In dieser Arbeit soll es um die Erinnerung an das Massaker von Babyn Yar, einer Schlucht unweit der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, gehen. Einem Ort, der ebenfalls in der deutschen Erinnerung keine große Rolle spielte. Der 2021 erschienene Dokumentarfilm Babi Yar. Context, des ukrainischen Filmemachers Sergei Loznitsa behandelt mit Hilfe von Archivaufnahmen die Geschehnisse, die zu dem Massaker führten, bei dem zwischen dem Ende September 1941 schätzungsweise 33.711 Jüdinnen*Juden vom Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C der deutschen Sicherheitspolizei und des SD ermordet wurden. Der Film soll als Quelle und Grundlage dieser Arbeit dienen, in der es um die Frage geht, wie der Filmemacher in seinem Dokumentarfilm Babi Yar. Context die Erinnerung an das Massaker von Babyn Jar rekonstruiert. Welche Narrative stehen dabei im Vordergrund? Darüber hinaus soll diese Arbeit klären, welche Rolle Archivaufnahmen aus NS-, sowjetischen und ukrainischen Quellen in der Konstruktion von Geschichte spielen. Es geht dabei um die Formen der Erinnerung an Babyn Jar und im weiteren Sinne auch um deren Instrumentalisierung in Erinnerungspolitik.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Babyn Jar und Erinnerungskultur
- 2.1 Massaker von Babyn Jar
- 2.2 Der Umgang mit dem Massaker
- 3 Der Film Babi Yar. Context als Erinnerungskonstruktion.
- 3.1 Sergei Loznitsas filmisches Konzept
- 3.2 Montage als narrative Strategie.
- 3.3 Narrative im Film
- 4 Analyse der Wirkung des Films
- 5 Fazit
- 6 Quellenverzeichnis.
- 7 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit dem Massaker von Babyn Jar und dessen Erinnerungskultur, wobei der Fokus auf Sergei Loznitsas Dokumentarfilm "Babi Yar. Context" liegt. Sie untersucht, wie der Filmemacher die Erinnerung an das Massaker rekonstruiert, welche Narrative dabei im Vordergrund stehen und welche Rolle Archivaufnahmen aus NS-, sowjetischen und ukrainischen Quellen bei der Geschichtskonstruktion spielen, sowie die Instrumentalisierung dieser Erinnerung in der Politik.
- Historische Kontextualisierung des Massakers von Babyn Jar.
- Analyse des Dokumentarfilms "Babi Yar. Context" als Erinnerungskonstruktion.
- Sergei Loznitsas filmisches Konzept, inklusive Montage und narrativer Strategien.
- Die Funktion von Archivmaterial aus unterschiedlichen Quellen bei der Geschichtsdarstellung.
- Formen der Erinnerung an Babyn Jar und ihre Instrumentalisierung in der Erinnerungspolitik.
- Die emotionale, kognitive und gesellschaftliche Wirkung des Films auf das Publikum.
Auszug aus dem Buch
2.1 Massaker von Babyn Jar
„Die deutschen Truppen marschierten am 19. September 1941 in Kiew ein". Mit diesem Satz beginnen Ehrenburg und Grossman das erste Kapitel des „Schwarzbuch“. Es handelt von Babyn Jar, dem größten Einzelmassaker des Zweiten Weltkriegs. Die Bedeutung, die Ehrenburg und Grossman dem Massaker dadurch beimessen, ist nicht zu übersehen. Aber schon Monate zuvor, am 22. Juni 1941 begann das sogenannte „Unternehmen Barbarossa“, der Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion. Nachdem die Wehrmacht gerade zu Beginn ihres Feldzuges zügig vorrückte, kam es zwischen August und September 1941 zur Schlacht um Kyjiw. An deren Ende stand der Einmarsch deutscher Truppen in die Hauptstadt der Ukrainischen SSR. Bereits am 22. September ergingen Befehle an Soldaten der Wehrmacht, alle männlichen Juden der Stadt festzunehmen.” Am 27. September begannen die ersten Erschießungen. Dabei wurden neben Angehörigen der sogenannten Einsatzgruppe C, die sich meist aus Angehörigen des „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (SD) zusammensetzte, auch Polizisten der Polizeibataillone 45 und 303 eingesetzt. Ort der Erschießungen war das Gelände von Babyn Jar, einer Schlucht nur wenige Kilometer vom Zentrum Kyjiws entfernt. Aus dem ukrainischen übersetzt (Бабин Яр) heißt der Ort „Altweiberschlucht“. Dort sollen neben Jüdinnen*Juden auch Sinti*zze und Rom*nja, aber auch Kriegsgefangene der Roten Armee, Opfer der Erschießungen geworden sein. Damit verfuhren die deutschen Besatzer nach dem gleichen Muster, das sie bereits auf ihrem Vormarsch andernorts angewendet hatten und in der Folge auch weiterhin anwenden sollten.
