psychologie an der Universität Haifa in Israel inne und führt seine wissenschaftliche Arbeit am Forschungszentrum für die Kindesentwicklung durch. Er ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift Infant Mental Health Journal.

12 Vgl. Christoph Müller, Susanne Nussbeck: Informationsverarbeitung bei Kindern mit Autismus, Hamburg 2006, Christoph Müller: Autismus und Wahrnehmung, Marburg 2007

13 Vgl. Nicole Schuster: Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing, Berlin 2007

14 Vgl. Daniel Tammet: Elf ist freundlich und fünf ist laut, Düsseldorf 2007, S. 16

15 Vgl. autismus Deutschland e.V.: Diagnose? – Autismus! – Was tun?

16 Vgl. Helmut Remschmidt: Autismus, München 2000

17 Vgl. Sven Bölte (Hrsg.): Autismus. Bern, 2009. In den letzten Jahrzehnten wurde in der Forschung der Zusammenhang zwischen Autismus und Intelligenzminderung gut dokumentiert. Ging man früher bei 80% der betroffenen Kinder von einer Intelligenzminderung aus, neuesten Untersuchungen zufolge sind 30% überdurchschnittlich bis durchschnittlich intelligent, 30% haben leichte bis mittelgradige und 40% schwere bis schwerste Intelligenzminderung.

18 H. Dilling et al (Hg.): ICD-10 Kapitel V(F), Bern 2005.

19 Maureen Aarons, Tessa Gittens: Das Handbuch des Autismus, Weinheim und Basel 2007 Helmut Remschmidt: Autismus, München 2000. Toni Attwood: Das Asperger – Syndrom, Stuttgart 2000. Hans E. Kehrer: Autismus, Heidelberg 1995. Michele Noterdaeme: Komorbidität und Differenzialdiagnose, in: Sven Bölte (Hrsg.): Autismus, Bern, 2009

20 Vgl. John K. Wing: Frühkindlicher Autismus. Weinheim und Basel 1977, 2. Aufl.

21 Zur Ätiologie nannten bereits Kanner und Asperger einen genetischen Defekt als Ursache für die Entstehung von Autismus. Sabine Klauck führt auf, dass 10% -15% der Fälle mit ASS ein Genomdefekt oder eine Genommutation aufweisen, die den Stoffwechsel beeinflussen. Sabine Klauck: Verhaltensgenetik, Molekulargenetik und Tiermodelle, in: Sven Bölte: Autismus. Bern, 2009. Christoph Müller, Susanne Nussbeck: Informationsverarbeitung bei Kindern mit Autismus,

22 Vgl. Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst. München 2006, S.74 Hamburg 2000

23 Vgl. Niko Tinbergen, Elisabeth A. Tinbergen: Autismus bei Kindern, Berlin und Hamburg 1984

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Details

Titel
Phänomenologie der Wahrnehmung. Eine Philosophische Analyse des Autismus
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
71
Katalognummer
V159132
ISBN (eBook)
9783640719488
ISBN (Buch)
9783640719846
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phänomenologie, Wahrnehmung, Eine, Philosophische, Analyse, Autismus, Thema Phänomenologie
Arbeit zitieren
Dimitrios Kalaitzidis (Autor), 2010, Phänomenologie der Wahrnehmung. Eine Philosophische Analyse des Autismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159132

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