Nachdem deutsche Heeresverbände die Front weiter nach vorne verschoben hatten, rückten im Hinterland die Einsatzgruppen nach und versammelten alle jüdischen Bewohner*innen der eroberten Orte. Man trieb die Menschen aus den Ortschaften heraus, stellte sie an Gräben auf und ermordete sie anschließend, meistens durch Erschießungen. Auf diese Art und Weise wurden während der deutschen Besatzung in Polen und der Sowjetunion schätzungsweise 700.000 Jüdinnen*Juden ermordet. In der Literatur wird diese Phase der Shoah auch als „Holocaust by bullets“ beschrieben. Allein in den Orten Kamjanez-Podilsky und Berdytschiw wurden zwischen August und September 1941 jeweils 23.000, respektive 12.000 Menschen ermordet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Stellt den Zweiten Weltkrieg und die Shoah in Osteuropa dar, führt das Massaker von Babyn Jar ein und formuliert die Forschungsfragen zum Dokumentarfilm "Babi Yar. Context" von Sergei Loznitsa.
2 Babyn Jar und Erinnerungskultur: Beschreibt das Massaker von Babyn Jar als größtes Einzelmassaker des Zweiten Weltkriegs und den komplexen Umgang damit in den verschiedenen Erinnerungskulturen, insbesondere in der Sowjetunion und der Ukraine.
3 Der Film Babi Yar. Context als Erinnerungskonstruktion.: Analysiert Sergei Loznitsas Film als ein Mittel zur Erinnerungskonstruktion, beleuchtet sein radikales filmisches Konzept, die Rolle der Montage als narrative Strategie und die unterschiedlichen Narrative, die im Film dekonstruiert werden.
4 Analyse der Wirkung des Films: Untersucht die tiefgehende emotionale, historische, kognitive und gesellschaftliche Wirkung des Films auf das Publikum und seine Rolle bei der Dekonstruktion etablierter historischer Narrative.
5 Fazit: Fasst die Fähigkeit von Filmen zusammen, Realität zu interpretieren, betont die Rolle von Narrativen und die Bedeutung des Films "Babi Yar. Context" für die aktuelle Debatte um Erinnerungskultur und als umkämpftes Geschichtsfeld.
Schlüsselwörter
Babyn Jar, Massaker, Shoah, Zweiter Weltkrieg, Erinnerungskultur, Dokumentarfilm, Sergei Loznitsa, Babi Yar. Context, Archivmaterial, Narrative, Geschichtskonstruktion, Ukraine, Holocaust by bullets, Erinnerungspolitik, Sowjetunion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit untersucht die Darstellung und Rekonstruktion der Erinnerung an das Massaker von Babyn Jar, insbesondere durch den Dokumentarfilm "Babi Yar. Context" von Sergei Loznitsa.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind das Massaker von Babyn Jar, die Shoah in Osteuropa, Erinnerungskultur, die Rolle von Dokumentarfilmen bei der Geschichtskonstruktion und die Analyse der Narrative in Loznitsas Film.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu klären, wie Sergei Loznitsa im Film "Babi Yar. Context" die Erinnerung an das Massaker von Babyn Jar rekonstruiert, welche Narrative dabei im Vordergrund stehen und welche Rolle Archivaufnahmen aus unterschiedlichen Quellen bei der Geschichtskonstruktion und deren Instrumentalisierung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine filmhistorische und geschichtswissenschaftliche Analyse, indem sie den Film "Babi Yar. Context" als Quelle und Grundlage nimmt, um Erinnerungsformen und Narrative zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Ereignisse des Massakers von Babyn Jar, den historischen Umgang mit dem Massaker in der Erinnerungskultur, das filmische Konzept und die narrativen Strategien von Loznitsas Film sowie eine detaillierte Analyse der Wirkung des Films auf das Publikum und die Dekonstruktion historischer Narrative.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Babyn Jar, Massaker, Shoah, Zweiter Weltkrieg, Erinnerungskultur, Dokumentarfilm, Sergei Loznitsa, Babi Yar. Context, Archivmaterial, Narrative, Geschichtskonstruktion, Ukraine, Holocaust by bullets, Erinnerungspolitik, Sowjetunion.
Wie unterscheidet sich Loznitsas filmisches Konzept von klassischen Dokumentarfilmen?
Loznitsas Film verwendet ausschließlich Archivmaterial ohne Interviews, nachgestellte Szenen oder Off-Kommentar. Stattdessen setzt er auf präzise Montage, sorgfältig rekonstruierte Tonspuren und Texttafeln zur Orientierung, wodurch das Publikum zu einer aktiven Auseinandersetzung mit dem historischen Material gezwungen wird.
Welche Rolle spielte die sowjetische Erinnerungspolitik bezüglich Babyn Jar?
Die sowjetische Erinnerungspolitik versuchte, die spezifisch jüdische Opfergruppe systematisch aus der Erinnerung zu drängen und das Massaker als Verbrechen an "sowjetischen Bürgern" darzustellen, um die Verbrechen des Nationalsozialismus als Aggression gegen die gesamte sowjetische Bevölkerung zu inszenieren.
Welche gesellschaftlichen Reaktionen und Kritiken löste der Film in der Ukraine aus?
Der Film erhielt überwiegend positive Kritiken für seine innovative Darstellung, wurde in der Ukraine jedoch auch kritisiert, weil er die Beteiligung der ukrainischen Bevölkerung an den Gewalttaten zeigte und damit mit dem Narrativ eines einseitigen ukrainischen Widerstands brach.
- Citation du texte
- Tyll Röhrig (Auteur), 2025, Babyn Jar im Kontext der Geschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1601966